Skip to main content

Full text of "Ernst Mach als Philosoph, Physiker und Psycholog; eine Monographie"

See other formats


Google 


This  is  a  digital  copy  of  a  book  that  was  prcscrvod  for  gcncrations  on  library  shclvcs  bcforc  it  was  carcfully  scannod  by  Google  as  pari  of  a  projcct 

to  make  the  world's  books  discoverablc  online. 

It  has  survived  long  enough  for  the  Copyright  to  expire  and  the  book  to  enter  the  public  domain.  A  public  domain  book  is  one  that  was  never  subject 

to  Copyright  or  whose  legal  Copyright  term  has  expired.  Whether  a  book  is  in  the  public  domain  may  vary  country  to  country.  Public  domain  books 

are  our  gateways  to  the  past,  representing  a  wealth  of  history,  cultuie  and  knowledge  that's  often  difficult  to  discover. 

Marks,  notations  and  other  maiginalia  present  in  the  original  volume  will  appear  in  this  flle  -  a  reminder  of  this  book's  long  journcy  from  the 

publisher  to  a  library  and  finally  to  you. 

Usage  guidelines 

Google  is  proud  to  partner  with  libraries  to  digitize  public  domain  materials  and  make  them  widely  accessible.  Public  domain  books  belong  to  the 
public  and  we  are  merely  their  custodians.  Nevertheless,  this  work  is  expensive,  so  in  order  to  keep  providing  this  resource,  we  have  taken  Steps  to 
prcvcnt  abuse  by  commercial  parties,  including  placing  lechnical  restrictions  on  automated  querying. 
We  also  ask  that  you: 

+  Make  non-commercial  use  ofthefiles  We  designed  Google  Book  Search  for  use  by  individuals,  and  we  request  that  you  use  these  files  for 
personal,  non-commercial  purposes. 

+  Refrain  fivm  automated  querying  Do  not  send  automated  queries  of  any  sort  to  Google's  System:  If  you  are  conducting  research  on  machinc 
translation,  optical  character  recognition  or  other  areas  where  access  to  a  laige  amount  of  text  is  helpful,  please  contact  us.  We  encouragc  the 
use  of  public  domain  materials  for  these  purposes  and  may  be  able  to  help. 

+  Maintain  attributionTht  GoogXt  "watermark"  you  see  on  each  flle  is essential  for  informingpcoplcabout  this  projcct  and  hclping  them  lind 
additional  materials  through  Google  Book  Search.  Please  do  not  remove  it. 

+  Keep  it  legal  Whatever  your  use,  remember  that  you  are  lesponsible  for  ensuring  that  what  you  are  doing  is  legal.  Do  not  assume  that  just 
because  we  believe  a  book  is  in  the  public  domain  for  users  in  the  United  States,  that  the  work  is  also  in  the  public  domain  for  users  in  other 
countries.  Whether  a  book  is  still  in  Copyright  varies  from  country  to  country,  and  we  can'l  offer  guidance  on  whether  any  speciflc  use  of 
any  speciflc  book  is  allowed.  Please  do  not  assume  that  a  book's  appearance  in  Google  Book  Search  mcans  it  can  bc  used  in  any  manner 
anywhere  in  the  world.  Copyright  infringement  liabili^  can  be  quite  severe. 

Äbout  Google  Book  Search 

Google's  mission  is  to  organizc  the  world's  Information  and  to  make  it  univcrsally  accessible  and  uscful.   Google  Book  Search  hclps  rcadcrs 
discover  the  world's  books  while  hclping  authors  and  publishers  rcach  ncw  audicnccs.  You  can  search  through  the  füll  icxi  of  ihis  book  on  the  web 

at|http: //books.  google  .com/l 


Google 


IJber  dieses  Buch 

Dies  ist  ein  digitales  Exemplar  eines  Buches,  das  seit  Generationen  in  den  Realen  der  Bibliotheken  aufbewahrt  wurde,  bevor  es  von  Google  im 
Rahmen  eines  Projekts,  mit  dem  die  Bücher  dieser  Welt  online  verfugbar  gemacht  werden  sollen,  sorgfältig  gescannt  wurde. 
Das  Buch  hat  das  Uiheberrecht  überdauert  und  kann  nun  öffentlich  zugänglich  gemacht  werden.  Ein  öffentlich  zugängliches  Buch  ist  ein  Buch, 
das  niemals  Urheberrechten  unterlag  oder  bei  dem  die  Schutzfrist  des  Urheberrechts  abgelaufen  ist.  Ob  ein  Buch  öffentlich  zugänglich  ist,  kann 
von  Land  zu  Land  unterschiedlich  sein.  Öffentlich  zugängliche  Bücher  sind  unser  Tor  zur  Vergangenheit  und  stellen  ein  geschichtliches,  kulturelles 
und  wissenschaftliches  Vermögen  dar,  das  häufig  nur  schwierig  zu  entdecken  ist. 

Gebrauchsspuren,  Anmerkungen  und  andere  Randbemerkungen,  die  im  Originalband  enthalten  sind,  finden  sich  auch  in  dieser  Datei  -  eine  Erin- 
nerung an  die  lange  Reise,  die  das  Buch  vom  Verleger  zu  einer  Bibliothek  und  weiter  zu  Ihnen  hinter  sich  gebracht  hat. 

Nu  tzungsrichtlinien 

Google  ist  stolz,  mit  Bibliotheken  in  Partnerschaft  lieber  Zusammenarbeit  öffentlich  zugängliches  Material  zu  digitalisieren  und  einer  breiten  Masse 
zugänglich  zu  machen.     Öffentlich  zugängliche  Bücher  gehören  der  Öffentlichkeit,  und  wir  sind  nur  ihre  Hüter.     Nie htsdesto trotz  ist  diese 
Arbeit  kostspielig.  Um  diese  Ressource  weiterhin  zur  Verfügung  stellen  zu  können,  haben  wir  Schritte  unternommen,  um  den  Missbrauch  durch 
kommerzielle  Parteien  zu  veihindem.  Dazu  gehören  technische  Einschränkungen  für  automatisierte  Abfragen. 
Wir  bitten  Sie  um  Einhaltung  folgender  Richtlinien: 

+  Nutzung  der  Dateien  zu  nichtkommerziellen  Zwecken  Wir  haben  Google  Buchsuche  Tür  Endanwender  konzipiert  und  möchten,  dass  Sie  diese 
Dateien  nur  für  persönliche,  nichtkommerzielle  Zwecke  verwenden. 

+  Keine  automatisierten  Abfragen  Senden  Sie  keine  automatisierten  Abfragen  irgendwelcher  Art  an  das  Google-System.  Wenn  Sie  Recherchen 
über  maschinelle  Übersetzung,  optische  Zeichenerkennung  oder  andere  Bereiche  durchführen,  in  denen  der  Zugang  zu  Text  in  großen  Mengen 
nützlich  ist,  wenden  Sie  sich  bitte  an  uns.  Wir  fördern  die  Nutzung  des  öffentlich  zugänglichen  Materials  fürdieseZwecke  und  können  Ihnen 
unter  Umständen  helfen. 

+  Beibehaltung  von  Google-MarkenelementenDas  "Wasserzeichen"  von  Google,  das  Sie  in  jeder  Datei  finden,  ist  wichtig  zur  Information  über 
dieses  Projekt  und  hilft  den  Anwendern  weiteres  Material  über  Google  Buchsuche  zu  finden.  Bitte  entfernen  Sie  das  Wasserzeichen  nicht. 

+  Bewegen  Sie  sich  innerhalb  der  Legalität  Unabhängig  von  Ihrem  Verwendungszweck  müssen  Sie  sich  Ihrer  Verantwortung  bewusst  sein, 
sicherzustellen,  dass  Ihre  Nutzung  legal  ist.  Gehen  Sie  nicht  davon  aus,  dass  ein  Buch,  das  nach  unserem  Dafürhalten  für  Nutzer  in  den  USA 
öffentlich  zugänglich  ist,  auch  für  Nutzer  in  anderen  Ländern  öffentlich  zugänglich  ist.  Ob  ein  Buch  noch  dem  Urheberrecht  unterliegt,  ist 
von  Land  zu  Land  verschieden.  Wir  können  keine  Beratung  leisten,  ob  eine  bestimmte  Nutzung  eines  bestimmten  Buches  gesetzlich  zulässig 
ist.  Gehen  Sie  nicht  davon  aus,  dass  das  Erscheinen  eines  Buchs  in  Google  Buchsuche  bedeutet,  dass  es  in  jeder  Form  und  überall  auf  der 
Welt  verwendet  werden  kann.  Eine  Urheberrechtsverletzung  kann  schwerwiegende  Folgen  haben. 

Über  Google  Buchsuche 

Das  Ziel  von  Google  besteht  darin,  die  weltweiten  Informationen  zu  organisieren  und  allgemein  nutzbar  und  zugänglich  zu  machen.  Google 
Buchsuche  hilft  Lesern  dabei,  die  Bücher  dieser  Welt  zu  entdecken,  und  unterstützt  Autoren  und  Verleger  dabei,  neue  Zielgruppcn  zu  erreichen. 
Den  gesamten  Buchtext  können  Sie  im  Internet  unter|http:  //books  .  google  .coiril  durchsuchen. 


r 


The  Library 


1 


of  thc 


Univcrsity  of  Wisconsin 


L 


=J 


A 


/o^  li^ 


^Si^*yy^  e^e*^'^"^ 


ERNST  MACH 

ALS  PHILOSOPH,  PHYSIKER 
UND  PSYCHOLOG 


EINE  MONOGRAPHIE 

VON 

DR.  HANS  HENNING 


MIT  EINEM  BILDNIS 


LEIPZIG  1915 
VERLAG  VON  JOHANN  AMBROSIUS  BARTH 


Copyright  by  Johann  Ambrosius  Barth,  Leipzig  1915 

Alle  Rechte  vorbehalten 


Druck  von  Grinme  &  TrOmel  In  Leipzig 


's 


\ 


■  v 


K 


\ 


A  71o9Do 


1 

1 


j 


Ernst  Mach 

dankbar  gewidmet 
vom  Verfasser 


Vorwort. 

Zum  ersten  Male  wird  hier  eine  gesamte  Darstellung  der 
MACHschen  Arbeiten  gegeben,  für  die  ich  fast  das  „Nonum  pre- 
matur  in  annum^'  in  Anspruch  nehmen  darf. 

Der  Einteilung  in  Philosophie,  Physik  und  Psychologie  ent- 
sprechend wendet  sich  dieses  Buch  an  weitere  Kreise,  nicht  bloß 
an  Philosophen.  Sowohl  der  Physiker  als  auch  der  Psycholog 
dürften  einigen  Nutzen  daraus  ziehen,  daß  endlich  Machs  Ar- 
beiten zusammengestellt  sind;  ja  diese  Zusammenfassung  ist 
direkt  ein  Bedürfnis,  denn  ich  mußte  bereits  mehrere  Male  bei 
der  Besprechung  neuer  Experimentaluntersuchungen  darauf  hin- 
weisen, daß  Mach  diese  Ergebnisse  schon  50  Jahre  früher  ge- 
funden hatte. 

Ernst  Mach  ließ  den  SpezialWissenschaften  so  fruchtbare 
Anregungen  und  Förderungen  zuteil  werden,  daß  die  Monographie 
dieses  Klassikers  der  Naturwissenschaften  keine  besondere  Be- 
gründung braucht.  Eine  solche  historische  und  systematische 
Schilderung  des  Gesamtwerkes  findet  ihren  Wert  in  sich  selbst; 
sie  dient  dem  Freund  wie  dem  Gegner. 

Nun  ein  Wort  zu  Machs  Philosophie.  Hätte  er  ein  Schlag- 
wort erfunden,  mit  dem  das  Wesentliche  seiner  Erkenntnislehre 
getroffen  wird,  so  hätte  er  sich  die  maßlose  Verkennung  seitens 
der  Kantianer  ersparen  können,  die  ihn  als  Positivisten,  Sensua- 
listen,  als  Anhänger  Heraklits  usf.  auffaßten. 

Am  ehesten  könnte  Machs  Lehre  —  wenn  schon  ein  Fremd- 
wort nötig  ist  —  als  Funktionalismus  bezeichnet  werden.  Die 
Welt  wird  analysiert  in  Elemente,  das  heißt  eben  Wissenschaft. 
Man  darf  hinterher  nicht  verlangen.  Mach  solle  die  Welt  mit 
seinen  Elementen  wieder  aufbauen.  Das  gleicht  dem  Verhalten 
jenes  Bauern,  der  sich  erst  die  Funktionen  einer  Maschine  er- 


VI  Vorwort. 

klären  ließ,  und  der  dann  fragte,  wo  das  Pferd  sei,  das  die 
Maschine  treibe.  Mit  Begriffen  kann  niemand  die  Welt  aufbauen, 
auch  Kant  nicht.  Zur  Wiederherstellung  der  zerstörten  Städte 
Siziliens  gehören  andere  Bausteine,  als  sie  die  Philosophie  auf- 
weist. Dieser  landläufige  Einwand  gegen  Mach  zeigt  also  eine 
geringe  logische  Reife. 

Die  Welt  wird  zum  Zwecke  wissenschaftlicher  Erkenntnis 
analysiert.  Einerseits  stehen  die  Körper  der  Außenwelt  in  funk- 
tionaler Beziehung  zueinander;  davon  handelt  die  Physik  und 
die  Naturwissenschaft.  Die  Beziehungen  derselben  Körper  zu 
meinem  Leib  betreffen  die  Physiologie,  zu  meinen  seelischen 
Erscheinungen  aber  die  Psychologie.  Damit  ist  eine  einheitliche 
funktionale  Auffassung  gesichert;  man  braucht  nicht  mehr  die 
Anschauungen  zu  wechseln,  wenn  man  von  der  Physik  zur 
Physiologie  oder  zur  Psychologie  übergeht.  Das  ist  Machs 
funktionale  Erkenntnislehre. 

Wenn  Mach  diese  letzteren  funktionalen  Elemente,  nämlich 
die  Beziehungen  der  Körper  der  Außenwelt  zu  den  seelischen  Er- 
scheinungen auch  „Empfindungen"  nennt,  um  dem  Sprachgebrauche 
des  einfachen  Menschen  entgegen  zu  kommen,  so  darf  man  doch 
nicht  wie  alle  Kantianer  diese  Empfindung  als  philosophische  Funk- 
tion verwechseln  mit  dem  Empfindungsbegriff,  wie  er  im  Spezial- 
betriebe  der  experimentellen  Psychologie  üblich  ist.  Mach  schickt 
das  in  jedem  Buche  ausdrücklich  voraus.  Da  alle  Kantianer  mit 
ihrem  Verständnis  an  dieser  Terminologie  strandeten,  möchte  ich 
für  die  Ausmerzung  dieses  doppelten  Empfindungsbegriffes  in 
philosophischen  Fragen  votieren.  Dann  wird  auch  der  Kantianer 
sehen,  daß  Mach  niemals  ein  Sensualist  ist,  sondern  daß  es  ihm 
auf  die  funktionale  Abhängigkeit  ankommt,  daß  diese  das  Wesent- 
liche ist. 

Die  zahllosen  Dissertationen  kantianischer  Richtung  über 
Machs  „Erkenntnistheorie"  sind  also  gänzlich  wertlos.  Als  die 
erste  Dissertation  über  Machs  „Erkenntnistheorie"  erschienen 
war,  schrieb  Mach,  daß  er  überhaupt  gar  keine  Erkenntnis- 
theorie vertrete;  er  fühle  sich  deshalb  nicht  getroffen,  wenn  man 
einige  Zitate  aus  seinen  Werken  umdichte,  und  dieses  selbst  ge- 
schaffene Schreckgespenst  hinterher  widerlege.  Die  Diskussion 
ist  demnach  von  ganz  anderen  Gesichtspunkten  aus  zu  führen. 


Vorwort.  VII 

Den  Mißverständnissen  der  Kantianer  bin  ich  schon  an  anderem 
Orte  begegnet  ^),  so  daß  die  Polemik  hier  zurücktreten  darf.  Ich 
denke,  daß  die  Schrift  dadurch  an  Wert  gewinnt.  Möge  sie 
Machs  Gegnern  die  wahre  Lehre  vermitteln,  seinen  Anhängern 
aber  eine  erwünschte  Zusammenstellung  seinl 

Da  Machs  Weltanschauung  aus  seinen  philosophischen, 
physikalischen,  physiologischen  und  psychologischen  Spezial- 
arbeiten  hervorwuchs,  ist  es  wohl  nicht  unbillig,  daß  man  bei 
der  philosophischen  Wertung  und  Beurteilung  auch  von  diesen 
Quellen  Notiz  nimmt. 

Frankfurt  a.  M.,  im  Juni  1914. 

H.  H. 


^)  Hans  Henning,  Irrgarten  der  Erkenntnistheorie.  Bongard,  Straß- 
burg 1912.  —  Kants  NachlaBwerk.  Ebenda.  —  Goethe  und  die  Fachphilo- 
sophie.  Ebenda. 


IX 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

Vorwort V 

Ernst  MACH-Bibliographle XI 

Ernst  Mach 1 

Philosophischer  Teil 9 

1.  Der  Ausgangspunkt 13 

2.  Die  Elementenlehre 16 

3.  Das  Ich 23 

4.  Die  Substanz 29 

5.  Schein  und  Wirklichkeit 32 

6.  Das  Kontinuum 36 

7.  Das  Werden 38 

8.  Kausalität  oder  Funktionalbeziehung? 40 

9.  Der  Raum 49 

10.  Die  Zeit 55 

Die  Reform  der  Physik 57 

1.  Die  Spezialuntersuchungen 57 

2.  Die  histonsche  Kritik 62 

3.  Die  Kritik  der  physikalischen  Grundbegriffe 64 

4.  Die  Atomhypothese 78 

5.  Phänomenologische  Physik  kontra  mechanische  Physik   ....  86 
Psychologischer  Teil 88 

1.  Die  Spezialarbeiten 88 

a)  Tonempfindungen 89 

b)  Bewegungsempfindungen 99 

c)  Farbenempfindungen 103 

d)  Raumempfindungen 103 

e)  Zeitempfindung 110 

2.  Machs  genetische  Psychologie 112 

Mach  und  die  Biologie 128 

Machs  Methodenlehre 131 

1.  Das  Prinzip  der  Ökonomie 131 

2.  Die  Anpassung 136 

3.  Die  Methode  der  Variation 138 

4.  Das  Prinzip  der  Vergleichung 140 


X  Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

5.  Die  Hypothese 141 

6.  Das  Problem      141 

7.  Sinn  und  Wert  der  Naturgesetze 143 

8.  Wahrheit  und  Fruchtbarkeit 144 

9.  Schluß 149 

Machs  Vorläufer 152 

1.  Blaise  Pascal 152 

2.  Georg  Christoph  Lichtenberg 153 

3.  Michael  Farad ay 157 

4.  James  Clerk  Maxwell 160 

5.  Johannes  Müller 163 

6.  Goethe 166 

7.  Friedrich  Nietzsches  Erkenntnislehre 174 

Machs  Kritiker 177 


XI 


Ernst  MACH-Bibliographie. 

1859. 

1.  Ober  elektrische  Entladung  und  Induktion.  (Mit  Blaserna  und  Peterin.) 
Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1859. 

1860. 

2.  Ober  Änderung  des  Tones  und  der  Farbe  durch  Bewegung.  Sitzber. 
d.  Wien.  Akad.,  1860,  Bd.  41,  Nr.  17. 

1861. 

3.  Ober  die  Kontroverse  zwischen  Doppler  und  Petzval  bezüglich  der 
Änderung  des  Tones  und  der  Farbe  durch  Bewegung.  Schlömilchs 
Zeitschr.  f.  Math,  und  Phps.,  1861,  Heft  2. 

4.  Ober  die  Änderung  des  Tones  und  der  Farbe  durch  Bewegung.  Pogg. 
Ann.,  Bd.  112. 

5.  Ober  das  Sehen  von  Lagen  und  Winkeln.  Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1861, 
Bd.  43. 

6.  Vorlesungen  über  Pspchophpsik.  Österreich.  Zeitschr.  für  prakt.  Heil- 
kunde, Jahrg.  9,  Heft  8—20. 

1862. 

7.  Ober  die  Änderung  von  Ton  und  Farbe  durch  die  Bewegung.  Pogg. 
Ann.,  Bd.  1 16. 

8.  Theorie  der  Pulswellenzeichner.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1862. 

1863. 

9.  Kompendium  der  Phpsik  für  Mediziner.    Wien  1863. 

10.  Zur  Theorie  des  Gehörorgans.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1863,  Bd.  48. 

11.  Ober  Spektren.    Schlömilchs  Zeitschr.  f.  Math,  und  Phps.,  1863. 

12.  Ober  die  Gesetze  des  Mitschwingens.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1863. 

1864. 

13.  Ober  Spektren.    Schlömilchs  Zeitschr.  f.  Math,  und  Phps.,  1864. 

14.  Ober  einige  der  physiologischen  Akustik  angehörenden  Erscheinungen. 
Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1864. 

15.  Bemerkungen  zur  Lehre  vom  räumlichen  Sehen.  Fichtes  Zeitschr.  f. 
Philos.,  1864,  Bd.  46. 


XII  Ernst  Mach  —  Bibliographie. 

1865. 

16.  Ober  den  Zeitsinn  des  Ohres.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1865,  Bd.  51. 

17.  Bemerkungen  über  die  Akkommodation  des  Ohre^.    Sitzber.  d.  Wien. 
Akad.,  1865. 

18.  Ober  die  Wirkung  der  rftumlichen  Verteilung  des  Lichtreizes  auf  die 
Netzhaut    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1865,  Bd.  52. 

19.  Ober  intermittierende  Lichtreize.     Archiv   von   Reichert   und  Dubois, 
1865. 

20.  Zwei  populäre  Abhandlungen  über  Optik.    Graz  1865. 

21.  Raum  und  Zeit.    Fichtes  Zeitschr.  f.  Philos.,  1865,  Bd.  46. 

22.  Über  Flüssigkeiten,  welche  suspendierte  Körperchen  enthalten.    Pogg. 
Ann.,  Bd.  126. 

23.  Zwei  populäre  Vorlesungen  über  musikalische  Akustik.     Graz    1865. 

24.  Über  den  Raumsinn  des  Ohres.    Pogg.  Ann.,  1865. 

1866. 

25.  Ober  die  Entwicklung  der  Raumvorstellung.  Fichtes  Zeitschr.  f.  Philos., 
1866. 

26.  Einleitung  in  die  HELMHOLTzsche  Musiktheorie.    Graz  1866. 

27.  Ober  die  wissenschaftliche  Anwendung  der  Photographie  und  Spektro- 
skopie.   Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1866. 

28.  Vorrichtung  zur  mechanisch-graphischen  Darstellung  der  Schwingungs- 
kurven.   Pogg.  Ann.,  1866. 

29.  Über  die  physiologische  Wirkung  räumlich  verteilter  Lichtreize.   Sitzber. 
d.  Wien.  Akad.,  1866,  Bd.  54. 

1867. 

30.  Ober  die  physiologische  Wirkung  räumlich  verteilter  Lichtreize.    Dritte 
Abhandlung.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.  1867. 

31.  Ober  die  Definition  der  Masse.   Carls  Repertorium,  Bd.  4.    (Abdruck  in 
Nr.  47.) 

32.  Eine  Longitudinal Wellenmaschine.    Pogg.  Ann.,  1867. 

1868. 

33.  Ober  die  physiologische  Wirkung  räumlich  verteilter  Lichtreize.    Vierte 
Abhandlung.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.  1868. 

34.  Über  die  Abhängigkeit  der  Netzhautstellen  voneinander.    Vierteljahres- 
schrift  für  Psychiatric.    Leipzig-Neuwied  1868. 

35.  Beobachtungen  über  monokulare  Stereoskopie.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad., 
1868,  Bd.  58. 

36.  Einfache  Demonstration  des  HuYCENsschen  Prinzips.    Pogg.  Ann.,  1868. 

37.  Einfache  Demonstration  des  HuYCENsschen  Prinzips.    Sitzber.  d.  Wien. 
Akad.,  1868,  Bd.  57. 

38.  Einfache  Demonstration  der  Schwingungsgesetze   gestrichener  Saiten. 
Pogg.  Ann.,  1868. 


Ernst  Mach  —  Bibliographie.  XIII 

1870. 

39.  Mitteilung  über  einen  Apparat  zur  Schallwellenbewegung.    Wien.  Akad. 
Anz.,  1870,  Nr.  1. 

40.  Ober  die  Beobachtungen  von  Schwingungen.    Wien.  Akad.  Anz.,  Nr.  6. 
(39  und  40  auch  abgedruckt  in  Nr.  56.) 

1871. 

41.  Ober  den  zweiten  Hauptsatz.   Lotos,  Jahrbuch  f.  Naturwiss.    Prag  1871, 
Februamummer  (abgedruckt  in  Nr.  47). 

42.  Naturforscher-  und  Ärzteversammlung  in  Rostock,  1871.   Tageblatt  Nr.  4. 

1872. 

43.  Mach-Kessel:  Ober  die  Akkommodation  des  Ohres.    Sitzber.  d.  Wien. 
Akad.,  1872,  Bd.  66. 

44.  Mach-Kessel:  Die  Funktion  der  Trommelhöhle.   Sitzber.  d.  Wien.  Akad., 

1872,  Bd.  66. 

45.  Bemerkungen  über  die  Funktion  der  Ohrmuschel.    Tröltschs  Arch.  f. 
Ohrenheilk.,  Neue  Folge,  Bd.  3. 

46.  Die  Gestalten  der  Flüssigkeit.   Die  Symmetrie.    1868  und  1871.    Calve, 
Prag  1872  (abgedruckt  in  Nr.  120). 

47.  Die  Geschichte  und  die  Wurzel  des  Satzes  von  der  Erhaltung  der  Ar- 
beit.   Calve,  Prag  1872  (vgl.  Nr.  137). 

48.  Zur  Theorie  des  Gehörorgans.    Prag  1872  (Neudruck  von  Nr.  10),  jetzt 
Barth,  Leipzig. 

49.  Temporäre  Doppelbrechung  der  Körper  durch  einseitigen  Druck.  Pogg. 
Ann.,  1872. 

50.  Spektrale  Untersuchung  eines  longitudinal  tönenden  Glasstabes.    Pogg. 
Ann.,  1872. 

1873. 

51.  Phpsikalische  Versuche   über  den  Gleichgewichtssinn   des  Menschen. 
Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1873,  Bd.  68. 

52.  Die  Funktion  der  Trommelhöhle  und  der  Tuba  Eustachii.    Sitzber.  d. 
Wien.  Akad.,  1873. 

53.  Versuche  über  die  Akkommodation  des  Ohres.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad., 
1873. 

54.  Mach-Fischer:  Die  Reflexion  und  Brechung  des  Schalles.    Pogg.  Ann., 
Bd.  149. 

55.  Mach-Fischer:  Die  Reflexion  und  Brechung  des  Schalles.    Sitzber.  d. 
Wien.  Akad.,  1873. 

56.  Optisch-akustische  Versuche.    Die  spektrale  und  stroboskopische  Unter- 
suchung tönender  Körper.    Calve,  Prag  1873,  jetzt  Barth,  Leipzig. 

57.  Nachbilder  von  Reizänderungen.    Lotos,  Jahrbuch  f.  Naturwiss.,  Prag 

1873,  Augustnummer. 

58.  Beiträge  zur  DopPLERschen  Theorie  der  Ton-  und  Farbenänderung  durch 
Bewegung.    Calve,  Prag  1873,  jetzt  Barth,  Leipzig. 


XIV  Ernst  Mach  —  Bibliographie. 

59.  Ober  die  stroboskopische  Bestimmung  der  Tonhöhe.    Sitzber.  d.  Wien. 
Akad.,  1873. 

60.  Ober  die  STEPANSchen  Nebenringe  am  NewTONschen  Farbenglas.    Sitz- 
ber. d.  Wien.  Akad.,  1873. 

61.  Lotos,  Jahrbuch  f.  Naturwiss.,  1873,  Novembemummer. 

62.  Gleichberechtigung  des  Arbeits-  und  Kraftbegriffes.    Sitzber.  d.  Wien. 
Akad.,  Dezember  1873. 

1874. 

63.  Zur  Geschichte  des  Arbeitsbegriffes.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1874. 

64.  Versuche  über  den  Gleichgewichtssinn.   2.  Mitteilung.   Sitzber.  d.  Wien. 
Akad.,  1874,  Bd.  69. 

65.  Phpsikalische  Versuche   über   den   Gleichgewichtssinn.     3.  Mitteilung. 
Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1874,  Bd.  69. 

66.  Mach-J.  Kessel:  Beitrftge  zur  Topographie  und  Mechanik  des  Mittelohres. 
Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1874,  Bd.  69. 

1875. 

67.  Zusammenstellung  der  für  den  Onologen  wichtigsten  Pilzformen.    Ann. 
d.  önolog.,  1875. 

68.  Mitteilung  der  landwirtschaftlichen  Landesanstalt  in  St.  Michel.    Ann.  d. 
önolog.,  1875.    1.  Abhandlung. 

69.  Mach-Merten:  Bemerkungen  über  die  Änderungen  der  Lichtgeschwindig- 
keiten im  Quarze  durch  Druck.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1875. 

70.  Mach-Rosicky:  Ober  eine  neue  Form  der  FRESNEL-ARAGOschen  Inter- 
ferenzversuche mit  polarisiertem  Licht.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1875. 

71.  Mach-Wosyha:  Ober  einige  mechanische  Wirkungen  des  elektrischen 
Funkens.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1875. 

72.  Grundlinien  der  Lehre  von  den  Bewegungsempfindungen.    Engelmann, 
Leipzig  1875. 

1876. 

73.  Der  Zpklostat.    Anz.  d.  Wien.  Akad.,  1876. 

74.  Mitteilungen  der  landwirtschaftlichen  Landesanstalt  in  St.  Michel.  2.  Ab- 
handlung.   Ann.  d.  Onol.  1876. 

1877. 

75.  Mach-Sommer:  Ober  die  Fortpflanzungsgeschwindigkeit  von  Explosions- 
schallwellen.   Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1877. 

1878. 

76.  Mach-Tumlirz-Kögler:  Ober  die  Fortpflanzungsgeschwindigkeit  der  Fun- 
kenwellen.   Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1878. 

77.  Mach-Weltrubsky:  Ober  die  Formen  der  Funkenwellen.    Sitzber.  d. 
Wien.  Akad.,  1878. 

78.  Ober  den  Verlauf  der  Funkenwellen  in  der  Ebene  und  im  Räume.    Sitz- 
ber. d.  Wien.  Akad.,  1878. 


Ernst  Mach  —  Bibliographie.  XV 

79.  Neue  Versuche  zur  Prüfung  der  DoppLERschen  Theorie  der  Ton-  und 
Farbenänderung  durch  Bewegung.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1878. 

80.  Mach-Gruss:  Optische  Untersuchungen  der  Funkenwellen.  Sitzber.  d. 
Wien.  Akad.,  1878. 

1879. 

81.  Mach-Doubrava:  Beobachtungen  über  die  Unterschiede  der  beiden 
elektrischen  Zustände.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1879. 

82.  Mach-Simonides:  Weitere  Untersuchungen  der  Funkenwellen.  Sitzber. 
d.  Wien.  Akad.,  1879. 

1882. 

83.  Ober  Herrn  A.  Gu^bhards  Darstellung  der  Äquipotentialkurven.  Wiede- 
manns  Ann.,  1882,  Bd.  17. 

84.  Ober  Herrn  A.  Gu^bhards  Darstellung  der  Äquipotentialkurven.  Wien. 
Akad.,  1882,  Bd.  86. 

85.  Die  ökonomische  Natur  der  phpsikalischen  Forschung.  Alman.  d.  Wien. 
Akad.,  1882,  und  in  Nr.  120,  XIll. 

1883. 

86.  Ober  den  phpsikalischen  Unterricht  in  der  Mittelschule.  Vorlesungen. 
(Blieb  mir  unzugänglich,  ebenso  wie  Nr.  86  a.) 

86  a.  Rede  in  der  Versammlung  der  deutschen  Realschulmänner.  Dortmund, 
16.  April  1886  und  Preßartikel  pädagogischen  Inhalts.  (Die  Zeit,  Wien, 
Februar  1902). 

87.  Die  Mechanik  in  ihrer  Entwicklung  historisch  kritisch  dargestellt.  Brock- 
haus, Leipzig  1883.    5.  Auflage  1904. 

88.  Über  Umbildung  und  Anpassung  im  naturwissenschaftlichen  Denken. 
Rektoratsrede.    Wien  1883  und  Nr.  120,  XIV. 

89.  Versuche  und  Bemerkungen  über  das  Blitzableiterspstem  des  Herrn 
Melsens.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1883. 

1884. 

90.  Über  die  Grundbegriffe  der  Elektrostatik.  Lotos,  Jahrbuch  f.  Naturwiss., 
Prag  1884. 

1885. 

91.  Die  Anal^^e  der  Empfindungen  und  das  Verhältnis  vom  Phpsischen  zum 
Psychischen.  G.  Fischer,  Jena  1885.  5.  Auflage  1906.  (1.  Auflage  unter 
dem  Titel:  Beiträge  zur  .  .  .) 

1886. 

92.  Zur  Analyse  der  Tonempfindungen.  Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  Dezember 
1885. 

1887. 

93.  Ober  den  Unterricht  in  der  Wärmelehre.  Zeitschr.  f.  phys.  und  ehem. 
Unterricht.    Berlin  1887,  I. 


XVI  Ernst  Mach  —  Bibliographie. 

94.  Mach-Salcher:  Photographische  Fixierung  der  durch  Projektile  in  der 
Luft  eingeleiteten  Vorgänge.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1887,  Bd.  d5. 

d5.  Mach-Odströil:  Grundriß  der  Naturlehre  für  die  unteren  Klassen. 
Tempskp,  Prag  1887.    (Ausgabe  für  Gpmnasien  usw.) 

1888. 

96.  Bemerkungen  über  die  wissenschaftliche  Anwendung  der  Photographie. 
Eders  Jahrbuch  f.  Photogr.,  1888. 

97.  Bemerkungen  über  die  wissenschaftliche  Anwendung  der  Photographie. 
The  Monist.    Abdruck  in  120,  X. 

98.  Zeitschr.  f.  phys.  und  ehem.  Unterricht,  1888,  Heft  1. 

99.  Ober  Fortpflanzungsgeschwindigkeit  des  durch  scharfe  Schüsse  erreg- 
ten Schalles.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.    1.  Abhandlung. 

1889. 

100.  Ober  Fortpflanzungsgeschwindigkeit  des  durch  scharfe  Schüsse  erreg- 
ten Schalles.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.  1889. 

101.  Mach-Salcher:  Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1889,  Bd.  97. 

102.  Mach-Salcher:  Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1889,  Bd.  98. 

103.  Mach-Salcher:  Ober  die  in  Pola  und  Meppen  angestellten  ballistisch- 
photographischen  Versuche.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1889. 

1890. 

104.  Mach-Jaumann:  Lehrbuch  der  Physik  für  Obergymnasien.    Prag  1890. 

105.  Mach-Harbordt-Fischer:  Lehrbuch  der  Physik  für  Gymnasien.  Bd.  1, 
Unterstufe;  Bd.  2,  Oberstufe.    Prag  und  Leipzig  1890. 

106.  Mach-Ludwig  Mach:  Ober  die  Interferenz  von  Schallwellen  von  großer 
Exkursion.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1890. 

107.  Mach-Ludwig  Mach:  Ober  longitudinale  fortschreitende  Wellen  im 
Glase.    Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1890. 

108.  Mach-Ludwig  Mach:  Weitere  ballistisch -photographische  Versuche. 
Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1890. 

109.  Mach-Salcher:  Wiedemanns  Ann.,  1890,  Bd.  42. 

110.  Analysis  of  the  sensations  antimetaphysical. 

I89I, 

111.  Leitfaden  der  Physik.    Prag  1891.    2.  Auflage. 

112.  Mach-Jaumann:  Leitfaden  der  Physik  für  Studierende.    Leipzig  1891. 

1892. 

113.  Geschichte  der  Akustik.  MitteiL  d.  deutschen  math.  Ges.  zu  Prag,  1892 
und  Nr.  120,  IV 

114.  Geschichte  und  Kritik  des  CARNOTschen  Wärmegesetzes.  Sitzber.  d. 
Wien.  Akad.,  1892. 

1 15.  Ober  die  Ökonomie.    The  Monist,  1892. 

1 16.  Ergänzungen  der  Mitteilungen  über  Projektile.  Sitzber.  d. Wien.  Akad.,  1892. 


Ernst  Mach  —  Bibliographie.  XVII 

1894. 

1 17.  Das  Prinzip  der  Vergleichung  in  der  Physilc.  Naturforscher-  und  Ärzte- 
versammlung 1894,  und  Nr.  120,  XV. 

1895. 

118.  Ober  das  Prinzip  der  Erhaltung  der  Energie.  The  Monist,  Bd.  5,  und 
in  Nr.  120,  XII. 

119.  Zur  Analyse  der  Tonempfindungen.  Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1895, 
Bd.  92. 

1896. 

120.  Populärwissenschaftliche  Vorlesungen.  Barth,  Leipzig  1896.  3.  ver- 
mehrte Auflage  1903. 

121.  Die  Prinzipien  der  Wärmelehre  historisch-kritisch  entwickelt  Barth, 
Leipzig  1896.    2.  vermehrte  Auflage  1900. 

122.  On  the  stereoscopic  application  of  Roentgen  rays.    The  Monist,  1896. 

123.  Deutsch:  Wiener  elektrotechnische  Zeitschrift,  1896. 

124.  Mach-Salcher:  Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1896,  Bd.  105. 

1897. 

125.  Über  Gedankenexperimente.  Poskes  Zeitschr.  f.  phys.  und  ehem.  Unter- 
richt, 1897,  Pebruarheft. 

1898. 

126.  Bemerkungen  Ober  die  historische  Entwicklung  der  Optik.  Poskes 
Zeitschr.  f.  phps.  und  ehem.  Unterricht,  1898,  Bd.  11. 

127.  Sitzber.  d.  Wien.  Akad.,  1898,  Bd.  106. 

1901. 

128.  The  Monist,  Bd.  11.  (Raum.) 

1902. 

129.  Ähnlichkeit  und  Analogie  als  Leitmotive  der  Forschung.  Ostwalds 
Ann.  d.  Naturphilos.,  1898,  Bd.  1. 

130.  The  Monist.   Juli.    (Raum.) 

1903. 

131.  The  Monist,  Bd.  14.   (Raum.) 

1904. 

132.  Festschrift,  Ludwig  Boltzmann  gewidmet  (von  117  Autoren).  Barth, 
Leipzig.  Darin  als  54.  Abhandlung:  Objektive  Darstellung  der  Inter- 
ferenz des  polarisierten  Lichtes. 

1905. 

133.  Erkenntnis  und  Irrtum.  Skizzen  zur  Psychologie  der  Forschung.  Barth, 
Leipzig  1905.    2.  Auflage  1908.    Wir  zitieren  nach  der  1.  Auflage. 

134.  Mitarbeiterschaft  an,  Julius  Wiesner,  Jan  Ingen  Housz,  1905. 

Henning,  Ernst  Mach.  II 


XVIII  Ernst  Mach  —  Bibliographie. 

1906. 

135.  Leben  und  Erkennen.    Die  neue  Gesellschaft,  Berlin  1906. 

1909. 

136.  Der  phpsische  und  der  pspchische  Anblick  des  Lebens.   1909.  (Russisch.) 

137.  Nr.  47  neu  herausgegeben,  um  Anmerkungen  vermehrt. 

138.  Nr.  105  ganz  umgearbeitet  und  vermehrt. 

1910. 

139.  Die  Leitgedanken  meiner  naturwissenschaftlichen  Erkenntnislehre  und 
ihre  Aufnahme  durch  die  Zeitgenossen.  Scientia,  intern.  Zeitschr.  f. 
wissenschaftl.  Spnthese.  Leipzig,  London,  Paris,  Bologna,  1910,  Bd.  7, 
4.  Jahrg.,  Nr.  14,  2  und  Phpsikal.  Zeitschr.,  1910. 

140.  Sinnliche  Elemente  und  naturwissenschaftliche  Begriffe.  Festschrift 
für  Ewald  Hering. 

141.  Nr.  120  vermehrt  um  Nr.  135,  136,  sowie  u.  a.  um:  Beschreibung  und 
Erklärung.  (Naturwissenschaf tl.  Rundsch.  21,  Nr.  38.)  Eine  Betrach- 
tung über  Raum  und  Zeit.    (Das  Wissen  für  alle,  10, 3.) 

1911. 

142.  Pspchisches  und  organisches  Leben.    Osterreich.  Rundsch.,  29,  1. 

1912. 

143.  Nr.  87  umgearbeitet 


144.  Vorworte  zu  den  folgenden  Werken: 

a)  J.  B.  Stallo:   Die  Begriffe   und  Theorien   der  modernen  Physik. 
Barth,  Leipzig  1901.  2.  Aufl.  1911. 

b)  R.  Holzapfel:  Panideal.  Psychologie  der  sozialen  Gefühle.  Leipzig 
1901.  (Wohl  nur  aus  Gefälligkeit;  von  Mach  nirgends  herangezogen.) 

c)  Franceschini:  Woher  und  wohin. 

d)  Eduard  Kulke:  Kritik  der  Philosophie  des  Schönen.  Herausgegeben 
von  F.  S.  Kraus,  1906. 

e)  Pierre  Duhem:  Ziel  und  Struktur  der  physikalischen  Theorien.  Barth, 
Leipzig  1908. 

f)  Ein  Artikel  in:  Vom  Lesen  und  von  guten  Büchern.    Neue  Blätter 
für  Literatur  und  Kunst,  Nr.  1.    Hugo  Heller,  Wien  1907. 

g)  Brief  an  Th.  Beer;  abgedruckt  in  dessen:  Die  Weltanschauung  eines 
modernen  Naturforschers.    Reißner,  Leipzig  1903.    (Nachwort) 

h)  Erinnerungen  einer  Erzieherin.  Braumüller,  Wien  1912.  2.  Auflage  1913. 
i)  V.  Hueber:  Die  Organisierung  der  Intelligenz.  3.  erweiterte  Auflage. 
Barth,  Leipzig  1910. 


Ernst  Mach. 

Ernst  Mach  wurde  am  18.  Februar  1838  in  Turas  in  Mähren 
geboren. 

,,Die  Eltern  waren  beide  ideal  veranlagte,  weltfremde  Menschen. 
Der  Vater,  ein  seinerzeit  berühmter  Pädagoge,  wollte  nie  die  Ge- 
legenheit ergreifen,  sich  ein  Vermögen  zu  erwerben.  ,Ich  habe 
mein  Leben  lang  das  Geld  immer  mit  Füßen  von  mir  gestoßen/ 
sagte  er  oft.  Die  Mutter  war  eine  Künstlernatur,  der  nur  die  Aus- 
bildung fehlte.  Sie  war  für  Musik,  Zeichnen  und  Poesie  begabt. 
In  der  Einsamkeit  des  Landlebens  wurden  beide  in  ihren  An- 
sichten, die  so  grundverschieden  von  denen  der  Welt  waren,  nur 
bestärkt.  —  Der  Vater  unterrichtete  uns  drei  Geschwister  selbst." 

Mitte  der  zwanziger  Jahre  studierte  der  Vater  in  Prag,  wo  er 
auch  Philosophie  hörte  und  ein  großes  tierpspchologisches  Inter- 
esse zeigte.  Dann  war  er  pädagogisch  in  Wien  tätig  und  trat 
zu  dem  Botschafter  Fürst  Richard  Metternich  in  persönliche 
Beziehungen.  Sein  Beruf  zwang  ihn,  in  der  Nähe  Wiens  zu 
wohnen.  Für  die  Landwirtschaft  hatte  er  von  jeher  eine  große 
Schwäche,  und  so  siedelte  er  sich  auf  einem  Landsitze  in  der 
weiteren  Umgebung  der  Reichshauptstadt  an.  „Unser  Haus,"  so 
erzählt  Machs  jüngste  Schwester  weiter,  „stand  in  einem  großen, 
herrlichen  Garten,  den  mein  Vater  mit  Vorliebe  und  Verständnis 
pflegte.  Zur  Zeit  der  Obstblüte  oder  zur  Zeit  der  Rosenblüte  schien 
mir  dieser  Ort  ein  Paradies."  Die  pädagogische  Betätigung  hat  der 
Vater  später  aufgegeben  und  sich  ganz  der  Bewirtschaftung  seines 
Sitzes  gewidmet.  Weder  das  eine,  noch  das  andere  hatte  aus- 
gereicht, um  die  Familie  vor  allen  Entbehrungen  zu  schützen; 
die  Eltern  lebten  dabei  jedoch  in  großer  Zufriedenheit.  Der  Sommer 
brachte  Besuch  aus  Wien;  „auch  der  Winter  hatte  seine  angenehmen 

Henning,  Ernst  Mach.  ] 


2  Ernst  Mach. 

Stunden.  Am  Abend  nach  unserm  frugalen  Nachtmahl  las  der 
Vater  vor". 

Mittlerweile  schlug  die  Revolution  auch  in  Osterreich  Wellen: 
Wien  hatte  seine  Märztage.  Der  Nationalitätenhader  erhob  sein 
Haupt.  Ungarn  stand  unter  der  Führung  KossuTHs  auf;  in 
Böhmen  unterdrückte  Fürst  Windisch-Graetz  einen  slawischen 
Aufstand.  Radetzky  besiegte  bei  Custozza  die  Armee  Karl 
Alberts  von  Sardinien.  In  Wien  hingegen  herrschte  das  Volk. 
Metternich  mußte  gehen,  der  Kaiser  floh  nach  Innsbruck.  Als 
die  Truppen  nach  Ungarn  ausrückten,  brach  in  Wien  ein  Auf- 
stand los,  doch  stürmte  Fürst  Windisch-Graetz  die  Hauptstadt. 
"Messenhauser  und  Robert  Blum  wurden  erschossen,  die  Reak- 
tion hatte  gesiegt.  Der  Kaiser  dankte  zugunsten  seines  Neffen 
Franz  Joseph  ab;  es  folgte  die  Ära  Schwarzenberg-Stadion. 
Im  Winter  fand  der  Feldzug  gegen  die  Ungarn  statt,  der  mit 
russischer  Hilfe  endlich  siegreich  durchgeführt  wurde. 

Von  alledem  blieb  Machs  Elternhaus  nicht  unberührt.  Zu- 
erst beherrschten  die  Studenten  mit  gewaltigen  Kalabresern  das 
Bild.  Dann  kam  Einquartierung:  ein  italienisches  Bataillon,  das 
gegen  seine  Offiziere  revoltieren  wollte,  das  sich  jedoch  hernach 
vor  Wiens  Mauern  wacker  schlug.  Machs  Eltern  beherbergten 
den  Leutnant  Schuster,  der  allein  das  Regiment  zum  Gehorsam 
brachte. 

Eine  andere  Episode  erzählt  die  Schwester:  „Meine  Mutter, 
eine  schwache,  nervöse  Frau,  brachte  den  größten  Teil  der  Re- 
volutionszeit mit  uns  Kindern  allein  auf  dem  Lande  zu,  da  der 
Vater  durch  seinen  Beruf  in  Wien  festgehalten  war.  Wie  die 
zarte  Frau  alle  Aufregungen  überstand  und  sich  in  allen  Lagen 
zu  helfen  wußte,  ist  rätselhaft.  So  erzählte  sie  auch  folgende 
Episode:  Sie  saß  in  der  Abenddämmerung  allein,  als  plötzlich 
ein  zerlumpter  Vagabund  ins  Zimmer  trat.  Erschrocken  sprang 
sie  auf,  doch  trat  er  mit  flehender  Gebärde  näher,  und  sie  er- 
kannte einen  Wiener  Professor,  einen  Freund  des  Vaters,  der 
als  Revolutionsflüchtling  aus  Ungarn  kam.  Sie  wies  ihm  ein 
Zimmer  an,  schickte  eine  alte  vertraute  Dienerin,  die  ihn  reinigte, 
und  am  nächsten  Morgen  verließ  er  mit  frischen  Kleidern  und 
Geld  versehen  das  Haus." 

Der  Vater  kannte  diesen  oder  jenen  Revolutionär,  so  den  in 


Ernst  Mach. 

Arad  gerichteten  General  Damianic  und  den  geächteten  Pro- 
fessor Bischof  HORWATH,  wohl  auch  GöRGEY,  allein  er  selbst 
scheint  sich  abseits  der  Wogen  gehalten  zu  haben. 

Dann  kehrte  die  Armee  aus  Ungarn  zurück  und  lagerte  auf 
einem  freien  Platz  vor  Machs  Elternhaus.  So  war  die  Jugend 
der  Kinder  reich  an  Erlebnissen. 

1858  verkaufte  Machs  Vater  den  Besitz ,  blieb  aber  noch 
drei  Jahre  im  selben  Orte.  Die  ältere  der  Schwestern  ver- 
heiratete sich. 

Dann  kaufte  der  Vater  sich  einen  neuen  Besitz  in  Statenegg 
bei  Rudolfswert  in  Unterkrain.  „Der  Boden  war  fruchtbar,  die 
Vegetation  üppig;  und  dennoch  kein  Heil!  Wenn  der  Saaten- 
stand auf  eine  gute  Ernte  hoffen  ließ,  zogen  sich  dunkle  Wolken 
zusammen  und  unter  ohrenbetäubendem  Geprassel  entlud  sich 
ein  Hagelwetter,  welches  die  Dachziegel  und  die  Brettchen  der 
Jalousien  zerschlug,  Bäume  und  Reben  entblätterte,  daß  sie  kahl 
wie  im  Winter  dastanden.  In  den  Furchen  der  Felder  floß  grünes 
Wasser,  die  anzuhoffende,  nun  gewesene  Ernte.  Reben  und 
Obstbäume  blühten  und  dufteten.  Im  Hochgebirge  entlud  sich 
ein  Frühgewitter  mit  Schneefall,  ein  starkes  Fallen  des  Thermo- 
meters, eine  sternenhelle  Nacht,  und  als  am  nächsten  Morgen  die 
Sonne  zu  wärmen  begann,  war  die  Blütenpracht  schwarz,  vom 
Reif  verdorben.  Waren  diese  Unfälle  nicht  eingetreten,  hatte  man 
eine  Getreide-,  Wein-  und  Obsternte,  so  konnte  man  nichts  ver- 
kaufen. War  man  endlich  so  glücklich  etwas  abzusetzen,  dann 
mußte  man  erst  gerichtlich  klagen,  ehe  die  Zahlung  erfolgte.  Die 
Gegend  war  von  allem  Verkehr  abgeschlossen,  die  nächste  Bahn- 
station lag  eine  halbe  Tagereise  weit. 

„Und  die  Bevölkerung!  Un verläßlich,  diebisch,  betrunken, 
gewalttätig,  ein  auserlesenes  Gesindel,  welches  es  sehr  übel  nahm, 
wenn  es  in  seinem  verbrieften  Recht,  dem  Diebstahl,  gestört 
wurde.  Nie  konnte  man  darauf  rechnen,  Dienstleute  oder  Arbeiter 
gewiß  zu  haben.  Sonntags  war  selbstverständlich  alles  betrunken. 
Stand  ich  Montag  früh  auf,  so  waren  oft  alle  Diener  davon- 
gelaufen. Ohne  allen  Grund,  wenn  ihnen  nach  ausgeschlafenem 
Rausch  der  Einfall  kam  —  ich  glaube,  sie  hatten  alle  einen  Span 
im  Kopfe  —  nahmen  sie  ihr  Bündel  unter  den  Arm  und  mar- 
schierten über  die  nahe  Grenze." 


4  Ernst  Mach. 

„Von  4  Uhr  morgens  bis  nach  10  Uhr  abends  in  Tätigkeit» 
um  alles  zu  fibersehen ,  alles  zu  leiten ,  arbeiteten  wir  mit  An- 
spannung aller  Kräfte  bis  zur  Erschöpfung,  und  das  Resultat  war 
1000—1500  Gulden  Defizit  jährlich.  Meines  Vaters  rastloser  Geist 
heckte  immer  neue  Pläne  aus,  von  welchen  er  sich  große  Er- 
folge versprach,  doch  selbst,  wenn  diese  sich  —  was  manchmal 
geschah  —  verwirklichten,  so  war  der  Erfolg  nur  von  kurzer 
Dauer,  dann  traten  wieder  Zufälle  ein,  die  alles  vernichteten. 
Während  wir  so  zwischen  Hoffnung  und  Verzagen  schwankten, 
traf  uns  ein  neuer  Schlag.  Meine  Mutter  erkrankte  und  starb. 
Ffir  sie  war  das  ein  großes  Glfick,  denn  ihr  Charakter  war  viel 
zu  weich  und  zart,  um  dem  Schicksal,  dem  wir  entgegengingen, 
standzuhalten.  Der  Tod  hat  ihr  viel  Leid  erspart  Mit  ihrem 
Hinscheiden  war  der  Geist  und  die  Kraft  meines  Vaters  ge- 
brochen, und  der  größere  und  schwerere  Teil  der  Aufgabe  fiel 
mir  zu  .  .  .  Trotz  einzelner  Episoden,  welche  eine  Wendung 
zum  Bessern  hoffen  ließen,  trieben  wir  unaufhaltsam  dem  Unter- 
gange entgegen.  Der  Vater  hatte  nur  mehr  den  Wunsch,  das 
Grab  der  geliebten  Frau  nicht  zu  verlassen*).** 

Unter  diesen  Versuchen  sich  emporzuarbeiten,  steht  an  erster 
Stelle  die  Züchtung  der  Yama  Map.  1862  wurde  dieser  Seiden- 
spinner zum  erstenmal  aus  Japan  in  Europa,  und  zwar  nach  Paris 
eingeführt,  doch  konnte  er  sich  dort  im  Jardin  des  Plantes  nicht 
halten.  Trotz  seiner  Bemühungen  gelang  es  Machs  Vater  erst 
1866  einiger  Grains  habhaft  zu  werden.  Durch  große  Geschick- 
lichkeit und  eigene  Behandlungsart  brachte  er  es  zum  erstenmal 
in  Europa  zur  gesunden  Aufzucht  im  Freien;  zum  Schlüsse  be- 
völkerte er  17  Joch  Eichenwald  mit  Raupen,  so  daß  er  viele  Zentner 
Kokons  erntete.  Allein  die  wirtschaftliche  Ungunst  Österreichs 
hemmte  ihn  auch  hier:  die  Seidenspinnereien  zahlten  nur  30  Kreuzer 
pro  Kilo  Kokons.  Während  in  Japan  der  Bauer  Kleider  aus  un- 
verwüstlicher Yama  May-Seide  trägt,  konnte  er  unter  solchen  Ver- 
hältnissen nicht  einmal  auf  seine  Kosten  kommen.  Er  inserierte 
in  der  „Neuen  Freien  Presse**  und  lud  Interessenten  ein,  die 
Seidenzucht  im  freien  Eichwalde  zu  besichtigen.  Viele  kamen  — 
unter  anderem  der  Vertreter  des  preußischen  Ackerbauministeriums, 


»)  Nr.  144  h. 


Ernst  Mach.  5 

das  1875  sogar  Seide  von  ihm  kaufte  — ,  andere  hielten  es  für 
Schwindel.  Die  fehlende  industrielle  Verwertung,  technische 
Mängel  und  andere  Schwierigkeiten  machten  das  Geschäft  un- 
möglich. Er  versuchte  es  dann  mit  dem  Morusspinner  (Maul- 
beerseidenspinner). Seine  Tochter  führte  es  auf  Schloß  Luegg 
fort;  aber  echt  österreichisch:  mit  dem  Reingewinn  konnte  sie 
gerade  die  Steuern  des  Betriebes  zahlen. 

Von  alledem  ist  nichts  übrig  geblieben  als  einige  Museums- 
reliquien und  ein  Ehrenmal  in  Brehms  ,,Tierleben^\ 

Der  Vater  folgte  der  Mutter  1879  nach.  Die  jüngste  Schwester 
Ernst  Machs  schlug  sich  wacker  durchs  Leben;  ihre  äußerst 
lesenswerten  ^^Erinnerungen  einer  Erzieherin"*)  führen  uns  mit 
feiner  Beobachtungsgabe  durch  fast  alle  Teile  der  Donaumonarchie, 
und  legen  ein  Zeugnis  davon  ab,  aus  welch  kernigem  und  ge- 
sundem Holze  die  Machs  geschnitzt  sind. 

Ernst  Mach,  der  einzige  Sohn,  kam  etwa  vier-  bis  fünf- 
jährig nach  Wien.  Infolge  seiner  Studien  war  er  natürlich  meist 
von  seinen  Eltern  getrennt.  Wenn  ich  nicht  in  der  Mitte  meiner 
Familienschilderung  abbrach,  so  war  es,  weil  ich  den  Boden, 
dem  seine  Natur  entsproß,  zwar  nur  im  Umriß,  aber  doch  voll- 
ständig erzählen  wollte.  Mit  einer  solchen  Vererbung,  Umgebung 
und  Vergangenheit  wird  man  kein  Sophist,  kein  logischer  Haar- 
spalter, kein  Erkenntnistheoretiker,  sondern  ein  Tatsachenmensch. 
Inmitten  solcher  Schicksale  meditiert  man  nicht,  ob  die  Welt 
wirklich  existiere,  sondern  man  sinnt,  wenn  auch  vom  Staate  amt- 
lich als  Philosoph  bestallt,  wie  man  im  einzelnen  praktisch  nützen 
könne.  Alles  ist  ja  nur  für  uns  Menschen,  an  sich  hingegen  ist 
nichts. 

Vieles  findet  man  beim  Vater  angedeutet,  was  sich  beim 
Sohne  geistig  zeigt:  die  Neigung  zur  Pädagogik  —  Mach  schrieb 
Lehrbücher  der  Phpsik  für  alle  Arten  von  Schulen  und  widmete 
sich  dem  Lehrfache  — ,  den  biologischen  Grundzug  und  manches 
seiner  neuen  Methodenlehre.  Doch  werfen  wir  noch  einen  Blick 
auf  Machs  geistige  Entwicklung: 

Die  entwicklungstheoretischen  Gesichtspunkte  finden  wir 
schon  bei  dem  jungen  Mach:  1854  lernte  er  auf  dem  Gymnasium 

*)  Nr.  144  h. 


6  Ernst  Mach. 

durch  seinen  Lehrer  F.  X.  Wesseley  die  Ideen  Lamarcks  kennen 
und  nahm  die  Gedanken  Darwins,  die  bekanntlich  1859  im  Druck 
erschienen,  rasch  und  wirksam  in  sich  auf. 

Über  seine  innere  Entwicklung  erzählt  uns  Mach  folgendes: 
,,Ich  habe  es  stets  als  besonderes  Glück  empfunden,  daß  mir 
sehr  früh  (in  einem  Alter  von  15  Jahren  etwa)  in  der  Bibliothek 
meines  Vaters  Kants  ,Prolegomena  zu  einer  jeden  künftigen 
Metaphpsik^  in  die  Hand  fielen.  Diese  Schrift  hat  damals  einen 
gewaltigen  unauslöschlichen  Eindruck  auf  mich  gemacht,  den  ich 
in  gleicher  Weise  bei  späterer  philosophischer  Lektüre  nie  mehr 
gefühlt  habe.  Etwa  zwei  oder  drei  Jahre  später  empfand  ich 
plötzlich  die  müßige  Rolle,  welche  das  ,Ding  an  sich^  spielt. 
An  einem  heiteren  Sommertage  im  Freien  erschien  mir  einmal 
die  Welt  samt  meinem  Ich  als  eine  zusammenhängende  Masse 
von  Empfindungen,  nur  im  Ich  stärker  zusammenhängend.  Ob- 
gleich sich  die  eigentliche  Reflexion  erst  später  hinzugesellte,  so 
ist  doch  dieser  Moment  für  meine  ganze  Anschauung  bestimmend 
geworden.  Übrigens  habe  ich  noch  einen  langen  und  harten 
Kampf  gekämpft,  bevor  ich  imstande  war,  die  gewonnene  An- 
sicht auch  in  meinem  Spezialgebiete  festzuhalten.  Man  nimmt 
mit  dem  Wertvollen  der  physikalischen  Lehren  notwendig  eine 
bedeutende  Dosis  falscher  Metaphysik  auf,  welche  von  dem,  was 
beibehalten  werden  muß,  recht  schwer  losgeht,  gerade  dann,  wenn 
diese  Lehren  geläufig  geworden.  Auch  die  überkommenen  in- 
stinktiven Auffassungen  traten  zeitweilig  mit  großer  Gewalt  hervor 
und  stellten  sich  hemmend  in  den  Weg.  Erst  durch  abwechselnde 
Beschäftigung  mit  Phpsik  und  Physiologie  der  Sinne,  sowie  durch 
historisch-phpsikalische  Studien  habe  ich  (etwa  seit  1863),  nach- 
dem ich  den  Widerstreit  in  meinen  Vorlesungen  über  Pspcho- 
phpsikO»  noch  durch  eine  phpsikalisch-pspchologische  Monado- 
logie vergeblich  zu  lösen  versucht  hatte,  in  meinen  Ansichten 
eine  größere  Festigkeit  erlangt*)." 

Ausführlichere  Angaben  über  seine  Beziehungen  zu  Klas- 
sikern der  Philosophie  machte  er  im  Jahre  1910:  „Indem  ich  das 
,Ding  an  sich^  instinktiv  als  müßige  Illusion  erkannte,  kehrte  ich 

auf  den  bei  Kant  latent  enthaltenen  B£RKELEYschen  Standpunkt 

^)  Nr.  6,  S.  364. 
«)  Nr.  91,  S.  24. 


Ernst  Mach.  7 

zurück.  Die  idealistische  Stimmung  vertrug  sich  aber  schlecht 
mit  physikalischen  Studien.  Die  Qual  wurde  noch  vergrößert 
durch  die  Bekanntschaft  mit  Herbarts  mathematischer  Psycho- 
logie und  mit  Fechners  Pspchophpsik,  die  Annehmbares  und 
Unannehmbares  in  inniger  Verbindung  boten.  Nach  Beendigung 
der  Universitätsstudien  fehlten  zum  Unglück  oder  Glück  die 
Mittel  zu  physikalischen  Untersuchungen,  wodurch  ich  zunächst 
auf  das  Gebiet  der  Sinnesphpsiologie  gedrängt  wurde.  Hier,  wo 
ich  meine  Empfindungen,  zugleich  aber  deren  Bedingungen  in 
der  Umgebung  beobachten  konnte,  gelangte  ich,  wie  ich  glaube, 
zu  einer  natürlichen,  von  spekulativ-metaphpsischen  Zutaten  freien 
Weltauffassung.  Die  durch  Kant  eingepflanzte  Abneigung  gegen 
die  Metaphysik,  sowie  die  Analysen  Herbarts  und  Fechners 
führten  mich  auf  einen  dem  HUMEschen  naheliegenden  Stand- 
punkt zurück.^ 

„Direkt  bin  ich  von  HUME,  dessen  Arbeiten  ich  gar  nicht 
kannte,  nicht  beeinflußt  worden,  dagegen  kann  dessen  jüngerer 
Zeitgenosse  Lichtenberg  auf  mich  gewirkt  haben.  Wenigstens 
erinnere  ich  mich  des  starken  Eindrucks,  den  sein  ,Es  denkt^^) 
mir  zurückgelassen  hat.  HUMEs  ,Untersuchungen  über  den  mensch- 
lichen Verstand^  lernte  ich  in  der  KiRCHMANNschen  Übersetzung 
erst  zu  Ende  der  achtziger  Jahre  kennen,  den  viel  wichtigeren 
,Treatise  on  human  nature^  gar  erst  1907/0^.  Ich  betrachte  heute 
den  metaphpsikfreien  Standpunkt  als  ein  Produkt  der  allgemeinen 
Kulturentwicklung  *)." 

Schließlich  will  ich  eine  Schilderung  nicht  für  mich  behalten, 
die  Mach  mir  im  Jahre  1910  schrieb:  „Von  der  Philosophie 
meiner  Jugendstudienzeit  1855 — 1865  war  ich  nicht  sehr  erbaut. 
Ich  hatte  auch  nie  die  Absicht  Philosophie  zu  treiben,  sondern 
nur  auf  dem  dem  Naturforscher  zugänglichen  und  vertrauten  Ge- 
biet Überlegungen  anzustellen,  welche  ihm  für  seine  Arbeit  nütz- 

^)  Gemeint  sind  die  Worte:  ^Wir  werden  uns  gewisser  VorsteUungen 
bewußt,  die  nicht  von  uns  abhängen;  andere,  glauben  wir  wenigstens,  hingen 
von  uns  ab;  wo  ist  die  Grenze?  Wir  erkennen  nur  aUein  die  Existenz  unserer 
Empfindungen,  VorsteUungen  und  Gedanken.  Es  denkt,  soUte  man  sagen, 
so  wie  man  sagt:  es  blitzt  Zu  sagen  cogito  ist  schon  zu  viel,  sobald 
man  es  durch  Ich  denke  übersetzt.  Das  Ich  anzunehmen,  zu  postulieren, 
ist  praktisches  Bedürfnis.^ 

•)  Nr.  139.    S.  5. 


8  Ernst  Mach. 

lieh  werden  könnten.  Auf  den  Beifall  der  Philosophen  rechnete 
ich  hierbei  nicht,  wohl  aber  auf  die  Dankbarkeit  der  Naturforscher. 
Die  Philosophen  blieben  auch  fiberwiegend  ablehnend,  die  Natur- 
forscher fanden  sich  nur  sehr  langsam  mit  ihrer  Anerkennung 
ein.  In  neuerer  Zeit  scheint  den  Naturforschem  viel  von  dem 
selbstverständlich,  was  ich  lange  gegen  eine  scharfe  Opposition 
aufrecht  halten  mußte.^^ 

Mach  studierte  Naturwissenschaften  In  Wien  und  habilitierte 
sich  dort  1861  für  Physik.  1864  wurde  er  Professor  in  Graz; 
1867  folgte  er  einem  Rufe  an  die  deutsche  Universität  in  Prag. 
Dort  brach  er  1879/80  als  Rektor  eine  Lanze  für  das  Deutschtum 
gegen  die  Tschechen^).  1895  erhielt  er  in  Wien  die  Lehrkanzel 
ffir  induktive  Philosophie,  die  er  bis  zu  seiner  Emeritierung  im 
Jahre  1901  inne  hatte. 

1901  wurde  er  zum  Mitglied  des  Osterreichischen  Herren- 
hauses ernannt.  Der  Akademie  der  Wissenschaften  in  Wien,  der 
er  eine  große  Zahl  seiner  Arbeiten  vorlegte,  gehörte  er  schon 
sehr  früh  an.  Mit  POSKE  gab  er  die  Zeitschrift  für  physikalischen 
und  chemischen  Unterricht  heraus. 

1898  erlitt  MACH  einen  apoplektischen  Anfall  ohne  Bewußt* 
^einslähmung,  der  die  rechte  Seite  intermittierend  lähmte;  Mach 
fügte  sich  ins  Unvermeidliche  und  verwendete  diese  Krankheit 
zu  psychologischen  Studien.  Seine  Gesundheit  besserte  sich  dann 
aber  wieder,  so  daß  er  in  geistiger  Frische  seinen  Lebensabend 
verbringt,  nicht  ohne  dann  und  wann  sogar  mit  wissenschaft- 
lichen Arbeiten  wieder  hervorzutreten.  Seinen  Wohnsitz  hat  er 
nach  Haar  bei  München  veriegt. 

^)  Mach  wird  von  den  russischen  „Machisten"  als  reiner  Slawe  irr- 
tflmlich  in  Anspruch  genommen  (Skizzen  zur  realistischen  Weltanschauung, 
4.  Aufl.,  von  SuwoROW,  Basarow,  Bogdanow,  Lunotscharsky  u.  a.;  nicht 
übersetzt).  Bogdanow:  Wandlungen  einer  Philosophenschule  (nicht  über- 
setzt). Ursprünglich  Schüler  von  Avenarius  zog  das  soziologische  Moment 
diese  Autoren  zu  Mach. 


Philosophischer  Teil. 


Das  19.  Jahrhundert  hat  eine  Überfülle  naturwissenschaft- 
licher Tatsachen  zutage  gefördert.  Ständig  hielten  neue  Sen- 
sationen geistiger  Erfolge  die  staunende  Welt  in  Atem,  so  daß 
man  mit  vollem  Rechte  vom  naturwissenschaftlichen  Zeitalter  reden 
durfte.  Nach  dem  Tode  Kants  erstand  die  heutige  Chemie,  die 
bislang  noch  ohne  Elemente  und  Formeln  dahinvegetierte.  La- 
PLACE  führte  die  Mathematik  im  großen  Stile  in  die  Phpsik  ein. 
Die  Phpsik  selbst  erhielt  eine  neue  Grundlage  in  den  beiden 
Hauptsätzen;  die  Wärmetheorie  wie  die  Elektrizitätslehre  hielten 
ihren  Siegeszug  und  schufen  eine  grandiose  Technik.  Eine  ähn- 
liche Revolution  trug  Darwin  dann  in  die  Biologie,  und  gegen  die 
Neige  des  Säkulums  entwickelten  sich  die  physikalische  Chemie 
und  die  Psychologie  zuf  bedeutungsvollen  exakten  Disziplin. 
Bei  diesem  eifrigen  Forschen  war  weder  die  Zeit  noch  das  Be- 
dürfnis vorhanden,  den  eigenen  Arbeitsplatz  zu  verlassen  und 
die  gefundenen  Ergebnisse  mit  denen  der  Nachbarn  theoretisch 
in  Einklang  zu  bringen.  Als  aber  das  Tatsachenmaterial  zu  sehr 
anschwoll,  wurde  eine  Zusammenfassung  aus  ökonomischen  und 
methodischen  Gründen  unerläßlich,  wollte  man  die  Wirmisse  eines 
neuen  Turmbaues  von  Babel  vermeiden. 

Ernst  Mach  hat  am  frühesten  die  Unannehmlichkeit  emp- 
funden, daß  man  damals  mit  jedem  Spezialgebiet  auch  die  all- 
gejme^nen  Grundauffassungen  ändern  mußte.  Dem  abzuhelfen^ 
widmete  er  die  größte  Kraft  seines  Lebens.  Sein  Programm  läßt 
sich  kurz  charakterisieren:  es  ist  ein  Standpunkt  zu  finden,  der 
sich  für  alle  naturwissenschaftlichen  Fächer  als  Grundlage  eignet, 
und  der  auch  die  Voraussetzungen  aller  Sonderdisziplinen  eint. 

Bei  seiner  Reform  lag  ihm  natürlich  die  Phpsik  am  nächsten. 


10  Philosophischer  Teil. 

Wir  verdanken  ihm  die  historisch-kritischen  Darlegungen 
der  Mechanik,  der  Wärmelehre,  der  Optik  und  Akustik  sowie 
wesentlicher  Spezialprobleme,  vornehmlich  der  Masse,  der  Elek- 
trizität und  des  Arbeitsbegriffes.  Daran  schloß  sich  eine  Unter- 
suchung der  physikalischen  Grundbegriffe  an. 

Diese  Kritik  der  Phpsik  zeitigte  reiche  fruchte:  alle  meta- 
physischen und  überflüssigen  Zutaten,  die  recht  oft  die  Tatsachen 
überwucherten  und  verschleierten,  waren  entfernt  und  somit  ein 
erträglicher  philosophischer  Standpunkt  erreicht.  Die  heraus- 
gearbeiteten Entwicklungslinien  und  Abhängigkeiten  deckten  die 
individuellen  Wege  auf,  auf  denen  die  Tatsachen  und  Sätze  von 
ihren  Entdeckern  einst  gefunden  wurden.  Damit  war  nicht  nur 
erzielt,  was  eine  jede  historisch-kritische  Betrachtung  bezweckt: 
eine  sachliche  Klärung,  sondern  der  Erkenntnispspchologie  wurde 
damit  reicher  Stoff  geboten  und  nicht  minder  der  Pädagogik. 
Denn  anstatt  die  Schüler  kalte  und  glatte  Systeme  einfach  aus- 
wendig lernen  zu  lassen  —  womit  man  ganzen  Generationen  die 
Freude  an  der  Natur  verdarb  —y  konnte  man  sie  nun  auf  dem 
Wege  heranbilden,  den  die  Kulturmenschheit  auf  ihrer  Eroberer- 
bahn gezogen  war.  Wie  die  Natur  entsprechend  dem  biogene- 
tischen Gesetze  bei  der  Bildung  des  menschlichen  Körpers  kurz 
alle  Etappen  wiederholt,  die  die  Menschenentwicklung  in  Jahr- 
tausenden überwinden  mußte,  so  kann  nun  auch  der  Geist  des 
Menschen  den  Erfinderweg  erleben,  ja  er  kann  sich  seinen  indi- 
viduellen Weg  des  Verständnisses  unter  den  verschiedenen  Zu- 
fahrtstraßen auswählen  und  braucht  sich  nicht  das  endliche  Er- 
gebnis in  unpersönlicher  Abrundung  einpauken  zu  lassen.  Mach 
selbst  hat  diese  pädagogischen  Linien  in  die  Praxis  umgesetzt, 
indem  er  Lehrbücher  der  Phpsik  für  verschiedene  Stufen  und 
Arten  von  Schulen  verfaßte,  die  auch  in  den  deutschsprechenden 
Ländern  den  Unterricht  beherrschen*). 

Mit  den  Fragen  der  Schulreform  setzte  er  sich  ebenfalls 
eingehend  auseinander;  seine  Auffassung  steht  derjenigen  von 
Paulsen  nahe*). 

Die  Physik  erforscht  dieselben  Gegenstände  wie  die  Psy- 
chologie und  die  Physiologie,  nur  ist  jedesmal  der  Standpunkt 

>)  Nr.  9,  95,  104,  105,  111,  112,  138. 
*)  Nr.  86,  86a,  120. 


Philosophischer  Teil.  1 1 

der  Betrachtung  ein  anderer.  Die  Kritik  der  Phpsik  erforderte 
deshalb  ein  gleiches  auf  dem  Gebiete  der  Psychologie  wie  der 
Physiologie.  Auch  diese  Arbeit  hat  Mach  geleistet.  Die  drei 
getrennten  Wege,  auf  denen  wir  die  Natur  erforschen,  hat  er  zu 
einer  einheitlichen  Betrachtung  zusammengebogen,  und  das  ist 
seine  Philosophie.  Er  zerlegte  die  Welt  in  Elemente,  die  für  die 
drei  grundlegenden  Fächer  der  Naturwissenschaften  in  gleicher 
Weise  Bausteine  abgeben. 

Die  Psychologie  ihrerseits  unterzog  er  dann  wieder  einer 
eingehenden  Kritik  und  gab  eine  meisterhafte  Zusammenfassung 
der  Erkenntnispspchologie  vom  genetischen  Standpunkte,  die  ihm 
auch  in  den  Annalen  der  Psychologie  ein  ewiges  Mal  sichert. 

Wie  in  der  Phpsik,  so  lieferte  er  auch  auf  diesen  Spezial- 
gebieten zahlreiche  Einzeluntersuchungen,  deren  bedeutendsten  die 
Psychologie  des  Sehens,  die  Tonempfindungen,  die  Bewegungs- 
empfindungen und  den  Gleichgewichtssinn  zum  Gegenstande 
haben. 

Beiläufig  sei  erwähnt,  daß  Mach  auch  der  Botanik  sein  Inter- 
esse zuwandte  und  ihr  literarisch  seinen  Tribut  zollte. 

Über  diese  Arbeiten  herrscht  nur  eine  Stimme:  die  Reform 
ist  ganz  und  überaus  fruchtbar  in  die  Zeitströmung  eingegangen, 
nur  der  philosophische  Teil  stieß  bei  den  Zunftgenossen  auf 
einigen  Widerstand. 

Eine  derartige  Reform  konnte  natürlich  nicht  mit  der  alten 
Methodenlehre  durchgeführt  werden,  und  so  sehen  wir  bei 
Mach  eine  neue  erstehen,  die  sich  den  Tatsachen  anpaßt.  Dem- 
entsprechend sind  seine  Methoden  nicht  mehr  auf  die  absolute 
Wahrheit  abgestimmt,  sondern  auf  die  Fruchtbarkeit  und  den 
Erfolg,  und  das  um  so  mehr,  als  Mach  das  gesamte  Denken 
lediglich  als  ein  darwinistisches  Werkzeug,  das  ganze  geistige 
Leben  als  einen  Organismus  auffaßt,  der  den  DARWlNschen  Regeln 
unterworfen  ist.  Machs  Lehre  mit  alter  (etwa  erkenntnistheo- 
retischer) Methodik  widerlegen  zu  wollen,  ist  ein  vertanes  Spiel: 
es  gleicht  dem  Versuche,  ein  Kind  zu  baden,  ohne  es  naß  zu 
machen. 

Zunächst  soll  uns  Mach  als  Philosoph  beschäftigen,  wenn 
man  diesen  Titel  verwenden  darf. 

Aus  allem  Gesagten  versteht  man,  daß  Mach  keine  abstrakte 


12  Philosophischer  Teil. 

Verstandesphilosophie  bieten  will,  sondern  nur  eine  allgemeine 
naturwissenschaftliche  Methode.  Zerrt  man  sie  auf  das  Prokrustes- 
bett einer  absoluten  Philosophie,  so  wird  etwas  ganz  anderes 
daraus;  wie  ja  auch  der  Materialismus  bei  gewissen  Spezialfragen 
die  einzige  Möglichkeit  des  Forschens  ist,  aber  aus  dem  Be- 
scheidenen auf  das  zu  Weite  einer  absoluten  Weltanschauung 
ausgedehnt  sinnlos  wird. 

Wir  verstehen  darum,  daß  Mach  den  Titel  eines  Philosophen 
ablehnt:  „Es  gibt  vor  allem  keine  MACHsche  Philosophie,  son- 
dern höchstens  eine  naturwissenschaftliche  Methodologie  und  Er- 
kenntnispspchologie,  und  beide  sind,  wie  alle  naturwissenschaft- 
lichen Theorien,  vorläufige,  unvollkommene  Versuche.  Für  eine 
Philosophie,  die  man  mit  Hilfe  fremder  Zutaten  aus  diesen  kon- 
struieren kann,  bin  ich  nicht  verantwortlich.  Daß  meine  Ansichten 
mit  den  KANTschen  Ergebnissen  nicht  stimmen  können,  mußte, 
bei  der  Verschiedenheit  der  Ansätze,  die  sogar  einen  gemein- 
samen Boden  für  die  Diskussion  ausschließen,  für  jeden  Kantianer 
und  auch  für  mich  von  vornherein  feststehen.  Ist  denn  aber 
die  KANTsche  Philosophie  die  alleinige  unfehlbare  Philosophie, 
daß  es  ihr  zusteht,  die  SpezialWissenschaften  zu  warnen,  daß  sie 
ja  nicht  auf  eigenem  Gebiet,  auf  eigenen  Wegen  zu  leisten  ver- 
suchen, was  sie  selbst  vor  mehr  als  hundert  Jahren  denselben 
zwar  versprochen,  aber  nicht  geleistet  hat?"  „Das  Land  des  Trans- 
zendenten ist  mir  verschlossen.  Und  wenn  ich  noch  das  offene 
Bekenntnis  hinzufüge,  daß  dessen  Bewohner  meine  Wißbegierde 
gar  nicht  zu  reizen  vermögen,  so  kann  man  die  weite  Kluft  er- 
messen, welche  zwischen  vielen  Philosophen  und  mir  besteht  ^).^ 

Mach  will  auch  keine  grundsätzlich  neue  Philosophie  aus 
der  Wiege  heben,  sondern  eine  alte,  abgestandene  aus  der  Natur- 
wissenschaft entfernen^).  Deshalb  ist  seine  Betrachtung  nicht 
„bestimmt  ein  oder  sieben  oder  neun  Welträtsel  zu  lösen. 
Sie  führt  nur  zur  Beseitigung  falscher,  den  Naturwissenschaftler 
störender  Probleme  und  überläßt  der  positiven  Forschung  das 
Weitere.  Wir  bieten  zunächst  nur  ein  negatives  Regulativ 
für  die  naturwissenschaftliche  Forschung')." 

^)  Nr.  133,  S.  VII. 
«)  Nr.  133,  S.  VIII. 
•)  Nr,  133,  S.  13. 


1.  Der  Ausgangspunkt.  13 

Diese  Kritik  will  beileibe  kein  absolutes  System  schaffen« 
sondern  nur  ein  Ideal  weisen.  Denn  da  der  Naturforscher  ,,nicht 
in  der  glücklichen  Lage  ist,  unerschütterliche  Prinzipien  zu  be- 
sitzen, hat  er  sich  gewöhnt,  auch  seine  sichersten,  bestgegründeten 
Ansichten  und  Grundsätze  als  provisorisch  und  durch  neue  Er- 
fahrungen modif  izierbar  zu  betrachten.  In  der  Tat  sind  die  größten 
Fortschritte  und  Entdeckungen  nur  durch  dieses  Verhalten  ermög- 
licht worden*)". 

l.  Der  Attsgangspttokt 

Mit  irgend  etwas  muß  man  anfangen.  Zwar  glaubt  die  Er- 
kenntnistheorie voraussetzungslos  die  Voraussetzungen  aller 
SpezialWissenschaften  prüfen  zu  können,  aber  auch  sie  hängt 
nicht  absolut  in  den  Lüften,  sondern  an  empirischen  Fäden. 
Sinnig  charakterisierte  das  BOLTZMANN  einmal:  „Es  war  noch 
zur  Zeit  meiner  Gpmnasialstudien,  als  mich  mein  nun  lange  ver- 
storbener Bruder  oft  vergeblich  von  der  Widersinnigkeit  meines 
Ideals  einer  Philosophie  zu  überzeugen  suchte,  welche  jeden 
Begriff  bei  seiner  Einführung  klar  definiert.  Endlich  gelang  es 
ihm  auf  folgende  Weise:  In  der  Schulstunde  war  uns  ein  philo- 
sophisches Werk  (ich  glaube  von  HUME)  als  besonders  konse- 
quent gepriesen  worden.  Sofort  verlangte  ich  dasselbe  in  Be- 
gleitung meines  Bruders  in  der  Bibliothek.  Es  war  bloß  im 
englischen  Original  vorhanden.  Ich  stutzte,  da  ich  kein  Wort 
englisch  verstand;  aber  mein  Bruder  fiel  sofort  ein:  wenn  das 
Werk  das  leistet,  was  du  davon  erwartest,  so  kann  auf  die 
Sprache  nichts  ankommen,  denn  dann  muß  ja  ohnehin  jedes  Wort, 
bevor  es  gebraucht  wird,  klar  definiert  werden*)." 

Der  Versuch  MOnchhausens,  sich  am  eigenen  Zopfe  aus 
der  Grube  zu  ziehen,  hat  nun  allerdings  keine  Schule  gemacht: 
zum  mindesten  mit  der  Erfahrung  pflegt  jedermann  anzufangen. 
Mach  seinerseits  beginnt  mit  dem  natürlichen  Weltbild,  wie 
es  jeder  ohne  sein  Zutun  bei  geistigem  Erwachen  in  sich  vor- 

^)  Nr.  133,  S.  14. 

*)  L.  BoLTZMANN,  Über  die  Frage  nach  der  objektiven  Existenz  der 
Vorgänge  in  der  unbelebten  Natur.  Sitzber.  d.  Wiener  Akad.,  Bd.  106, 
Abt.  II,  S.  83. 


14  Philosophischer  Teil. 

findet  Er  beginnt  also  mit  einer  philosophischerseits  künstlichen 
Naivität,  allein  diese  begreift  in  sich  ,,eine  recht  hohe  Stufe  des 
physikalischen,  physiologischen  und  psychologischen  Denkens  ^)^. 
Der  Sockel  der  MACHschen  Weltanschauung  darf  darum  weder 
philosophisch  naiv,  noch  absolut  und  losgelöst  genannt  werden, 
sondern  er  ist  auch  ein  Naturprodukt  und  somit  anthropomorph 
und  relativ.  Für  Mach  ist  schlechterdings  alles  Natur,  und  so 
behalten  Darwins  Grundsätze  überall  Geltung;  auch  das  Denken 
ist  ein  Organismus,  der  sich  höher  entwickelt  und  sich  den  Tat- 
sachen anpaßt. 

Man  verwechsele  diese  Stellung  nicht  mit  derjenigen  Spencers, 
der  ja  ebenfalls  den  Entwicklungsgedanken  für  sich  in  Anspruch 
nimmt.  Allein  er  beginnt  mit  dem  erkenntnistheoretisch  Gegebenen, 
dem  er  das  Unerkennbare  gegenüberstellt;  der  Entwicklungs- 
gedanke wird  daraus  erst  (auf  nicht  einwandfreie  Weise)  de- 
duziert. Mach  dagegen  sagt:  Die  Natur  ist  nur  einmal  da;  sie 
erzeugt  nicht  erst  in  mir  als  Naturprodukt  die  Anschauungen, 
und  dann  erzeuge  ich  sie  nachher  noch  einmal.  Die  Natur  und 
alles  in  ihr  ist  ein  Werden,  das  nicht  durch  ein  starres  Sein  ver- 
doppelt werden  darf. 

Weil  Mach  mit  dem  natüi^lichen  Weltbild  beginnt,  ist  er  oft 
als  Positivist  angesprochen  worden,  mit  Unrecht:  denn  der  Posi- 
tivismus vernachlässigt  die  psychologischen  Tatsachen  auf  Kosten 
der  physikalischen  und  läBt  den  durchgehenden  Entwicklungs- 
gedanken vermissen. 

Auch  Heraklits  Lehre  vom  ewigen  Fluß  hat  man  mit 
Machs  Ansichten  identifizieren  wollen,  allein  man  übersah  dabei, 
daß  Heraklit  erkenntnistheoretische  Bestimmungen  trifft,  was 
Mach  grundsätzlich  vermeidet.  Mach  erhält  vielmehr  seine 
breite  Grundlage,  indem  er  „den  Anregungen  der  DARWiNschen 
Theorie  folgend,  das  ganze  psychische  Leben  —  die  Wissen- 
schaft eingeschlossen  —  als  biologische  Erscheinung  auffaßt, 
die  DARWiNschen  Vorstellungen  vom  Kampf  ums  Dasein,  von 
der  Entwicklung  und  Auslese  auf  dieselbe  anwendet.  Diese  An- 
sicht ist  untrennbar  von  der  Annahme,  daß  alles  und  jedes 
Psychische    physisch    fundiert,    bestimmt    sei*)."    Das 

»)  Nr.  133,  S.  14  f. 
«)  Nr.  91,  S.  41. 


1.  Der  Ausgangspunkt  15 

natürliche  Weltbild,  das  Werden  ist  keine  erkenntnistheoretische 
Behauptung.  An  logischem  Werte  steht  es  auf  gleicher  Stufe  mit 
den  Axiomen,  die  Euklid  vorausschickt,  oder  den  Maxwell- 
HERTZschen  Grundgleichungen,  die  mit  definitiver  Kraft  einfach 
aufgestellt  werden.  Wer  das  Weltbild,  die  Axiome,  die  Grund- 
gleichungen nicht  anerkennt,  den  kann  man  nicht  zwingen.  Für 
ihn  existiert  weder  die  Geometrie  noch  die  Phpsik  und  die 
MACHsche  Philosophie,  und  solche  Leute  gibt  es  ja. 

Der  Erkenntnistheoretiker  hingegen  beginnt  mit  den  Be- 
wußtseinsgrößen, die  ihm  logisch  unmittelbar  und  absolut  ge- 
geben sind;  die  fremden  Ich  wie  die  Außenwelt  sind  darin  nicht 
enthalten.  Er  erstrebt  nur  absolute  Gültigkeiten  und  Tatsachen, 
erreichte  aber  in  hundert  Jahren  nichts,  da  er  trotz  der  erweitern- 
den Urteile  a  priori  nicht  über  seinen  Anfangszirkel  hinaus- 
gelangte. An  anderem  Orte^)  habe  ich  dargelegt,  daß  die  Er- 
kenntnistheorie ein  hölzernes  Eisen  ist  Jedenfalls  kann  die 
Naturwissenschaft  nicht  nochmals  hundert  Jahre  warten,  ob  die 
Erkenntnistheorie  dann  in  ihrer  Aufgabe,  die  einzelwissenschaft- 
lichen  Voraussetzungen  zu  prüfen,  glücklicher  gewesen  ist.  Bis 
dahin  wird  sie  den  Naturforscher  nicht  abhalten  können  im  eigenen 
Hause  selbst  diese  Arbeit  zu  leisten.  Wie  Stirners  Lehre  vom 
Einzigen  und  seinem  Eigentume  gegenüber  den  moralischen, 
gesellschaftlichen  und  sozialen  Tatsachen  versagt,  so  steril  sind 
die  erkenntnistheoretischen  Ergebnisse  für  die  exakten  Wissen- 
schaften. 

Analysieren  wir  unser  natürliches  Weltbild,  das  ohne  unser 
Zutun  in  uns  sich  bildete,  so  finden  wir:  „Ich  finde  mich  im 
Räume  umgeben  von  verschiedenen  in  demselben  beweglichen 
Körpern.  Diese  Körper  sind  teils  ,leblos*,  teils  Pflanzen,  Tiere 
und  Menschen.  Mein  im  Räume  ebenfalls  beweglicher  Leib 
ist  für  mich  ebenso  ein  sichtbares,  tastbares,  überhaupt  sinn- 
liches Objekt,  welches  einen  Teil  des  sinnlichen  Raumes  ein- 
nimmt, neben  und  außer  den  übrigen  Körpern  sich  befindet, 
wie  diese  selbst.  Mein  Leib  unterscheidet  sich  von  den  Leibern 
der  übrigen  Menschen  nebst  individuellen  Merkmalen  dadurch, 
daß  sich  bei  Berührung  desselben  eigentümliche  Empfindungen 


^)  Hans  Henning,  Irrgarten  der  Erkenntnistheorie.    Straßburg  1912. 


16  Philosophischer  Teil. 

einstellen,  die  ich  bei  Berührung  anderer  Leiber  nicht  beobachte. 
Analoges  gilt  in  bezug  auf  die  übrigen  Sinne  ^).^  ,,Ich  finde 
lerner  Erinnerungen,  Hoffnungen,  Befürchtungen,  Triebe,  Wünsche, 
Willen  usw.  vor.  An  diesen  Willen  knüpfen  sich  aber  Bewegungen 
des  einen  bestimmten  Leibes,  der  sich  dadurch  als  mein  Leib 
auszeichnet.  Bei  Beobachtung  des  Verhaltens  der  übrigen 
Menschenleiber  zwingt  mich  nebst  dem  praktischen  Bedürfnis 
eine  starke  Analogie,  der  ich  nicht  widerstehen  kann,  auch 
gegen  meine  Absicht,  Erinnerungen,  Hoffnungen,  Befürchtungen, 
Triebe,  Wünsche,  Willen,  ähnlich  den  mit  meinem  Leib  zusammen- 
hängenden, auch  an  die  anderen  Menschen-  und  Tierleiber  ge- 
bunden zu  denken  ^).^^  Endlich:  „Die  Befunde  im  Räume,  in 
meiner  Umgebung  hängen  voneinander  ab'V^  Dabei  übt 
mein  Leib  einen  wesentlichen  Einfluß.  „Dies  gilt  mutatis  mutan- 
dis  von  den  Befunden  eines  jeden*)." 

Diese  Tatsachen  fand  man  bisher  bei  jedem  gesunden 
Menschen  vor,  sie  gelten  deshalb  als  normal.  Ohne  erkenntnis- 
theoretische Theorie  sein  zu  wollen,  sind  sie,  wie  der  Erfolg 
zeigte,  kräftig  genug,  das  Folgende  zu  tragen. 

2.  Die  Elementenlehre. 

Auf  zwei  Wegen  erreicht  der  Naturforscher  eine  zusammen- 
fassende Einheit.  Erstens  kann  die  Einheit  im  Stoffe  liegen;  alle 
Spezialarbeiten  dienen  zur  Aufklärung  eines  großen  Kapitels. 
Beispiele  dafür  sind  ROBERT  KoCH,  EMIL  FISCHER.  Es  kann 
aber  auch  der  Fall  sein,  daß  die  Untersuchungen  eines  Forschers 
scheinbar  zusammenhanglos  über  weite  Gebiete  zerstreut  sind. 
Die  Vertreter  dieser  Klasse  pflegen  den  Drang  nach  Einheit  auf 
methodischem  oder  philosophischem  Gebiete  zu  befriedigen. 
Hierher  wären  Wilhelm  Ostwald  und  Ernst  Mach  zu  zählen. 

Mach  beschäftigte  sich  von  Anfang  an  sowohl  mit  physi- 
kalischen als  auch  mit  psychologischen  und  physiologischen 
Problemen;  er  suchte  deshalb  einen  Standpunkt,  den  er  nicht 

^)  Nr.  133,  S.  5. 
•)  Nr.  133,  S.  6. 
»)  Nr.  133,  S.7f. 
*)  Nr.  133,  S.  7f. 


2.  Elementenlehre.  1  7 

verlassen  mußte,  wenn  er  von  der  Physik  in  die  Psychologie 
und  Physiologie  hinübergehen  und  dort  dasselbe  Problem  unter 
anderem  Gesichtspunkt  lösen  wollte.  Das  Ergebnis  war  seine 
Elementenlehre. 

Bei  der  Analyse  des  natürlichen  Weltbildes  ergeben  sich 
letzte  Elemente.  Diese  stellen  sich  dar  als  eine  Beziehung 
zwischen  Leib,  Seele  upd  Außenwelt.  Keinen  der  drei  Bestand- 
teile darf  man  fortlassen,  ohne  das  Bild  zu  zerstören.  Be- 
trachte ich  einen  Gegenstand  in  Beziehung  zu  einem  anderen, 
so  gehe  ich  physikalisch  vor;  prüfe  ich  seine  Abhängigkeit  von 
meiner  Netzhaut,  so  gehört  die  Fragestellung  ins  Gebiet  der 
Physiologie;  verfolge  ich  aber  die  Wirkung  desselben  Gegen- 
standes auf  mich,  so  wird  er  Objekt  der  Psychologie.  Darum 
nennt  Mach  das  Element  auch  Empfindung.  Diese  Empfin- 
dung als  Funktion  scheidet  er  jedoch  scharf  von  der  psycho- 
logischen Größe  „Empfindung^  wie  sie  im  Spezialbetriebe  der 
Psychologie  üblich  ist;  das  geht  hinreichend  aus  dem  Kapitel 
„Empfindung,  Anschauung,  Phantasie^^  in  seinem  Buche  „Er- 
kenntnis und  Irrtum"  hervor.  Machs  Gegner  identifizierten 
irrtümlich  beide,  wonach  sich  Mach  dann  als  erkenntnistheore- 
tischer Sensualist  oder  als  Positivist  darstellte.  Irrtümlich,  denn 
er  gibt  ein  für  allemal  die  Definition:  „Wo  in  dem  Folgen- 
den neben  oder  für  die  Ausdrücke  ,ElementS  ,Elementen- 
komplex^  die  Bezeichnungen  ,Empfindung^,  ,Empfindungs- 
komplex^  gebraucht  werden,  muß  man  gegenwärtig  halten,  daß 
die  Elemente  nur  in  der  bezeichneten  Verbindung  und  Be- 
ziehung, in  der  bezeichneten  funktionalen  Abhängigkeit 
Empßndungen  sind.  Sie  sind  in  anderer  funktionaler  Beziehung 
zugleich  physikalische  Objekte.  Die  Nebenbezeichnung  der 
Elemente  als  Empfindungen  wird  bloß  deshalb  verwendet, 
weil  den  meisten  Menschen  die  gemeinten  Elemente  eben 
als  Empfindungen  (Farben,  Töne,  Drücke,  Räume,  Zeiten  usw.) 
viel  geläufiger  sind,  während  nach  der  verbreiteten  Auffassung 
die  Massenteilchen  als  physikalische  Elemente  gelten,  an 
welchen  die  Elemente  in  dem  hier  gebrauchten  Sinne  als 
,Eigenschaften^,  ,Wirkungen*  haften  *)." 


*)  Nr.  91,  S.  13. 

Henning,  Ernst  Mach. 


18  Philosophischer  Teil. 

Die  Wissenschaft  hat  diesen  Zusammenhang  ,,zunächst  ein- 
fach anzuerkennen,  und  sich  in  demselben  zu  orientieren» 
anstatt  die  Existenz  desselben  sofort  erklären  zu  wollen^  ^). 

Element  oder  Empfindung  ist  also  nicht  eine  Empfindung 
an  sich,  wie  etwa  die  Empfindung  des  Blauen,  des  Warmen, 
sondern  eine  Funktion.  Ein  Element,  das  sich  auf  einen  psycho- 
logischen Tatbestand  erstreckt,  ist  also  nur  insofern  mit  einem 
Elemente  identisch,  das  sich  auf  eine  physikalische  Tatsache  be- 
zieht, indem  beide  Funktionen  derselben  Art  sind.  Das  physi- 
kalische Objekt  wird  also  nicht,  wie  fast  alle  Gegner  annahmen, 
sensualistisch  (im  erkenntnistheoretischen  Sinne)  gefaßt  und  einem 
psychischen  Bewußtseinsakt  gleichgesetzt.  Die  Identität  liegt 
nicht  in  sensualistischer  Gleichartigkeit,  sondern  in 
funktionaler. 

Darum  darf  Mach  auch  Berkeley  ablehnen:  „Berkeley 
sieht  die  Elemente  als  durch  etwas  außer  denselben  Liegendes, 
Unbekanntes  (Gott)  bedingt  an,  während  die  hier  vertretene 
Anschauung  mit  einer  Abhängigkeit  der  Elemente  vonein- 
ander praktisch  und  theoretisch  das  Auskommen  zu  finden 
glaubt*)." 

Verfolgen  wir  die  Fäden  von  Berkeley  weiter,  so  gelangen 
wir  zu  John  Stuart  Mill  und  Laas.  Bei  ihnen  ist  die  Mög- 
lichkeit, auf  fundamental  neue  Tatsachen  zu  stoßen,  stark  unter- 
schätzt, andererseits  aber  wird  das  logische  Schematisieren  des 
alten  bekannten  Wissens  auf  Kosten  des  unbekannten  über- 
schätzt^). Beide  suchen  dem  Sensualismus  zu  entrinnen  durch 
ihre  „permanenten  Möglichkeiten  der  Empfindung^S  Von  dieser 
Position  aus  wandte  die  Kritik  gegen  Mach  ein,  wie  er  selbst 
anführt:  „Die  Außenwelt  sei  als  eine  Summe  von  Empfindungen 
nicht  genügend  erfaßt,  man  müsse  zu  den  wirklichen  Empfin- 
dungen mindestens  noch  die  Empfindungsmöglichkeiten  MiLLs 
einführen.  Dagegen  muß  ich  bemerken,  daß  auch  für  mich  die 
Welt  keine  bloße  Summe  von  Empfindungen  ist.  Vielmehr 
spreche  ich  ausdrücklich  von  Funktionalbeziehungen  der 
Elemente.    Damit  sind  aber  die  MiLLschen  Möglichkeiten  nicht 

>)  Nr.  91,  s.  n. 
«)  Nr.  91,  S.  295. 
»)  Nr.  133,  S.  245. 


2.  Elementenlehre.  19 

nur  überflüssig  geworden,  sondern  durch  etwas  weit  Solideres, 
den  mathematischen  Funktionsbegriff  ersetzt V^ 

Dagegen  betont  Mach  eine  Berührung  mit  Spinoza.  Von 
COMTE  entfernt  er  sich  dadurch,  daß  ihm  die  psychologischen 
Tatsachen  als  ebenso  wichtige  Erkenntnisquellen  erscheinen  als 
die  physikalischen').  ,,Die  wunderlichen  monströsen  Theorien 
des  ,Okkasionalismus^  und  der  ,prästabilierten  Harmonie^  im 
Sinne  von  Leibniz^^  lehnt  Mach  als  den  Tatsachen  nicht  ent* 
sprechend  ab').  Herbarts  Empfindungen  an  sich  billigt  er, 
doch  verwirft  er  dessen  Behauptung,  das  Ich  sei  etwas  Einfaches^), 
auch  Herbarts  Raumauffassung  kann  er  nicht  beitreten'). 
Ebenso  lehnt  er  Fechners  Standpunkt,  das  Phpsische  und  das 
Psychische  seien  nur  zwei  Seiten  ein  und  desselben  Zugrunde- 
liegenden, ab');  auch  ist  ihm  das  FECHNERsche  pspchophpsische 
Gesetz  nicht  etwas  Fundamentales,  sondern  etwas  Erklärbares  ^). 

Wenn  zwischen  HuME  und  Mach  auch  Unterschiede  be- 
stehen, so  ist  der  Ausgangspunkt  doch  derselbe ').  Ein  Erkenntnis- 
kritiker im  Sinne  HuMEs  ist  Mach  damit  aber  noch  nicht,  weil 
er  in  die  Erkenntnislehre  den  Funktionalbegriff  einführt.  Das 
ist  etwas  grundsätzlich  Neues,  das  die  Brücken  zu  allen 
früheren  Autoren  abbricht.  Er  selbst  gelangte  auch  zu 
seinen  Ergebnissen,  ohne  die  Bekanntschaft  mit  den  Werken 
HuMEs  gemacht  zu  haben. 

Was  leisten  nim  die  Elemente? 

Phpsische  und  psychische  Elemente  als  Funktion  sind 
identisch:  „Wir  haben  hier  die  Elemente  der  realen  Welt  und 
die  Elemente  des  Ich  zugleich  vor  uns.  Was  uns  allein  noch 
weiter  interessieren  kann,  ist  die  funktionale  Abhängigkeit 
(im  mathematischen  Sinne)  dieser  Elemente  voneinander  V^ 

')  Nr.  91,  S.  296. 
")  Nr.  91,  S.  38. 
»)  Nr.  133,  S.  6f. 
*)  Nr.  133,  S.  453. 
*)  Nr.  133,  S.  439. 
•)  Nr.  91,  S.  50. 
*)  Nr.  91,  S.  67. 
•)  Nr.  121,  S.  433-435. 
•)  Nr.  133,  S.  10. 

2* 


20  Philosophischer  Teil. 

Mach  führt  damit  in  die  allgemeine  philosophische  Erkenntnis 
das  ein,  was  die  Phpsik  in  ihrem  Gebiete  längst  besitzt.  Die 
Gravitation  Newtons  z.  B.  ist  auch  nur  eine  funktionale  Be- 
schreibung der  Erscheinung;  es  wird  nur  nach  dem  Wie,  nicht 
nach  dem  Was  gefragt.  Das  Wesen  der  Gravitation  ist  auch 
für  Newton  rätselhaft.  Das  Wesen,  das  An-sich-sein  einer  Er- 
scheinung jenseits  der  beschreibenden  Physik  prüfen  zu  wollen, 
weiter  noch  ein  Wort  durch  ein  Wort  erklären  zu  wollen,  das  ist 
absurd  ^).  Die  Naturkenntnisse,  sagt  auch  Kant,  sind  nur  so  weit 
Wissenschaft,  als  sie  sich  durch  Mathematik  ausdrücken  lassen. 
In  die  Mathematik  geht  aber  nur  die  Beschreibung,  das  Wie  ein. 
Die  Analyse  des  Weltbildes,  um  es  zusammenzufassen, 
ergibt  folgendes:  „Meine  physischen  Befunde  kann  ich  in  derzeit 
nicht  weiter  zerlegbare  Elemente  auflösen:  Farben,  Töne,  Drücke, 
Wärmen,  Räume,  Zeiten  usw.  Diese  Elemente  zeigen  sich  so- 
wohl von  außerhalb  U*),  als  von  innerhalb  U  liegenden  Um- 
ständen abhängig.  Insofern  und  nur  insofern  letzteres  der 
Fall  ist,  nennen  wir  diese  Elemente  auch  Empfindungen. 
Da  mir  die  Empfindungen  der  Nachbarn ')  ebensowenig  unmittel- 
bar gegeben  sind,  als  ihnen  die  meinigen,  so  bin  ich  berechtigt, 
dieselben  Elemente,  in  welche  ich  das  Physische  aufgelöst 
habe,  auch  als  Elemente  des  Psychischen  anzusehen*)."  „Das 
Physische  und  das  Psychische  enthält^)  also  gemeinsame 
Elemente,  steht  also  keineswegs  in  dem  angenommenen 
schroffen  Gegensatze.  Dies  wird  noch  klarer,  wenn  sich  zeigen 
läßt,  daß  Erinnerungen,  Vorstellungen,  Gefühle,  Willen,  Begriffe 
sich  aus  zurückgelassenen  Spuren  von  Empfindungen  aufbauen  % 


^)  Die  Scholastik  befaßte  sich  noch  damit.  Bekannt  ist  das  Beispiel: 
Demandabo  causam  et  rationem  quare  Opium  facit  dormire?  Quia  est  in 
eo  virtus  dormitiva,  cuius  est  natura  sensus  assupire. 

')  Dabei  ist  U  die  räumliche  Umgrenzung  meines  Leibes. 

')  „Nachbarn'*  ist  kein  willkürliches  Verlassen  der  erkenntnistheoretischen 
Terminologie  „fremdes  Ich%  wie  die  Gegner  annahmen,  vielmehr  ist  hier  gar 
nichts  Erkenntnistheoretisches  gemeint,  sondern  das  natürliche  Verhältnis. 

*)  Nr.  133,  S.  8f. 

'')  Mach  sagt:  „enthält**  und  meidet  geflissentlich  die  erkenntnistheore- 
tische Benennung:  „sind**. 

*)  „Aufbauen**  ist  genetisch  und  erkenntnispsj^chologisch,  keineswegs 
aber  erkenntnistheoretisch  zu  verstehen. 


2.  Elementenlehre.  21 

mit  letzteren  also  keineswegs  unvergleichbar  sind.  Wenn  ich 
nun  die  Gesamtheit  meines  Psychischen  —  die  Empfindungen 
eingerechnet  —  mein  Ich  im  weitesten  Sinne  nenne  (im 
Gegensatz  zum  engeren  Ich^),  so  kann  ich  ja  in  diesem  Sinne 
sagen,  daß  mein  Ich  die  Welt  eingeschlossen  (als  Empfindung 
und  Vorstellung)  enthalte^).  Allein  die  Grenze,  die  Mach 
U  nannte,  bleibt  bei  diesem  Solipsismus  bestehen,  sie  geht 
durch  das  erweiterte  Ich  mitten  hindurch.  Natürlich  ist  das  keine 
haltbare  philosophische  Stellung,  da  wir  ohne  Beachtung  der 
Grenze  sowie  der  Analogie  unseres  Ich  mit  den  fremden  Ich 
gar  nicht  zu  ihr  gelangt  wären').  „Wer  also  sagt,  daß  die 
Grenzen  des  Ich  für  die  Erkenntnis  unüberschreitbar  seien, 
meint  das  erweiterte  Ich,  welches  die  Anerkennung  der  Welt 
und  der  fremden  Ich  schon  enthält*)." 

Mach  leugnet,  daß  wir  mit  absoluten  Begriffen  eine  Welt 
atifbauen  können,  vielmehr  sind  wir  nur  imstande  das  gegebene 
Weltbild  zu  analysieren;  an  unseren  Begriffen  können  wir  nicht 
heraufklettem,  sondern  die  Analyse  ist  das  einzig  Mögliche^). 
Machs  Philosophie  stellt  sich  also  dar  als  eine  analytische  Reihe, 
an  deren  Anfang  sich  das  natürliche  Weltbild  befindet,  und 
dessen  offenes  Ende  die  funktionalen  Elemente  bilden.  Diese 
sind  nichts  Fertiges,  ebensowenig  wie  die  Elemente  der  Alchimie 
oder  der  heutigen  Chemie^),  sondern  in  Zukunft  kann  die  For- 
schung sie  weiter  vereinfachen  und  damit  das  offene  Ende  der 
analytischen  Reihe  weiter  hinausschieben:  „Die  Komplexe  zer- 
fallen in  Elemente,  d.  h.  in  letzte  Bestandteile,  die  wir  bisher 
nicht  weiter  zerlegen  konnten.  Die  Natur  dieser  Elemente  bleibe 
dahingestellt,  dieselbe  kann  durch  künftige  Untersuchungen  weiter 
aufgeklärt  werden^)." 

Die  Einwendungen,  die  man  dagegen  anführen  kann,  erhebt 
Mach  nun  gegen  sich  selbst:  „Wenn  die  Welt  durch  Abstrak- 

^)  Engeres  Ich  ist  „die  Gesamtheit  des  nur  ,eineni^  umittelbar  Ge- 
gebenen**. 

«)  Nr.  133,  S.  9. 
•)  Nr.  133,  S.  9. 
*)  Nr.  133,  S.  9. 
*)  Nr.  120,  S.  237. 
•)  Nr.  133,  S.  12. 
')  Nr.  91,  S.  4:. 


\ 


22  Philosophischer  Teil. 

tionen  zersägt  und  zerschnitten  ist,  so  erscheinen  diese  Teil- 
stücke so  luftig  und  so  wenig  massig,  daß  Zweifel  auftreten,  ob 
sich  die  Welt  aus  denselben  wieder  zusammenleimen  lassen  wird. 
Man  fragt  auch  wohl  gelegentlich  humoristisch-ironisch,  ob  so 
eine  Empfindung  oder  Vorstellung,  die  keinem  Ich  angehört, 
allein  in  der  Welt  spazieren  gehen  könnte?  So  waren  ja  auch 
die  Mathematiker,  nachdem  sie  die  Welt  in  Differentiale  zerteilt 
hatten,  ein  wenig  in  Angst,  ob  sie  die  Welt  aus  solchen  Nichtsen 
wieder  ohne  Schaden  würden  zusammenintegrieren  können.  Ich 
möchte  auf  obige  Frage  antworten:  Gewiß  wird  eine  Empfindung 
nur  in  einem  Komplex  auftreten,  daß  dieser  aber  immer  ein 
volles,  waches,  menschliches  Ich  sei  —  es  gibt  ja  auch  Traum- 
bewußtsein, ein  hypnotisches,  ein  ekstatisches,  ein  tierisches  Be- 
wußtsein verschiedener  Grade  —  möchte  ich  in  Zweifel  ziehen . . . 
es  existiert  nichts  isoliert.  Die  Empfindung,  kann  man  in  des 
Zynikers  Demonax  Redeweise  sagen,  existiert  so  wenig  allein, 
als  irgend  etwas  anderes  0«^^ 

Noch  einen  anderen  Einwand  nimmt  Mach  vorweg:  „Manchen 
Lesern  erscheint  die  Welt  in  «meiner  Auffassung  als  ein  Chaos, 
ein  unentwirrbares  Gewebe  von  Elementen.  Sie  vermissen  die 
leitenden  einheitlichen  Gesichtspunkte.  Dies  beruht  aber  auf 
einem  Verkennen  der  Aufgabe  meiner  Schrift.  Alle  wertvollen 
Gesichtspunkte  der  SpezialWissenschaften  und  der  philosophischen 
Weltbetrachtung  bleiben  weiter  verwendbar  und  werden  auch 
von  mir  verwendet.  Die  scheinbar  destruktive  Tendenz  ist  ledig- 
lich gegen  überflüssige  und  deshalb  irreführende  Zutaten 
gerichtet*)." 

Zum  Schlüsse  wollen  wir  MACH  eine  Zukunftsperspektive 
zeichnen  lassen:  „Mit  welchen  Begriffen  wir  die  Welt  umfassen 
werden,  wenn  der  geschlossene  Ring  der  physikalischen  und 
psychologischen  Tatsachen  vor  uns  liegen  wird,  von  dem  wir 
gegenwärtig  nur  zwei  getrennte  Stücke  sehen,  läßt  sich  zu  An- 
fang der  Arbeit  natürlich  nicht  sagen.  Die  Männer  werden  sich 
finden,  die  das  Recht  erkennen  und  den  Mut  haben  werden,  statt 
die  verschlungenen  Pfade  des  logischen  historischen  Zerfalls 


»)  Nr.  131,  S.  452. 
•)  Nr.  91,  S.297f. 


3.  Das  Ich.  23 

nachzuwandeln,  die  geraden  Wege  zu  den  Höhen  einzuschlagen, 
von  welchen  aus  der  ganze  Strom  der  Tatsachen  sich  über- 
schauen läfit.  Ob  dann  der  Begriff,  den  wir  heute  Materie 
nennen,  über  den  gewöhnlichen  Hausgebrauch  hinaus  noch  eine 
wissenschaftliche  Bedeutung  haben  wird,  wissen  wir  nicht.  Ge- 
wiß wird  man  sich  aber  wundem,  wie  uns  Farben  und  Töne, 
die  uns  doch  am  nächsten  liegen,  in  unserer  physikalischen  Welt 
von  Atomen  plötzlich  abhanden  kommen  konnten,  daß  das,  was 
da  draußen  so  trocken  klappert  und  pocht,  drinnen  im  Kopfe 
leuchtet  und  singt,  wie  wir  fragen  konnten,  wieso  die  Materie 
empfinden  kann,  d.  h.  also  wieso  ein  Gedankenspmbol  für  eine 
Gruppe  von  Empfindungen  empfindet  ^).^^ 

Man  suche  also  hinter  dem  Element  nichts  anderes  als  eine 
Funktion '),  hinter  dem  Komplex  nur  eine  RiEMANNsche  Mannig- 
faltigkeit. 

3.  Das  Ich. 

Kant  sagt  einmal,  es  scheine,  als  ob  wir  im  Bewußtsein 
unserer  selbst  durch  unmittelbare  Anschauung  etwas  Substan- 
tiales  und  Beharrliches  haben.  Das  wäre  also  das  absolute  Sub- 
jekt oder,  wie  Rickert  sagt,  das  erkenntnistheoretische  Sub- 
jekt. Allein  dem  ist  nicht  so,  meint  Kant  weiter,  denn  die  Be- 
stimmungen sind  gänzlich  leer  und  ohne  alle  Folgen;  die  Be- 
harrlichkeit muß  deshalb  erst  bewiesen  werden.  Ich  führe  das 
an,  weil  gerade  die  Kantianer  Mach  vorwarfen,  bei  dem  ewigen 
Fluß,  den  er  lehre,  könne  er  überhaupt  nichts  feststellen.  Kant 
fährt  fort:  der  Nachweis  der  Beharrlichkeit  der  Seele  als  Sub- 
stantialität  ist  nur  zum  Behuf  möglicher  Erfahrung,  nicht  von 
ihr  als  einem  Ding  an  sich  durchführbar'). 

Kants  Beweis  ^)  stützt  sich  auf  eine  absolute  Zeitauffassung, 

»)  Nr.  120,  S.241f. 

*i  Frege  (Was  ist  eine  Funktion?  BoLTZMANN-Festschrift,  83.  Abhand- 
lung) bezeichnet  nicht  die  abhängig  Veränderliche,  sondern  die  Art  der 
Abhängigkeit  selbst  als  Punktion.  Diese  Auffassung  entspricht  derjenigen 
Machs  noch  besser  als  die  altere  Formulierung. 

")  Kant,  Prolegomena  zu  einer  jeden  künftigen  Metaphysik.  §  46—49. 

«)  Kant,  Kritik  der  reinen  Vernunft  1.  Aufl.,  S.  182ff.;  2.  Aufl.,  S.  244ff. 
^  Vgl.  auch  ebenda:  „Die  Widerlegung  des  MENDELSSOHNschen  Beweises 
der  Beharrlichkeit  der  Seele.^ 


24  Philosophischer  Teil. 

die  man  —  und  Mach  zuallererst  —  miBbilligen  muß,  femer  auf 
den  apriorischen  Grundsatz  von  der  Beharrlichkeit  der  Substanz. 
Als  naturwissenschaftlicher  Satz,  also  als  Satz  von  der  Erhaltung 
der  Masse  ist  er  bei  KANT  falsch  formuliert,  auch  sein  Beispiel 
(Verbrennung)  stimmt  nicht.  Man  wird  ihm  das  den  damaligen 
chemischen  Kenntnissen  entsprechend  nicht  übelnehmen.  Heute 
aber  ist  jede  Folgerung  daraus  auf  die  Seele,  auch  wenn  sie 
philosophisch  noch  so  sehr  verbrämt  wird,  unbedingt  abzulehnen. 
Der  Erhaltungssatz  der  Masse  ist  auch  nicht  a  priori  gültig, 
sondern  er  besitzt  nur  eine  praktische  spezialwissenschaftliche 
Gültigkeit,  weil  die  tatsächlichen  Abweichungen,  wie  Landolt  ^) 
in  überaus  subtilen  Messungen  nachwies,  die  Versuchsfehler  nicht 
wesentlich  überschreiten.  Unerkennbare  „Substrate"  —  mehr  als 
ein  leeres  Wort  ist  das  nicht  —  können  die  Situation  auch  nicht 
retten.  Trotzdem  will  KANT  das  absolute  Bewußtsein  des  Ich, 
das  allen  Inhaltes  bar  ist,  als  „Form"  oder  absolute  Setzung, 
als  Träger  der  Eigenschaften  beibehalten.  Das  ist  eine  über- 
flüssige und  irreführende  Zutat,  die  Mach  ausmerzt. 

Mach  definiert  nämlich  folgendermaßen:  Das  Ich  ist  eine 
ideelle  denkökonomische  Einheit  von  lediglich  praktischer 
Bedeutung.  Dabei  hängen  die  Bewußtseinselemente  eines  Indi- 
viduums untereinander  stark,  mit  denen  fremder  schwach  zu- 
sammen; das  Ich  ist  daher  keine  scharf  begrenzte  Einheit.  An 
diese  Definition  hat  man  sich  zu  halten. 

Wir  sind  außerdem  bereits  zwei  Ichbegriffen  bei  Mach  be- 
gegnet, die  aber  nur  als  historische  und  genetische  Stufen  zur 
sachlichen  Orientierung  und  allgemeinen  Umschau,  nicht  als 
letztes  Ergebnis  der  MACHschen  Philosophie  entwickelt  werden. 
Sie  lauten: 

1.  „Die  Gesamtheit  des  nur  einem  unmittelbar  Gegebenen 
(engeres  Ich).'* 

2.  „Die  Gesamtheit  meines  Psychischen  —  die  Empfindungen 
eingerechnet  —  (Ich  im  weitesten  Sinne)".  Das  wäre  der 
Solipsismus. 

An  einer  einzigen  Stelle  redet  Mach  femer  in  übertragenem 

^)  H.  Landolt,  Ober  die  Erhaltung  der  Masse  bei  chemischen  Um- 
setzungen. Berlin  1910.  Akademie  der  Wissenschaften.  Ebenda  weitere 
Literatur. 


3.  Das  Ich.  25 

Sinne,  [dzQ  gewisse  Ideen  von  Erfindern,  Künstlern,  Forschem, 
Sozialreformatoren  usw.  nach  ihrem  Tode  ein  unpersönliches, 
überpersOnliches  Leben  führen').  Die  Kritik  hat  ihn  daraufhin 
als  Metaphpsiker  festgenagelt.  Will  man  ihm  diese  poetische 
Lizenz  nicht  gestatten,  so  muß  man  sich  doch  bewußt  bleiben, 
damit  nicht  Machs  philosophischen  Kern,  sondern  eine  ver- 
einzelte Entgleisung  widerlegt  zu  haben.  Mach  wird  die  Stelle 
gewiß  präzisieren*). 

Das  engere  Ich  entspricht  dem  natürlichen  Weltbild  nicht, 
auch  das  weitere  solipsistische  Ich  lehnt  Mach  ab,  und  zwar 
ebenso  wie  die  Fachphilosophie  aus  praktischen  Gründen:  „Pro- 
fessor X,  welcher  theoretisch  Solipsist  zu  sein  glaubt,  ist  es 
praktisch  gewiß  nicht,  sobald  er  dem  Minister  für  einen  erhaltenen 
Orden  dankt  oder  seinem  Auditorium  eine  Voriesung  hält').^^ 

Die  ausschließliche  Bedeutung  des  Ich  bei  Mach  ist  die  als 
ideelle  denkökonomische  Einheit,  als  Komplex  der  Empfindungen, 
die  wir  aus  praktischen  Gründen  „Ich^^  nennen:  „Die  Komplexe 
von  Farben,  Tönen  usw.,  welche  man  gewöhnlich  Körper  nennt, 
bezeichnen  wir  der  Deutlichkeit  wegen  mit  ABC  . . .,  den  Kom- 
plex, der  unser  Leib  heißt,  und  der  ein  durch  Besonder- 
heiten ausgezeichneter  Teil  der  ersteren  ist,  nennen  wir 
KLM . . .;  den  Komplex  von  Willen,  Erinnerungsbildern  usw. 
stellen  wir  durch  aßy  . . .  dar.  Gewöhnlich  wird  nun  der  Kom- 
plex aßY  . . .  KLM  ...  als  Ich  dem  Komplex  ABC  ...  als 
Körperwelt  gegenübergestellt;  zuweilen  wird  auch  aßy . . .  als 
Ich,  KLM  . . .  ABC  . . .  als  Körperwelt  zusammengefaßt.  Zu- 
nächst erscheint  ABC  . . .  als  unabhängig  vom  Ich  und  diesem 
selbständig  gegenüberstehend^).^^  Diese  Unabhängigkeit  ist  je- 
doch nur  relativ:  „Genau  genommen  zeigt  sich  aber,  daß  ABC . . . 
immer  durch  KLM  . . .  mitbestimmt  ist.  Ein  Würfel  wird,  wenn 
er  nahe,  groß,  wenn  er  fem,  klein,  mit  dem  rechten  Auge  anders 


»)  Nr.  91,  S.  19f. 

*)  Im  selben  Sinne  wurden  mißverstanden  die  Stellen:  Nr.  91,  S.  20, 
^unrettbar^  und  individuelle  Unsterblichkeif';  S.  290  letzte  Zeile  bis  291 
die  ersten  beiden  Zeilen  „nichts  zu  achten^  und  „aufzulösen'^  Mach  wird 
diese  Stellen  gewiß  ändern. 

•)  Nr.  91,  S.  30. 

*)  Nr.  91,  S.  7. 


26  Philosophischer  Teil. 

als  mit  dem  linken,  gelegentlich  doppelt,  bei  geschlossenen 
Augen  gar  nicht  gesehen  ^)/'  Alles,  was  man  sagen  kann,  ist  also, 
daß  verschiedene  ABC  . .  •  an  verschiedene  KLM  . . .  gebunden 
sind.    Ding  und  Ich  sind  praktische  Symbole  der  gleichen  Art 

„Wer  aber  zum  Schluß  der  Untersuchung  im  Hinter- 
grund doch  wieder  ein  beachtendes  und  handelndes 
Subjekt  braucht,  der  bemerkt  nicht,  daß  er  sich  die 
ganze  Mühe  der  Untersuchung  hätte  ersparen  können,^ 
denn  er  ist  beim  Ausgangspunkte  derselben  wieder  an- 
gelangt. Die  ganze  Situation  erinnert  lebhaft  an  die  Geschichte 
von  dem  Landwirt,  der  sich  die  Dampfmaschinen  einer  Fabrik 
erklären  ließ,  um  schließlich  nach  den  Pferden  zu  fragen,  durch 
welche  die  Maschinen  getrieben  würden ...  In  neuester  Zeit  fängt 
man  an,  sich  mit  einer  „Psychologie  ohne  Seele"  zu  be- 
freunden *)." 

Genetisch  werden  oft  diejenigen  Elemente,  von  ABC..., 
welche  aßy . . .  stärker  alterieren,  wie  ein  Stich,  ein  Schmerz, 
mit  dem  Ich  zusammengefaßt.  Die  Abgrenzung  ist  verschieb- 
bar: in  der  Depression  ist  das  Ich  eingeschrumpft,  in  der  Be- 
geisterung erweitert'). 

„Fragen  wir:  ,wer  hat  diesen  Zusammenhang  der  Empfin- 
dungen, wer  empfindet?*  so  unterliegen  wir  der  alten  Gewohn- 
heit, jedes  Element  (jede  Empfindung)  einem  unanalpsierten 
Komplex  einzuordnen,  wir  sinken  damit  unvermerkt  auf  einen 
älteren,  tieferen  und  beschränkteren  Standpunkt  zurück.  Man 
weist  wohl  oft  darauf  hin,  daß  ein  psychisches  Eriebnis,  welches 
nicht  das  Erlebnis  eines  t)estimmten  Subjektes  wäre,  nicht  denk- 
bar sei.  Man  könnte  ebensogut  sagen,  daß  ein  physikalischer 
Vorgang,  der  nicht  in  irgend  einer  Umgebung  stattfindet,  nicht 
denkbar  sei.  Von  dieser  Umgebung  zu  abstrahieren,  muß  uns 
hier  wie  dort  eriautrt  sein,  um  die  Untersuchung  zu  beginnen  ^).^ 
O.  Ewalds  Auffassung  *),  die  Totalität  läge  bei  Mach  auf  der 
Objektseite,  ist  deshalb  nicht  gerechtfertigt;  im  Gegenteil  wehrt 

»)  Nr.  91,  S.  7. 

«)  Nr.  133,  S.  Uf. 

•)  Nr.  91,  S.  10. 

*)  Nr.  91,  S.  20. 

*)  O.  Ewald  (PriedlAnder),  Richard  Avenarius.  Berlin  1905.  S.  TS. 


3.  Das  Ich.  27 

dieser  sich,  daß  die  Welt  durch  Extrajektion  als  absolutes 
Sein  noch  einmal  aus  den  Bewußtseinsphänomenen  in  die  Außen- 
welt projiziert  werde. 

,,lch  empfinde  Grün,  will  sagen,  daß  das  Element  Grün  in 
einem  gewissen  Komplex  von  anderen  Elementen  (Empfindungen, 
Erinnerungen)  vorkommt.  Wenn  ich  aufhöre  Grün  zu  emp- 
finden, wenn  ich  sterbe,  so  kommen  die  Elemente  nicht  mehr  in 
der  gewohnten  geläufigen  Gesellschaft  vor.  Damit  ist  alles 
gesagt.  Nur  eine  ideelle  denkökonomische,  keine  reelle  Einheit 
hat  aufgehört  zu  bestehen  ^).^ 

Die  Problemstellung  wird  falsch,  wenn  man  die  Empfin- 
dungen, etwa  die  eines  großen  Raumes,  räumlich  in  das  Hirn 
hineindenkt.  Nach  Mach  teilt  vielmehr  der  „Kopf^  mit  ihnen 
das  räumliche  Feld.  Hierin  fußt  Mach  in  den  Lehren  von 
Johannes  Müller  und  Hering.  Dieser  sagt:  „Der  Stoff,  aus 
welchen  die  Sehdinge  bestehen,  sind  die  Gesichtsempfindungen. 
Die  untergehende  Sonne  ist  als  Sehding  eine  flache,  kreisförmige 
Scheibe,  welche  aus  Gelbrot,  also  aus  einer  Gesichtsempfindung 
besteht.  Wir  können  sie  daher  geradezu  als  eine  kreisförmige, 
gelbrote  Empfindung  bezeichnen.  Diese  Empfindung  haben 
wir  da,  wo  uns  eben  die  Sonne  erscheint*)." 

Auf  diese  Weise  findet  auch  Mach  keine  „Kluft  zwischen 
Körpern  und  Empfindungen,  zwischen  außen  und  innen,  zwischen 
der  materiellen  und  geistigen  Welt.  Alle  Elemente  ABC...KLM... 
bilden  nur  eine  zusammenhängende  Masse,  welche  an  jedem 
Elemente  angefaßt,  ganz  in  Bewegung  gerät,  nur  daß  eine 
Störung  bei  KLM.*.  viel  weiter  und  tiefer  greift,  als  bei 
ABC...')**.  Bei  Physischem  und  Psychischem  ist  nicht  der 
Stoff,  sondern  nur  die  Untersuchungsrichtung  verschieden.  Eine 
Farbe  z.  B.  ist  physikalisches  Objekt,  wenn  wir  die  Abhängig- 
keit von  der  beleuchtenden  Lichtquelle  berücksichtigen;  sie  wird 
physiologisches  Objekt,  wenn  wir  auf  die  Abhängigkeit  von  der 
Netzbaut  achten;  psychologisch  ist  der  Vorgang  endlich,  wenn 
wir  die  Entfernung  schätzen^). 

»)  Nr.  91,  S.  19. 

^  Hermann,  Handbuch  der  Philosophie.  III,  S.  345. 

•)  Nr.  91,  S,  13. 

*)  Nr.  91,  S.  14. 


28  Philosophischer  Teil. 

Will  man  das  Ich  als  eine  reale  Einheit  auffassen,  so  muß 
man  ihm  eine  unerkennbare  Welt  entgegenstellen  und  kommt 
nie  aus  dem  Dilemma  heraus^).  Bewußtsein  und  Apperzeption, 
wie  Kant  es  tut,  gleichzusetzen,  geht  nach  Mach  nicht  an. 

Man  wird  einwenden,  der  Zerfall  der  Komplexe  in  Elemente 
sei  ein  Abstraktionsprozeß.  Das  gibt  MACH  zu,  gemäß  seiner 
Auffassung  vom  Begriff  kann  ihn  das  aber  nicht  weiter  stören. 

Die  fremdea  Ich. 

In  Machs  Weltbild  sind  die  fremden  Ich  bereits  enthalten, 
nun  trifft  er  ergänzende  Bestimmungen.  Die  Analogiesdilfisse 
auf  fremde  Ich  dürfen  wir  machen,  da  die  gleiche  Analogie  ja 
zur  Ergründung  des  eigenen  Ich  dient*). 

Die  wesentliche  Fassung  ist  aber  auch  hier  eine  funktionale: 
„Die  Vorstellungen  a  ß'y' . . .  von  dem  Bewußtseinsinhalt  unserer 
Mitmenschen  spielen  für  uns  die  Rolle  von  Zwischensub- 
stitutionen, durch  welche  uns  das  Verhalten  der  Mitmenschen, 
die  Funktionalbeziehungen  K'L'M'  zu  ABC,  soweit  dasselbe 
für  sich  allein  (physikalisch)  unaufgeklärt  bliebe,  verständlich 
wird^).  Daß  ein  Gegenstand,  den  ich  wahrnehme,  auch  von 
anderen  gesehen  werden  kann,  ist  klar.  Das  besagt  aber  doch 
nicht  mehr,  als  daß  ähnlicheGleichungen,  wie  dieselben  zwischen 
den  enger  zusammenhängenden  Elementen  bestehen,  welche  mein 
Ich  I  darstellen,  auch  zwischen  den  Elementen  anderer  Ich 
rrr'...,  deren  Vorstellung  mein  Weltverständnis  erleichtert, 
stattfinden,  und  daß  femer  solche  die  Elemente  YV'Y"...  um- 
fassende Gleichungen  bestehen  ^).  Die  Bewußtseinsinhalte  anderer 
Menschen  sind  mir  nicht  unmittelbar  gegeben,  ich  denke  sie 
kausal  oder  funktional  hinzu,  aber  nicht  räumlich  an  das  beob- 
achtete oder  vorgestellte  Menschenhirn  gebunden^). 

Mach  erhebt  auch  hier  gleich  einen  Einwand  gegen  sich: 
„Sieht  jemand  blau  und  ein  anderer  eine  Kugel,  so  kann 
daraus  allerdings  kein  Urteil  resultieren:  die  Kugel  ist  blau.  Es 


*)  Nr.  91,  S.  23. 
•)  Nr.  133,  S.  12. 
•)  Nr.  91,  S.  29. 
*)  Nr.  121,  S.  424. 
*)  Nr.  91,  S.22. 


4.  Die  Substanz.  29 

fehlt  hierzu  die  ,synthetische  Einheit  der  Apperzeption^  mit 
welchem  schönen  Wort  man  diese  triviale  Tatsache  bezeichnet  ')• 
Beide  Vorstellungen  müssen  eben  in  Reaktionsnähe  kommen, 
ganz  ähnlidi  wie  die  Körper  im  Gebiete  der  Phpsik.  Das  Ich 
ist  kein  Topf,  in  welchen  das  Blau  und  die  Kugel  nur  hinein- 
zufallen brauchen,  damit  ein  Urteil  resultiere.  Das  Ich  ist  mehr 
als  eine  bloße  Einheit,  und  schon  gar  nicht  eine  HERBARTsche 
Einfachheit.  Dieselben  räumlichen  Elemente,  welche  sich  zur 
Kugel  schließen,  müssen  blau  sein,  und  das  Blau  muß  von  den 
Orten  auch  verschieden,  auch  als  trennbar  erkannt  werden,  damit 
ein  Urteil  möglich  sei.  Das  Ich  ist  ein  psychischer  Organismus, 
dem  ein  physischer  entspricht.  Es  ist  doch  schwer  zu  glauben, 
daß  dies  ewig  ein  Problem  bleiben  müßte,  daß  Psychologie 
und  Physiologie  zusammen  nichts  mehr  aufklären  könnten ').^^ 
Diese  Auffassung  ist  ein  völliger  Bruch  mit  allen  erkenntnis- 
theoretischen Anschauungen,  vornehmlich  auch  mit  denen  MiLLs. 


4.  Die  Substanz. 

Derselben  Auflösung  wie  das  Ich  verfällt  bei  Mach  auch 
die  Substanz:  „Das  Ding,  der  Körper,  die  Materie  ist  nichts 
außer  dem  Zusammenhang  der  Elemente,  der  Farben,  der 
Töne  usw.,  außer  den  sogenannten  Merkmalen')."  Als  wesent- 
lichstes Argument  führt  MACH  an:  „Weil  man  jeden  Bestandteil 
einzeln  wegnehmen  kann,  ohne  daß  dies  Bild  aufhört  die  Ge- 
samtheit zu  repräsentieren  und  wieder  erkannt  zu  werden, 
meint  man,  man  könne  alle  wegnehmen,  und  es  bliebe  noch 
etwas  übrig.  So  entsteht  in  natürlicher  Weise  der  anfangs  im- 
ponierende, später  aber  als  ungeheuerlich  erkannte  philosophische 
Gedanke  eines  (von  seiner  ,Erscheinung*  verschiedenen  unerkenn- 
baren) Dinges  an  sich*)." 

Der  Laie  stellt  sich  unter  Substanz  oder  Materie  ein  dunkles 
Etwas  vor,  das  nicht  verloren  gehen  könne  und  ein  bestimmtes 


')  Anmerkung  Machs:  „Wie  nun  gar  hieraus  die  Unveränderlich- 
keit  des  Ich  folgen  soll,  ist  mir  unerfindlich.^ 
«)  Nr.  133,  S.  453f. 
«)  Nr.  91,  S.  5. 
*)  Nr.  91,  S.  5. 


30  Philosophischer  Teil. 

Gewicht  besitzt.  Er  vergißt,  daß  das  Gewicht  etwas  Relatives 
ist,  daß  ein  Körper  an  der  Meeresoberfläche  stärker  vom  Erd- 
mittelpunkt angezogen  wird,  als  wenn  er  sich  auf  den  Höhen 
des  Montblanc  befindet.  Das  Relative,  das  Funktionale  geht 
noch  besser  aus  folgendem  Beispiel  hervor:  an  sich  und  absolut 
wiegt  die  Erde  nichts.  Ihr  Gewicht  ist  nur  die  Funktion  der 
Anziehung  durch  andere  Gestirne.  Läßt  man  dieses  fort,  so 
wiegt  die  Erde  überhaupt  nichts.  Sie  wöge  nur  etwas,  wenn 
man  die  einzelnen  Erdstückchen  nacheinander  an  die  Erdober- 
fläche brächte,  und  dort  die  Messungen  vornähme,  so  daß  die 
Gravitation  auf  die  jeweiligen  Teilchen  wirken  könnte. 

Dem  Physiker  sagt  MACH:  „Erscheinen  dem  Physiker  die 
Körper  als  das  Bleibende,  Wirkliche,  die  ,Elemente^  hingegen 
als  ihr  flüchtiger  vorübergehender  Schein,  so  beachtet  er  nicht, 
daß  alle  , Körper^  nur  Gedankensymbole  für  Elementenkomplexe 
sind  V' 

Der  kritisch  geläuterte  Substanzbegriff  Machs  ist  ein  Bündel 
gesetzmäßig  zusammenhängender  Reaktionen,  wobei  der  gesetz- 
mäßige Zusammenhang  der  Reaktionen  allein  das  Beständige 
ist  ^).  Aus  diesem  Grunde  empfiehlt  sich  auch  bei  der  Substanz 
die  mathematisch-funktionale  Formulierung:  „Könnte  man  sämt- 
liche sinnliche  Elemente  messen,  so  würde  man  sagen,  der 
Körper  besteht  in  der  Erfüllung  gewisser  Gleichungen, 
welche  zwischen  den  sinnlichen  Elementen  statthaben.  Auch  wo 
man  nicht  messen  kann,  mag  der  Ausdruck  als  ein  symbo- 
lischer festgehalten  werden.  Diese  Gleichungen  oder  Be- 
ziehungen sind  also  das  eigentlich  Beständige')."^  Andere 
Termini  dürften  den  Sachverhalt  nicht  besser  ausdrücken^),  für 
den  Naturforscher  genügt  die  gegebene  Fassung  jedenfalls*), 
doch  kommt  auf  den  Ausdruck  wenig  an.  Mach  räumt  sogar 
ein,  man  möge  die  Gleichungen  als  Ausdruck  von  Realitäten  als 
Noumena  den   sinnlichen  Elementen  gegenüberstellen*).    Der 


»)  Nr.  91,  S.  23. 
«)  Nr.  133,  S.  146. 
•)  Nr.  121,  S.  424. 
*)  Nr.  121,  S.  424f. 
*)  Nr.  121,  S.  424f. 
«)  Nr.  121,  S.  424f. 


4.  Die  Substanz.  31 

Physiker  und  Naive  möge  ruhig  für  den  Hausgebrauch  den  alten 
Substanzbegriff  beibehalten. 

Einen  naheliegenden  Einwand  stellt  Mach  sich  selbst:  Die 
Erhaltung  der  Masse  sei  ein  Nachweis  für  die  Beständigkeit  der 
Materie.  „Allein  dieser  Nachweis  verflüchtigt  sich,  wenn  wir 
auf  den  Grund  gehen,  in  eine  solche  Menge  von  instrumentalen 
und  intellektuellen  Operationen,  daß  er  gewissermaßen  nur  eine 
Gleichung  konstatiert,  welcher  unsere  Vorstellungen,  Tatsachen 
nachbildend,  zu  genügen  haben.  Den  dunkeln  Klumpen,  den 
wir  unwillkürlich  hinzudenken,  suchen  wir  vergeblich  außerhalb 
unseres  Denkens^)."  „Die  begriffliche  Reaktion,  durch  welche 
man  die  Frage  beantworten  wird,  ob  etwas  unter  den  Begriff 
Substanz  zu  subsumieren  sei,  wird  also  darin  bestehen,  daß 
man  einen  quantitativen  Abgang,  der  irgendwo  auftritt,  anderswo 
sucht  (einerlei  ob  durch  sinnliche,  muskuläre,  technische  oder 
intellektuelle,  mathematische  Operationen).  Findet  sich  jener 
Abgang,  so  entspricht  das  fragliche  Etwas  dem  Begriff  Sub- 
stanz'). „Dabei  bleibt  aber  für  den  Begriff  Materie  keine  andere 
Funktion  übrig,  als  jene,  die  beständige  Beziehung  der 
Einzeleigenschaften  darzustellen').  Das  Bleibende,  Sub- 
stantielle ist  also  die  Beziehung  zwischen  Bedingung  und 
Bedingtem,  die  Gleichung*). 

Der  positive  Teil  der  Darlegungen  besteht  auch  hier  darin, 
daß  Mach  zeigt,  wie  der  Mensch  sich  daran  gewöhnt,  „alle 
Eigenschaften  des  Körpers  als  von  bleibenden  Kernen  aus- 
gehende, durch  Vermitllung  des  Leibes  dem  Ich  beigebrachte 
,Wirkungen*,  die  wir  Empfindungen  nennen,  anzusehen*)." 
Das  heißt  aber:  der  philosophische  Begriff  der  Materie  entsteht 
dadurch,  daß  man  den  haptischen  Eigenschaften  eine  größere 
logische  Kraft  zuschreibt  als  den  übrigen. 

Ein  Beispiel  einer  speziellen  Materie  verdeutliche  das.  Soll 
Mach  Aussagen  machen  über  ein  Gebäude,  so  wird  er  sich 
auf  die  Funktionalbeziehungen  beschränken  und  die  Kontinuität 

»)  Nr.  120,  S.  231  f. 

•)  Nr.  121,  S,  426. 

•)  Nr.  121,  S.  427. 

*)  Nr.  121,  S.  431. 

»)  Nr.  91,  S.9f. 


32  Philosophischer  Teil. 

des  Weltgeschehens  betonen.  Denn  wann  ein  Gebäude  bereits 
eine  Ruine  geworden,  wann  aber  noch  nicht,  das  ist  je  nach 
dem  Standpunkte  des  Architekten,  des  Bewohners,  des  Karto- 
graphen eine  Frage  der  praktischen  Konvention.  Das  Volk  redet 
noch  vom  Römerwall,  wenn  kein  einziger  Stein  mehr  vorhanden 
ist,  wie  manche  Namengebung  beweist.  Durch  diese  Kontinuität 
entgeht  Mach  auch  in  der  Deszendenzlehre  allen  Schein- 
problemen, so  den  begrifflichen  Zerhackungen,  ob  ein  Glied 
noch  Flügel  sei  oder  schon  Arm. 
P  Rein  sensualistisch  faßt  er  die  Materie  niemals  auf,  auch  die 
MiLLschen  Möglichkeiten  bleiben  ausgeschaltet.  MiLL  glaubt^), 
an  die  Ufer  des  Hooglp  versetzt,  würde  er  die  Sensationen 
haben,  die  er  Kalkutta  benennt.  In  seiner  Abwesenheit  sei  Kal- 
kutta ihm  eine  abwesende  permanente  Möglichkeit  der  Empfin- 
dung. Mach  dagegen  faßt  die  Existenzfrage  von  einem  anderen 
Gesichtspunkte  an.  Er  würde  etwa  Luzem  in  der  Julisonne 
nehmen,  den  Fremdenverkehr,  Produkte  des  Marktes,  einlaufende 
Schiffe  und  Züge,  Umbauten  usw.,  kurz,  die  realen  Elemente 
betonen  und  dagegen  wieder  das  einsame  Luzem  im  Wintemebel 
halten.  Geologisch  und  geographisch  wiese  er  hin  auf  die  eis- 
zeitlichen, tropischen,  submarinen  Wandlungen  an  der  Hand  der 
Dokumente  des  Gletschergartens;  dann  würde  er  die  Erosion 
und  den  Zerfall  darlegen.  Auf  diese  Weise  ist  Luzem  nicht 
zweimal  gegeben,  das  eine  Mal  als  pulsierendes  Leben,  dem  ich 
beiwohne,  das  andere  Mal  als  starres  Sein  in  meiner  Abwesen- 
heit, sondem  es  ist  nur  einmal  da  und  immer  auf  dieselbe  Art. 
Ergänzende  Bestimmungen  ergibt  die  Phpsik,  die  Psychologie 
und  der  Gesichtspunkt  des  praktischen  Lebens,  denn  schließlich 
gibt  es  auch  noch  andere  Standpunkte  als  die  Philosophie. 

5.  Schein  und  Wirklichkeit. 

Da  es  eine  objektive  Wirklichkeit  an  sich  für  Mach  nicht 
gibt,  muß  er  den  Unterschied  zwischen  Sein  und  Schein  aufheben. 
Das  tut  er  denn  auch:  „Ein  naiver  Subjektivismus,  der  die  ab- 
weichenden Funde  derselben  Person  unter  wechselnden  Umständen 
und  jene  verschiedener  Personen  als  verschiedene  Fälle  von 

*)  J.  St.  Mill,  Examlnation  of  Sir  W.Hamiltons  Philosoph^.    S.  235. 


5.  Schein  und  Wirklichkeit  33 

Schein  auffaßte  und  einer  vermeintlichen  gleichbleibenden  Wirk- 
lichkeit entgegenstellt,  ist  jetzt  nicht  mehr  zulässig.  Denn  nur 
auf  die  volle  Kenntnis  sämtlicher  Bedingungen  eines  Befundes 
kommt  es  uns  an;  nur  diese  hat  für  uns  praktisches  und  theo- 
retisches Interesse  *)." 

Bei  der  Feststellung  der  physischen  Befunde  unterliegen  wir 
mancherlei  Irrtümern  und  Täuschungen.  ,,Ein  schief  ins  Wasser 
getauchter  Stab  wird  geknickt  gesehen,  und  der  Unerfahrene 
könnte  meinen,  er  werde  sich  auch  haptisch  als  geknickt  erweisen. 
Das  Luftbild  eines  Hohlspiegels  halten  wir  für  greifbar ').^^  Im 
einzelnen  habe  ich  die  MACHschen  Ansichten  gegen  die  Erkeilntnis- 
theoretiker  im  „Irrgarten  der  Erkenntnistheorie"  eingehend  ver- 
teidigt und  widmete  dort  den  hier  erwähnten  Beispielen  eitlen  so 
ausführlichen  Raum '),  daß  ich  mich  hier  darauf  beziehen  und  im 
folgenden  kurz  fassen  darf. 

Solche  Täuschungen  beruhen  darauf,  daß  wir  entweder  in 
Unkenntnis  sind  über  die  Umstände  des  Befundes,  oder  daß  wir 
falsche  Bedingungen  annehmen:  „Was  also  im  vulgären  Denken 
zur  Entgegenstellung  von  Schein  und  Wirklichkeit,  von  Erschei- 
nung und  Ding  führt,  ist  die  Verwechslung  von  Befunden 
unter  den  verschiedenen  Umständen  mit  den  Befunden  unter  ganz 

bestimmten  Umständen*)." 

Es  gibt  auch  keine  Sinnestäuschungen,  sondern  die  Sinne  zeigen 
weder  richtig  noch  falsch.  Das  betonten  schon  Aristoteles,  Au- 
gustinus, Leibniz,  Kant  ;  seit  Joh.  Müller,  Purkyne  und  Goethe 
ist  das  ein  unveräußerliches  Eigentum  der  Physiologie  geworden. 
Allein  bei  Mach  finden  wir  doch  etwas  Neues,  indem  er  eine  Kor- 
rektur der  Erkenntnistheorie  an  den  „Täuschungen^^  nicht  zuläßt. 
Auch  die  Frage,  ob  die  Welt  nur  ein  Traum  sei  oder  Wirklich- 
keit, hat  für  Mach  keinen  wissenschaftlichen  Sinn:  „Auch  der 
wüsteste  Traum  ist  eine  Tatsache  so  gut  als  jede  andere*)." 


*)  Nr.  133,  S.  8. 

«)  Nr.  133,  S.  9f, 

')  Hans  Henning,  Irrgarten  der  Erkenntnistheorie.  StraOburg  1912  (Bon- 
gard), S.  104fr.,  48r. 

*)  Nr.  133,  S.  9f. 

*)  Nr.  91,  S.  9;  vgl.  Hans  Henning,  Der  Traum  ein  assoziativer  Kurz- 
schluß.   Bergmann,  Wiesbaden  1914.    S.  52  f. 

Henning.  Ernst  Mach.  3 


34  Philosophischer  Teil. 

Man  muß  nur  stets  alle  Bedingungen  berücksichtigen:  ^Das 
einzig  Richtige,  was  man  von  den  Sinnesorganen  sagen  kann, 
ist,  daß  sie  unter  verschiedenen  Umständen  verschiedene 
Empfindungen  und  Wahrnehmungen  auslösen  .  .  .  Die 
ungewöhnlichen  pflegt  man  Täuschungen  zu  nennen  ^)/^  Darum 
ist  das  Sehen  des  Farbenblinden  oder  Farbanomalen  nicht  fehler- 
haft, hat  doch  das  Fehlen  einer  gewissen  Farbe  anderseits  den 
Vorteil  im  Gefolge,  daß  daffir  eine  größere  Anzahl  von  Hellig- 
keiten unterschieden  werden  kann,  als  das  dem  Normalen  mög- 
lich ist«  Das  Sehen  ist  eben  bloß  anders  und  anders  bedingt. 
Läßt  man  bei  physikalischen  Versuchen  einige  Bedingungen  fort, 
so  entsteht  ein  Beobachtungsfehler.  Damit  suchte  man  gegen 
Mach  zu  beweisen,  daß  die  Welt  anders  ist,  als  sie  scheint,  daß 
neben  dem  Schein  eine  objektive  Existenz  sich  beweisen  lasse. 
Nehmen  wir  ein  Beispiel :  Ein  Körper,  dessen  Siedepunkt  wir  be- 
stimmen, zeigt  eine  zu  hohe  Temperatur  während  des  Siedens, 
verglichen  mit  dem  Durchschnitt  der  früheren  Messungen.  Er 
siedet  nun  aber  nicht  falsch,  sondern  genau  so,  wie  wir  es  be^ 
obachten.  Der  Unterschied  kommt  auf  Kosten  eines  Fremdkörpers, 
und  dadurch  fand  man  das  Gesetz  der  Siedepunkterhöhung.  Die 
Kausalität  wird  hier  keineswegs  betrogen  oder  verschleiert,  son- 
dern wie  bei  jeder  mathematischen  Ableitung,  bei  jedem  Experiment 
kann  man  etwas  als  Hauptsache  hervorheben  und  idealisieren, 
alles  übrige  aber  als  Nebeneffekt  vernachlässigen.  So  muß  jedes 
Rechnen;[mit  dem  Unendlichen,  jede  Messung  von  einem  gewissen 
Reste]^absehen ;  natürlich  legt  man  sich  darüber  genaue  Rechen- 
schaft [ab  mittels  besonderer  Methoden^).  Was  wir  erreichen 
können,  Sist^nur,  daß  die  Zahl  oder  die  Formel  für  möglichst 
viele  Fälle  stimmt;  für  wie  viele,  das  ist  eine  praktische  Frage, 
die  vorher  durch  den  Limes  festgelegt  wird.  Wer  selbst  minu* 
tiöse  Messungen  gemacht  hat,  wer  die  unsägliche  Mühe  etwa 
der  internationalen  Atomgewichtskommission  kennt,  der  weiß,  daß 
darin  nur  Annäherungen  liegen.  Das  scheint  ja  dafür  zu  sprechen, 
daß  mit  den  Annäherungen  doch  ein  Absolutes  erfaßt  werden 
soll,  allein  jeder  Kenner  weiß,  daß  die  fraglichen  Zahlen  wie  die 

*)  Nr.  91,  S.  8. 

')  F.  Kohlrausch,  Lehrbuch  der  praktischen  Physik.  Leipzig  und  Berlin 
1905,  S.  1—32. 


5.  Schein  und  Wirklichkeit  35 

der  Atomgewichte  nur  relative  sind.  Gäbe  es  etwas  Absolutes, 
so  würden  sich  die  Autoren  der  Tabellenwerke  nicht  die  unend- 
liche Mühe  machen,  durch  Annäherungen,  Interpolationen  und 
Eliminationen  das  reine  Relative  festzustellen«  Beobachtungsfehler 
oder  für  den  Chemiker  „Verunreinigungen**  (auch  Gold  und  Platin 
kann  er  so  betiteln)  sind  unanalpsierte  Reste,  von  denen  er  will- 
kürlich absieht.  Ebenso  sieht  auch  der  Astronom  von  der  Strahlen- 
brechung ab. 

Und  so  zeigt  sich:  „Erkenntnis  und  Irrtum  flieSen  aus 
denselben  psychischen  Quellen;  nur  der  Erfolg  vermag 
beide  zu  scheiden.  Der  klar  erkannte  Irrtum  ist  als  Kor- 
rektiv ebenso  erkenntnisfördernd  wie  die  positive  Er- 
kenntnis^)." 

Kein  geringerer  als  Joseph  Lohschmidt  hat  deshalb  vor- 
geschlagen, ein  negatives  wissenschaftliches  Journal  zu  gründen, 
das  die  mißlungenen  Forscherexperimente  bringen  sollte.  Nicht 
nur  BOLTZMANN  allein  bedauerte,  daS  es  nicht  zustande  kam, 
eben  weil  der  Irrtum  keine  Null  ist. 

Ähnlich  wie  Goethe  und  Jon.  Müller  betont  Mach,  „daß 
es  dieselben  psychischen  Funktionen  nach  denselben 
Regeln  ablaufend  sind,  welche  einmal  zur  Erkenntnis, 
das  andere  Mal  zum  Irrtum  führen ')^\  Nun,  das  ist  dem 
Philosophen  nichts  Neues.  Allein,  wenn  Mach  fortfährt,  „daß 
nur  die  wiederholte  sorgfältige,  allseitige  Prüfung  uns  vor  letz- 
terem schützen  kann%  so  gilt  das  auch  für  die  Erkenntnistheorie, 
der  also  dann  keine  absoluten  Wahrheiten,  sondern  nur  angenäherte 
Ideale,  wie  jeder  Wissenschaft  zugänglich  sind.  Damit  ist  aber 
das  Wesen  der  Erkenntnistheorie  beseitigt;  sie  kann  sich  nur 
rehabilitieren,  wenn  sie  positive  absolute  Wahrheiten  aufzeigt. 

Der  Vorzug  der  MACHschen  Auffassung  gegenüber  der  bis- 
herigen besteht  darin,  daß  die  seinige  einheitlich  ist,  wie  das 
besonders  die  andernorts  ausgeführten  Beispiele  dartun,  während 
die  gegnerische  mit  verschiedenen  Begriffssystemen  operieren 
muß  und  dennoch  ein  und  dasselbe  Phänomen  nicht  einheitlich  er- 
fassen kann,  auch  mißverständlichen  Formulierungen  nicht  entgeht. 


^)  Nr.  133,  S.  114. 
«)  Nr.  133,  S.  123. 


36  Philosophischer  Teil. 

6.  Das  Kontinaum. 

Da  Mach  die  Außenwelt  und  die  Substanz  in  Elementen- 
komplexe auflöst,  da  er  keinen  grundsätzlichen  Unterschied 
zwischen  Schein  und  Sein  anerkennt,  mu8  er  sich  notgedrungen 
über  die  Kontinuität  auslassen,  die  dadurch  aufgelöst  erscheint. 
„Unter  einem  Kontinuum",  sagt  er,  „versteht  man  ein  System  (oder 
eine  Mannigfaltigkeit)  von  Gliedern,  welche  eine  oder  mehrere 
Eigenschaften  A  in  verschiedenem  Maße  besitzen,  derart,  daß 
zwischen  zwei  Gliedern,  die  einen  endlichen  Unterschied  von 
A  darbieten,  sich  eine  unendliche  Anzahl  von  Gliedern  einfügt, 
von  welchen  die  aufeinanderfolgenden  unendlich  kleine  Unter- 
schiede in  bezug  auf  A  zeigen.  Gegen  die  Fiktion  oder  die 
willkürliche  begriffliche  Konstruktion  eines  solchen  Systems  ist 
nichts  einzuwenden*).**  Mach  wird  seiner  funktionalen  Auf- 
fassung also  nicht  ungetreu,  sondern  er  bleibt  durchaus  kon- 
sequent. Ohne  Mühe  kann  man  von  hier  zur  RiEMANNschen 
Mannigfaltigkeit  und  zur  Ausdehnungslehre  Grassmanns  ge- 
langen. 

Auf  die  Frage,  ob  dem  Kontinuum  in  der  Natur  etwas  ent- 
spreche, hat  man  geantwortet:  der  Raum,  die  Folge  der  Punkte 
einer  Geraden,  die  Zeit,  die  Folge  der  Elemente  eines  gleich- 
mäßigen dauernden  Tones,  die  Folge  der  Farben  eines  Spek- 
trums usw.  Dazu  bemerkt  Mach:  „Betrachten  wir  ein  solches 
,Kontinuum^  unbefangen,  so  sehen  wir,  daß  von  einer  unend- 
lichen Anzahl  von  Gliedern,  sowie  von  unendlich  kleinen 
Unterschieden  der  Sinnlichkeit  nichts  gegeben  ist.  Wir  können 
nur  sagen,  daß  beim  Durchlaufen  einer  solchen  Reihe  mit  der 
Entfernung  der  Endglieder  die  Unterscheidbarkeit  wächst,  end- 
lich sicher  wird,  dagegen  mit  Annäherung  zweier  Glieder  ab- 
nimmt, abwechselnd  . . .  gelingt  und  mißlingt,  endlich  unmöglich 
wird.  Raum-  und  Zeitpunkte  gibt  es  für  die  sinnliche  Wahr- 
nehmung nicht,  sondern  nur  Räume  und  Zeiten,  die  so  klein  sind, 
daß  weitere  Bestandteile  nicht  mehr  unterschieden  werden,  oder 
von  deren  Ausdehnung  man  willkürlich  absieht  V^    Dabei  er- 


')  Nr.  121,  S.  71. 
*)  Nr.  121,  S.71. 


6.  Das  Kontinuum.  37 

wartet  er,  daß  die  Auflösung  des  Kontinuums  in  weitere  Bestand- 
teile durch  Anspannung  der  Aufmerksamkeit  noch  gelingen  mag. 

Das  Wesentliche  am  Kontinuum  ist,  daß  man  von  einer  Eigen- 
schaft A  zu  einer  deutlich  unterscheidbaren  Eigenschaft  A^  in 
unmerklicher  Weise  ohne  wahrnehmbaren  Sprung  gelangen  kann. 
Diese  Bestimmungen  werden  noch  ergänzt  durch  das  Prinzip  der 
Kontinuität,  das  im  methodologischen  Teile  besprochen  werden 
soll.  Machs  Kontinuum  findet  sich  in  der  genetischen  Psycho- 
logie und  in  der  Biologie  als  ein  kontinuierliches  Werden  wieder. 
Er  knüpft  dabei  an  Carl  Ernst  v.  Baer  an  und  entgeht  da>- 
durch  der  Beschränktheit,  Tier,  Art  und  Zustand  als  etwas  Ab- 
geschlossenes aufzufassen  ^). 

Als  positiven  Teil  gibt  Mach  genetische  Bestimmungen, 
wie  das  Kontinuum  in  unserer  Vorstellung  zustande  kommt:  „In 
einem  sinnlichen  Spstem,  dessen  Glieder  schwer  unterscheidbare 
flieBende  Merkmale  darbieten,  können  wir  die  einzelnen  Glieder 
sinnlich  und  in  der  Vorstellung  nicht  mit  Sicherheit  festhalten. 
Um  die  Beziehungen  der  Teile  solcher  Systeme  zu  erkennen, 
wenden  wir  deshalb  künstliche  Mittel,  Maßstäbe,  an^  ^).  Dann  ver- 
tritt die  Zahl  später  das  Mafi  in  derselben  Weise  wie  das  Mafi 
die  direkte  sinnliche  Erfahrung.  Da  man  die  Mafizahl  endlos 
teilen  kann,  glaubt  man  das  gleiche  mit  dem  Maßstab  und  dem 
gemessenen  System  bis  ins  Unendliche  vornehmen  zu  können. 
Auf  diese  Weise  entsteht  die  irrtümliche  Auffassung  eines  realen 
Kontinuums. 

Wenn  wir  also  irgendwo  ein  Kontinuum  vorzufinden  glauben, 
so  heißt  das  nur,  daß  wir  an  den  kleinsteh  wahrnehmbaren  Teilen 
des  betreffenden  Systems  analoge  Betrachtungen  anzustellen  ver- 
mögen wie  an  größeren.  Nur  die  Erfahrung  lehrt,  wie  weit  sich 
das  fortsetzen  läßt.  Darum  hat  in  der  Phpsik  Machs  Volum^ 
Clement  —  das  kleinste  uns  zugängliche  Teilchen  —  noch  den- 
selben Charakter  wie  größere;  unerkennbare  Atome  erscheinen 
dadurch  überflüssig. 

Das  Kontinuum  ist  also  für  Mach  keine  Realität,  sondern 
eine  „bequeme  Fiktion,  die  in  keiner  Weise  schädlich  ist^^'). 

*)  Nr.  120,  S.  262. 
")  Nr.  121,  S.  76. 
•)  Nr.  121,  S.  77. 


38  Philosophischer  Teil. 

7.  Das  Werden. 

Wir  sahen,  Stabilität  und  Kontinuität  sind  nur  ideale  Fik- 
tionen. Es  wäre  ARlSTOTELlsche  Physik,  wollte  man  den  Orga- 
nismen ein  Streben  nach  Stabilität  oder  Veränderlichkeit  zu- 
schreiben und  ebenso  den  leblosen  Körpern  ^).  Wenn  aber  Mach 
—  so  wandte  man  ein  —  nichts  Kontinuierliches  anerkennt,  viel- 
mehr alles  wechselnd,  werdend  und  dynamisch  auffafit,  dann 
käme  er  notgedrungen  doch  zu  einem  Absoluten:  dem  Fluß  im 
Sinne  des  Heraklit  oder  dem  absoluten  Prinzip,  daß  alles  relativ 
sei.  Darauf  erwidert  Mach:  wer  das  behauptet,  der  „verkennt 
gänzlich  die  vorsichtig  versuchende  Näherungsmethode  des 
Naturforschers,  wenn  er  aus  den  Äußerungen  allgemeiner  Ge- 
sichtspunkte gleich  ein  abgeschlossenes  System  herausliest.  Des 
Naturforschers  Beständigkeiten  sind  keine  Absoluten,  die  von  ihm 
untersuchten  Änderungen  entsprechen  auch  nicht  dem  schranken- 
losen HERAKLiTschen  Fluß.  Ich  nenne  biologische  Ziele  prak- 
tisch, sobald  sich  dieselben  nicht  auf  die  reine  Erkenntnis  als 
Selbstzweck  beziehen"*). 

Da  die  Wissenschaft  wie  das  Denken  als  ein  Organismus 
gefaßt  wird,  da  der  DARWiNsche  Grundgedanke  das  ganze 
MACHsche  Werk  durchzieht,  hat  ein  festes  System  da  gerade- 
sowenig Platz  wie  ein  starres  Sein.  Das  Werden  hat  weder 
Anfang  noch  Ende,  also  steht  auch  die  Wissenschaft  und  der 
philosophische  Standpunkt  in  dem  natQrlichen  Entwicklungsprozeß 
mitten  drin;  die  Wissenschaft  kann  ihn  nicht  ersetzen,  sondern 
höchstens  zweckmäßig  leiten').  „Die  Natur  ist  nur  ein- 
mal daV 

Von  diesem  Werden  der  Welt  kann  man  nicht  absehen :  „Die 
Natur  beginnt  eben  nicht  mit  Elementen,  so  wie  wir  genötigt 
sind,  mit  Elementen  zu  beginnen.  Für  uns  ist  es  allerdings  ein 
Glück,  wenn  wir  zeitweilig  unsem  Blick  von  dem  überwältigen- 
den Ganzen  ablenken  und  auf  das  einzelne  richten  können.  Wir 
dürfen  aber  nicht  versäumen,  alsbald  das  vorläufig  Un- 


»)  Nr.  121,  S.  38^ 
")  Nr.  91,  S.  300. 
•)  Nr.  121,  S.  387. 
*)  Nr.  120,  S.  228. 


7.  Das  Werden.  39 

beachtete  neuerdings   ergänzend  und  korrigierend  zu 

untersuchen  V* 

Das  Ziel  der  Naturwissenschaft  ist  die  mittelbare  oder  un- 
mittelbare Erfassung  des  Flusses*).  Wir  werden  dabeijebenso- 
wenig  nötig  haben,  Sklaven  eines  Systems  zu  werden,  wie  der 
Mathematiker  eine  vorher  konstant  gewesene  Reihe  variabel 
werden  läßt,  oder  wie  er  die  unabhängig  Variabein  vertauschen 
kann ').  Vor  der  stabilen  Weltanschauung  des  absoluten^Seins  hat 
Mach  viele  Vorteile  voraus,  denn  das  Werden  läßt  sich  in  Kon- 
tinua  fassen  und  verfolgen,  während  das  Sein  noch  niemals  ab- 
solut eingefangen  wurde. 

SCHIAPARELLI  *)  —  um  ein  Beispiel  zu  bringen  —  hat  von 
den  Daten  der  Paläontologie  ein  Kontinuum  entworfen,  derart, 
daß  durch  Variation  einiger  Parameter  die  Arten  kontinuierlich  in- 
einander übergehen  wie  ein  Kegelschnitt  in  den  anderen.  Damit 
entfallen  die  belästigenden  Einzelformen  (Pterodaktplus,  Archäo- 
pteryx, Ichthyomis  usw.),  femer  scholastische  Fragen,  z.  B.,  wo 
beginnt  das  Wirbeltier,  wo  hört  das  Wirbellose  auf*).  Wie  schon 
erwähnt,  schlieSt  Mach  sich  da  den  Gedanken  Carl  Ernst 
V.  Baers  ")  an,  alles  als  Phase  der  Entwicklung  zu  nehmen  und 
flicht  willküriich  augenblickliche  oder  frühere  Zustände  als  etwas 
Fertiges  und  Abgeschlossenes  zu  fassen.  In  ähnlicher  Weise 
nimmt  auch  Darwin  und  Spencer  das  Psychische  als  eine  An- 
passungserscheinung ^). 

Wie  sich  die  erkenntnistheoretische  Lehre  vom  absoluten 
Sein  und  die  naturphilosophische  Lehre  vom  Werden  gegenüber- 
stehen, zeigt  besonders  lehrreich  die  Kontroverse  Schopenhauers 
fliit  Goethe»).    Während  Schopenhauer  erkenntnistheoretisch 

*)  Nr.  87,  S.  249. 

*)  Nr.  120,  S.  236,  238. 

•)  Nr.  120,  S.238r. 

^)  J.  V«  ScHiAPARELLi,  Studio  comparativo  tra  le  forme  organiche  natural! 
e  le  forme  geometriche  pure.    Milano  1898. 

»)  Nr.  120,  S.  284  f. 

*)  C  E.  v.  Baer,  Das  allgemeinste  Gesetz  der  Natur  in  aller  Entwick- 
lung. —  Welche  Auffassung  der  lebenden  Natur  ist  die  richtige,  und  wie  ist 
diese  Auffassung  auf  die  Entomologie  anzuwenden? 

•)  Nr.  120,  S.  262;  Nr.  121,  S.  382. 

")  Goethes  Gesprfiche,  ed.  Biedermann.  Bd.  II,  S.  245. 


40  Philosophischer  Teil. 

sagt:  die  Sonne  wäre  nicht,  wenn  ich  nicht  wäre,  behauptet 
Goethe  mit  Recht  naturphilosophisch  das  Gegenteil.  Denn  der 
Grottenolm  von  Adelsberg  (Proteus  anguinus  Laur.)  besitzt  rück- 
gebildete Augen,  weil  er  im  Dunkeln  lebt  C.  Hess  legte  dar, 
dessen  Augen  seien  nicht  verkümmert,  sondern  nur  im  Rohumrifi 
angelegt.  Einwandfreiere  Beispiele  sind  deshalb  die  blinden 
amerikanischen  Urodelen,  etwa  Thpphlomolche  Rathbuni  (Texas) 
oder  Tpphlotriton  spelaeus  (Missouri).  Die  Augen  des  letzteren 
werden  erst  nach  der  Metamorphose  zurückgebildet  ^).  Und 
wenn  auch  beim  Proteus  die  Augen  von  Muskeln  überdeckt  und 
deshalb  funktionsunfähig  sind,  so  ist  daran  doch  das  fehlende 
Licht  der  Aufienwelt  schuld.  Jedenfalls  drängen  die  Tatsachen 
zur  Annahme,  daB  das  Licht  die  Augen  erzeuge,  also  zur 
GOETHEschen  Auffassung.  Gegenüber  solchen  Aporien  kann 
Mach  sehr  wohl  seinen  Standpunkt  beibehalten,  der  Erkenntnis* 
theoretiker  aber  nicht. 

In  der  Chemie  ist  durch  das  periodische  System  von  Lothar 
Meyer  und  Mendelejeff,  femer  durch  die  physikalische  Chemie 
dieMöglichkeit  gegeben,  das  Werden  durch  Kontinua  aufzufassen^). 

Das  Analoge  trifft  auch  für  die  Phpsik  zu.  Während  früher 
Ruhe  und  Statik  das  Grundlegende  war,  aus  dem  die  Dynamik  ent- 
wickelt wurde,  gilt  heute  auf  Grund  der  GALlLElschen  Arbeiten  die 
Dynamik  (oder  auch  die  Elektrodynamik)  als  Grundlage.  Bewegung 
ist  das  Primäre,  Ruhe  ein  Grenzfall  derselben;  die  Statik  folgt  also 
aus  der  Dynamik.    Dazu  tritt  dann  noch  das  Relativitätsprinzip. 

So  gilt  Machs  Standpunkt  für  die  SpezialWissenschaften 
(günstigere  Beispiele  aus  der  Klimatologie  und  Wissensgebieten, 
die  nichts  Starres  kennen,  brauchen  wir  nicht  zu  häufen),  wäh- 
rend die  Erkenntnistheorie  einen  abweichenden  Standpunkt  erst 
beweisen  muB. 

8.  Kausalität  oder  Fttoktionalbeziehang? 

Für  Machs  Elemente  ist  eine  kausale  Beziehung  kaum 
durchführbar,  so  sagt  man,  da  diese  die  Zeit  einschliefit.  Da- 
durch würde  er  zu  der  Aussage  gedrängt,  was  die  Außenwelt 

^)  Richard  Hertwig,  Zoologie.    Jena  1903,  S.  537. 
«)  Nr.  120,  S.  284. 


8.  Kausalität  oder  Funktionalbeziehung?  41 

in  derjenigen  Zeit  sei,  in  der  sie  nicht  durch  Elemente  erschöpft 
ist,  z.  B.  im  Schlafe  oder  in  meiner  Abwesenheit  von  Kalkutta« 

GewiS  macht  sich  Mach  gelegentlich  die  Sache  etwas  leicht, 
indem  er  gegen  einen  veralteten  Kausalitätsbegriff  ^)  polemisiert, 
aHein  das  ist  doch  nicht  die  Regel.  Wie  er  die  Tragweite  seiner 
Bestimmungen  einschätzt,  zeigt  die  folgende  Betrachtung:  „Ich 
habe  irgendwo  gelesen,  daß  ich  einen  erbitterten  Kampf  gegen 
den  Begriff  Ursache  ffihre.  Dies  ist  nicht  der  Fall,  denn  ich 
bin  kein  Religionsstifter.  Ich  habe  diesen  Begriff  für  meine 
Bedürfnisse  und  Zwecke  durch  den  Funktionsbegriff  ersetzt 
Findet  jemand,  dafi  hierin  keine  Verschärfung,  keine  Befreiung 
oder  Aufklärung  liegt,  so  mag  er  ruhig  bei  den  alten  Begriffen 
bleiben;  ich  habe  weder  die  Macht  noch  auch  das  Bedürfnis, 
jeden  einzelnen  zu  meiner  Meinung  zu  bekehren . . .  Die  nach 
uns  kommen,  werden  sich  einmal  recht  verwundem,  worüber 
wir  streiten,  und  noch  mehr,  wie  wir  uns  dabei  ereifern  konnten*)." 

Mach  will  auf  die  reine  Beschreibung  hinaus,  dabei  hindert 
ihn  die  im  Kausalitätsbegriff  liegende  Notwendigkeit.  Er  sagt 
dies:  „Wo  wir  eine  Ursache  angeben,  drücken  wir  nur  ein  Ver- 
knüpfungsverhältnis, einen  Tatbestand  aus;  d.  h.  wir  be^ 
schreiben')."  Wenn  wir  von  der  Anziehung  der  Massen  reden, 

m  I  ■  ni« 
so  enthält  die  Formel  9  =  k — 4—^  nicht  mehr  als  das  Tat- 

^  r* 

sächliche').  Die  physikalischen  Gesetze  sind  deshalb  Her- 
stellungsregeln für  alle  Einzelbeschreibungen  ^). 

Den  Einwand,  die  Beschreibung  lasse  das  Kausalitäts- 
bedürfnis unbefriedigt,  stellt  Mach  sich  selbst').  Und  zwar 
erklärt  er,  wie  die  Notwendigkeit  psychologisch  entsteht,  und 
schaltet  daraufhin  alle  überflüssigen  logischen  Zutaten  aus: 
„Wenn  ich  konstatiert  habe,  daß  eine  Tatsache  A  gewisse  (z.  B. 
geometrische)  Eigenschaften  B  hat,  und  ich  mich  in  meinem 
Denken  daran  halte,  so  kann  ich  selbstredend  nicht  zugleich 


>)  Nr.  121,  S.435f.;  Nr.  133,  S.  272;  besonders  Nr.  91,  S.73f.:  „Einer 
Dosis  Ursache  folgt  eine  Dosis  Wirkung.*' 
•)  Nr.  133,  S.  274. 
•)  Nr.  121,  S.  435. 
*)  Nr.  120,  S.  283f. 
*)  Nr.  120,  S.  281. 


42  Philosophischer  Teil. 

wieder  hiervon  absehen.  Das  ist  eine  logische  Notwendigkeit. 
Hierin  liegt  aber  nicht,  daß  dem  A  notwendig  die  Eigenschaft  B 
zukommt.  Dieser  Zusammenhang  ist  lediglich  durch  die  Er- 
fahrung gegeben.  Eine  andere  als  eine  logische  Notwendigkeit, 
etwa  eine  physikalische,  existiert  eben  nicht  0-^  Dem  Artilleristen 
scheint  mit  Notwendigkeit  an  die  Anfangsgeschwindigkeit  und 
Richtung  des  Projektils  die  bestimmte  Wurfbahn  geknüpft. 
Wenn  der  Vorgang  den  Gesetzen  gehorcht,  dann  liegt  er  uns 
so  klar  vor  wie  jene,  die  zum  Erkenntnisgrund  werden.  „In 
dem  Augenblick,  als  wir  diese  logische  Notwendigkeit 
fühlen,  denken  wir  nicht  zugleich  daran,  daS  das  Bestehen 
jener  Bedingung  einfach  durch  die  Erfahrung  gegeben  ist,  ohne 
im  geringsten  auf  einer  Notwendigkeit  zu  beruhen^  ^).  Denn  die 
Wurfbahn  fällt  praktisch  sehr  häufig  anders  aus,  als  wir  sie 
theoretisch  berechneten. 

Mach  begnügt  sich  deshalb  mit  der  Feststellung  gegen- 
seitiger Simultanbeziehungen,  der  Funktionen.  Der  Zusammen- 
hang des  Geschehens  ist  uns  dabei  garantiert  durch  die  tat- 
sächliche Abhängigkeit  aller  Vorgänge  von  der  Lage  eines  Welt- 
körpers, soweit  wir  physikalische  Vorgänge  berücksichtigen*). 
Mit  Ursache  und  Wirkung  heben  wir  nur  wichtige  Momente 
heraus;  in  der  Natur  gibt  es  jedoch  nicht,  wie  bei  der  Nach- 
bildung, Ursache  und  Wirkung,  sondern  die  Natur  ist  nur  einmal 
da.  Wiederholungen,  in  welchen  A  immer  mit  B  verknüpft  wäre 
(also  das  Wesentliche  von  Ursache  und  Wirkung),  existieren  nur 
in  der  Abstraktion  ^).  Das  Hervorheben  wird  aber  hinfällig,  so- 
bald uns  die  Tatsachen  geläufig  werden,  und  dann  brauchen 
wir  Ursache  und  Wirkung  nicht  mehr:  „Die  Säure  ist  die  Ur- 
sache der  Rötung  der  Lackmustinktur;  später  gehört  die  Rötung 
unter  die  Eigenschaften  der  Säure*).** 

Alle  Formen  des  Kausalgesetzes  entspringen  subjektiven 
Trieben,  denen  die  Natur  nicht  zu  gehorchen  braucht  *).    Darum 


*)  Nr.  121,  S.  437. 
•)  Nr.  121,  S.  434. 
•)  Nr.  91,  S.  75. 
*)  Nr.  87,  S.  52*. 
»)  Nr.  87,  S.  524. 
•)  Nr.  87,  S.  550. 


8.  Kausalität  oder  Funktionalbeziehung?  43 

entfallen  auch  die  monströsen  Anwendungen  des  Entropiesatzes 
sowie  des  ersten  Hauptsatzes  auf  das  Weltall,  wenn  man  be- 
denkt, daß  jeder  naturwissenschaftliche  Satz  ein  Abstraktum  ist, 
das  die  Wiederholung  gleichartiger  Fälle  zur  Voraussetzung 
hat.    Beim  Weltall  ist  uns  das  aber  nicht  gegeben. 

Welches  sind  nun  die  subjektiven  Triebe,  denen  die  Kausa- 
lität entspringt?  Ursache  und  Wirkung  sind  hervorstechende 
Eigenschaften  einer  Erfahrung.  Wird  diese  geläufig,  so  blaßt 
die  Bedeutung  von  Ursache  und  Wirkung  ab  und  geht  auf  neue 
Merkmale  über.  Das  Gefühl  der  Notwendigkeit  rührt  daher, 
daß  uns  die  Einschaltung  längst  bekannter  Zwischenglieder, 
welche  eine  höhere  Autorität  für  uns  haben,  oft  gelungen  ist^). 
Das  wird  dem  besonders  deutlich,  der  zum  ersten  Male  ein 
neues  Erfahrungsgebiet  betritt,  „er  fühlt  sich  von  seiner 
Prophetengabe  plötzlich  verlassen  V* 

„Kant  hat  richtig  erkannt,  daß  nicht  die  bloße  Beachtung 
uns  die  Notwendigkeit  der  Verknüpfung  von  A  und  B  lehren 
kann.  Er  nimmt  einen  angeborenen  Verstandesbegriff  an,  unter 
welchen  ein  in  der  Erfahrung  gegebener  Fall  subsumiert  wird  •)." 
Dieser  Verstandesbegriff  stellt  sich  folgendermaßen  dar:  Zunächst 
entwickelt  sich  eine  Gewohnheit  der  Verknüpfung  von  A  und  B, 
C  und  D,  E  und  F.  Nun  erkennt  man  in  M  das  A,  C,  E  und 
in  N  das  B,  D,  F;  da  diese  Verknüpfung  uns  schon  geläufig 
ist,  wird  es  auch  die  von  M  und  N;  der  neuen  Erfahrung  tritt 
die  ältere  gegenüber.  Es  gibt  also  einen  Verstandesbegriff, 
unter  den  jede  neue  Erfahrung  untergeordnet  wird,  allein  dieser 
wird  durch  die  Erfahrung  entwickelt  und  besteht  aus  Erfahrung. 
Die  Vorstellung  der  Notwendigkeit  dabei  entwickelt  sich  wahr- 
scheinlich durch  unsere  willkürliche  Bewegung  und  die  Ver- 
änderungen, die  wir  mittelbar  durch  diese  hervorbringen  ^).  HUME 
hat  das  flüchtig  angedeutet,  jedoch  nicht  weiter  aufrecht  erhalten. 

Das  Gefühl  der  Kausalität  ist  weiter  nicht  lediglich  vom 
Individuum  erworben,  sondern  durch  die  Entwicklung  der  Art 
vorgebildet. 

*)  Nr.  120,  S.  227  f. 
«)  Nr.  120,  S.  228. 
•)  Nr.  87,  S.  524  f. 
*)  Nr.  87,  S.  525f. 


44  Philosophischer  Teil. 

Ursache  und  Wirkung  sind  also  als  ökonomische  Gedanken- 
dinge anzusprechen.  Auf  die  Frage,  warum  sie  entstehen,  läfit 
sich  keine  Antwort  geben.  Denn  das  „Warum"  erkennen  wir 
erst  durch  die  Abstraktion  von  Gleichförmigkeiten. 

Die  Einwände  gegen  Mach 

lassen  sich  zusammenfassen: 

1.  Während  die  Funktion  stets  umkehrbar  ist,  trifft  das  für 
die  Kausalität  nicht  zu;  diese  enthält  außerdem  noch  die 
Zeit  eingeschlossen. 

2.  Die  Kausalität  bestimmt  eindeutiger  als  die  Funktion. 

3.  Die  Kausalität  bezieht  sich  auf  reale  Größen,  die  Funktion 
dagegen  nicht. 

1 .  Das  erste  Mifiverständnis  beruht  darauf,  daß  Mach  unter- 
geschoben wird,  seine  Funktion  sei  eine  Funktion  im  Sinne  der 
„reinen"  Mathematik^).  Kants  „reine"  Mathematik  ist  nicht 
identisch  mit  der  reinen  Mathematik  der  Mathematiker,  die  unter 
„rein"  auch  die  analytische  Mechanik  verstehen,  im  Gegensatze 
zur  „angewandten"  Mathematik  (Geodäsie,  Astronomie  usw.). 
Kant  hingegen  nennt  die  analytische  Mechanik  keineswegs  rein 
oder  apriorisch,  da  ihr  Bewegungsbegriff  a  posteriori  ist.  Femer 
ist  die  Funktion  nicht  immer  umkehrbar,  auch  kann  sie 
die  Zeit  enthalten;  sie  steht  also  auf  gleicher  Stufe  mit  der 
Kausalität.  Man  braucht  da  nur  auf  den  zweiten  Hauptsatz  hin- 
zuweisen, der  die  Ungleichung  behauptet,  dafi  das  Geschehen 
irreversibel  ist. 

Wenn  a  =  f  (b),  ist  gewiß  auch  b  =  f  (a).  Aber  damit  ist 
erst  gesagt,  daß  zwischen  a  und  b  eine  Abhängigkeit  besteht, 
jedoch  noch  nicht  welcher  Art.  Bestimme  ich  min,  daß  a  sich 
doppelt  so  schnell  ändert  wie  b,  so  ist  die  Zeit  wohl  darin  enthalten. 

Die  heute  ziemlich  allgemein  gültige  Auffassung  Clippords 
und  Einsteins,  alle  Geometrie  sei  Kinematik,  schließe  also  die 
Zeit  ein,  darf  Kant  am  allerwenigsten  abweisen;  denn  er  zieht 
die  Linien  in  Gedanken  immer  erst  allmählich  nacheinander, 
anders  seien  sie  ihm  nicht  gegeben. 

Man  hat  dann  zu  Unrecht  den  umkehrbaren  mathematischen 
Funktionsbegriff  von  dem  nicht  umkehrbaren  der  Phpsik  scheiden 

>)  Störring,  Einführung  in  die  Erkenntnistheorie.  Leipzig  1909.  S.  276. 


8.  Kausalität  oder  Funktionaibeziehung?  45 

wollen.  Das  ist  nicht  möglich,  vielmehr  sind  beide  Begriffe 
identisch.  Der  phj^sikalische  kann  auch  umkehrbar  sein.  Die 
meisten  organisch-chemischen  Reaktionen  sind  rückläufig  bei- 
spielsweise. Hingegen  braucht  die  mathematische  Funktion 
keineswegs  umkehrbar  zu  sein,  weil  sie  unendlich  vieldeutige 
Umkehrungen  ergäbe;  das  gilt  z.  B.  für  gewisse  Kurven  *). 

Allgemein  genommen  verhält  sich  die  Frage  vielmehr  so: 
Die  Kausalität  ist  umkehrbar,  wenn  für  alle  Elemente 
nur  eine  Gleichung  gilt  (z.  B.  zwei  gravitierende  Massen), 
dasselbe  gilt  von  der  Funktion.  Die  Umkehrbarkeit 
hört  auf,  wenn  Mittelkörper  vorhanden  sind^).  Auch  da, 
wo  Mittelkörper  existieren,  wir  sie  aber  nicht  kennen  oder 
nicht  beachten,  ist  die  Kausalität  umkehrbar.  Z.  B.  der  Lohn 
des  Fabrikarbeiters  bestimmt  den  Preis  der  Ware.  Der  Preis 
der  Ware  bestimmt  die  Höhe  des  Arbeitslohnes  des  Fabrikarbeiters. 

Unmittelbare  Abhängigkeiten,  die  gegenseitig  und 
simultan  sind,  sind  umkehrbar,  mittelbare  mit  Zwischen- 
gliedern, welche  die  Zeit  einschlieSen,  sind  nicht  um- 
kehrbar. Das  gilt  für  Funktion  wie  für  Kausalität,  die  sich 
darin  durchaus  gleichstehen. 

2.  Die  Kausalität  sei  eindeutiger  als  die  Funktion.  An  sich 
ist  das  zutreffend,  allein  Mach  trifft  ergänzende  Bestimmungen 
über  die  Eindeutigkeit.  Es  ergäbe  sich  aber  auch  von  selbst: 
denn  wenn  ich  die  Bedingungen  einer  Kurve  habe,  so  habe  ich 
damit  die  Kurve  ja  noch  nicht;  wohl  aber  umgekehrt  in  ein- 
deutiger Weise. 

In  der  Phpsik')  drücken  die  Minimumprinzipien,  so  das 
Prinzip  der  kleinsten  Wirkung,  aus,  daB  in  den  betreffenden 
Fällen  so  viel  geschieht  als  geschehen  kann  unter  den  gegebenen 
Umständen,  d.  h.  als  durch  sie  eindeutig  bestimmt  ist^).  „Ich 
bin  also  mit  Petzold*)  überzeugt,   sagt  Mach,  daS  in  der 

*)  Man  vergleiche  die  Kurve  Nr.  87,  S.  548. 

•)  Nr.  133,  S.  273f. 

•)  Nr.  87,  S.  419f. 

*)  Deshalb  ist  es  ein  Irrtum,  wenn  von  zahlreichen  Philosophen  be- 
hauptet wird,  Hertz  habe  philosophisch  die  Kraft  ausgeschaltet.  Mit  Zeit, 
Raum  und  Masse  allein  kann  auch  kein  Mensch  eine  Mechanik  aufbauen; 
als  vierter  Grundbegriff  dient  vielmehr  ein  Minimumprinzip. 

*)  J.  Petzold,  Maxima,  Minima  und  Ökonomie.    Altenburg  1891. 


46  Philosophischer  Teil. 

Natur  nur  das  und  so  viel  geschieht,  als  geschehen  kann,  und 
daB  dies  nur  auf  eine  Weise  geschehen  kann.  In  diesem  Sinne 
kann  also  von  einer  Ökonomie  in  den  physischen  Vorgängen 
keine  Rede  sein,  da  zwischen  dem  tatsächlichen  Geschehen 
und  einem  anderen  keine  Wahl  ist.  Deshalb  habe  ich  auch 
auf  diesem  Gebiete  den  Begriff  Ökonomie  in  keiner  Weise  ver- 
wendet *)." 

Man  kann  deshalb  Mach  nicht  gut  mehr  mifiverstehen,  als 
DÜRR,  BuzELLO,  Chamberlain  u.  a.  es  taten,  die  das  Prinzip 
der  Ökonomie  mit  der  alten  Lex  parsimoniae  zusammenwarfen. 

Ausdrücklich  bleibt  MACH  nicht  bei  den  MiLLschen  Schemata 
stehen,  sondern  dann  erst  beginnt  die  wichtigste  Arbeit:  das 
Suchen  nach  der  Art  der  Abhängigkeit,  und  da  wird  man  immer 
solche  Komplexe  wählen,  die  sich  gegenseitig  eindeutig  be- 
stimmen ^).  Dabei  ist  nun  nicht  alles  fließend,  sondern  man  fragt, 
welche  Vorstellungen  bei  der  Veränderung  als  bleibend  fest- 
gehalten werden,  welches  Gesetz  besteht,  welche  Werte  bleiben 
konstant '). 

Bei  allen  Bewegungen  lassen  sich  die  wirklieh  genommenen 
Wege  immer  als  ausgezeichnete  Fälle  unter  unendlich  vielen 
denkbaren  auffassen.  Analytisch  heißt  das:  es  müssen  sich 
immer  Ausdrücke  finden  lassen,  die  dann,  wenn  ihre  Variation 
der  Null  gleichgesetzt  wird,  die  Differentialgleichungen  der  Be- 
wegung liefern,  denn  die  Variation  verschwindet  ja  nur,  wenn 
das  Integral  einen  einzigartigen  Wert  annimmt^).  Als  eigen- 
artige Ergänzung  sei  hier  die  Auffassung  von  Felix  Klein  ge- 
geben; er  sagt^):  Wir  haben  manchmal  nicht  eine  einzige 
Funktion  vor  uns,  sondern  Funktionsstreifen.  Aus  diesen 
wählen  wir  aus,  was  uns  am  ökonomischsten  und  besten  dient 
Man  hat  Klein  daraufhin  eingewendet,  die  Funktionentheorie 
dürfe  keine  Geometrie  enthalten.  Er  antwortete:  so  fand  ich  es; 
wer  es  ohne  Geometrie  findet,  ist  eben  der  zweite.    Auf  das 


')  Nr.  121,  S.  393. 
«)  Nr.  133,  S.  280. 
»)  Nr.  87,  S.  549. 
*)  Petzold,  1.  c,  S.  11. 

')  Felix  Klein,  Autographierte  Vorlesungshefte.  Differentialgleichungen 
zweiter  Ordnung.    Teubner,  Leipzig. 


8.  Kausalität  oder  Funktionalbeziehung?  47 

Denken  allein  kommt  es  dabei  nicht  an;  sondern  wer  die  Phan« 
tasie,  die  neuen  Ideen  in  die  Sj^mbolik  preßte,  wer  den  Rechen- 
knecht in  den  Algorithmus  hineintat  —  etwa  die  Null  als  deka- 
disches Grundprinzip  —  der  denkt  für  den  mit,  der  später  in 
abgekürztem  Verfahren  dieselbe  Tatsache  nachdenkt.  Darum  ist 
der  Bleistift  auch  nicht  klüger  als  der  Rechnende. 

Die  Eindeutigkeit  wird  aber  noch  anders  ausgedrückt:  die 
Sätze  von  EuLER,  HAMILTON  und  GAUSS  sind  nichts  anderes, 
„als  analytische  Ausdrücke  für  die  Erfahrungstatsache, 
daß  die  Naturvorgänge  eindeutig  bestimmte  sind  ^)^.  Die  Einzige 
artigkeit  des  Minimums  ist  entscheidend.  Ferner:  „Ist  die  Zahl 
der  Gleichungen  um  eins  kleiner  als  die  Zahl  der  Elemente,  so 
ist  eine  Gruppe  derselben  durch  die  andere  eindeutig  bestimmt^).^ 
„Nur  eine  Theorie,  welche  die  immer  komplizierten  und  durch 
mannigfache  Nebenumstände  beeinfluBten  Tatsachen  der  Beob- 
achtung einfacher  und  genauer  darstellt,  als  dies  durch  die  Be- 
obachtung eigentlich  verbürgt  werden  kann,  entspricht  dem  Ideal 
der  eindeutigen  Bestimmtheit')." 

3.  Der  dritte  Einwand,  die  Kausalität  beziehe  sich  auf  Reali- 
täten, die  Funktion  aber  nicht,  mufi  uns  höchlichst  wundernehmen« 
Denn  die  Erkenntnistheoretiker,  die  das  behaupten,  besitzen  ja 
selbst  die  Realität  nicht.  Entweder  sie  leugnen  dieselbe  als  Idea- 
listen, oder  sie  können  sie  als  hj^pothetische  Realisten  nicht  fassen. 

Weiterhin  finden  wir  Einwände  von  Windelband  und 
RiCKERT.  Windelband  glaubt  irrtümlicherweise,  Machs  Welt 
bestehe  aus  Empfindungen  oder  aus  deren  Addition  ^).  Niemand, 
auch  Kant  nicht,  kann  die  Welt  aus  Begriffen  aufbauen;  die 
Stadt  Messina  stellt  kein  transzendentaler  Begriffsapparat  wieder 
her,  wenn  ein  Erdbeben  sie  zerstörte.  Bei  Mach  handelt  es 
sich  nicht  um  das  Aufbauen  einer  realen  Welt,  sondern  um  die 
Analpse  des  natürlichen  Weltbildes.  Rickert^)  kennt  zwei 
Kausalitäten.    Zunächst  die  übliche,  die  dunkelbewufit  den  ersten 


*)  Nr.  87,  S.  420. 
*)  Nr.  121,  S.  325. 
»)  Nr.  133,  S.  449. 

*)  Windelband,  Präludien.    Tübingen  1903.    S.  131. 
^)  RiCKERT,  Die  Grenzen  der  naturwissenschaftlichen  Begriffsbildung. 
Tübingen  1902. 


48'  Philosophischer  Teil. 

Hauptsatz  in  populärer  Form  enthält,  daß  nichts  ohne  Ursache 
verschwinden  könne.  Die  zweite  ist  eine  „historische  Kausalität^, 
welche  einmalige,  historische,  individuelle  Kausalverbindungen 
mit  ihrer  Kausalungleichung  feststellt  Nun,  das  ist  nichts  anderes 
als  die  CLAUSiussche  Ungleichung,  also  der  zweite  Hauptsatz, 
daB  nämlich  alles  Geschehen  irreversibel  ist.  Rickert  trennt 
also  seine  zwei  Kausalitäten  nach  den  zwei  Hauptsätzen 
der  Thermodynamik.  Diese  Sätze  gelten  aber  nur  für  ge- 
schlossene Systeme  und  werden,  auf  das  Ganze  übertragen, 
sinnlos.  Warum  aber  die  Ungleichung  —  auch  ein  Grundpfeiler 
der  Naturwissenschaft  —  für  diese  nicht  gelten  soll,  sondern 
nur  für  die  Kulturwissenschaft,  das  verrät  Rickert  nicht.  Das 
Mißverständnis  scheint  darin  zu  liegen,  daß  Rickert  in  diese 
physikalische  Ungleichung  historische  und  poetische  Gefühle, 
emotionelle  Bestandteile  (nationale,  kulturelle  sowie  individuelle 
Werte),  auch  Moralisches,  Ethisches  und  Ästhetisches  einbezieht, 
was  hernach  als  absoluter  Wert  wieder  zum  Vorschein  kommt. 
Im  „Irrgarten  der  Erkenntnistheorie",  der  die  Systeme  der  heu- 
tigen Philosophen  einer  Kritik  unterzieht,  habe  ich  diesen  Punkt  so 
eingehend  behandelt,  daß  ich  hier  nicht  ausführiicher  zu  sein  brauche. 

Kausalität  und  Willensfreiheit 

„Die  Richtigkeit  des  ,Determinismus^  oder  ,Indeterminismus^ 
läßt  sich  nicht  beweisen.  Nur  eine  vollendete  oder  nachweisbar 
unmögliche  Wissenschaft  könnte  hier  entscheiden.  Es  handelt 
sich  hier  eben  um  Voraussetzungen,  die  man  an  die  Betrachtung 
der  Dinge  heranbringt,  je  nachdem  man  den  bisherigen  Erfolgen 
oder  Mißerfolgen  der  Forschung  ein  größeres  subjektives  Ge- 
wicht beimißt  Während  der  Forschung  aber  ist  jeder  Denker 
notwendig  theoretischer  Determinist  0."  Aber  da  er  nie  weiß, 
ob  er  alle  Abhängigkeiten  schon  berücksichtigt  hat,  „so  muß 
also  auch  derjenige,  welcher  in  der  Theorie  einen  extremen 
Determinismus  vertritt,  praktisch  doch  Indeterminist  bleiben, 
namentlich  dann,  wenn  er  sich  nicht  die  wichtigsten  Entdeckungen 
wegspekulieren  wilP)^\    Es  hat  also  einen  guten  Sinn,  und  ist 

^)  Nr.  133,  S.  277f. 

*)  Nr.  133,  S.  278;  vgl.  die  Kapitel  über  Zufall  (Nr.  120)  ^nd  das 
Wunderbare  (Nr.  121). 


9.  Der  Raum.  49 

nicht  willkürliches  Verlassen  der  üblichen  Terminologie,  wenn 
Mach  von  einem  Automaten  redet,  wie  in  ,,Erkenntnis  und 
Irrtum^^,  und  nicht  vom  Determinismus. 

Machs  Ethik  ist  dementsprechend  soziologisch.  Der  Wille 
bedeutet  ihm  kein  metaphysisches  oder  psychisches  Agens,  er 
lehnt  auch  eine  eigene  psychische  Kausalität  ab.  Willens- 
erscheinungen sind  aus  den  organisch-phpsischen  Kräften  zu 
verstehen  ^). 

9.  Der  Raum. 

Der  phj^siologische  Raum  im  Gegensatz  zum 

metrischen*). 

Den  Unterschied  zwischen  dem  physiologischen  und  dem 
metrischen  Raum  ausgearbeitet  zu  haben,  ist  ein  großes  Ver- 
dienst von  Mach,  da  er  für  die  Philosophie  sehr  wichtig  ist. 

Von  MACH-Gegnem  wird  recht  häufig  darauf  hingewiesen, 
dafi  Newton  sagte,  vielleicht  gäbe  es  keine  absoluten  Gröfien. 
Das  ist  schon  richtig;  aber  wenn  man  mit  diesem  Freibriefe  her- 
nach doch  die  absoluten  Größen  wieder  annimmt,  so  hebt  sich 
das  auf  und  ist  außerdem  wenig  ritterlich. 

Gehen  wir  zu  Machs  Bestimmungen  über:  der  euklidische 
Raum  ist  homogen,  unbegrenzt  und  unendlich.  Der  Seh  räum 
ist  nicht  homogen,  nicht  unbegrenzt  und  nicht  unendlich  ^).  Dem 
oben  und  unten,  links  und  rechts,  nah  und  fern  entsprechen 
gänzlich  verschiedene  Empfindungen.  Die  Gesichtsobjekte  sind 
auch  nicht  ebenso  ohne  Pressung  und  Dehnung  beweglich  wie 
die  entsprechenden  geometrischen  Objekte.  Der  Sehraum  gleicht 
dem  metageometrischen,  nicht  dem  euklidischen  Raum.  Femer 
ist  er  nicht  metrisch;  das  Augenmaß,  die  quantitativen  Entfer- 
nungen entwickeln  sich  erst  durch  physikalisch- metrische  Er- 
fahrung. 

Der  Raumsinn  der  Haut  entspricht  einem  zweidimensio- 
nalen, endlichen,  unbegrenzten  (geschlossenen)  RlEMANNschen 
Raum.  Philosophischerseits  ist  irrtümlich  eingewendet  worden, 
die  RiEMANN-Fläche  sei  unanschaulich;  irrtümlich,  denn  sie  ist  ja 

*)  Nr.  91,  S.  140. 

•)  Nr.  90,  127,  132. 

*)  Die  Ausdrücke  sind  im  RiEMANNschen  Sinne  zu  verstehen. 

Henning,  Ernst  Mach.  4 


50  Philosophischer  Teil. 

als  anschauUches  Element  in  die  Funktionentheorie  eingeffihrt 
Neumann  (Sohn)  gab  ihr  Anschaulichkeit  durch  die  bekannte 
Henkelwickelung  *). 

Auch  der  haptische  oder  Tastraum  hat  mit  dem  geo- 
metrischen Raum  wenig  gemeinsam,  ebenso  wie  der  Sehraum. 
Wie  dieser  ist  er  anisotrop  und  inhomogen;  die  Hauptrichtungen 
sind  ebenfalls  ungleichwertig. 

Wie  die  anderen  physiologischen  Räume,  so  umfaBt  der  un- 
bestimmtere HOrraum  nur  teilweise  gemeinsame  physikalische 
Gebiete. 

Mit  Hering  und  James  nimmt  Mach  an,  daB  jeder  Emp- 
findung eine  gewisse  Räumlichkeit  anhaftet. 

Gemeinsam  haben  physiologischer  und  geometrischer  Raum 
nur  wenig.  Beide  sind  dreifache  Mannigfaltigkeiten.  Jedem  Punkt 
ABCD  . . .  des  geometrischen  entspricht  ein  Punkt  A'B'CD' . . . 
des  physiologischen  Raumes.  Einer  kontinuierlichen  Bewegung 
im  geometrischen  Raum  entspricht  eine  solche  des  zugeordneten 
Punktes  im  physiologischen.  Die  fingierte  Kontinuität  ist  keine 
wirkliche  *). 

Man  versteht  nun,  wie  Kant  sich  in  Paradoxien  über  die 

Symmetrie   usw.    (Handschuhbeispiel)   so   vergeblich   abmühte. 

DaB  die  KANTsche  Raumauffassung  nicht  haltbar  ist,  wird  hier 

schon  klar. 

Der  physikalische  Raum. 

Raum  und  Zeit  sind  physikalisch  besondere  Abhängigkeiten 
der  physikalischen  Elemente  voneinander,  und  zwar  sind  die  zeit- 
lichen die  einfachsten  und  unmittelbaren,  die  räumlichen  hingegen 
die  vermittelten  physikalischen  Abhängigkeiten. 

Aristoteles  •)  verquickte  die  Raum-  und  Körpervorstellung, 
so  war  ihm  das  Vakuum  undenkbar,  während  Leukipp,  Demo- 
KRIT  und  Epikur  unserer  Auffassung  näher  kamen.  Noch  Des- 
CARTES  betont  die  Unmöglichkeit  des  Vakuums;  erst  mit  Pascal, 
BOYLE  und  GUERICKE  brach  sich  die  richtige  Ansicht  allmählich 
Bahn.  Mit  dem  Vakuum  wurde  die  Raumvorstellung  selbständig. 


>)  Die  Bewegung  läßt  dabei  etwas  der  dritten  Dimension  Entsprechendes 
entstehen. 

•)  Nr.  121,  S.  76. 

•)  Aristoteles,  Physik.    IV.  Kapitel,  6—9. 


9.  Der  Raum.  51 

Das  finden  wir  bei  Newton  vor,  der  den  Raum  allerdings  lieber 
erffillt  gesehen  hätte.  Von  nun  an  sind  Raum  und  Zeit  absolute 
Größen.  Für  Newton  sind  sie  etwas  Hpperphysikalisches,  näm- 
lich unbestimmbare,  unabhängige  Urvariable  der  Welt,  die  dadurch 
zur  Maschine  mit  unbekanntem  Ziele  wird.  Eingehender  wird 
dies  im  physikalischen  und  psychologischen  Teile  besprochen. 

Nach  Newton  kam  die  große  Wandlung:  Faraday  und 
Maxwell  bringen  die  Nahewirkung,  d.  h.  die  vermittelte 
Fem  Wirkung,  so  daß  wir  philosophisch  das  eingangs  Erwähnte 
erreichen :  zeitliche  Abhängigkeit  ist  unmittelbare,  räumliche  aber 
eine  vermittelte.  Die  Welt  bleibt  ein  Ganzes,  wenn  nur  kein 
Teil  isoliert  ist.  Glieder,  die  nicht  unmittelbar  zusammenhängen 
(z.  B.  die  Einheit  von  Raum  und  Zeit),  ergeben  nur  scheinbar 
ein  übereinstimmendes  Verhalten  dadurch,  daß  wir  die  vermitteln- 
den Glieder  nicht  beachten. 

Das  Vakuum  erhält  nun  positive  Eigenschaften  durch  BOYLE, 
YouNG,  Fresnel,  Faraday,  Maxwell  und  Hertz,  es  bleibt 
nicht  mehr  das  Nichts.  Die  Lichtinterferenz  im  Vakuum  gibt 
uns  genauere  Maße,  als  starre  Körper  es  vermögen;  es  liefert 
die  Wellenlänge  als  Raummaß,  die  Schwingungsdauer  als  Zeit- 
maß^). Raum  und  Zeit  verlieren  also  den  hyperphysikalischen 
Charakter. 

Kant  erfüllt  den  NEWTONschen  Raum  mit  objektiv  und  real 
existierendem  Wärmestoff  (Feuerteilchen)  gemäß  dem  damaligen 
Stande  der  Wärmelehre.  Die  Phlogistontheorie  war  damals  im 
Abflauen;  sie  wurde  ersetzt  durch  die  Antiphlogistontheorie,  die 
noch  zwischen  „Menge  der  Wärme"  und  „Kraft  oder  Stärke  der 
Wärme**  scheidet  (Lambert),  während  „calor"  erst  anfing,  sich 
in  Temperatur  einerseits  und  Wärmemenge  anderseits  aufzulösen. 
Diese  reale  Ausfüllung  des  Weltalls  durch  wirkliche  Feuer- 
teilchen (Wärmestoff),  sei  das  Ding  an  sich,  sagt  Kant. 
Diese  ganzen  Verhältnisse  untersuchte  ich  eingehend  in  einer 
besonderen  Schrift,  in  der  Kants  Ansichten  über  das  reale  Ding 
an  sich  =  Wärmestoff  tabellarisch  und  kritisch  besprochen  wurden, 
wie  er  sie  in  seinem  Nachlaßwerke  „Übergang  von  den  meta- 
physischen Anfangsgründen  der  Naturwissenschaft  zur  Physik** 

')  Vgl.  O.  Chwolson,  Notiz  über  die  Vergleichung  des  Meters  mit  der 
Wellenlänge  des  Lichtes.    BoLTZMANN-Festsehrift,  4.  Abhandlung,  1904. 

4* 


52  Philosophischer  Teil. 

äußert^).  Es  würde  zu  weit  führen,  das  hier  zu  wiederholen. 
Dadurch  ist  der  Beweis  erbracht,  daß  Kants  Raum-  und  Zeit- 
auffassung für  die  Naturwissenschaft  unbrauchbar  ist.  Man  wird 
auch  von  keinem  Naturforscher  verlangen  wollen,  daß  er  den 
primitiven  Ansichten  eines  früheren  Jahrhunderts  beitrete  und  auf 
die  Errungenschaften  im  letzten  Jahrhundert,  vornehmlich  aber  auf 
das  Relativitatsprinzip  verzichte,  das  zum  unveräußerlichen  Be- 
sitze eines  jeden  Physikers  wurde. 

Psychologische  Geometrie. 

In  der  Geometrie  sind  noch  physiologische  Bestandteile  ent- 
halten. Zu  nennen  wäre  die  Bevorzugung  der  Ähnlichkeit,  des 
rechten  Winkels,  der  Symmetrie.  Man  vergleiche  auch  die  schöne 
Arbeit  Machs,  warum  physiologisch  ähnliche  Figuren  es  auch 
geometrisch  sind*).  Femer  ist  physiologisch  der  Unterschied 
positiver  und  negativer  Koordinaten,  der  rechten,  linken,  oberen 
und  unteren').    Auch  der  Drehungssinn  weist  darauf. 

Die  eingehende  Psychologie  des  Raumes  findet  der  Leser 
im  psychologischen  Teile;  hier  sei  aber  kurz  berührt,  wie  die 
geometrischen  Vorstellungen  entstehen.  An  einem  Reiz  unter- 
scheiden wir  nicht  nur  die  Reizqualität,  sondern  auch  die  betroffene 
Stelle.  Hering  nennt  das  den  Ort  der  Aufmerksamkeit.  Wir 
haben  also  zweierlei:  die  Sinnesempfindung  (Qualität  des 
Stiches  z.B.)  und  Organempfindung  (Ort  des  Stiches),  auch 
Raumempfindung  genannt.  Letztere  ist  um  so  variierender,  je 
ferner  die  ontogenetische  Verwandtschaft  der  Elementarorgane 
einer  gemeinsamen  Abstammung  wird.  Demgemäß  ist  der  phy- 
siologische Raum  ein  System  abgestufter  Organempfin- 
dungen, das  ohne  Sinnesempfindungen  nicht  verhanden  wäre, 
durch  sie  wachgerufen  aber  ein  bleibendes  Register  bildet,  in 
das  die  Sinnesempfindungen  eingeordnet  werden.  Damit  berührt 
sich  Mach  mit  E.  H.  Webers  Empfindungskreisen,  mit  LoTZEs 
Lokalzeichen  wie  mit  der  Lehre  von  Hering  und  Stumpf. 


>)  Hans  Henning,  Kants  NachlaOwerk.    Bongard,  Strafiburg  1912. 

«)  Nr.  5;  vgl.  auch  Nr.  15,  21,  46,  91,  S.  84—100. 

*)  Vier  in  verschiedenen  Ebenen  liegende  Punkte  kOnnen  erst  als  Ko- 
ordinatensystem die  Geometrie  von  diesen  phpsiologischen  Bestandteilen 
befreien. 


9.  Der  Raum.  53 

Daraus  ergeben  sich  folgende  Gesichtspunkte:  wären  wir 
festsitzende  Seetiere  oder  unser  Weltbild  sakkomorph,  so  könnten 
wir  nie  zum  euklidischen  Raum  gelangen.  Zu  ihm  verhielte  sich 
dann  der  unsrige  wie  ein  triklines  zum  tesseralen  Medium;  er 
wäre  anisotrop  und  begrenzt.  Die  Lokomotion  bildet  erst  die 
Vorstellung  des  euklidischen  Raumes;  sie  läßt  erst  unsere  Raum- 
erfahrungen ihm  angenähert  werden. 

Die  psychologische  Geometrie  Machs  ist  sehr  wichtig,  doch 
kann  sie  hier  nicht  mit  allen  Einzelheiten  dargelegt  werden.  Mach 
untersucht  die  geometrischen  Begriffe  und  zeigt,  daß  überall  ein 
Minimum  von  unscheinbaren,  kaum  beachteten  Erfahrungen  zu 
deren  Ableitung  nötig  ist  ^).  Dieses  Minimum  darf  nicht  vernach- 
lässigt werden,  und  so  kann  die  Geometrie  jedenfalls  nicht  mit 
Anschauung  und  Raisonnement  allein  aufgebaut  werden. 

Die  Gültigkeit  und  Sicherheit  der  Geometrie  wird  durch 
diese  Bestimmungen  gar  nicht  geschmälert.  Zwar  erstreckt  sich 
unsere  logische  Herrschaft  nur  auf  Begriffe,  die  wir  selbst  vor- 
her bestimmt  haben.  Durch  die  Einführung  des  physikalischen 
Maßes  treten  „an  die  Stelle  der  individuellen,  nicht  übertragbaren 
Raumanschauung  die  allgemein  für  alle  Menschen  gültigen  Be- 
griffe der  Geometrie"*). 

Diese  Gültigkeit  erklärt  sich  folgendermaßen:  „Es  wäre  nun 
nicht  ökonomisch,  jedesmal  von  den  elementarsten  Tatsachen 
beginnend  jeden  neuen  Fall  immer  wieder  von  Grund  aus  zu 
analysieren.  Vielmehr  empfiehlt  es  sich,  aus  einigen  wenigen  ein- 
fachen, geläufigen  und  unbezweifelten  Sätzen,  bei  deren  Wahl 
die  Willkür  durchaus  nicht  ausgeschlossen  ist,  die  Antworten  auf 
häufiger  vorkommende  Fragen  in  Form  von  Lehrsätzen  ein  für 
allemal  für  den  Gebrauch  zurecht  zu  legen')."  Zweitens  arbeiten 
ganze  Generationen  an  der  Kontrolle  der  Geometrie;  durch  diese 
Kollektivarbeit  wird  die  Überzeugung  von  der  Richtigkeit  ge- 
stärkt^).  Die  logische  Gültigkeit,  die  ich  in  die  Formen  hineintat, 


^)  In  Nr.  133  auf  S.  369  sagt  Mach,  Fig.  19  kOnne  auf  schiefwinklige 
Dreiecke  ebenso  leicht  und  anschaulich  fibertragen  werden.  Es  scheint  aber, 
daß  die  Anschaulichkeit  sich  da  nicht  beibehalten  läfit. 

•)  Nr.  133,  S.  383. 

•)  Nr.  133,  S.  379f. 

*)  Nr.  133,  S.  380f. 


54  Philosophischer  Teil. 

kann  ich  nicht  zugleich  festhalten  und  aufheben.  Die  nichteukli- 
dischen Geometrien^  die  im  unendlich  Kleinen  mit  der  euklidischen 
übereinstimmen,  get)en  den  Beweis,  daß  man  sehr  wohl  willkürlich 
von  einigen  Sätzen  absehen  kann.  Die  ,,reine^  Geometrie  der 
Kantianer,  die  sich  offensichtlich  mit  Euklid  vermählt  hat,  erleidet 
dadurch  mit  ihren  absoluten  und  apriorischen  Wahrheiten  einen 
Schiffbruch '). 

Ergebnisse. 
Mach  erreicht  folgende  Ergebnisse: 

1.  Die  Grundlage  der  Geometrie  ist  die  Erfahrung. 

2.  Denselben  geometrischen  Tatsachen  genügt  eine  Vielfach- 
heit von  Begriffen. 

3.  Die  Vergleichung  des  Raumes  mit  anderen  Mannigfaltig- 
keiten läßt  allgemeinere  Begriffe  gewinnen,  von  denen  die  geo- 
metrischen nur  ein  Spezialfall  sind;  die  konventionellen  unüber- 
schreitbaren  Schranken  der  Geometrie  fallen  damit 

4.  Durch  die  Verwandtschaft  des  Raumes  mit  anderen  Mannig- 
faltigkeiten ergeben  sich  neue  Fragen:  warum  ist  der  Raum  drei- 
dimensional, was  ist  er  physikalisch,  physiologisch,  geometrisch? 
Worauf  sind  seine  Eigenschaften  zurückzuführen,  da  andere  auch 
denkbar  sind?  usw. 

Trotz  der  unberufenen  Urteile  der  Böoter,  wie  Gauss  sagte, 
waren  diese  neuen  Fragen  fruchtbar.  Aus  dem  reichen  Material 
sei  hier  nur  ein  Punkt  hervorgehoben. 

Schon  Gauss  war  der  Ansicht,  daß  die  Geometrie  nicht 
vollständig  a  priori  zu  begründen  ist ').  Ausgehend  von  RiEMANN 
zeigt  Mach,  wie  der  Beweis  der  fünften  Euklidischen  Forderung 
(II.  Axiom)  von  Euklid  bis  Gauss  versucht  wurde,  bis  dieser 
die  Unmöglichkeit  einsah,  und  die  Forderung  als  Erfahrungs- 
tatsache nahm.  Das  Fallenlassen  dieser  Forderung  führte  zur 
nichteuklidischen  Geometrie  von  Lobatschewsky  (1829)  und 
BOLYAl  (1833).  Man  hat  noch  andere  Forderungen  fallen  ge- 
lassen, DE  TiLLY  z.  B.  den  Satz,  daß  zwei  Gerade  keinen  Raum 
einschließen  können;  er  gelangte  so  zur  Geometrie  der  Kugel- 
fläche und  versuchte  sowohl  die  euklidische  als  die  nichteukli- 

^)  Die  Allgemeingaitlgkeit  im  Sinne  Kromans  widerlegt  Mach  Nr.  133, 
S.  380r. 

•)  Brief  an  Bessel  vom  27.  Januar  1829. 


10.  Die  Zelt.  55 

dische  Geometrie  auf  die  Erfahrung  zu  gründen  ^).  Auch  Mach 
kam  zu  Räumen  von  verschiedener  Dimensionszahl,  indem  er 
betonte,  daB  nichtsinnliche  Dinge  (z.  B.  Atome)  nicht  not- 
wendig im  sinnlichen  Raum  vorgestellt  werden  müßten. 

Mit  alledem  ist  erreicht:  wohl  ist  der  wirkliche  Raum  drei- 
dimensional, aber  er  ist  nicht  anschaubar.  Beginnt  man  seine 
Philosophie  aber  mit  dem  Raumbegriff,  dann  darf  man  nicht  dem 
Euklidischen  alle  Autorität  auf  Kosten  der  anderen  verleihen; 
außerdem  ist  dessen  apriorische  Qualität  schlechterdings  unhaltbar. 

10.  Die  Zeit 

Von  der  Zeit  gilt  mutatis  mutandis  das  vom  Räume  Gesagte 
mit  dem  Unterschiede,  daß  die  zeitliche  Abhängigkeit  unmittelbar, 
die  räumliche  aber  mittelbar  ist.  Wie  der  Raum,  so  bedeutet 
auch  die  Zeit  in  physikalischer  Hinsicht  die  funktionale  Abhängig- 
keit der  durch  Sinnesempfindungen  charakterisierten  Elemente 
voneinander.  Im  einzelnen  ist  das  im  psychologischen  Teile  der 
voriiegenden  Schrift  nachzulesen. 

„Die  Zeit  des  Physikers  fällt  nicht  mit  dem  System  der  Zeit- 
empfindungen zusammen.  Wenn  der  Physiker  eine  Zeit  bestimmen 
will,  so  legt  er  identische  oder  als  identisch  vorausgesetzte 
Vorgänge,  Pendelschwingungen,  Erdrotationen  usw.,  als  Maßstab 
an.  Die  mit  der  Zeitempfindung  verknüpfte  Tatsache  wird  also 
einer  Reaktion  unterworfen,  und  das  Ergebnis  derselben,  die 
Zahl,  zu  der  man  gelangt,  dient  nun  statt  der  Zeitempfindung 
zur  näheren  Bestimmung  des  Gedankenlaufs.  Ganz  ebenso  richten 
wir  unsere  Gedanken  über  Wärmevorgänge  nicht  nach  der  Wärme- 
empfindung, die  uns  die  Körper  liefern,  sondern  nach  der  viel 
bestimmteren,  welche  durch  die  Thermometerreaktion  bei  Ab- 
lesung des  Standes  des  Quecksilberfadens  sich  ergibt.  Gewöhn- 
lich wird  an  die  Stelle  der  Zeitempfindung  eine  Raumempfindung 
(Drehungswinkel  der  Erde,  Weg  des  Zeigers  auf  dem  Uhrziffer- 
blatt) und  für  die  letztere  wieder  eine  Zahl  gesetzt  ^).^ 

^)  De  Tilly,  Essai  sur  les  prineipes  fundamentaux  de  la  g^ometrie  et  de 
la  m^canique.  M6tnoires  de  la  soci^t^  des  sciences  phpsiques  et  naturelles 
de  Bordeaux.    1880. 

*)  Nr.  91,  S.  285. 


56  Philosophischer  Teil. 

Die  Zeit  ist  nicht  umkehrbar:  „Die  Tatsache  der  Nichtumkehr- 
barkeit  der  Zeit  reduziert  sich  darauf,  daß  die  Wertänderungen 
der  physikalischen  Größen  in  einem  bestimmten  Sinne  statt- 
finden. Von  den  beiden  analytischen  Möglichkeiten  ist  nur  die 
eine  wirklich.  Ein  metaphysisches  Problem  brauchen  wir  hierin 
nicht  zu  sehen  ^)." 

Bei  Kant  ist  die  apriorische  Zeitvorstellung  die  Voraus- 
setzung der  Aufeinanderfolge  unserer  Empfindungen.  Es  ist  aber 
genau  umgekehrt  die  Folge  unserer  Empfindungen  der  Grund 
der  Zeitvorstellung.  Warum  sich  die  Empfindungen  nicht  in  eine 
Empfindung  (nämlich  die  der  Zeit)  sollten  einordnen  können,  das 
gibt  Kant  leider  nicht  an. 

Ähnlich  behauptet  RlEHL^),  die  Zeitvorstellung  entstehe  aus 
dem  Gegensatze  des  beharrenden  Bewußtseins  zu  den  fließenden 
Bewußtseinsinhalten.  Aber  um  zu  diesem  Gegensatze  gelangen 
zu  können,  muß  erst  diese  Beharrlichkeit  und  Folge  zum  Bewußt- 
sein gelangen,  hat  also  die  Vorstellung  der  Zeit  zur  Bedingung. 
WUNDT')  vertritt  die  Ansicht,  die  gegebene  Zeitvorstellung 
wäre  eine  Verschmelzung  aus  Spannungs-  und  Lösungsgeffihlen. 
Doch  konnte  die  Kritik  zeigen,  daß  WUNDT  damit  nur  die  Zeit- 
schätzung, nicht  aber  die  gewollte  Zeitempfindung  selbst  ge- 
troffen hatte.  StOrring  endlich  betont^),  Machs  Zeitauffassung 
sei  die  WuNDTsche  ins  Physiologische  übersetzt,  warum  er  auf 
diese  Daten  nicht  rekurriere?  Erstens  traf  Mach  seine  Be- 
stimmungen vor  WUNDT,  und  dann  bestehen  doch  wesentliche 
Unterschiede. 


*)  Nr.  91,  S.  287. 

*)  A.  RiEHL,  Der  philosophische  Kritizismus.    Bd.  2,  S.  117  ff. 

•)  WuNDT,  Physiologische  Psychologie.    Bd.  3,  S.  91  ff. 

*)  StOrring,  Einffihning  in  die  Erkenntnistheorie.   Leipzig  1909,  S.  244. 


57 


Die  Reform  der  Physik. 

Ernst  Machs  Arbeiten  auf  phpsikalischem  Gebiete  lassen 
sich  in  folgende  Gruppen  einteilen: 

1.  Spezialuntersuchungen. 

2.  Reform  der  physikalischen  Beta*achtungsweise  durch  histo- 
rische Kritik. 

3.  Kritik  der  NEWTONschen  Grundbegriffe. 

4.  Bestimmungen  zur  Atomhypothese. 

5.  Nachweis,  daß  die  mechanische  Naturansicht  unhaltbar  ist. 

1.  Die  Spezialuntersuchungen. 

Machs  pädagogisches  Interesse  hat  sich  in  mannigfacher 
Weise  bestätigt.  Nicht  nur  widmete  er  seinen  pädagogischen 
Idealen  eingehende  Artikel,  auch  seine  Darstellungen  einzelner 
Wissenschaftsgebiete  sind  von  diesem  Geiste  getragen.  Einen 
besonderen  Ausdruck  findet  dies  noch  in  einer  großen  Anzahl 
von  Einzeluntersuchungen^  die  zunächst  besprochen  seien. 

Demonstrationsapparate. 
Unter  der  großen  Anzahl  von  Apparaten,  die  Mach  ersann, 
seien  an  erster  Stelle  diejenigen  genannt,  die  zu  Demonstrations- 
zwecken dienen.  Seine  Wellenmaschine ^)  gestattet  den  Ver- 
lauf der  Wellen  bildlich  nachzuahmen,  ein  weiterer  Apparat 
illustriert  die  Schwingungsgesetze  gestrichener  Saiten').  Die 
Obertonleiste')  macht  es  möglich,  auf  einer  Klaviatur  sofort 
die  Obertöne  eines  beliebigen  Grundtons  abzulesen.    Den  Ein- 

»)  Nr.  28;  Nr.  32. 
•)  Nr.  38-40. 
•)  Nr.  26. 


58  ^^  Reform  der  Physik. 

fluS  der  Änderung  der  beschleunigenden  Kraft  demonstriert  sein 
Pendelapparat ^).  Die  Strahlenbrechungen  an  Linsen  lassen 
sich  sehr  rasch  an  seinem  Apparate  ablesen:  in  einem  rauch- 
erfüllten  Glaskasten  stehen  farbige  Linsen,  so  daB  die  ge- 
brochenen und  ungebrochenen  Sta*ahlen  in  ihrer  Richtung  sofort 
gesehen  werden. 

Denselben  Zweck  verfolgen  übersichtliche  Nachschlage- 
tabellen komplizierter  Gebiete.  Vor  allem  erwähne  ich  da  die 
Tabelle  der  KombinationstOne')  und  der  Polarisations- 
arten des  natürlichen  Lichts. 

Femer  zeigt  sich  diese  pädagogische  Ader  in  zahlreichen 
Lehrbüchern  der  Physik  für  alle  Stufen  und  Arten  von  Schulen, 
die  in  den  Deutsch  sprechenden  Ländern  die  gangbarsten  sind. 
Zum  Teil  hat  Mach  sie  gemeinsam  mit  anderen  Autoren  ver- 
faßt»). 

Optisch-akustische  Versuche. 

Das  erste  größere  Problem,  das  Mach  wiederholt  in  An- 
griff nahm,  ist  die  Ton-  und  Farbenänderung  durch  Bewegung. 
Dabei  knüpft  er  an  die  Kontroverse  zwischen  Doppler  und 
Petzval  an,  bringt  das  Problem  zugunsten  von  Doppler  zum 
Abschluß  und  fügt  selbst  neue  Momente  hinzu  ^).  Diese  Ver- 
suche, die  ihn  nun  nicht  mehr  loslassen,  werden  in  den  folgenden 
Jahren  weitergeführt.  Eine  Zusammenfassung  der  früheren 
Arbeiten  bringt  Nr.  56.  Mehr  wie  bei  anderen  physikalischen 
Fragen  liegt  es  beim  DOPPLERschen  Prinzip  nahe,  den  physio- 
logischen und  psychologischen  Anteil  zu  bestimmen,  weil  er 
mehr  als  gewöhnlich  ins  Gewicht  fällt 

Mach  verdanken  wir  die  erste  stroboskopische  Darstellung 
der  Luftschwingungen;  von  ihm  rührt  auch  die  Mehrzahl  der 
stroboskopischen  Methoden  her. 

Die  ursprüngliche  Methode  Plateaus  entzog  dem  Auge 
periodisch  den  Anblick  des  bewegten  Körpers,  indem  zwischen 
Auge  und  Körper  eine  Scheibe  mit  Spalten  rotierte.  Toepler 
beleuchtete  nach  dem  Vorschlage  Dopplers  den  schwingenden 

>)  Nr.  36;  Nr.  37. 

•)  Nr.  26,  S.  58. 

•)  Nr.  9,  95,  104,  105,  138. 

*)  Nr.  56,  S.  14,  25f.,  30,  33. 


1.  Die  Spezialuntersuchungen.  59 

Körper,  und  zwar  eine  Saite,  intermittierend.  Mach  setzte  an 
die  Stelle  der  rotierenden  Scheibe  eine  Unterbrechungsstimmgabel 
von  großer  Exkursionsweite.  Erst  dadurch  wurde  es  möglich, 
die  Geschwindigkeit  praktisch  und  technisch  in  geeigneter  Weise 
zu  regulieren. 

TOEPLER  und  BOLTZMANN  verwendeten  dann  eine  elektro- 
magnetisch schwingende  Stimmgabel,  deren  Zinken  Aluminium- 
schirme mit  Spalten  ta*agen.  Damit  machte  Mach  die  Luft- 
schwingungen in  einer  Pfeife  sichtbar.  Das  Sonnenlicht  passiert 
das  Stimmgabeldiaphragma,  wird  dann  durch  die  Linse  parallel 
gerichtet  und  hierauf  längs  durch  eine  horizontal  liegende  Orgel- 
pfeife geführt,  die  auf  die  Gabel  abgestimmt  ist.  Diese  Orgel- 
pfeife ist  in  der  Mitte  an  der  Stelle  der  Knotenfläche  durch  eine 
Membran  geteilt;  die  schlaff  gespannte  Membran  beeinflußt  den 
Ton  wenig,  verhindert  jedoch  den  Luftstrom.  Zwischen  Pfeifen- 
Öffnung  und  Membran  an  der  oberen  Innenwand  der  Pfeife  ist 
ein  Platindraht  gespannt,  der  galvanisch  erhitzt  werden  kann. 
Damit  man  die  Vorgänge  zu  beobachten  vermag,  sind  die  verti- 
kalen Pfeifenwände  von  der  Membran  an  bis  zum  offenen  Ende 
aus  Glas,  während  die  übrigen  Teile  aus  Holz  verfertigt  sind. 
Der  Platindraht  wird  mit  konzentrierter  Schwefelsäure  benetzt, 
wobei  sich  dann  Tröpfchen  in  gleichen  Abständen  bilden.  Wird 
der  Platindraht  galvanisch  erhitzt,  so  bilden  die  Säureteilchen 
feine  Dampflinien,  die  quer  (vertikal)  durch  die  Pfeife  strobo- 
skopisch  schwingen,  wenn  der  Ton  erklingt. 

Mach  arbeitete  auch  mit  KöNicschen  Brennern,  deren  kleine 
Flammen  aufleuchten,  wenn  sie  durch  den  Luftstrom  erregt 
werden.  Durch  Bewegung  von  Stimmgabeln  usw.,  die  auf  die 
Pfeife  gestimmt  sind,  werden  die  Flämmchen  stroboskopisch 
sichtbar  gemacht.  Will  man  die  Luftschwingungen  in  der  Pfeife 
beobachten,  so  legt  man  die  obige  Pfeifenkonstruktion  horizontal 
vor  die  gleichgestimmte  Beleuchtungspfeife;  deren  Flammen  be- 
trachtet man  durch  die  erste  Pfeife,  wobei  dann  die  Dampflinien 
der  Schwefelsäure  schwingend  gesehen  werden. 

Die  Bewegung  der  oben  schon  erwähnten  Unterbrechungs- 
gabel machte  Mach  sinnlich  beobachtbar  durch  einen  Lichtstrahl, 
der  eine  auf  und  ab  bewegte  Linse  im  Fensteriaden  passierte, 
die  Stimmgabel  mit  ihrem  Spaltschirm  durchläuft  und  dann  mit 


60  Die  Reform  der  Phpsik. 

einem  Planspiegel  auf  die  Unterbrechungsgabel  zurückgeworfen 
wird.  Natürlich  können  mit  dieser  Methode  auch  Körper  unter- 
sucht werden,  die  von  der  Unterbrechungsgabel  in  Schwingung 
versetzt  werden. 

Im  einzelnen  muß  ich  auf  die  Originalabhandlung  weisen, 
wo  weitere  Versuche  angeführt  sind^). 

Die  von  Doppler  festgestellte  Tatsache,  daß  die  Tonhöhe 
durch  Bewegung  (wie  die  Farbe)  verändert  wird,  gestattet  ein 
Apparat  Machs  ')  im  Zimmer  nachzuprüfen,  während  man  sonst 
immer  nur  von  der  Eisenbahn  aus  beobachtete.  Eine  etwa  4  m  lange 
hohle  Holzleiste,  die  um  ihre  vertikale  Achse  drehbar  ist,  trägt 
am  Ende  eine  kleine  Zungenpfeife.  Dieses  ganze  System  ruht 
in  einer  Röhre,  durch  die  die  Pfeife  angeblasen  wird,  während 
die  Holzleiste  mit  Pfeife  im  horizontalen  Kreise  gedreht  wird. 
Bei  der  Entfernung  der  Pfeife  vom  Beobachter  sinkt  die  Ton- 
höhe, bei  der  Annäherung  steigt  sie.  Statt  der  Pfeife  ver- 
wendete Mach  auch  eine  Stimmgabel. 

Der  Bau  der  Wellen. 

Zunächst  untersuchte  Mach  den  Bau  von  Gasstrahlen, 
die  aus  einer  kleinen  Öffnung  sta*ömen.  Dabei  verwendete  er 
den  Schlierenapparat  und  den  von  seinem  Sohne  Ludwig  Mach 
konstruierten  Interferenzrefraktometer.  Seine  Photographien  er- 
gaben, daß  die  Gasstrahlen  recht  kompliziert  gebaut  sind'). 

Daran  schloß  er  Messungen  der  Fortpflanzungsgeschwin- 
digkeit von  Schallwellen,  Explosionswellen  und  solchen 
Wellen,  die  durch  den  elektrischen  Funken  erzeugt  werden. 
Er  erhielt  dabei  das  überraschende  Ergebnis,  daß  der  Wert  der 
Fortpflanzungsgeschwindigkeit  des  Schalles  in  unmittelbarer 
Nähe  des  Entstehungsortes  bedeutend  größer  war  als  der  Mittel- 
wert (340  m),  nämlich  bis  zu  756  m  pro  Sekunde*). 

Das  wendete  er  dann  auf  fliegende  Geschosse  an.  Die 
Luftverdünnungen  und  -Verdichtungen  werden  nach  der  Schlieren- 
methode photographisch  aufgenommen.    Durch  einen  sinnreichen 

*)  Nr.  56. 
•)  Nr.  2;  Nr.  79. 
•)  Nr.  101,  102,  127. 
*)  Nr.  75,  76. 


].  Die  Spezialuntersuchungen.  61 

Mechanismus  löst  das  fliegende  Projektil  die  ganze  Apparatur 
im  rechten  Momente  aus.  Es  zeigt  sich  da  eine  Kopfwelle  (Ver- 
dichtung der  Luft  vor  dem  Geschoß)  und  eine  Schwanzwelle 
(Luftwirbel  hinten  im  SchuSkanal).  Das  Projektil  verhält  sich 
also  wie  ein  Schiff  im  Wasser,  aber  nur,  wenn  das  Geschoß 
eine  größere  Geschwindigkeit  aufweist  (330  m/sec.)  als  die  Schall- 
geschwindigkeit. Die  Kopfwelle  wird  als  Knall  gehört.  Nach 
Mach  gibt  es  aber  einen  doppelten  Knall:  der  erste  am  Ziel 
gehörte  (Knall  des  Geschosses)  fliegt  mit  dem  Projektil,  der 
zweite  (Donner  des  Geschützes)  rührt  von  der  Pulvergasent- 
wicklung her,  was  schon  den  Artilleristen  als  Rätsel  aufstieß. 
Auf  den  Schießplätzen  von  Pola  und  Meppen  konnte  Mach, 
was  glänzend  bestätigt  wurde,  die  Differenz  der  beiden  Schall- 
phänomene nachweisen  ^). 

Die  Schallwellen,  die  durch  einen  elektrischen  Funken 
oder  durch  Explosion  ausgelöst  werden,  zeigen  eine  Interferenz. 
Die  Erschütterung  fegt  auf  einer  berußten  Glasplatte  Figuren 
weg  und  häuft  den  Ruß  an  anderen  Stellen  an,  ähnlich  wie  das 
bei  den  Klangfiguren  und  in  KUNDTschen  Röhren  zu  beobachten 
ist.  Nach  Machs  Ergebnissen  entsteht  eine  neue  Welle,  wenn 
zwei  Wellen  sich  unter  sehr  spitzem  Winkel  ihrer  Fortpflanzungs- 
richtung ta*effen,  und  diese  neue  Welle  schreitet  selbständig  im 
alten  Wellenzuge  fort.  Er  konnte  auch  die  anfänglich  sehr  große 
Geschwindigkeit  der  Funkenwelle  —  die  mit  der  Ausbreitung 
rasch  abnimmt  —  innerhalb  weniger  Zentimeter  messen.  Sein 
Maßprinzip  beruht  auf  einer  rotierenden  berußten  Scheibe,  deren 
Umdrehungsgeschwindigkeit  er  durch  einen  ebenfalls  von  ihm 
stammenden  Apparat  bestimmte.  Dieser  fußt  in  der  optischen 
Vergleichung  einer  bewegten  Stimmgabel.  Die  unberußte  Seite 
der  rotierenden  Scheibe  hat  zwei  archimedische  Spiralen,  die 
durch  einen  Spalt  auf  dem  Spiegel  der  vertikal  schwingenden 
Stimmgabel  betrachtet  werden'). 

Mit  Hilfe  der  MüLLERschen  Streifen  untersuchte  Mach  den 
Gangunterschied  der  Lichtkomponenten  in  einem  tönenden  Glas- 
stabe und  in  einem  durch  Gewichte  gedehnten  Glasstab.  Er 
fand,  daß  der  Gangunterschied  geändert  wird,   und   daß  die 

*)  Nr.  54,  55,  75,  94,  99,  100—103, 106-109, 116,  120;  Kapitel  XVIII,  124. 
•)  Nr.  71,  76-82. 


62  Die  Reform  der  Physik. 

Drucke  beträchtlich  steigen^  so  daß  das  Springen  von  Glas  beim 
starken  Tönen  begreiflich  wird.  Hier  sind  noch  einige  andere 
Versuche  anzugliedern*). 

Zum  Studium  der  Lichtwellen  konstruierte  er  den  Polari- 
sationsapparat mit  rotierendem  Analysator,  der  nacheinander 
auftretende  Erscheinungen  gleichzeitig  zeigt.  Mit  ihm  nahm  er 
Versuche  über  die  spekta*ale  Zerlegung  der  Polarisationsfarben 
achsenparalleler  Kristallplatten  vor,  wobei  sich  die  bekannten 
bunten  Erscheinungen  einstellen'). 

Gewisse  Körper  weisen  eine  anomale  Farbenzerstreuung  und 
somit  eine  Änderung  der  Farbenreihenfolge  im  Spektrum  auf. 
Als  erster  wies  KUNDT  auf  die  Absorption  der  Sfrahlen  als  Ur- 
sache dieser  Erscheinung.  Am  KUNDTschen  Verfahren  (Methode 
der  gekreuzten  Prismen)  brachte  Mach  eine  Abänderung  dahin 
an,  daß  er  eine  doppelte  Reflexion  innerhalb  zweier  gekreuzter 
Prismen  verwendete'). 

Aus  der  großen  Reihe  von  Arbeiten  möchte  ich  noch  die 
photographischen  Verfahren  herausheben,  die  gestatten, 
körperliche  Gegenstände  halbdurchsichtig  sowohl  in  ihrer  äußeren 
Unversehrtheit  als  in  innerer  Beschaffenheit  im  Bilde  zu  sehen. 
Diese  Methode  ist  für  die  Medizin  und  Technik,  wie  für  alle 
Demonstrationszwecke  von  ganz  erheblicher  Bedeutung^).  Dieses 
Verfahren  änderte  er  mit  seinem  Sohne  Ludwig  so  um,  daß  die 
wachsende  Pflanze  mit  den  Wachstumserscheinungen  auf  ein 
photographisches  Bild  kommt. 

2.  Die  historische  Kritik. 

Die  Eigenart  Machs,  mit  einem  Blicke  Physik  und  Physio- 
logie zu  fassen,  verhindert  ihn  naturgemäß  ein  System  der 
Physik  zu  geben.  Auch  seine  pädagogischen  Ansichten  ver- 
langen etwas  anderes:  „Ich  wäre  zufrieden,  wenn  jeder  Jüngling 
einige  wenige  mathematische  oder  naturwissenschaftliche  Ent- 
deckungen sozusagen  miterlebt  und  in  ihren  weiteren  Konse- 

>)  Nr.  50,  56,  107. 

*)  Nr.  56. 

»)  Nr.  56,  49,  69,  70. 

*)  Nr.  96,  97,  120;  Kapitel  IX  und  X,  122,  123. 


2.  Die  historische  Kritik.  63 

quenzen  verfolgt  hätte.  Der  Unterricht  würde  sich  da  vorzüglich 
und  natürlich  an  die  ausgewählte  Lektüre  der  großen  naturwissen- 
schaftlichen Klassiker  anschließen^).^'  Er,  dem  das  Wissen  nur 
als  Tat  und  als  Mittel  zum  Erwerben  von  Neuem  etwas  be- 
deutet, kann  sich  bei  dem  unpersönlichen  System  nicht  be- 
scheiden, und  so  wählt  er  die  historisch-kritische  Betrachtungs- 
weise. In  diesem  Sinne  bearbeitete  er  die  Mechanik,  Wärme- 
lehre, Optik,  Akustik,  Elektrizität  und  viele  Spezialprobleme« 
Dabei  leitet  ihn  das  Prinzip  der  Ökonomie,  d.  h.  er  sucht  mit 
dem  Minimum  an  Voraussetzungen  sein  Auskommen  zu  finden. 

Gemäß  der  philosophischen  Ansicht  ist  die  Darstellung 
phänomenologisch.  Das  wird  besonders  deutlich  in  der  Wärme- 
lehre. Die  kinetische  Gastheorie,  die  ja  auf  materialistischer 
Grundlage  ruht,  ist  dort  ganz  ausgeschaltet;  die  einzelnen  Ge- 
setze werden  nicht  aus  unsichtbaren  Atombewegungen  abgeleitet, 
wie  dies  bei  Maxwell  der  Fall  ist,  sondern  aus  der  Bewegung 
sichtbarer  Volumelemente.  Diese  ihrerseits  lassen  sich  wieder 
bequem  phänomenologisch  analysieren,  so  daß  Mach  ohne  tran- 
szendente Realität  auskommt.  Damit  sind  die  erkenntnistheoreti- 
schen Voraussetzungen  ausgeschaltet. 

Dagegen  spielt  in  den  genannten  Darlegungen  die  Erkenntnis- 
pspchotögie  die  wesentliche  Rolle:  Mach  sieht  zu,  wie  jeder 
Forscher  zu  seinen  Ergebnissen  gelangte,  motiviert  Wege  und 
Umwege,  und  zieht  daraus  lehrreiche  Folgerungen.  Er  erreicht 
damit  ein  pädagogisch  leichteres  Verständnis,  trennt  das  Wesent- 
liche von  dem  Unökonomischen,  zeigt  die  charakteristischen  Ent- 
wicklungslinien auf  und  entfernt  die  unnötigen  Zutaten. 

Aus  dieser  historischen  Kritik  entspringt  sowohl  eine  all- 
gemeine Klärung  der  Physik,  wie  eine  Revision  ihrer  Grund- 
begriffe, als  auch  seine  ganze  Philosophie.  Natürlich  kann  all 
das  hier  nicht  besprochen  werden,  da  es  nur  klassische  Dar- 
legungen mit  anderen  Worten  wiederholen  hieße. 

Nicht  alles  hat  Mach  jedoch  selbst  fortgeführt:  so  gab  er 
das  Programm  einer  Mechanik  ohne  den  Kraftbegriff  im  Jahre 
1883,  die  dann  unabhängig  von  ihm  Heinrich  Hertz  im 
Jahre  1894  schrieb.    Vor  Riemann  finden  wir  bei  MACH  ahn- 


»)  Nr.  120,  S.  340. 


64  ^^^  Rerorm  der  Physik. 

liehe  Bestimmungen  über  den  Raum  ausgesprochen.  Im  Jahre  1909 
faßte  Mach  sein  Programm  zusammen:  ,,Ich  steure  also  auf  das 
Prinzip  der  Relativität  los,  welches  auch  in  ^Mechanik^  und 
jWärmelehre*  festgehalten  wird"*)-  Mach  ist  danach  durchaus 
als  physikalischer  Relativist  zu  bezeichnen. 

Mach  wurde  heftig  angegriffen,  daß  er  sich  in  seinen 
Werken  der  deutschen  Sprache  schlechthin  sowie  der  üblichen 
physikalischen  Terminologie  bediene,  anstatt  sich  seiner  Ele- 
mentenlehre entsprechend  auszudrücken.  Die  Terminologie  der 
Physik,  das  übersahen  die  MACH-Gegner,  kann  sich  nach  keiner 
Philosophie  richten.  Physiker,  die  auf  Kants  Seite  stehen,  be- 
dienen sich  ja  auch  nicht  lediglich  der  KANTschen  Terminologie. 
Das  bekannte  Beispiel,  das  Napoleons  Wirken  in  der  Schlacht 
bei  Jena  nur  mit  psychologischen  Fachausdrücken  beschreibt, 
wird  wohl  jeden  vor  solchen  Unmöglichkeiten  und  Geschmack- 
losigkeiten bewahren. 

3.  Die  Kritik  der  piiysikalisclien  Grundbegriffe.  . 

Aus  dieser  historischen  Kritik  wächst  von  selbst  auch  eine 
Kritik  der  Grundbegriffe  hervor. 

Vornehmlich  handelt  es  sich  dabei  um  Newtons  Grund- 
begriffe. Die  Ansicht,  wer  KANT  annehme,  erhalte  damit  implizite 
die  NEWTONschen  Bestimmungen,  ist  sehr  verbreitet.  Besonders 
traten  dafür  ein:  HERMANN  COHEN»),  AUGUST  Stadler  »),  Fried- 
rich Albert  Lange*),  Kuno  Fischer*).  Dieser  Ansicht  ist 
auch  Mach.  Neuerdings  trat  Riehl  ®)  auf  Grund  der  KANTschen 
NachlaSpapiere  dieser  Auffassung  entgegen.  Eine  eingehende 
Kritik  dieser  Frage  gab  ich  an  anderem  Orte^),  wo  die  Unver- 
einbarkeit Kants  mit  der  modernen  Naturwissenschaft  deutlich 
wurde;  hier  darf  ich  mich  darauf  beziehen. 


*)  Nr.  137,  Anmerkung. 

*)  Hermann  Cohen,  Kants  Theorie  der  Erfahrung.    Berlin  1885. 

*)  A.  Stadler,  Kants  Theorie  der  Materie.    Leipzig  1883. 

*)  F.  A.  Lange,  Geschichte  des  Materialismus. 

^)  Kuno  Fischer,  Kant  und  seine  Lehre.    Heidelberg  1898. 

®)  A.  Riehl,  Der  philosophische  Kritizismus.    Bd.  1.  Leipzig  1908. 

^)  Hans  Henning,  Kants  Nachlaßwerk.    Bongard,  Straßburg  1912. 


3.  Die  Kritik  der  phpsikalischen  Grundbegriffe.  65 

Newton  stellte  8  Definitionen  auf,  welchen  3  Gesetze 
(Axiome)  mit  6  Zusätzen  folgen. 

Die  erste  Definition  betrifft  die  Masse:  „Die  Menge  der  Ma- 
terie wird  durch  ihre  Dichtigkeit  und  ihr  Volum  vereint  gemessen. 
Diese  Menge  der  Materie  werde  ich  im  folgenden  unter  dem 
Namen  Körper  oder  Masse  verstehen,  und  sie  wird  durch  das 
Gewicht  des  jedesmaligen  Körpers  bekannt.  Daß  die  Masse  dem 
Gewicht  proportional  sei,  habe  ich  durch  sehr  genau  angestellte 
Pendelversuche  gefunden,  wie  später  gezeigt  werden  wird." 

Im  Gegensatz  dazu  behauptet  Mach,  dies  sei  nur  eine  Schein- 
definition. Newton  definiert  die  Masse  als  das  Produkt  des 
Volums  und  der  Dichte;  da  aber  die  Dichte  ihrerseits  definitiv 
nur  die  Masse  der  Volumeinheit  vorstellt,  wird  der  Zirkel  klar,  der 
weder  den  Massenbegriff  noch  den  der  Dichte  deutlich  macht. 

Die  zweite  NEWTONsche  Definition  ist  ein  einwandfreier 
Rechenausdruck  für  die  Messung  der  BewegungsgröBe. 

Die  dritte  Definition  betrifft  die  Trägheit.  Nach  Machs  An- 
sicht wird  sie  durch  die  Kraftdefinitionen  4--8  überflüssig,  die 
man  ihrerseits  bequemer  in  eine  einzige  fassen  könnte. 

Die  drei  Gesetze  (Axiome)  lauten  bei  Newton: 

„1.  Gesetz:  Jeder  Körper  beharrt  in  seinem  Zustande  der 
Ruhe  oder  der  gleichförmigen  geradlinigen  Bewegung,  wenn  er 
nicht  durch  einwirkende  Kräfte  gezwungen  wird,  seinen  Zustand 
zu  ändern. 

2.  Gesetz:  Die  Änderung  der  Bewegung  ist  der  Einwirkung 
der  bewegenden  Kraft  proportional  und  geschieht  nach  der 
Richtung  derjenigen  geraden  Linie,  nach  welcher  jene  Kraft  wirkt. 

3.  Gesetz:  Die  Wirkung  ist  stets  der  Gegenwirkung  gleich, 
oder  die  Wirkung  zweier  Körper  aufeinander  sind  stets  gleich 
und  von  entgegengesetzter  Richtung." 

Nach  Mach  ist  das  erste  und  zweite  Gesetz  durch  die  Kraft- 
definition bereits  gegeben;  es  enthält  außerdem  eine  Tautologie. 
Gesetz  3  bleibt  ohne  den  richtigen  Massenbegriff  unverständlich, 
mit  ihm  aber  wird  es  unnötig. 

Newtons  Zusatz  1  betrachtet  die  Beschleunigungen,  die 
mehrere  unabhängige  Körper  einem  einzelnen  mitteilen.  Nach 
Mach  ist  dieses  etwas  Neues;  formal  beanstandet  er,  daß  es 
flicht  aus  der  Erfahrung  abgeleitet,  sondern  als  selbstverständ- 

Henning,  Ernst  Mach.  5 


/ 


66  I^ie  Reform  der  Phpsik. 

lieh  gegeben  wird.   Zusatz  2 — 8  sind  Anwendungen  und  mathe- 
matische Deduktionen  aus  dem  früheren. 

Nun  kommen  Newtons  Bestimmungen  über  Raum  und  Zeit, 
denen  wir  bereits  im  philosophischen  Teile  begegneten.  Mach 
ist  nicht  der  einzige  abtrünnige  Physiker.  So  nennt  G.  Kirch- 
hoff die  Kraft  ein  bloßes  Wort  für  Masse  mal  Beschleunigung, 
H.  Hertz  ersinnt  eine  Mechanik  ohne  Kraftbegriff,  bei  H.  PoiN- 
CARE  wird  Kraft  eine  Funktion  des  Ortes,  der  Zeit  und  der 
Geschwindigkeit,  JAUMANN  meidet  den  odiosen  Namen  über- 
haupt, usf. 

Newton  sagt  nun:  „Zeit,  Raum,  Ort  und  Bewegung  als  allen 
bekannt,  erkläre  ich  nicht . .  .^'  Da  man  sie  gewöhnlich  mit  Be- 
ziehung auf  die  Sinne  auffasse,  unterscheide  er  „absolute  und  re- 
lative, wahre  und  scheinbare,  mathematische  und  gewöhnliche  . .  .^ 

„I.  Die  absolute,  wahre  und  mathematische  Zeit  ver- 
fließt an  sich  und  vermöge  ihrer  Natur  gleichförmig  und  ohne 
Beziehung  auf  irgend  einen  äußeren  Gegenstand.  Sie  wird  auch 
mit  dem  Namen  Dauer  belegt. 

Die  relative,  scheinbare  und  gewöhnliche  Zeit  ist  ein 
fühlbares  und  äußerliches,  entweder  genaues  oder  ungleiches 
Maß  der  Dauer,  dessen  man  sich  gewöhnlich  statt  der  wahren 
Zeit  bedient,  wie  Stunde,  Tag,  Monat,  Jahr. 

...  Es  ist  möglich,  daß  keine  gleichförmige  Bewegung 
existiert,  durch  welche  die  Zeit  genau  gemessen  werden  kann^ 
alle  Bewegungen  können  beschleunigt  oder  verzögert  werden, 
allein  der  Verlauf  der  absoluten  Zeit  kann  nicht  geändert 
werden.  Dieselbe  Dauer  und  dasselbe  Verharren  findet  für  die 
Existenz  aller  Dinge  statt,  mögen  die  Bewegungen  geschwind» 
langsam  oder  Null  sein." 

Im  wesentlichen  läuft  alles  auf  folgendes  Argument  hinaus: 
bei  einer  Pendelmessung  ist  der  Bezugskörper  gleichgültig. 
Jedoch  ist  damit  noch  nicht  gesagt,  daß  ein  solcher  überhaupt 
nicht  nötig  sei:  „Weil  ein  Papiergulden  nicht  notwendig  durch 
einen  bestimmten  Münzgulden  fundiert  sein  muß,  sondern  durch 
einen  beliebigen  Münzgulden  fundiert  sein  kann,  so  darf  man 
nicht  glauben,  daß  er  gar  nicht  fundiert  zu  sein  braucht"  ^).  Weiter- 


»)  Nr.  137,  S.  48. 


3.  Die  Kritik  der  phpsikalischen  Grundbegriffe.  67 

hin  wendet  Mach  ein:  ^Wir  sind  ganz  außerstande,  die  Ver- 
änderungen der  Dinge  an  der  Zeit  zu  messen.  Die  Zeit  ist 
vielmehr  eine  Abstraktion,  zu  der  wir  durch  die  Veränderung 
der  Dinge  gelangen,  weil  wir  auf  kein  bestimmtes  Maß  an- 
gewiesen sind,  da  eben  alle  untereinander  zusammenhängen  . . . 
Eine  Bewegung  kann  gleichförmig  sein  in  bezug  auf  eine  andere. 
Die  Frage,  ob  eine  Bewegung  an  sich  gleichförmig  sei,  hat 
gar  keinen  Sinn.  Ebensowenig  können  wir  von  einer  „absoluten 
Zeit"  (unabhängig  von  jeder  Veränderung)  sprechen.  Diese 
absolute  Zeit  kann  an  gar  keiner  Bewegung  abgemessen  werden, 
sie  hat  also  auch  gar  keinen  praktischen  und  auch  keinen  wissen- 
schaftlichen Wert;  niemand  ist  berechtigt  zu  sagen,  daß  er  von 
derselben  etwas  wisse,  sie  ist  ein  müßiger  ,metaph7sischer^ 
Begriff^)." 

Newton  gibt  über  Raum  und  Zeit  folgende  Bestimmungen: 

„II.  Der  absolute  Raum  bleibt  vermöge  seiner  Natur  und 
ohne  Beziehung  auf  einen  äußeren  Gegenstand  stets  gleich  und 
unbeweglich.  Der  relative  Raum  ist  ein  Maß  oder  beweglicher 
Teil  des  ersteren,  welcher  von  unseren  Sinnen,  durch  seine  Lage 
gegen  andere  Körper  bezeichnet  und  gewöhnlich  für  den  un- 
beweglichen Raum  genommen  wird. 

IV.  Die  absolute  Bewegung  ist  die  Übertragung  des  Körpers 
von  einem  absoluten  Orte  nach  einem  anderen  absoluten  Orte, 
die  relative  Bewegung,  die  Übertragung  von  einem  relativen 
Orte  nach  einem  anderen  relativen  Orte  ...  So  bedienen  wir 
uns,  und  nicht  unpassend,  in  menschlichen  Dingen  statt  der  ab- 
soluten Orte  und  Bewegung  der  relativen,  in  der  Naturlehre 
muß  man  hingegen  von  den  Sinnen  abstrahieren.  Es  kann  nämlich 
der  Fall  sein,  daß  kein  wirklich  ruhender  Körper  existiert,  auf 
welchen  man  die  Orte  und  Bewegungen  beziehen  könnte  .  .  . 

.  •  .  Die  wirkenden  Ursachen,  durch  welche  absolute  und 
relative  Bewegungen  voneinander  verschieden  sind,  sind  die 
Fliehkräfte  von  der  Achse  der  Bewegung.  Bei  einer  nur  rela- 
tiven Kreisbewegung  existieren  diese  Kräfte  nicht,  aber  sie  sind 
kleiner  oder  größer,  je  nach  Verhältnis  der  Größe  der  (absoluten) 
Bewegung."    Newton  stützt  dies  durch  den  bekannten  Ver- 


*)  Nr.  87,  S.  238. 


68  Die  Reform  der  Physik. 

such  der  Drehung  eines  an  einem  Faden  aufgehängten  GefäBes 
Wasser  ^). 

Mach  hält  dagegen,  daß  absoluter  Raum  und  absolute  Be- 
wegung nicht  aufzeigbar  sind.  Niemand  ist  berechtigt,  die 
relativen  Sätze  der  Mechanik  über  die  Grenzen  der  Erfahrung 
hinaus  auszudehnen,  ja  dies  ist  sinnlos,  da  es  nicht  anwendbar 
ist*).  Wenn  der  Körper  K  unter  dem  Einfluß  K'  Richtung  und 
Geschwindigkeit  ändert,  so  können  wir  dies  nur  an  ABC... 
messen.  Von  ABC...  können  wir  nicht  absehen,  da  wir  dann 
nicht  wüßten,  wie  K  sich  benimmt,  und  wir  dies  auch  nicht  be- 
urteilen könnten.    Der  Gravitationssatz  sagt  ja  nicht  nur  aus, 

daß  K  und  K'  die  Beschleunigungen  x  — ^ —  erleiden,  sondern 
daß  K :  —^ß^  und  K':  '^V^   nach  der  Richtung  der  Verbin- 

dungslinien  erleidet,  was  nur  durch  ABC...  gemessen  werden 
kann.  Wohl  ist  gleichgültig,  welche  Körper  ABC...  sind, 
denn  sie  sind  vertauschbar.  Damit  ist  aber  nicht  gesagt,  daß  gar 
keine  nötig  sind. 

Wäre  der  absolute  Raum  ein  bewegungsbestimmendes  Me- 
dium, was  Newton  aber  nicht  annahm,  dann  könnte,  das  gibt 
Mach  zu,  ABC...  fortfallen.  Nachweislich  ist  die  Luft  dieses 
Medium  nicht.  Die  Hydrodynamik  beweist,  das  dies  nicht  un- 
möglich sei;  allein  über  ein  solches  Medium  wissen  wir  nichts '). 
Ebensowenig  kann  nach  den  Messungen  Michblsons  der  Äther 
den  absoluten  Maßstab  abgeben.  Hiermit  fällt  das  letzte  Boll- 
werk der  absoluten  Auffassung,  während  das  Relativitätsprinzip 
zur  unbestrittenen  Geltung  gelangt. 

Und  so  behauptet  Mach:  „Relativ  sind  die  Bewegungen  im 
Weltsystem,  von  dem  unbekannten  und  unberücksichtigten  Medium 
des  Weltraumes  abgesehen,  dieselben  nach  der  Ptolemäischen 
und  nach  der  Kopemikanischen  Auffassung.  Beide  Auffassungen 
sind   auch  gleich  richtig,  nur  ist  die  letztere  einfacher  und 


^)  In  Nr.  87,  S.  242  zitiert  Machs  Ablehnung  der  NewTONschen  Deutung 
ebenda  S.  246  f. 

•)  Nr.  87,  S.  243  f. 

>)  Paul  Gerber,  Zeitschr.  f.  Math.  u.  Phps.,  Bd.  43,  Heft  2,  S.  93fr. 
W.  Wien,  Arch.  N6erl.    La  Haye  1900,  Nr.  5,  S.  96  ff. 


3.  Die  Kritik  der  phpsikalischen  Grundbegriffe.  gg 

praktischer.  Das  Weltsystem  ist  uns  nicht  zweimal  gegeben 
mit  ruhender  und  rotierender  Erde,  sondern  nur  einmal  mit  seinen 
allein  bestimmbaren  Relativbewegungen^'  ^).  Die  Abplattung  der 
Pole,  die  Drehung  der  Schwingungsebene  des  FouCAULTschen 
Pendels  beweist  absolute  Rotation  nur,  wenn  man  von  der  Vor- 
stellung des  absoluten  Raumes  ausgeht*).  Auf  dem  Boden  der 
Tatsachen  kennt  man  nur  relative  Räume  und  Bewegungen'). 
Newton  selbst  stellt  dies  in  den  zitierten  Stellen  ja  auch  als 
wahrscheinlich  hin.  Wollten  wir  behaupten,  daß  wir  mehr  kennen, 
sagt  Mach,  so  wäre  das  eine  Unehrlichkeit. 

Außer  den  Einwänden  gegen  den  undeutlichen  Massen- 
begriff  führt  Mach  noch  folgende  an:  Newton  verwendet  die 
Begriffe  Materie  und  Kraft,  wie  sie  eben  vorlagen,  ohne  jede 
weitere  Kritik^).  Dabei  stützen  sich  die  Aufstellungen  über  die 
Masse  und  das  Prinzip  der  Gleichheit  von  Wirkung  und  Gegen- 
wirkung gegenseitig.  Femer  bietet  Newtons  „Menge  der  Ma- 
terie^^  als  Erklärung  für  die  Masse  keinen  Inhalt,  auch  dann  nicht, 
wenn  man  Atome  zählt.  Denn  wenn  die  Atome  chemisch  ver- 
schieden sind,  so  bleibt  es  erklärungsbedürftig,  wieso  verschie- 
denen Körpern  noch  etwas  mit  demselben  Maß  Meßbares  übrig 
bleibt,  das  wir  Menge  der  Materie  nennen  könnten.  Wenn 
Newton  für  den  Gewichtsdruck  setzt  p  =  mg  und  p'  =  m'g'; 

^  =  — T,  „SO  liegt  hierin  schon  die  erst  zu  rechtfertigende  Vor- 
aussetzung der  Meßbarkeit  verschiedener  Körper  mit  dem- 
selben Maß.    Wir  könnten  auch  willkürlich  festsetzen  — t  =  -v, 

m       p 

d.  h.  das  Massenverhältnis  definieren  als  das  Verhältnis  des  Ge- 
wichtsdruckes bei  gleichem  g.  Dann  bliebe  aber  der  Gebrauch 
zu  begründen,  welcher  von  diesem  Massenbegriff  im  Gegen- 

*)  Nr.  87,  S.  245. 

*)  Beim  Laien  ist  es  meist  die  irrtümUche  und  zudem  materialistisch 
gefftrbte  Ansicht,  die  Sonne  ruhe  absolut,  die  zur  Verurteilung  des  Ptole- 
MÄus  führt. 

•)  Vgl.  Neisser,  Ptolemäus  oder  Kopernikus?  Eine  Studie  über  die 
Bewegung  der  Erde  und  über  den  BegnTf  der  Bewegung.  Natur-  und  kultur- 
philos.  Bibliothek,  Bd.  7,  1907. 

^)  RosENBERGER,  NEWTON  uud  Seine  phpsikalischen  Prinzipien,  Leipzig 
18d5,  S.  192. 


70  Die  Reform  der  Physik. 

Wirkungsprinzip  und  bei  anderen  Gelegenheiten  gemacht  wird"  ^). 
Wir  müssen  wissen,  sagt  Mach,  wenn  die  Körper  in  Form, 
chemischer  Beschaffenheit  usw.  verschieden  sind,  daß  es  darauf 
bei  der  Feststellung  von  Beschleunigungserteilung  nicht  ankommt. 
„Ist  uns  aber  einmal  durch  mechanische  Erfahrung  die  Existenz 
eines  besonderen  beschleunigungsbestimmenden  Merkmals  der 
Körper  nahegelegt,  so  steht  nichts  im  Wege,  willküi"lich  festzu- 
setzen: Körper  von  gleicher  Masse  nennen  wir  solche, 
welche  aufeinander  wirkend  sich  gleiche,  entgegen- 
gesetzte Beschleunigungen  erteilen*)." 

Sofort  untersucht  Mach  selbst,  welche  Einwendungen  man 
gegen  die  Klarheit  seines  Massenbegriffes  machen  kann:  „Wenn 
wir  B  als  Vergleichskörper  (als  Einheit)  wählen,  werden  wir  für 

C  den  Massen  wert  — ,  für  D  den  Wert  —  erhalten,  oder  werden 

m'  m  ' 

sich  etwa  ganz  andere  Werte  ergeben?"  d.  h.  aber:  „Werden 
zwei  Körper  B  C,  welche  sich  in  Gegenwirkung  mit  A  als  gleiche 
Massen  verhalten  haben,  auch  untereinander  als  gleiche  Massen 
verhalten?  Es  besteht  durchaus  keine  logische  Notwendigkeit, 
daß  zwei  Massen,  die  einer  dritten  gleich  sind,  auch  unterein- 
ander gleich  seien  ^).  Denn  es  handelt  sich  hier  um  keine  mathe- 
matische, sondern  um  eine  physikalische  Frage  . . .  Wir  legen 
die  Körper  A,  B,  C  in  solchen  Gewichtsmengen  a,  b,  c  neben- 
einander, in  welchen  sie  in  die  chemischen  Verbindungen  AB 
und  AC  eingehen.  Es  besteht  nun  gar  keine  logische  Not- 
wendigkeit, daß  in  die  chemische  Verbindung  B  C  auch  dieselben 
Gewichtsmengen  b  c  der  Körper  B  C  eingehen.  Das  lehrt  aber 
die  Erfahrung  . . .  Das  kann  aber  niemand  wissen,  ohne  es  ver- 
sucht zu  haben.  Ebenso  verhält  es  sich  mit  den  Massenwerten 
der  Körper." 

Machs  Massenbegriff  erübrigt  die  Aufstellung  des  Gegen- 
wirkungsprinzipes;  die  Meßbarkeit  der  Masse  durch  das  Gewicht 
kann  daraus  abgeleitet  werden.    Eine  interessante  Perspektive 

^)  Nr.  87,  S.230f. 

•)  Nr.  87,  S.231. 

')  Auch  in  anderer  Hinsicht:  sie  können  bei  gleicher  Masse  verschieden 
gefärbt,  chemisch  verschieden,  durch  festhaltende  Fäden  lokomotorisch  ver- 
schieden sein;  usw. 


3.  Die  Kritik  der  phpsikalischen  Grundbegriffe.  7 1 

sei  hier  nicht  übergangen:  Der  Massenbegriff  ist  keine  Theorie, 
sondern  eine  Erfahrung,  die  sich  bewährte:  ,,Es  ist  sehr  unwahr- 
scheinlich, aber  nicht  unmöglich,  daß  er  in  Zukunft  erschüttert 
wird,  so  wie  die  Vorstellung  der  unveränderiichen  Wärmemenge, 
die  ja  auch  auf  Erfahrungen  beruhte,  durch  neue  Erfahrungen 
sich  modifiziert  hat')." 

Auf  diesem  Massenbegriff  fußend  ersetzt  Mach  die  New- 
TONschen  Bestimmungen  durch  3  Erfahrungssätze  und  2  Defini- 
tionen, denen  man  weitere,  aber  entbehriiche  folgen  lassen  könne. 
Sie  lauten: 

„a)  Erfahrungssatz.  Gegenüberstehende  Körper  bestimmen 
unter  gewissen,  von  der  Experimentalphysik  anzugebenden  Um- 
ständen einander  entgegengesetzte  Beschleunigungen  nach 
der  Richtung  ihrer  Verbindungslinie.  (Der  Satz  der  Trägheit  ist 
hier  schon  eingeschlossen.) 

b)  Definition.  Das  Massenverhältnis  zweier  Körper  ist  das 
negative  umgekehrte  Verhältnis  der  gegenseitigen  Beschleuni- 
gungen. 

c)  Erfahrungssatz.  Die  Massenverhältnisse  sind  von  der  Art 
der  physikalischen  Zustände  der  Körper  (ob  dieselben  elektrische^ 
magnetische  usw.  sind),  welche  die  wechselseitige  Beschleunigung 
bedingen,  unabhängig,  sie  bleiben  auch  dieselben,  ob  sie  mittel- 
bar oder  unmittelbar  gewonnen  werden. 

d)  Erfahrungssatz.  Die  Beschleunigungen,  welche  mehrere 
Körper  ABC...  an  einem  Körper  K  bestimmen,  sind  von- 
einander unabhängig.  (Der  Satz  des  Kräfteparallelogramms  folgt 
hieraus  unmittelbar.) 

e)  Definition.  Bewegende  Kraft  ist  das  Produkt  aus  dem 
Massenwert  eines  Körpers  in  die  an  demselben  bestimmte  Be- 
schleunigung *)." 

Newton  baut  die  Dynamik  auf  die  Statik;  für  Mach  ist 
die  Statik  ein  Spezialfall  der  Dynamik.  Der  grundlegendste 
Unterschied  fu6t  aber  darin,  daß  die  NEWTONsche  Richtung  die 
absoluten  Größen  beibehält,  was  sich  nicht  halten  läßt. 

Das  Trägheitsgesetz  formuliert  Newton  folgendermaßen: 
^Corpus  omne  perseverare  in  statu  suo  quiescendi  vel  movendi 

*)  Nr.  87,  S.  236. 
•)  Nr.  87,  S.  268. 


72  Die  Reform  der  Physik. 

uniformiter  in  directum  nisi  quatenus  a  viribus  impressis  cogitur 
statum  illum  mutare/^  (Axiomata  sive  leges  motus  I.)  Im 
übrigen  sind  wir  den  absoluten  Größen  Newtons  schon  vorher 
begegnet. 

'  Kant  stellt  einen  absoluten  Schwerpunkt  des  Weltalls  fest, 

womit  er  über  Newton  hinausgeht:  „Wenn  man  in  dem  un- 
ermeßlichen Räume,  darin  sich  alle  Sonnen  der  Milchstraße  ge- 
bildet haben,  einen  Punkt  annimmt,  um  welchen,  ich  weiß  nicht 
aus  was  für  einer  Ursache,  die  erste  Bildung  der  Natur  aus  dem 
Chaos  angefangen  hat,  so  wird  daselbst  die  größte  Masse,  und 
ein  Körper  von  der  ungemeinsten  Attraktion  entstanden  sein,  der 
dadurch  fähig  geworden,  in  einer  ungeheuren  Sphäre  um  sich 
alle  in  der  Bildung  begriffene  Systeme  zu  nötigen,  sich  gegen 
ihn,  als  ihren  Mittelpunkt  zu  senken  und  um  ihn  ein  gleiches 
System  im  ganzen  zu  errichten,  als  derselbe  elementarische 
Grundstoff,  der  die  Planeten  bildete,  um  die  Sonne  im  kleinen 

^  gemacht  hat^)." 

Ähnlich  wie  KANT  nimmt  CARL  NEUMANN*)  die  Existenz 
eines  absolut  starren  Körpers  a  an  bestimmtem  Orte  im  Räume 
an,  auf  dessen  Mittelpunkt  alle  physikalischen  Bewegungen  zu 
beziehen  sind.  Die  Möglichkeit,  den  Körper  a  astronomisch  zu 
bestimmen,  wodurch  er  erst  physikalischer  Messung  zugänglich 
wird,  bestreitet  Mach  mit  Recht*). 

Ludwig  Lange*)  gab  eine  gute  historische  Erörterung 
des  Trägheitsproblems,  der  absoluten  Bewegung  und  ihrer  Be- 
zugskörper. Neuerdings*)  weist  er  selbst  einen  Weg,  wie  ein 
Bezugskoordinatensystem  zu  gewinnen  wäre,  wenn  die  jetzige 


*)  Kant,  Naturgeschichte  des  Himmels.  Werke,  Ed.  Rosenkranz,  Bd.  6, 
S.  152. 

•)  Carl  Neumann,  Über  die  sogenannte  absolute  Bewegung.  Boltz- 
MANN-Festschrift.  —  Über  die  Prinzipien  der  GALiLEi-NEWTONschen  Theorie. 
Leipzig  1870.  —  Gegen  ihn  zieht  die  relativistischen  Konsequenzen 
J.  B.  Stallo,  Die  Begriffe  und  Theorien  der  modernen  Physik.  Leipzig 
1901,  S.  201-212. 

»)  Nr.  137,  S.  47 ff.;  Nr.  87,  S.  262  u.  a. 

^)  Ludwig  Lange,  Die  geschichtliche  Entwicklung  des  Bewegungs- 
begriffes  und  ihr  voraussichUiches  Endergebnis.  Leipzig  1886.  —  Sttzber. 
d.  kgl.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.  1885;  Philos.  Studien,  Bd.  2  u.  3. 

»)  Philos.  Studien,  1902,  Bd.  20. 


3.  Die  Kritik  der  phpsikalischen  Grundbegriffe.  ^3 

rohe  Beziehung  auf  den  Fixsternhimmel  unzureichend  würde. 
Diesen  mathematischen  Bestimmungen  tritt  auch  Mach  bei,  indes 
betont  er,  daß  der  LANGEsche  Ausdruck  sich  bei  ausreichender 
Bewegung  der  Fixsterne  physikalisch  bewähren  würde,  glaube 
er  nicht  ^).  Der  Philosoph  kommt  hier  aber  keinesfalls  auf  seine 
Rechnung,  denn  in  der  Annäherung  an  eine  relative  Fiktion  des^ 
Absoluten  darf  er  das  Absolute  selbst  nicht  sehen. 

Auf  dieser  Entwicklungsstufe  des  Problems,  sich  mit  einer 
Annäherung  zu  begnügen,  stehen  P.  Volkmann  *),  G.  Heymans*),. 
Höfler*),  Poske*),  Streintz«),  Petzold^)  und  H.  von  See- 
liger ^).  Mach  setzt  sich  mit  allen  diesen  Autoren  ausein- 
ander') und  findet,  daß  alle  nicht  zu  der  praktischen  Fest- 
stellung der  absoluten  Bewegung  gelangen.  Ohne  die  Frage 
ins  Lächerliche  ziehen  zu  wollen,  erinnert  er  sich  der  Anfrage 
eines  Herrn,  der  „in  vollem  Ernste  diskutierte,  ob  eine  Elle 
Tuch,  von  der  man  träumt,  so  lang  sei  wie  eine  wirkliche  Elle 
Tuch.  —  Sollte  man  wirklich  die  Traumelle  als  Normalma& 
in  die  Mechanik  einführen  wollen"^®)?  Und  in  der  Tat,  was 
nützt  der  erklügelte  absolute  Bezugskörper  der  Phpsik,  wenn 
der  Physiker  nichts  daran  messen  kann?  „Für  mich,  sagt  Mach,, 
gibt  es  überhaupt  nur  relative  Bewegung")."  Schon  im  Jahre 
1868  betonte  er,  daß  in  Newtons  Fassung  des  Trägheitsgesetzes 
nicht  gesagt  wird,  „gegen  welche  Körper  die  Richtung  und 
Geschwindigkeit  des  bewegten  Körpers  gemeint  ist^*)".    Er  wies 

')  Die  Konstanz  des  Absoluten  ist  also  nur  so  groß  wie  die  Unbewegt 
lichkeit  der  Fixsterne. 

')  P.  Volkmann,  Über  Newtons  Philosophia  naturalis.  Königsberg  1905. 
*)  G.  Heymans,  Die  Gesetze  und  die  Elemente  des  wissenschaftlichen 
Denkens.    Leipzig  1905. 

^)  HöFLER,  Studien  zur  gegenwärtigen  Philosophie  der  mathematischen 
Mechanik.    Leipzig  1900.    S.  120  ff. 

»)  PosKE,  Vierteljahrsschr.  f.  wiss.  Philos.,  1884,  S.  385. 
*)  Streintz,  Die  phpsikalischen  Grundlagen  der  Mechanik.  Leipzig  1883. 
»)  Petzold,  Vierteljahrsschr.  f.  wiss.  Philos.,  Bd.  19,  S.  146,  188. 
")  V.  Seeliger,   Über   die  sogenannte  absolute  Bewegung.    Ber.  d. 
Mfinchener  Akad.  d.  Wiss.,  1906. 
•)  Nr.  87,  S.  286—302. 
>•)  Nr.  87,  S.  298. 
")  Nr.  87,  S.  252. 
»•)  Nr.  137,  S.  47  ff. 


/ 


74  Die  Reform  der  Physik. 

auch  nach,  daß  eine  Ableitung  des  Trägheitssatzes  aus  all- 
gemeineren Prinzipien  wie  dem  der  Kausalität  nicht  möglich  ist, 
was  Kroman  ^)  behauptete.  Auf  zwei  Wegen  nur  läßt  sich  das 
Problem  lösen:  entweder  alle  Bewegung  wird  als  absolut  an- 
genommen (Neumann),  oder  man  ändert  die  fehlerhafte  Formu- 
lierung des  Trägheitssatzes  (Mach). 

1909  bekennt  er,  daß  er  auf  das  Relativitätsprinzip  los- 
steure. Dieses  wurde  von  H.  A.  Lorentz*)  vorbereitet,  von 
A.  Einstein*)  aufgestellt,  die  Verarbeitung  in  ein  mathemati- 
sches System  verdanken  wir  H.  Minkowski*). 

FiZEAU  *)  stellte  bereits  fest,  daß  für  elektrodynamische  Vor- 
gänge in  Gasen  die  Bewegung  dieser  Gase  nicht  in  Betracht 
komme;  daraus  ergab  sich  für  LORENTZ  der  absolut  ruhende 
Lichtäther.  Da  dessen  Brechungsexponent  mit  dem  Fresnel- 
schen  Mitführungskoeffizienten*)  sowohl  der  Theorie  als  der 
Messung  nach  im  Einklänge  steht,  wurde  die  Theorie  dadurch 
von  LORENTZ  verifiziert,  die  Tragweite  des  Relativitätsprinzips 
aber  abgeschwächt. 

Absolute  Geschwindigkeit  ist  danach  Geschwindigkeit  relativ 
zum  Lichtäther.  Nun  versuchte  MlCHELSON^)  in  seiner  klassi- 
schen Arbeit  die  Geschwindigkeit  der  Erde  relativ  zum  Licht- 
äther tatsächlich  zu  messen.  Als  Konsequenz  seiner  genialen 
Ergebnisse  war  man  genötigt,  die  Existenz  des  Äthers  fallen  zu 
lassen.  Demzufolge  haben  elektromagnetische  Wellen  keinen 
substantiellen  Träger,  können  deshalb  nicht  mechanisch  begriffen 

^)  K.  Kroman,  Unsere  Naturerkenntnis.    Kopenhagen   1883.    S.  272ff. 

•)  H.  A.  LoRENTZ,  Versuch  einer  Theorie  der  optischen  Erscheinungen 
in  bewegten  KOrpem.  Leiden  1893.  Arch.  Neerl.,  1886,  21,  163;  Verh.  Nat. 
Ges.,  98,  56. 

»)  Albert  Einstein,  Ann.  d.  Phys.,  1905,  17,  S.  191;  Zeitschr.  f.  Radio- 
aktivität u.  Elektron.,  1908;  Vortrag  Phpsikal.  Gesellsch.  zu  Zürich,  11.  Fe- 
bruar 1909. 

«)  H.  Minkowski,  Raum  und  Zeit.  Jahrb.  d.  Math.  Vereing.,  1909,  18, 
75,  und  separat  Leipzig  1909;  Gott.  Nachr.  1908. 

»)  FiZEAU,  Comptes  rendus,  1851,  33,  349;  Pogg.  Ann.,  Erg.-Bd.  3,  457. 

•)  Dieser  ist  [l  -  ■^]. 

^  MiCHELSON  and  Morley,  Sill.  Joum.,  1881,  21,  120;  1886,  31,  377; 
1887,  34,  333;  1897,  497.  Weitere  Beiträge  von  Bucherer,  J.  Stark  und 
J.  J.  Thomson. 


Die  Kritik  der  phpsikalischen  Grundbegrirfe.  75 

werden.  Die  Jahrhundert  alte  mechanische  Naturansicht,  die 
allerdings  von  inneren  Widersprüchen  strotzte,  erhielt  damit 
ihren  Todesstoß.  Hierzu  tritt  noch  ein  neues  Moment:  zwei 
Beobachter  A  und  B,  die  sich  im  leeren  Raum  relativ  gegen- 
einander mit  gleichförmiger  Geschwindigkeit  bewegen,  müssen 
eine  voneinander  verschiedene  Zeitrechnung  benutzen  ^).  Zwischen 
den  beiderseitigen  Bezugssystemen  bestehen  aber  Transforma- 
tionsgleichung;en ').  Im  vierdimensionalen  Raumzeitspstem  be- 
steht keine  ausgezeichnete  Richtung.  Bedenken  gegen  diese 
Auffassung  sind  von  derselben  Art  wie  gegen  die  Antipoden. 
Einstein  sagt,  daß  die  Naturvorgänge  sich  für  A  nach  den- 
selben Gesetzen  und  Konstanten  abspielen,  wie  für  B.  Jeder 
hat  seine  eigene  Zeitrechnung;  das  Relativitätsprinzip  verlangt 
nur,  daß  keiner  von  beiden  mit  sich  selbst  in  Widerspruch 
komme '). 

Max  Planck,  der  philosophisch  ein  Gegner  Machs  ist  und 
sich  wohl  als  einer  der  letzten  Physiker  der  Lehre  von  der 
Relativität  anschloß,  beurteilt  die  Lage  folgendermaßen:  er  sagt, 
„daß  diese  neue  Auffassung  des  Zeitbegriffs  an  die  Abstraktions- 
fähigkeit und  an  die  Einbildungskraft  des  Physikers  die  aller- 
höchsten Anforderungen  stellt.  Sie  übertrifft  an  Kühnheit  wohl 
alles,  was  bisher  in  der  spekulativen  Naturforschung,  ja  in  der 
philosophischen  Erkenntnistheorie  geleistet  wurde;  die  nicht- 
euklidische Geometrie  ist  Kinderspiel  dagegen.  Und  doch  be- 
ansprucht das  Relativitätsprinzip  im  Gegensatz  zur  nichteuklidi- 
schen   Geometrie,   die   bisher   nur   für   die   reine   Mathematik 

^)  Damit  B  das  an  A  zur  Kommunikation  gegebene  Lichtsignal  mit 
seiner  Bewegungsrichtung  nicht  langsamer  sich  fortpflanzen  sieht  (nftmlich 
mit  c  —  v),  als  in  der  entgegengesetzten  (mit  c  +  v),  darf  er  den  Zeitpunkt, 
in  dem  das  Signal  c  —  v  zurückgelegt  hat,  nicht  mit  dem  Zeitpunkt  gleich- 
setzen, in  dem  es  entgegengesetzt  c  +  v  zurücklegt,  sondern  er  muß  diesen 
für  spftter  ansehen.  Dabei  ist  v  die  gleichförmige  Geschwindigkeit  von  A 
und  B,  c  die  des  Lichtes. 

*)  Diese  entsprechen  einer  Drehung  des  Bezugssystems  (x,  p,  z  ict) 

um  den  *imaginftren  Winkel  arctg  ( i  — j  (H.  Minkowski). 

*)  Emil  Cohn  versuchte  eine  andere  Lösung,  indem  er  prinzipiell 
scheidet  zwischen  einem  Vakuum  und  einem  absolut  durchsichtigen  Medium 
mit  dem  Brechungsexponent  =  L  Lorentz,  Fitzgerald,  Planck  u.  a.  traten 
dieser  Ansicht  nicht  bei. 


76  Die  Reform  der  Physik. 

ernstlich  in  Betracht  kommt,  mit  vollem  Rechte  reelle  phpsika- 
lische  Bedeutung,  Mit  der  durch  dies  Prinzip  im  Bereiche  der 
physikalischen  Weltanschauung  hervorgerufenen  Umwälzung  ist 
an  Ausdehnung  und  Tiefe  wohl  nur  noch  die  durch  die  Ein- 
führung  des  Kopemikanischen  Weltsystems  bedingte  zu  ver- 
gleichen ^)." 

Das  Relativitätsprinzip  ist  auf  physikalischem  Gebiete  als 
durchaus  festgegründet  und  in  jeder  Hinsicht  gesichert  zu  be- 
trachten. Über  die  Tragweite  wird  begreiflicherweise  noch 
gestritten.  Die  Extremen  behaupten  mit  W.  K.  Clifford: 
^Geometry  is  a  phpsical  science*),**  d.  h.  alle  Geometrie  wird 
kinematisch.  Der  kühlste  Beurteiler  auf  der  anderen  Seite,  den 
man  nicht  einer  Vorliebe  für  Mach  zeihen  kann,  äußert  sich: 
„Da  die  gesamte  Mechanik  ebenso  wie  die  übrige  Phpsik  von 
dem  Prinzip  der  kleinsten  Wirkung  beherrscht  wird,  so  erstreckt 
sich  die  Bedeutung  des  Relativitätsprinzips  im  Grunde  nur  auf 
die  besondere  Form,  welche  sie  dem  kinetischen  Potential  H 
vorschreibt,  und  diese  Form  ist  charakterisiert  durch  den  ein- 
fachen Satz,  dafi  der  Ausdruck')  H  dt  für  jedes  Raumelement 
eines  physikalischen  Gebildes  invariant  ==  H'  dt'  ist  in  bezug  auf 
den  Übergang  von  dem  einen  Beobachter  A  zum  anderen  Beob- 
achter B*)." 

Von  besonderem  Interesse  ist  aber,  ob  diejenigen  Physiker, 
die  in  Newtons  Bestimmungen  sowie  in  einer  absoluten  Er- 
kenntnistheorie fußen,  die  weiter  die  kinetische  Gastheorie  mit 
ihrer  statistischen  Methode  vertreten,  die  endlich  die  reale  Exi- 
stenz der  Atome  behaupten  sowie  die  Atomistik  beibehalten,  ob 
diese  dabei  bleiben  können,  oder  ob  sie  genötigt  sind,  den 
MACHschen  Bestimmungen  beizutreten.  Lassen  wir  wieder  den 
MACH-Gegner  Planck  zu  Worte  kommen:  „Das  Prinzip  der 
Relativität  gilt  nicht  nur  für  die  Vorgänge  in  der  Physik,  sondern 
auch  für  die  Physiker  selber,  insofern  als  ein  bestimmtes  System 
der  Physik   in  Wirklichkeit  nur  für  einen  bestimmten  Physiker 


^)  Max  Planck,  Acht  Vorlesungen  über  theoretische  Phpsik.    Leipzig 
1910.    S.  117f. 

•)  W.  K.  Clifford,  The  common  sense  of  exact  science.  4,  Ed.,  S.  47. 
>)  Hierbei  ist  H  die  kinetische  Energie. 
*)  Planck,  1.  c,  S.  122f. 


3.  Die  Kritik  der  phpsikalischen  Grundbegriffe.  77 

und  für  einen  bestimmten  Zeitpunkt  existiert.  Aber  wie  in  der 
Relativitätstheorie,  so  gibt  es  auch  im  System  der  Phpsik  In- 
varianten^: Begriffe  und  Sätze,  welche  ihre  Bedeutung  für  alle 
Forscher  und  für  alle  Zeiten  behalten,  und  diese  Invarianten  auf- 
zufinden, wird  immer  das  erste,  ja  das  eigentliche  Bestreben  der 
physikalischen  Forschung  sein*)," 

Was  meint  Planck  nun  mit  seinen  Invarianten?  Werden 
in  gewisse  Funktionen  (nämlich  in  homogene  und  ganze)  durch 
lineare  Substitution  neue  Veränderliche  eingeführt,  so  bleiben 
möglicherweise  eine  oder  mehrere  Funktionen  der  Koeffizienten 
unverändert,  oder  sie  multiplizieren  sich  nur  mit  einem  Faktor, 
der  seinerseits  von  Substitutionskoeffizienten  abhängig  ist  Der- 
artige Funktionen  nun  werden  invariante  genannt.  Die  In- 
variantentheorie sucht  Systeme  von  Invarianten  auf  und  gibt 
ihnen  eine  geometrische  Deutung.  Damit  ist  hier  nichts  ge- 
wonnen, denn  die  Invarianten  von  relativen  Größen  bleiben  selbst 
auch  relativ  und  können  niemals  absolut  werden.  Planck  redet 
aber  von  Invarianten  in  Anführungsstrichen  und  scheint  darunter 
etwas  verstanden  wissen  zu  wollen,  was  mehr  ist  als  die  In- 
varianten, also  etwa  Absolutheiten.  Da6  man  an  Traumellen 
keine  Bewegung  messen  kann,  ist  schon  gesagt;  alles  was  über 
das  Relative  hinausgeht,  ist  also  ein  frommer  Wunsch,  der  uns 
leider  noch  nie  erfüllt  wurde,  und  den  das  Prinzip  von  der 
Relativität  ja  eben  gerade  versagt. 

Zusammenfassend  kann  man  nun  sagen:  Mach  hat  recht. 
Für  die  praktische  Physik,  für  Messung,  Experiment  und  Beob- 
achtung sind  uns  nur  relative  Größen  gegeben  und  in  der 
Welt,  die  uns  unsere  Sinne  zugänglich  machen,  gibt 
es  nur  relative  Zeiten,  Räume  und  Bewegungen. 

Neuerdings')  hat  Einstein  auch  die  Gravitation  durch  die 
Relativitätstheorie  erklärt.  Das  ist  eine  gewaltige  Tat,  deren 
Konsequenzen  heute  noch  wenige  Philosophen  ahnen. 


*)  Planck,  I.  c^  S.  126 f.;  vgl.  ferner:  Das  Prinzip  der  Erhaltung  der 
Energie,  1908,  S.  146,  und:  Die  Einheit  des  phpsikalischen  Weltbildes. 
Leipzig  1909. 

*)  Einstein,  Entwurf  einer  verallgemeinerten  Relativitätstheorie  und 
einer  Theorie  der  Gravitation.  Teubner,  Leipzig  1913;  Scientia  1914,  S.  1. 
—  Daß  die  Rotationsbewegung  ein  Sonderfall,  gewissermaßen  eine  Aus* 


78  Die  Reform  der  Physik. 

4.  Die  Atoinhypothese. 

Bei  Machs  eigenartiger  Stellung  zum  Begriff  der  Realität 
und  der  Materie  ist  eine  Auseinandersetzung  zwischen  der  Ato- 
mistik, die  stets  realistische  Bestandteile  in  sich  birgt,  und  dem 
phänomenologischen  Standpunkt,  wie  ihn  Mach  vertritt,  von 
besonderem  Interesse. 

Der  Wendepunkt  in  der  Betrachtungsweise,  die  bei  Mach 
folgerichtig  ausgebaut  ist,  begann  schon  sehr  früh  bei  Galilei. 
Während  Aristoteles  und  seine  Nachfolger  nach  der  Ursache 
der  Bewegung  forschen,  sucht  Galilei  die  Ruhe  von  der  Be- 
wegung aus  zu  verstehen.  Das  Bestreben,  lediglich  zu  be- 
schreiben und  alle  sophistischen  Fragen  nach  den  Ursachen  der 
allereinfachsten  Erscheinungen,  auf  die  alles  zurückgeführt  wird, 
zu  vermeiden,  findet  sich  dann  bei  NEWTON  schon  stärker  aus- 
geprägt. Sein  Gravitationsgesetz  ist  eine  mathematisch  ein- 
gekleidete Beschreibung,  aber  keine  physikalisch  reale  Erklärung; 
auch  bezeichnet  er  die  Gravitation  nicht  als  eine  untrennbare 
Eigenschaft  der  Materie.  Ebensowenig  glaubt  er  an  die  Fem- 
wirkung, jedoch  sinnt  er  über  deren  Ursachen  nach*).  Allein 
in  dem  physikalischen  System  dieser  Zeit  bleiben  Reste  einer 
absoluten  und  realistischen  Philosophie  als  wesentliche  Bestand- 
teile stehen.  Das  Paradoxon  einer  mechanischen  Femwirkung 
und  zahlreiche  ähnliche  Auffassungen  reißen  eine  bedenkliche 

nähme  von  der  Relativitätstheorie  ist,  wußte  man,  bevor  die  relativen  Er- 
scheinungen zur  Theorie  zusammengefaßt  wurden.  Niemals  kann  das  also 
gegen  die  Relativität  ins  Feld  geführt  werden,  vielmehr  ist  zu  untersuchen, 
worauf  diese  Ausnahmestellung  beruht;  damit  ist  der  scheinbare  Wider- 
spruch gelöst. 

*)  Newtons  Works,  Ed.  Horsley,  Bd.  4,  S.  385  f.,  438.  Optik  1717.  Vor- 
rede. Phil,  nat  princ.  math.,  I,  S.  11  (Ed.  Amstelodami  1714,  S.  147,  172. 
Ed.  Wolfers,  Berlin  1872.  S.  167,  190).  —  „Rationem  vero  harum  gravitatis 
proprietatum  nondum  potui  deducere;  et  hppotheses  nonfingo.^  Prhic. 
Schol.  Gen.  ad.  fin.  (bei  Wolfers,  S.  511).  Femer:  Scholium  zum  29.  Theorem. 
Prop.,  69,  1.  Buch  der  Princ,  femer  Optik,  4.  Aufl.,  S.  325.  —  „Mathema- 
ticus  duntaxat  est  hie  conceptus.  Nam  virium  causas  et  sedes  phpsicas  jam 
non  expendo."  Princ.  Def.,  VIII.  Endlich  im  dritten  Briefe  an  Benthley: 
„daß  ein  KOrper  auf  einen  zweiten  in  die  Feme  durch  den  leeren  Raum 
ohne  Vermittlung  irgend  eines  Mediums  wirken  konnte,  erscheint  mir  als 
eine  so  große  Absurdität,  daß  ich  glaube,  niemand  . . .  konnte  darauf  ver- 
fallen**. 


4.  Die  Atomhppothese.  79 

Lücke  in  das  System  der  klassischen  Phpsik,  und  so  ist  die 
mechanische  Naturansicht  ein  hölzernes  Eisen. 

Um  die  Buntfarbigkeit  der  Ansichten  über  die  Materie  zu 
erweisen,  genügen  einige  Stichproben:  Kant  selbst  verwirft  die 
Atomistik,  die  Kantianer  tun  jedoch  nicht  ein  gleiches;  Lord 
Kelvin  ^)  nimmt  gestützt  auf  Helmholtz  *)  an,  in  der  Materie 
seien  Ringe,  die  sich  verbinden  und  verketten;  diese  sind  aber 
nicht  imstande,  sich  gegenseitig  zu  durchdringen  und  miteinander 
zu  verschmelzen,  ihre  gegenseitigen  Annäherungen  bewirken 
vielmehr  ein  vollkommen  elastisches  Zurückprallen.  Dies  wurde 
aber  widerlegt  durch  Maxwell  »),  Secchis  *)  ähnlicher  Aus\yeg 
wurde  hinfällig  durch  PoiNSOTs*)  Arbeiten. 

Wie  HuYGENS,  Leibniz  und  JOH.  Bernouilli  waren  alle 
Zeitgenossen  der  Meinung,  NEWTON  glaube  an  die  Femkraft 
und  führe  geheime  Ursachen  in  die  Phpsik  ein.  Dabei  blieb  es, 
und  die  kommenden  Generationen  fanden  die  Fernkraft  ganz 
natürlich.  J.  St.  Mills  gegenteilige  Ansicht  hat  Stallo  mit 
vollem  Recht  abgelehnt.  Erst  Faraday  und  Maxwell  ersetzten 
die  Femwirkung  durch  das  Integral  von  Nahewirkungen.  Max- 
well huldigte  in  der  Wärmelehre  durchaus  atomistischen  An- 
schauungen und  führte  die  statistische  Methode  ein,  aber  er  be- 
trachtete sie  nur  als  Arbeitshppothese,  wie  das  noch  unzwei- 
deutiger bei  Faraday  zutage  tritt.  Immerhin  mußte  das  der 
Atomistik  Vorschub  leisten,  die  an  der  mechanischen  Natur- 
ansicht einen  starken  Halt  findet. 

Die  mechanische  Naturansicht  sagt  aus,  daß  die  letzten 
Urelemente  aller  Naturerscheinungen  Masse  und  Bewegung  sind, 
die  ihrerseits  disparat  und  unveränderlich  sind.  Bei  Philosophen  und 
Naturforschern  herrschte  nie  ein  Zweifel  darüber,  daß  die  Urein- 
heiten  der  Masse  —  nennen  wir  sie  Atome  —  gleich  und  in  jeder 
Beziehung  einfach  sind.  Dagegen  spricht  aber  in  schreiendem 
Gegensatz  die  Hypothese  von  Avogadro  und  Amp6re,  auf 


>)  Lord  Kelvin,  Phil.  Mag.,  4.  Ser.,  Bd.  45,  S.  321  u.  a. 
')  Helmholtz,  Grelles  Journal  f.  reine  u.  angewandte  Math.,  Bd.  55, 
S.  25. 

')  Maxwell,  Encycl.  Brit,  9.  Ed.  Atom. 

*)  Secchi,  L'Umt6  des  forces  physiques,  2.  Ed.,  S.  47ff.,  51  ff. 

»)  PoiNSOT,  Liouville  Journal,  2.  Ser.,  Bd.  2,  S.  288ff.,  304ff. 


so  1^16  Reform  der  Phpsik. 

der  die  ganze  heutige  Chemie  basiert.  Der  eine  Ausweg,  die 
schwereren  Atome  seien  komplizierter,  ist  durch  die  thermo- 
dynamischen  Arbeiten  von  Clausius,  Boltzmann  und  Max- 
well versperrt.  Der  zweite  Ausweg  mittels  der  Hydrodynamik 
<Darstellung  der  Wirbelbewegung  in  homogener  reibungsloser 
Flüssigkeit  gemäß  HELMHOLTZschen  Bedingungen)  scheitert  an 
<ler  Untersuchung  von  Maxwell,  die  eine  kontinuierliche,  nicht 
aber  atomistische  Zusammensetzung  fordert.  Die  heutigen  me- 
chanischen Naturphilosophen  ignorieren  diesen  Widerstreit. 

Zweitens  verlangt  die  mechanische  Naturansicht  unelastische 
absolut  harte  Atome.  Diesen  Standpunkt  nimmt  Newton^) 
ein.  Elastische  Ureinheit  ist  eine  Contradictio  in  adjecto.  Falls 
aber  die  Atome  nicht  absolut  elastisch  sind,  widerspricht  die 
Atomistik  dem  Gesetz  von  der  Erhaltung  der  Energie').  Die  ganze 
liinetische  Gastheorie  verlangt  jedoch  elastische  Atome  ^).  Die 
Atome  wie  Lord  Kelvin  als  Wirbelringe  anzusehen,  geht  nicht 
an,  weil  diese  keine  Trägheit  besitzen,  wie  Maxwell*)  nachwies. 
Die  Physik  steht  hier  also  im  Widerstreit  mit  der  mechanischen 
Naturansicht.  Da  die  Masse  weiterhin  absolut  träge  ist,  darf  es 
keine  Femkraft  ohne  Berührung  geben. 

Nachdem  der  Versuch  gescheitert  war,  das  Atom  physi- 
kalisch so  zu  fassen,  daß  es  der  philosophischen  Forderung 
eines  unteilbaren  kleinsten  Teiles  entspräche,  verzichtete  man 
auf  die  philosophische  und  logische  Widerspruchslosigkeit  und 
beschränkte  sich  auf  Symbole  und  Bilder.  Diese  besitzen  natür- 
lich keinen  Wahrheitswert,  sondern  nur  einen  Fruchtbarkeitswert. 
In  anderen  naturwissenschaftlichen  Fächern  hatte  man  auch  schon 
die  Hypothese  verlassen,  die  auf  den  absoluten  Wahrheitsbegriff 
abgestimmt  ist,  und  sich  Arbeitshypothesen  zugewendet.  So  ist 
beispielsweise  in  der  Mutationstheorie  von  DE  VRIES  die  Prismen- 
oszillation ein  fruchtbares  Grundbild,  obwohl  im  Pflanzenkeim 
keine  Prismen  aufzeigbar  sind  und  dort  auch  gar  nicht  erwartet 
werden. 


»)  Newton,  Optics,  S.  375. 
•)  Lord  Kelvin,  Phil.  Mag.,  4.  Ser.,  Bd.  45,  S.  32  L 
^  Clausius,  Pogg.  Ann.,  100,  S.  353.  —  Maxwell,  Phil.  Mag.,  4.  Ser. 
Bd.  9,  S.  19. 

*)  Maxwell,  Atom.  Encpd.  Brit.,  9.  Ed. 


4.  Die  Atomhppothese.«  gl 

In  dieser  Weise  verwendete  Lord  Kelvin  auf  physikalischem 
Gebiete  als  Modell  für  die  kleinsten  Teilchen  einen  ganzen  Werk- 
zeugkasten vom  Schlauch  bis  zum  Rädchen.  Dann  wieder  findet 
man  die  Positionen  verteidigt,  die  Materie  bestehe  aus  Elektronen, 
die  positive  Elektrizität  sei  Materie,  die  Elektrizität  habe  eine 
atomistische  Struktur  im  Sinne  der  FARADAYschen  Röhren  ^).  Die 
Materie  ist  also  in  Elektrizität  aufgelöst;  dieser  wieder  kommt 
man  mit  Kraftfeldern  und  Kraftlinien  bei,  also  erneut  mit  Bildern. 
Um  das  Symbol  Atom  zu  erklären,  ersinnt  man  neue  Symbole, 
die  um  nichts  einfacher  sind.  Da  „Erklären^^  ein  Zurückführen 
auf  einfachere  Erscheinungen  heiBt,  ist  also  gar  nichts  erklärt. 
Dasselbe  gilt  von  den  Wirbeln,  Punkten,  Mannigfaltigkeiten  und 
unbestimmten  lokalen  Veränderungen. 

Ganz  andere  Bilder  finden  wir  wieder  bei  den  Chemikern. 
Das  Kohlenstoffatom  war  bei  KEKULß  länglich,  bei  VAN  'T  Hoff 
und  Le  BEL  wurde  es  zum  Tetraeder.  Das  gilt  aber  nur  für 
die  aliphatische  Chemie;  die  zweite  Hälfte  der  organischen 
Chemie,  die  aromatische,  verschließt  sich  aber  der  tetraedrischen 
Betrachtungsweise,  weil  deren  Basis,  das  Benzol,  sich  nicht  auf 
eine  tetraedrische  Formel  überführen  läBt.  Die  anorganische 
Chemie  übergeht  die  Frage  ganz,  weil  man  an  Stelle  des  Atoms 
da  mehr  mit  dem  Ion  rechnet,  einem  allotropen  Zustand  des 
Elementes,  der  sich  durch  elektrische  Eigenschaften  auszeichnet. 

So  brauchbar  sich  die  AvoGADROsche  Atomhypothese  in 
einigen  Fragen  erwies,  so  unfruchtbar  zeigte  sie  sich  in  anderen 
Punkten.  Wie  jede  Hypothese  war  sie  eben  nur  einigen  Phä- 
nomenen auf  den  Leib  geschrieben,  andere,  z.  B.  die  Valenz- 
inderung  ein  und  desselben  Elementes,  konnte  sie  nicht  erklären, 
und  da  vermochte  auch  das  periodische  System  von  Lothar 
Meyer  und  Mendelejeff  die  erwartete  Stütze  nicht  beizubringen. 

Werner,  der  mit  ganz  neuen  Reihen  von  Metallammoniak- 
verbindungen die  organischen  Strukturformeln  auch  in  die  anor- 
ganische Chemie  einführte,  suchte  diese  Schwierigkeiten  mit  der 
AvOGADROschen  Hypothese  in  Einklang  zu  bringen.  Zu  diesem 
Zwecke  ließ  er  die  Valenz  als  chemische  Maßeinheit  und  ge- 
richtete Einzelkraft  fallen  und   suchte  die  Bindungsverhältnisse 


^)  J.  J.  Thomson,  Elektrizität  und  Materie.   Braunschweig  1904.   S.  45. 

Henning,  Ernst  Mtch.  5 


82  ^^^  Reform  der  Phpsik. 

der  Atome  mit  Hilfe  der  elektrochemisch  gedeuteten  AfNnitat  zu 
verstehen.  Diese  ^ist  eine  vom  Zentrum  des  Atoms  gleichmäßig 
nach  allen  Teilen  seiner  Kugeloberfläche  wirkende,  anziehende 
Kraft**  ^).  Diese  Hypothese  zielt  vornehmlich  auf  die  Benzol* 
derivate,  also  auf  die  aromatische  Chemie.  Die  sechs  ringförmig 
angeordneten,  kugelförmigen  Atome  befinden  sich  in  einer  Ebene 
und  besorgen  die  Bindung  durch  Valenzen  analog  der  Licht- 
strahlung. Die  nach  auBen  gerichtete  Kugelkalotte  jedes  Kohlen- 
stoff atomes  bindet  (bestrahlt)  dieWasserstoffatome.  Die  drei  übrigen 
Valenzen  bestrahlen  die  dargebotenen  Flächen  der  Kohlenstoff  atome. 
Dabei  nimmt  Werner  an,  daB  die  Beschattung  durch  ein  anderes 
Atom  die  Valenzaufnahme  beeinträchtigt,  und  daß  gegenüt>er- 
liegende  Atome  wegen  der  Entfernung  schwächere  Valenz  zu- 
gestrahlt erhalten.  In  ähnlicher  Weise  operiert  Thiele  mit  Teil- 
valenzen. Dieser  Auffassung  steht  das  im  Wege,  was  sich 
Kelvin  von  Maxwell  und  Poinsot  in  den  bereits  zitierten 
Arbeiten  sagen  lassen  mußte.  Auf  die  Schwierigkeiten,  die  der 
Hohlraum  im  Innern  des  Benzolringes  mit  sich  bringt,  ging  ich 
an  anderer  Stelle  ein*). 

Mach  billigt  die  Verwendung  der  Atomistik  als  Arbeits- 
hppothese,  glaubt  jedoch  mit  Recht,  daß  man  ohne  sie  auskommen 
könne.  Gemäß  dem  Okonomieprinzip  hat  er  selbst  es  vermieden, 
von  ihr  Gebrauch  zu  machen.  Während  die  kinetische  Gastheorie 
die  Wärme  auffaßt  als  ständige  Bewegung  absolut  elastischer 
fester  Atomteilchen,  nimmt  Mach  die  Wärme  rein  phänomeno- 
logisch. Er  verzichtet  auf  die  statistische  Methode  und  verfährt 
auch  bei  der  Ableitung  der  Gesetze  rein  phänomenologisch.  Die 
Scheidung  in  geordnete  und  ungeordnete  Bewegungen  weist  er 
als  recht  künstlich  von  der  Hand'). 

Schon  Stallo^)  hatte  darauf  hingewiesen,  daß  eine  nicht- 
avogadrosche  Chemie  den  Phänomenen  vielleicht  gerechter 


*)  A.  Werner,  Stereochemie.  Jena  1904.  S.  370—377.  —  Neuere  An- 
schauungen auf  dem  Gebiet  der  anorganischen  Chemie.  Die  Wissenschaft  VlIL 
Braunschweig  1909. 

*)  Hans  Henning,  Irrgarten  der  Erkenntnistheorie.  S.  18  f. 

•)  Nr.  121,  S.  364. 

^)  J.  B.  Stallo,  Die  Begriffe  und  Theorien  der  modernen  Phpslk. 
Leipzig  1904. 


4.  Die  Atomhypothese.  83 

würde,  und  er  vermochte  auch  verschiedene  neue  Wege  anzu- 
deuten. Zu  demselben  Zwecke  hat  Franz  Wald  ')  die  Tatsachen 
der  Chemie  aus  dem  Schnürleib  der  konventionellen  Theorien, 
in  dem  sie  seit  JEREMIAS  Benjamin  Richter,  dem  Begründer 
der  StOchiometrie,  seit  100  Jahren  unverändert  eingepreßt  waren, 
ganz  herausgelöst.  Wald  und  Ostwald  *)  nahmen  unter  Ver- 
zicht auf  das  Atom  einen  reinen  Stoff  an.  Dieser  „ist  ein 
solcher,  der  hylotrope  Umwandlungen  gestattet,  d.  h.  der  beim 
Übergang  in  eine  andere  Formart  unter  konstanten  Bedingungen 
von  Druck  und  Temperatur  sich  vollzieht,  und  dabei  seine  Eigen- 
schaften unverändert  beibehält,  wie  groB  oder  klein  auch  der 
umgewandelte  Anteil  sein  mag^^  Das  Urphänomen  der  integralen 
Reaktion  (d.  h.  „der  experimentellen  Tatsache,  daß  zusammen- 
gesetzte Stoffe,  wenn  sie  nur  der  Definition  des  reinen  Stoffes 
genügen,  ohne  Änderung  ihrer  Zusammensetzung  in  chemische 
Verbindungen  treten**)  genügt  zur  Ableitung  aller  stöchiometrischen 
Gesetze,  ohne  daB  man  die  Atomhppothese  bedürfte.  In  der  Tat 
stützte  sich  auch  Dalton  aufier  der  überflüssigen  Atomvor- 
stellung auf  dieselbe  experimentelle  Tatsache.  Die  klassische 
Chemie  genau  geprüft  verwendet  also  das  Atom  nur  als  über- 
flüssige Zutat  DaB  Maxwell  bei  der  Ableitung  der  Gasgesetze 
die  molekulare  Annahme  veriassen  hat,  ist  auch  noch  nicht  ge- 
nügend berücksichtigt  worden. 

Mach  sagt:  „Wenn  z.  B.  chemische,  elektrische,  optische 
Erscheinungen  durch  Atome  erklärt  werden,  so  hat  sich  die 
Hilfsvorstellung  der  Atome  nicht  nach  dem  Prinzip  der  Konti- 
nuität ergeben,  sie  ist  vielmehr  für  diesen  Zweck  eigens  erfunden. 
Atome  können  wir  nirgends  wahrnehmen,  sie  sind  wie  alle  Sub- 
stanzen Gedankendinge.  Ja,  den  Atomen  werden  zum  Teil 
Eigenschaften  zugeschrieben,  welche  allen  bisher  beobachteten 
widersprechen.  Mögen  die  Atomtheorien  immerhin  geeignet  sein, 
eine  Reihe  von  Tatsachen  darzustellen,  die  Naturforscher,  welche 
Newtons  Regeln  des  Philosophierens  sich  zu  Herzen  genommen 
haben,  werden  diese  Theorien  nur  als  provisorische  Hilfs- 

')  F.  Wald,  Zeitschr.  f.  ph^sikal.  Chem.  XXII,  2;  XXIII,  1 ;  XXIV,  4; 
XXV,  3;  XXVI,  1;  1897-1898.    Ostwalds  Ann.  d.  Natuiphil.  I,  II,  III,  V,  VIII. 

*)  W.  Ostwald,  Ein  österreichischer  J.  B.  Richter.  (In:  Die  Forderung 
des  Tages.  Leipzig  1910.) 

6* 


S4  ^^^  Reform  der  Phpsik. 

mittel  gelten   lassen  und  einen  Ersatz  durch  eine  natürlichere 
Anschauung  anstreben.    Die  Atomtheorie  hat  in  der  Phpsik  eine 
ähnliche  Funktion,  wie  gewisse  mathematische  Hilfsvorstellungen; 
sie  ist  ein   mathematisches  Modell  zur  Darstellung  der  Tat- 
sachen. Wenn  man  auch  die  Schwingungen  durch  Sinusformeln, 
die  Abkfihluhgsvorgänge  durch    Exponentielle,  die   Fallräume 
durch  Quadrate  der  Zeiten   darstellt,  so  denkt  doch   niemand 
daran,  daß  die  Schwingung  an  sich  mit  einer  Winkel-  oder 
Kreisfunktion,  der  Fall  an  sich  mit  dem  Quadrieren  etwas  zu 
schaffen  hat^).^^    Räume  von   mehr  als  drei  Dimensionen  sind 
Hilfsvorstellungen  derselben  Art.   Molekfile  und  Atome  sind  von 
der  Naturwissenschaft  selbst  geschaffene,  veränderliche,  in  ge- 
wissem Sinne  ökonomische  Mittel;  ihnen  entspricht  jedoch  keine 
Realität  hinter  den  Erscheinungen*).    Der  Naturwissenschaftler 
ist  aber  nicht  nur  Theoretiker,  sondern  auch  ein  Praktiker,  der 
geläufig  und  instinktiv  Operationen  ausführen,  z.  B.  Körper  auf 
die  Wage  legen  muß.    Für  diesen  Handgebrauch  kann  er  die 
rohe  Substanzvorstellung,   wie  sie  der  naive  Mensch  und  das 
Tier  besitzen,  nicht  entbehren').    Die  moderne  Atomistik  ist 
nichts  weiter  als  der  Versuch,  diese  rohe  Stoffvorstellung  zur 
Grundvorstellung  der  Phpsik  zu  erheben.  Den  heuristischen  und 
didaktischen  Wert  der  Atomistik  betreitet  Mach  nicht,  behauptet 
jedoch,  daß  aus  diesen  Vorstellungen  Daltons  (ebenso  wie  das 
bei  der  Stoffvorstellung  von  Black  der  Fall  war)  der  wesent- 
liche. Tatsächliches  darstellende,  begriffliche  Kern  herausgeschält 
und  überflüssige  Nebenvorstellungen  ausgemerzt  werden  müssen^), 
und  weist  so  auf  das  Programm,  das  später  Wald,  wie  erwähnt, 
erfüllte. 

Die  Frage,  wie  aus  Atombewegungen  des  Hirns  die  Emp- 
findungen erklärt  werden  können,  ist  nach  Mach  eine  falsche 
Fragestellung:  „Es  liegt  hier  gar  kein  Problem  vor *)."J^ Denn 
„es  hieße  also  wohl  das  Einfachere  und  Näherliegende;  durch 
das  Kompliziertere  und  Femerliegende  erklären,  wollte  man  aus 

*)  Nr.  87,  S.  »2f.  ' 
•)  Nr.  120,  S.  235  f. 
»)  Nr.  121,  S.  431. 
*)  Nr.  121,  S.  429  f. 
•)  Nr.  120,  S.  237. 


4.  Die  Atomh^othese.  85 

Massenbewegungen  die  Empfindungen  ableiten  ^  abgesehen  da- 
von,  daß  die  mechanischen  Begriffe  ökonomische  Mittel  sind, 
welche  zur  Darstellung  mechanischer  und  nicht  physiologischer 
oder  psychologischer  Tatsachen  entwickelt  wurden***). 

Die  Kernfrage  bleibt  stets:  Ist  die  RaumausfQllung  konti- 
nuierlich oder  diskontinuierlich  (diskret)?  Wie  die  Atomistik/ so 
tritt  auch  Mach  für  eine  diskrete  Erfüllung  ein.  Dabei  ver- 
wendet er  Volumelemente,  während  die  Atomistik  Atome 
benutzt.  Dies  ist  nicht  lediglich  eine  Frage  terminologischen 
Geschmacks.  Vom  sensualistischen  Standpunkte  hat  das  erkenn- 
bare Volumelement  eine  ganz  andere  Dignität  als  das  den  Sinnen 
stets  unzugängliche  Atom.  Mach  sagt:  ,,Einem  Volumelement 
schreibe  ich,  nur  mit  verändertem  Maßstab,  solche  Eigenschaften 
zu,  wie  sie  an  ausgedehnten  Körpern  beobachtet  werden,  und 
die  Erfahrung  hat  mich  gelehrt,  daß  man  den  Maßstab  außer- 
ordentlich verkleinem  kann,  ohne  die  Form  der  Tatsache  zu 
ändern.  Darin  liegt  also  gar  nichts  Hypothetisches  und  keineriei 
Unklarheit.  Kirchhoff  hat  ganz  gut  gewußt,  warum  er  gerade 
diese  Betrachtungsweise  jeder  andern  vorzog.  Die  Volumelemente 
mit  ihren  Temperaturgefällen  verhalten  sich  ganz  so  wie  endlich 
ausgedehnte  Körper  unter  ähnlichen  Umständen,  nur  habe  ich 
den  Vorteil,  daß  ich  aus  solchen  kleinen  Volumelementen  mit 
beliebiger  Genauigkeit  jeden  noch  so  komplizierten  Fall  zu- 
sammensetzen kann  *)." 

Noch  einen  gewichtigen  Einwand  wird  der  Atomistiker  gegen 
Mach  erheben;  er  wird  sagen,  der  Satz  von  der  Erhaltung  der 
Masse  sei  ein  direkter  Nachweis  der  Beständigkeit  der  Materie. 
Darauf  antwortet  Mach:  „...  dieser  Nachweis  verflüchtigt  sich, 
wenn  wir  auf  den  Grund  gehen,  in  eine  solche  Menge  von 
instrumentalen  und  intellektuellen  Operationen,  daß  er  gewisser- 
maßen nur  eine  Gleichung  konstatiert,  welcher  unsere  Vor- 
stellungen, Tatsachen  nachbildend,  zu  genügen  haben.  Den 
dunkeln  Klumpen,  den  wir  unwillküriich  hinzudenken,  suchen 
wir  vergeblich  außerhalb  unseres  Denkens')." 


*)  Nr.  87,  S.  564.  - 

•)  Nr.  121,  S.  431. 

»)  Nr.  120,  S.  231;  Nr.  121,  S.  426. 


86  I^ie  Refonn  der  Phpsik. 

5.  Phänomenologische  Physik  Icontra  mechanische 

Physilc. 

Die  mechanische  Naturansicht  erstrebt  als  Ideal  eine  ZurQck- 
führung  aller  Erscheinungen  auf  die  Mechanik.  Dagegen  sagt 
Mach:  „Rein  mechanische  Vorgänge  gibt  es  nicht  0."  Vielmehr 
sind  alle  mit  thermischen,  magnetischen,  elektrischen  Änderungen 
verbunden,  und  dadurch  werden  die  Bewegungsvorgänge  geändert 
^eder  Vorgang  gehört  also  genau  genommen  allen  Gebieten 
der  Phpsik  an'),^  und  diese  sind  durch  konventionelle,  histo- 
rische und  physiologische  Motive  geschieden.  Die  Mechanik 
ist  die  älteste  und  bekannteste  Disziplin,  darum  suchte  man  alles 
auf  das  Vertraute  zurückzuführen.  Allein  das  braucht  nun  nicht 
inimer  so  zu  bleiben;  das  älteste  mechanische  Gesetz  (das  Hebel- 
gesetz) ist  ja  auch  nicht  die  Grundlage  der  Mechanik.  In  der 
Elektrizitätslehre  ist  mit  dem  Potential  und  der  Dielektrizitäts- 
konstanten jeder  elektrische  Umstand  gegeben;  eines  materiellen 
Substrates  bedarf  es  da  nicht  ^). 

Zweitens  greifen  überhaupt  die  chemischen  Vorgänge  viel 
tiefer  als  die  physikalischen^). 

Die  mechanische  Ansicht  ist  ferner  auch  nicht  ökonomisch: 
statt  der  tatsächlichen  Zusammenhänge  gibt  sie  Hypothesen^)» 
und  diese  stehen  unter  sich  nicht  in  widerspruchslosem  Verband. 

Machs  Ziel  ist  eine  vergleichende  Physik*),  eine  homo- 
gene Physik  ohne  Zuhilfenahme  der  künstlichen  Atomtheorie« 
Den  phänomenologischen  Gesetzen^)  sind  die  mechanischen 
Spezialfälle  unterzuordnen.  Die  Mechanik  ist  nur  ein  Muster 
und  Fingerzeig  bei  der  Aufsuchung  dieser  Gesetze*). 

An  dem  Begriff  Potential  zeigt  Mach  seine  Absichten:  zu- 
erst nur  auf  engem  Gebiet  angewendet»  überträgt  ihn  Mach 

')  Nr,  87,  S.  540.    Eine  Auseinandersetzung  mit  Wundt  in  Nr.  121 
S.  317. 

•)  Nr.  87,  S.  542. 

•)  Nr.  87,  S.541. 

*)  Nr.  121,  S.  354,  360f.;  Nr.  87,  S.  540. 

•)  Nr.  87,  S.  543. 

•)  Nr.  87,  S.  542  f. 

*)  Nr.  121,  S.  356. 

•)  Nr.  121,  S.  121. 


5.  Phänomenologische  Phpsik  kontra  mechanische  Physik.  87 

auch  auf  die  Chemie  ^).  Mittels  solcher  Analogien  will  er  hete- 
rogene Gebiete  umspannt  wissen.  Der  weite  Blick  eignet  nicht 
der  Mechanik,  sondern  war  von  je  für  die  ganze  Naturwissen- 
schaft charakteristisch^. 

Das  Bestreben,  die  Physiologie  mechanisch  zu  begreifen, 
ist  dasselbe,  wie  die  Bemfihung  des  Thales,  aus  dem  Wasser 
alles  zu  verstehen ').  Daraus  entwickeln  sich  nur  Trugprobleme, 
indem  man  Empfindungen  hernach  aus  Atomen  ableiten  möchte^). 
Das  Näherliegende  ist  die  Empfindung,  die  nie  ableitbar  ist  aus 
den  Denkmitteln  der  Physik:  Masse,  Kraft,  Atom,  welche  nur  die 
Aufgabe  haben,  ökonomisch  geordnete  Erfahrungen  wachzu- 
rufen *). 

Zum  Schlüsse  sei  eine  Aussicht  der  vergleichenden  Be- 
trachtungsweise von  Mach  nietet  fibergangen:  Empfindungen 
und  chemische  Vorgänge  haben  einen  nahen  Zusammenhang. 
^Wenn  wir  sechs  Grundfarbenempfindungen  haben,  so  werden 
wir  annehmen,  daß  die  EiweifikOrper  unseres  Leibes  durch 
optische  Reize  in  sechsfacher  Weise  umgesetzt  werden  können. 
Eine  analoge  Auffassung  würden  alle  Sinnesempfindungen,  so 
auch  die  Raumempfindungen  zulassen.  Und  so  ist  es  ganz 
wohl  möglich,  daß  wir  einmal  zum  Verständnis  des  Raumes, 
seiner  Dimensionszahl  usw.  auf  chemischem  Wege  gelangen^  ^). 

»)  Nr.  121,  S.  402f. 
•)  Nr.  87,  S.  547. 
•)  Nr.  121,  S.  354. 
*)  Nr.  87,  S.  553. 
•)  Nr.  87,  S.  547. 
•)  Nr.  121,  S.  360f. 


88 


Psychologischer  Teil. 


Mach  ging  als  Physiker  aus  vom  DopPLERschen  Prinzip 
der  Änderung  des  Tones  und  der  Farbe  durch  Bewegung,  und 
gelangte  bald  dazu,  den  Anteil  der  Physiologie  und  der  Psycho- 
logie an  diesem  Phänomen  zu  bestimmen.  Seine  Betrachtungs- 
weise, mit  einem  Blick  Physik  und  Psychologie  zu  umfassen, 
sein  philosophischer  Standpunkt,  die  Außenwelt  in  Elemente  auf- 
zulösen, führten  ihn  zu  bedeutenden  Spezialarbeiten;  sie  ermög- 
lichten erst  richtige  Problemstellungen.  Auf  sie  gehen  wir  zu- 
nächst ein. 


1.  Die  Spezialarbeiten. 

Die  groBe  Zahl  der  Untersuchungen  läBt  sich  zusammen- 
fassen in:  Tonempfindungen,  Bewegungsempfindungen,  Raum- 
und  Farbenpsychologie,  Psychologie  der  Zeitempfindüng  und 
psychologische  Erscheinungen  allgemeinerer  Natur.  Eine  Zu- 
sammenfassung, was  Mach  psychologisch  leistete,  ist  bisher 
noch  nicht  gegeben  worden,  so  oft  man  sich  mit  seiner  „Er- 
kenntnistheorie^ auch  befaßte.  Darum  blieb  wohl  vieles  un- 
beachtet, was  er  vor  einem  halben  Jahrhundert  bereits  gefunden 
hatte;  es  konnte  deshalb  auch  nicht  ausbleiben,  dafi  mancherlei 
nochmals  entdeckt  wurde.  Im  einzelnen  wollen  wir  uns  wegen 
der  Wertung  stets  bewußt  bleiben,  wann  Mach  seine  Ergeb- 
nisse fand.  Wir  werden  dann  nicht  unbillig  urteilen,  wenn  dieser 
oder  jener  Punkt  heute  fiberholt  ist.  Aber  auch  in  den  Auf- 
fassungen, fiber  die  heute  das  letzte  Wort  noch  nicht  gefallen 
ist,  sollte  man  öfter,  als  es  gemeiniglich  geschieht,  seine  An- 
sichten berücksichtigen  und  zu  Rate  ziehen.  Besonders  gilt  das 
in  dem  Kapitel  der 


1.  Die  Spezialarbeiten.  89 

a)  Tonempfinduiigeii. 

In  diesem  Gebiete  liegt  mir  zuerst  die  Aufgabe  ob,  der 
historischen  Gerechtigkeit  nachzukommen,  denn  Helmholtz 
hat  wenig  Rücksicht  darauf  genommen,  daß  Mach  vor  ihm 
wesentliche  Punkte  bereits  klarstellte.  Ein  abschließendes  Urteil 
darf  hier  füglich  nicht  erwartet  werden;  das  ist  nur  auf  dem 
Wege  neuer  Experimentaluntersuchungen  möglich.  Auf  jeden 
Fall  ist  es  aber  förderlich,  all  das  einmal  kurz  zusammenzu- 
stellen, was  Mach  hier  leistete. 

Die  Geräuschempfindungen. 

Da  Machs  Ergebnisse  nicht  allzuoft  berücksichtigt  wurden, 
setze  ich  seinen  eigenen  Wortlaut  hierher:  „Mit  der  Frage  nach 
der  Beziehung  des  Geräusches  (insbesondere  des  Knalles) 
zum  Ton  habe  ich  mich  vor  langer  Zeit  (Winter  1872/73)  be- 
schäftigt und  gefunden,  daß  sich  alle  Übergänge  zwischen  beiden 
aufweisen  lassen.  Ein  Ton  von  128  ganzen  Schwingungen,  den 
man  durch  den  kleinen  Ausschnitt  einer  großen,  langsam  rotie- 
renden Scheibe  hört,  schrumpft  zu  einem  kurzen  trockenen 
Schlag  (oder  schwachen  Knall)  von  sehr  undeutlicher  Ton- 
höhe zusammen,  wenn  seine  Dauer  auf  2—3  Schwingungen  redu- 
ziert wird,  während  bei  4 — 5  Schwingungen  die  Höhe  noch  ganz 
deutlich  ist.  Andererseits  bemerkt  man  an  einem  Knall,  selbst 
wenn  derselbe  von  einer  aperiodischen  Luftbewegung  herrührt 
(Funkenwelle,  explodierende  Knallgasblase),  bei  genügender  Auf- 
merksamkeit eine  Tonhöhe,  wenngleich  keine  sehr  bestimmte. 
Man  überzeugt  sich  auch  leicht,  daß  an  einem  von  der  Dämpfung 
befreiten  Klavier  durch  große  explodierende  Knallgasblasen 
vorzugsweise  die  tiefen,  durch  kleine  die  hohen  Saiten  zum 
Mitschwingen  erregt  werden.  Hierdurch  scheint  es  nachgewiesen, 
daß  dasselbe  Organ  die  Ton-  und  die  Geräuschempfindung 
vermitteln  kann.  Man  wird  sich  vorzustellen  haben,  daß  eine 
schwächere,  kurz  dauernde  aperiodische  Luftbewegung  alle, 
aber  vorzugsweise  die  kleinen,  leichter  erregbaren,  eine  stärkere, 
länger  anhaltende  auch  die  größeren  trägeren  Endorgane  erregt, 
welche  dann  bei  ihrer  geringeren  Dämpfung,  länger  aus- 
schwingend, sich  bemerklich  machen,  und  daß  selbst  bei  verhält- 


90  Psychologischer  Teil. 

nismäfiig  schwachen  periodischen  Luftbewegungen  durch 
Häufung  der  Effekte  an  einem  bestimmten  GHede  der  Reihe 
der  Endorgane  die  Reizung  hervortritt  Qualitativ  ist  die 
Empfindung,  welche  ein  tiefer  oder  hoher  Knall  erregt,  dieselbe, 
nur  intensiver  und  von  kürzerer  Dauer  als  diejenige,  welche  das 
Niederdrücken  einer  großen  Anzahl  benachbarter  Klaviertasten 
in  tiefer  oder  hoher  Lage  erregt.  Auch  fallen  bei  der  ein- 
maligen Reizung  durch  Knall  die  an  die  periodische  intermit- 
tierende Reizung  gebundenen  Schwebungen  weg^)." 

Lokalisation  von  Schallreizen. 

Weitere  Arbeiten  betreffen  den  Hörraum  und  die  Lokalisation 
von  Schallreizen.  Mach  nahm  als  erster  an,  daß  nicht  nur 
Intensitätsunterschiede,  sondern  auch  qualitative  Klangfarben- 
unterschiede als  Merkmale  der  Ortsunterscheidung  wirksam  sind'). 
„Wie  man  sich  durch  Neigung  eines  Kartonblattes  vor  dem  Ohr 
überzeugen  kann,  werden  nur  jene  Geräusche,  welche  sehr  hohe 
Töne  enthalten,  das  Sausen  und  Zischen  einer  Gasflamme,  eines 
Dampfkessels  oder  Wasserfalles,  je  nach  der  Lage  des  Karton- 
blattes durch  Reflexion  modifiziert,  während  tiefe  Töne  ganz 
unbeeinflußt  bleiben.  Die  beiden  Ohrmuscheln  können  also  nur 
durch  ihre  Wirkung  auf  hohe  Töne  als  Richtungszeiger  ver- 
wendet werden').^  Mach  fand  das  auch  an  zahmen  Hamstern 
und  Kindern  bestätigt  und  zeigt  die  biologischen  Gründe 
dafür  auf. 

Theorie  des  Gehörorgans. 

In  der  Streitfrage,  ob  die  Gehörknöchelchen  als  Ganzes 
schwingen,  oder  ob  die  Schallwellen  sie  einfach  passieren,  hat 
E.  H.  Weber  sich  für  die  erstere  Fassung  entschieden.  In  der 
theoretischen  Begründung  hat  Mach  aber  die  Priorität  Die 
experimentelle  Bestätigung  rührt  von  Politzer  her.  Helm- 
HOLTZ  hat  in  seiner  Arbeit  über  „die  Mechanik  der  Gehör- 
knöchelchen^^ gar  nicht  erwähnt,  daß  Mach  in  vielen  Punkten 
vor  ihm  wichtige  Tatsachen  gefunden  hatte.  Aus  diesem  Grunde 

*)  Nr.  91,  S.218f.;  vgl.  Nr.  57. 
■)  Nr.  45,  S.  72;  vgl.  Nr.  24,  54. 
»)  Nr.  91,  S.  216f. 


1.  Die  Spezialarbeiten.  91 

gab  Mach  1871  seine  Schrift  ,,zur  Theorie  des  Gehörorgans  ^)" 
unverändert  nochmals  heraus.  Er  sagt:  ,,Wenn  die  Dimensionen 
der  KnOchelchen  gegen  die  Länge  der  in  Betracht  kommenden 
Schallwellen  in  deren  Material  sehr  klein  ist,  wie  es  wirklich  zu- 
trifft)  so  ist  es  keine  Frage,  daB  in  der  ganzen  Ausdehnung  der 
KnOchelchen  nahezu  dieselbe  Bewegungsphase  auftritt,  demnach 
sich  die  KnOchelchen  als  Ganzes  bewegen  müssen.  Man  dachte 
sich  nun  die  Bewegung  der  Gehörknöchelchen  auf  die  Labyrinth- 
flfissigkeit  fibertragen.  Allein  pathologische  Erfahrungen  lehren, 
daß  man,  wenn  nur  das  Labyrinth  in  Ordnung  ist,  auch  ohne 
Mitwirkung  der  Gehörknöchelchen  und  des  Trommelfells  noch 
recht  gut  hOrt.  Diese  Teile  scheinen  nur  von  Wichtigkeit  zu 
sein,  wenn  es  sich  um  Übertragungen  der  leisesten  Luft- 
bewegungen auf  das  Labyrinth  handelt.  Da  scheint  die  Re- 
duktion des  auf  die  ganze  Trommelfellfläche  entfallenden  Druckes 
auf  die  kleine  SteigbUgelfufiplatte  notwendig.  Sonst  können  die 
Schallwellen  auch  durch  die  Kopfknochen  auf  das  Labyrinth 
übertragen  werden.  Durch  Aufsetzen  von  tonenden  Körpern 
(Stimmgabeln)  auf  verschiedene  Stellen  des  Kopfes  überzeugt 
man  sich  davon,  daß  die  Richtung  der  auf  das  Labyrinth  ein- 
dringenden Schallwellen  keine  besondere  Rolle  spielt.  Alle 
Dimensionen  des  schallperzipierenden  Apparates  sind  wieder  so 
klein  gegen  die  hörbaren  Schallwellen,  die  Schallgeschwindigkeit 
in  den  Knochen  und  der  Labyrinthflüssigkeit  so  groß,  daß  wieder 
in  einem  Moment  nur  merklich  dieselbe  Wellenphase  in  der 
ganzen  Ausdehnung  des  Labyrinths  Platz  greifen  kann.  Das 
Obige  führt  darauf,  nicht  die  Bewegungen  und  die  Be- 
wegungsrichtung, sondern  die  Druckvariationen,  welche 
im  Labyrinth  nahezu  synchron  auftreten,  als  empfindungserregend, 
als  den  maßgebenden  Reiz  zu  betrachten ').^^ 

Machs  Arbeiten  über  das  Vestibularorgan  besprechen  wir 
bei  den  Bewegungsempfindungen.  Dort  wie  hier  hat  MACH  eine 
große  physikalische  Vorarbeit  geleistet,  ohne  die  sich  die  Er- 
forschung wesentlich  schwieriger  gestaltet  hätte'). 


»)  Nr.  48;  vgl.  Nr.  10,  12,  14,  17,  22,  23,  26,  43-46,  52—56. 

•)  Nr.  91,  S.  244  ff. 

•)  Nr.  2—4,  7,  12,  28,  38-40,  50,  58,  59,  75,  79. 


92  Pspchologischer  Teil. 

Die  Theorie  des  Hörens. 

Helmholtz  nahm  in  seiner  physikalischen  Resonanztheorie 
an,  daß  das  innere  Ohr  sich  aus  einem  System  von  Resonatoren 
zusammensetzt,  das  die  Teiltöne  heraushört  und  zwar  als  Glieder 
der  FoURlERschen  Reihe ,  die  den  Schwingungsformen  ent- 
sprechen. Demzufolge  ist  das  Phasenverhältnis  der  Teil- 
schwingungen auf  die  Empfindung  einflufilos.  KÖNIG')  ver- 
suchte dagegen  mit  seiner  Wellensirene  nachzuweisen,  daß  das 
Phasenverhältnis  der  Schwingungen  auf  die  Empfindung  der 
Klangfarbe  nicht  ohne  Einfluß  sei,  wodurch  HELMHOLTZens 
Ansicht  widerlegt  gewesen  wäre.  Hermann  gelang  es  jedoch 
später  nachzuweisen,  daß  Königs  Wellensirene  keine  einfachen 
Töne  gäbe*).  Wenn  ich  eine  Arbeit  Machs  erwähne,  die  hier 
eingreift,  so  hat  das  natürlich  nur  historisches  Interesse. 

Er  erzählt:  „Ich  habe  schon  1867  Versuche  angestellt  mit 
einer  eigentümlichen  Sirene,  welche  einem  der  KöNiGschen 
Apparate  sehr  ähnlich  war.  Die  Mantelringe  eines  Zylinders 
trugen  paarweise  gleiche,  gegeneinander  verschiebbare  sinus- 
förmige Ausschnitte,  so  daß  man  Intensität  und  Phase  des  be- 
treffenden Teiltons  beliebig  ändern  konnte.  Es  zeigte  sich 
jedoch  bei  diesen  Versuchen,  daß  die  sinusförmigen  Ausschnitte 
keine  einfachen  Töne  gaben,  wenn  durch  eine  der  Sinusordinate 
parallele  Spalte  gegen  dieselbe  geblasen  wurde.  Da  mein 
Apparat  noch  ziemlich  unvollkommen  war,  und  seinen  Zweck, 
einen  Klang  aus  Teiltönen  von  beliebiger  Intensität  und  Phase 
zusammensetzen,  nach  dem  Obigen  nicht  entsprach,  habe  ich 
nichts  über  diese  Versuche  publiziert')."  Da  heute  all  diese 
Fragen  wieder  in  Fluß  gekommen  sind,  interessiert  auch  ein 
negatives  Ergebnis. 

Machs  Theorie  der  Tonempfindungen. 

Ich  schicke  eine  kurze  Zusammenfassung  voraus,  um  dann 
biei  den  einzelnen  Punkten  länger  zu  verweilen. 

„Die  Geräusche  und  Klänge  lassen  sich  in  Töne  zerlegen. 
Jeder  unterscheidbaren  Schwingungszahl  entspricht  ein  besonderes 

^)  R.  König,  Quelques  exp^iences  d'acoustique.    Paris  1882. 
^  L.  Hermann,  PHügers  Arch.,  56,  S.  467,  1894. 
•)  Nr.  91,  S.  220;  Nr.  58,  S.  34. 


1.  Die  Spezialarbeiten.  93 

Nervenendorgan.  An  die  Stelle  der  vielen  spezifischen  Energien 
setzen  wir  aber  bloß  zwei,  die  uns  die  Verwandtschaft  aller 
Tonempfindungen  verständlich  machen,  und  erhalten  durch  die 
Rolle,  welche  wir  der  Aufmerksamkeit  zuweisen,  gleichwohl 
mehrere  gleichzeitig  angegebene  Töne  unterscheidbar.  Durch 
die  Hypothese  des  mehrfachen  Ansprechens  der  Glieder  der 
Reihe  der  Endorgane  und  der  „Zusatzfärbungen^'  tritt  die 
Bedeutung  der  zufälligen  Klangfarbe  zurück,  und  wir  sehen  den 
Weg,  auf  welchem  den  positiven  Merkmalen  der  Intervalle 
namentlich  auf  Grund  musikalischer  Tatsachen  weiter  zu 
forschen  ist.  Endlich  erhält  durch  die  letztere  Ansicht  das 
V.  OETTiNGENsche  Prinzip  der  Dualität  eine  Unterlage,  die  viel- 
leicht diesem  Forscher  selbst  etwas  besser  zusagen  dürfte  als 
die  „Erinnerung^  während  sich  zugfeich  zeigt,  warum  die 
Dualität  keine  vollwertige  Symmetrie  sein  kann^)/^ 

Weshalb  nimmt  Mach  nun  lediglich  zwei  spezifische  Energien 
an?  Wegen  der  Schwebungen  naheliegender  Töne  und  anderer 
von  Helmholtz  gefundener  Tatsachen  hält  Mach  die  Ansicht 
für  gesichert,  daß  verschiedene  Endorgane  auf  verschiedene 
Schwingungszahlen  ansprechen.  „Gehen  wir  von  der  Vorstellung 
aus,  sagt  er,  daß  eine  Reihe  von  physikalisch  oder  physio- 
logisch abgestimmten  Endorganen  existiert,  deren  Glieder  bei 
steigender  Schwingungszahl  nacheinander  im  Maximum  an- 
sprechen, und  schreiben  wir  jedem  Endorgan  seine  besondere 
(spezifische)  Energie  zu.  Dann  gibt  es  so  viele  spezifische 
Energien  als  Endorgane  und  ebenso  viele  für  uns  durch  das 
Gehör  unterscheidbare  Schwingungszahlen.  Wir  unterscheiden 
aber  nicht  bloß  die  Töne,  wir  ordnen  sie  auch  in  eine  Reihe. 
Wir  erkennen  von  drei  Tönen  verschiedener  Höhe  den  mittleren 
ohne  weiteres  als  solchen.  Wir  empfinden  unmittelbar,  welche 
Schwingungszahlen  einander  näher,  welche  femer  liegen.  Das 
ließe  sich  für  naheliegende  Töne  noch  leidlich  erklären . . . 
Allein  auch  ferner  liegende  Töne  haben  eine  gewisse  Ähnlich- 
keit, und  auch  an  dem  höchsten  und  tiefsten  Ton  erkennen 
wir  noch  eine  solche.  Nach  dem  uns  leitenden  Forschungs- 
grundsatze müssen  wir  also   in  allen  Tonempfindungen  ge- 

*)  Nr.  91,  S.  242.       .  , 


94  PsTChologischer  Teil. 

m einsame  Bestandteile  annehmen.  Es  kann  also  nicht  so  viele 
spezifische  Energien  geben,  als  es  unterscheidbare  Töne  gibt. 
Für  das  Verständnis  der  Tatsachen,  die  wir  hier  zunächst  im 
Auge  haben,  genügt  die  Annahme  von  nur  zwei  Energien, 
die  durch  verschiedene  Schwingungszahlen  in  verschiedenem 
Verhältnis  ausgelöst  werden.  Eine  weitere  Zusammensetzung 
der  Tonempfindungen  ist  aber  durch  diese  Tatsachen  nicht 
ausgeschlossen  . . .  Nehmen  wir  also  an,  nur  um  ein  bestimmtes 
Bild  vor  uns  zu  haben,  daß  bei  dem  Übergang  von  den  kleinsten 
zu  den  größten  Schwingungszahlen  die  Tonempfindung  ähnlich 
variiert,  wie  die  Farbenempfindung,  wenn  man  vom  reinen  Rot, 
etwa  durch  allmähliche  Zumischung  von  Gelb,  zum  reinen  Gelb 
übergeht^).**  Für  jede  unterscheidbare  Schwingungszahl  ist  also 
wohl  ein  besonderes  Endorgan  vorhanden,  jedoch  werden  die- 
selben zwei  Energien  in  verschiedenem  Verhältnis  ausgelöst 

Daß  zwei  gleichzeitig  erklingende  Töne  nicht  zu 
einem  Mischton  verschmelzen,  sondern  unterschieden  werden, 
bildet  ein  neues  Problem.  Zunächst  bringt  Mach  die  Tonreihe 
in  eine  Analogie  des  Raumes,  und  zwar  „eines  beiderseits  be- 
grenzten Raumes  von  einer  Dimension,  der  auch  keine  Sym- 
metrie darbietet,  wie  etwa  eine  Gerade,  die  von  rechts  nach 
links  senkrecht  zur  Medianebene  verläuft . . .  Eine  bestimmte 
Tonempfindung  kann  nur  an  einer  bestimmten  Stelle  des  be- 
sagten eindimensionalen  Raumes  vorkommen,  die  jedesmal  fixiert 
werden  muß,  wenn  die  betreffende  Tonempfindung  klar  hervor- 
treten soll.  Man  kann  sich  nun  vorstellen,  daß  versdiiedene 
Tonempfindungen  in  verschiedenen  Teilen  der  Tonsinnsubstanz 
auftreten,  oder  daß  neben  den  beiden  Energien,  deren  Verhältnis 
die  Färbung  der  hohen  und  tiefen  Töne  bedingt,  noch  eine 
dritte,  einer  Innervation  ähnliche  besteht,  welche  beim  Fixieren 
der  Töne  auftritt.    Auch  beides  zugleich  könnte  stattfinden*)". 

Wie  aber  können  Töne  fixiert  werden?  Zunächst  wiesen 
Mach  und  Kessel  nach'),  daß  der  Gehörapparat  eine  ver- 
änderliche Stimmung  und  Resonanzfähigkeit  für  verschiedene 
Töne  besitzt,  indem  sie  mikroskopisch  die  durch  einen  Schlauch 

»)  Nr.  91,  S.  225t. 
•)  Nr.  91,  S.227. 
•)  Nr.  43. 


1.  Die  Spezialarbeiten.  95 

zugefQhrten  Schallschwingungen  beobachteten.  „Eine  derartige 
spontane  Veränderung  der  Stimmung  am  lebenden  Ohr  nach- 
zuweisen, gelang  aber  nicht  bei  Einleitung  des  Schalles  und 
Beobachtung  durch  einen  hierzu  konsumierten  Mikroskopohren- 
spiegel 0," 

In  seinen  ersten  Arbeiten  hatte  Mach  angenommen,  das 
Fixieren  der  Töne  beruhe  in  der  veränderlichen  Spannung  des 
Tensor  tpmpani;  auch  dachte  er  an  Zusammenhänge  mit  Kehl- 
kopfvorgängen, verwarf  diese  Ansicht  jedoch  bald'). 

Fruchtbarer  erwiesen  sich  Versuche  über  den  Einfluß  der 
Aufmerksamkeit  auf  Akkorde  und  einfache  Töne.  Da  fand 
er,  dafi  die  Aufmerksamkeit  tatsächlich  eine  grofie  Rolle  spielt: 
läSt  man  einen  Harmoniumton  mehrere  Minuten  lang  gleichmäßig 
erklingen,  so  tauchen  allmählich  alle  Obertöne  klar  auf  *).  Bringt 
man  in  einer  Harmonie  einen  fixierten  Ton  zum  Erlöschen,  so 
gleitet  die  Aufmerksamkeit  „dann  auf  einen  der  nächstliegenden 
über,  welcher  mit  einer  Deutlichkeit  auftaucht,  als  wenn  er  eben 
angeschlagen  worden  wäre*)." 

Noch  ein  Dilemma  steht  im  Wege:  wie  die  Frage,  warum 
wir  geometrisch  ähnliche  Figuren  auch  psychologisch  als  ähn- 
liche sehen,  das  Problem  der  räumlichen  Gestaltauffassung  auf- 
deckte, so  entsteht  hier  die  Frage  der  Tonfigur.  Gleiche  Ton- 
folgen in  verschiedener  Lage  können  wir  ja  als  Tongebilde  von 
gleicher  Tongestalt  oder  als  ähnliche  Tongebilde  auffassen^). 
Was  vom  Intervall  gilt,  das  zeigt  sich  auch  bei  der  Harmonie 
und  zwar  unabhängig  von  der  Höhe  des  Grundtons  und  der 
Zahl  der  Schwebungen  ^). 

Die  Töne  einer  Melodie  oder  Harmonie,  die  ein  einfaches 
Zahlenverhältnis  der  Schwingungen  aufweisen,  zeichnen  sich  aus: 

1.  durch  Gefälligkeit  und  Kontrast, 

2.  durch  eine  charakteristische  Empfindung,  die  jedem 
Intervall  entspricht.    „Wenn  ein  Grundton  n  mit  seiner  Terz  m 


*)  Nr.  91,  S.  228. 
•)  Nr.  10. 
•)  Nr.  26,  S.  29. 
*)  Nr.  91,  S.230. 
•)  Nr.  91,  S.  232. 
•)  Nr.  91,  S.  234. 


96  Psychologischer  Teil. 

melodisch  oder  harmonisch  verbunden  wird,  so  fällt  der  5.  Partial- 
ton des  ersten  Klanges  (5n)  mit  dem  vierten  des  zweiten 
Klanges  (4m)  zusammen.  Dies  ist  das  Gemeinsame,  was  nach 
der  HELMHOLTZschen  Theorie  allen  Terzverbindungen  zukommt. 
Kombiniere  ich  die  Klänge  C  und  E  oder  F  und  A  und  stelle . . . 
ihre  Partialtöne  dar,  so  koinzidieren ...  in  beiden  Fällen  der 
fünfte  Partialton  des  tieferen  mit  dem  vierten  Partialton  des 
höheren  Klanges.  Dieses  Gemeinsame  besteht  aber  nur  für  den 
physikalisch  analysierenden  Verstand  und  hat  mit  der  Emp- 
findung nichts  zu  schaffen.  Für  die  Empfindung  koinzidieren 
in  dem  ersten  Fall  die  e,  in  dem  zweiten  die  ä,  also  ganz  ver- 
schiedene Töne.  Gerade  dann,  wenn  wir  für  jede  unterscheid- 
bare Schwingungszahl  eine  zugehörige  spezifische  Energie  an- 
nehmen, müssen  wir  fragen,  wo  bleibt  der  jeder  Terzver* 
bindung  gemeinsame  EmpfindungsbestandteiP)?^ 

Dafi  der  Schall  auch  im  Nerv  noch  als  periodische  Be- 
wegung fortgehe,  wies  Mach  von  der  Hand*);  dagegen  spricht 
auch,  daß  zwischen  subjektiven  Tönen  oder  zwischen  einem 
subjektiven  und  einem  naheliegenden  objektiven  Ton  niemals 
Schwebungen  beobachtet'  werden. 

Als  Erklärung  gibt  Mach  seine  Hypothese  der  Zusatz- 
färbung, die  er  ausdrücklich  als  Hypothese  aufgefafit  wissen  will. 

Schon  V.  Hensen  wies  nach,  dafi  ein  schwingungsfähiges 
Endorgan  nicht  auf  jede,  auch  nicht  auf  eine,  sondern  auf 
mehrere  weit  abliegende  Schwingungszahlen  anspricht.  Auch 
Mach  erwartet,  dafi  ein  Glied  des  Endorgans  nicht  nur  auf 
eine  Schwingungszahl  anspricht,  sondern  „daß  es  viel  schwächer 
in  abgestufter  Intensität  (vielleicht  durch  Knoten  abgeteilt)  auch 
auf  die  Schwingungszahlen  2n,  3n,  4n  usw.,  und  ebenso  auch 
auf  die  Schwingungszahlen  n/2,  n/3,  n/4  usw.  anspricht.  Da  die 
Annahme  einer  besonderen  Energie  für  jede  Schwingungszahl 
sich  als  unhaltbar  gezeigt  hat,  so  stellen  wir  uns  dem  Obigen 
gemäß  vor,  dafi  zunächst  nur  zwei  Empfindungsenergien,  sagen 
wir  Dumpf  (D)  und  Hell  (H)  ausgelöst  werden.  Die  betreffende 
Empfindung  wollen  wir  (ähnlich  wie  dies  bei  Mischfarben  ge- 
schieht)  symbolisch   durch  pD  +  qH   darstellen,  oder  wenn 

*)  Nr.  91,  S.  236. 
•)  Nr.  14. 


1.  Die  Spezialarbeiten.  97 

wir  p  +  q  =  1  setzen,  und  q  als  eine  Funktion  f  (n)  der  Schwin- 
gungszahl ansehen^),  durch 

[l-f(n)]D  +  f(n)H. 
Die  auftretende  Empfindung  soll  nun  der  Schwingungszahl 
des  oszillatorischen  Reizes  entsprechen,  an  welchem  Glied  der 
Reihe  der  Endorgane  der  Reiz  auch  angreifen  mag.  Hierdurch 
wird  die  frühere  Darstellung  nicht  wesentlich  gestört.  Denn 
indem  der  Reiz  Rn  am  stärksten  auf  n  und  viel  schwächer  auf 
2n,  3n  oder  n/2,  n/3  anspricht,  indem  Rn  auch  auf  einen  aperio- 
dischen AnstoB  mit  n  ausschwingt,  wird  doch  die  Empfindung 
[1  —  f(n)]D  +  f(n)H  fiberwiegend  an  das  Glied  Rn  gebunden 
bleiben  *). 

„Ein  Glied  Rn  spricht  also  stark  auf  n,  schwächer  aber  auch 
auf  2n,  3n  . . .  und  n/2,  n/3  . . .  mit  den  diesen  Schwingungs- 
zahlen zugehörigen  Empfindungen  an.  Es  ist  aber  doch  sehr 
unwahrscheinlich,  daB  die  Empfindung  genau  dieselbe  bleibt, 
ob  Rn  auf  n  oder  ob  Rn/2  auf  n  anspricht.  Es  ist  vielmehr 
wahrscheinlich,  daS  jedesmal,  wenn  die  Glieder  der  Organ- 
reihe auf  einen  Partialton  ansprechen,  die  Empfindung  eine 
schwache  Zusatzfärbung  erhält,  die  wir  symbolisch  für  den 
Grundton  Zi,  für  die  Obertöne  durch  Z,,  Z^  . . .  für  die  Unter- 
töne durch  Zv,,  Zi/,...  darstellen  wollen.  Hiemach  wäre  also 
die  Tonempfindung  etwas  reicher  zusammengesetzt  als  dies  der 
Formel  [1  —  f  (n)]  D  +  f  (n)  H  entspricht.  Die  Empfindungen, 
welche  die  Reihe  der  Endorgane,  durch  die  Grundtöne  gereizt, 
gibt,  bilden  also  ein  Gebiet  mit  der  Zusatzfärbung  Zi,  die 
Reizung  derselben  Reihe  durch  den  ersten  Oberton  gibt  ein 
besonderes  Empfindungsgebiet  mit  der  Zusatzfärbung  Z,  usw. 
Die  Z  können  entweder  unveränderliche  Bestandteile  sein,  oder 
selbst  wieder  aus  zwei  Bestandteilen  U  und  V  bestehen,  und  durch 

[l-f(n)]U  +  f(n)V 
darstellbare  Reihen  bilden,  worüber  zu  entscheiden  jetzt  nicht 
von  Belang  ist*)." 

^)  Will  man  eine  recht  einfache  Darstellung  haben,  so  setzt  man 
f(n)  =  klogn. 

*)  Ob  D  und  M  vom  Endorgan  ausgelöst  werden  oder  von  der 
Schwingungszahl,  ist  dabei  gleichgültig. 

•)  Nr.  91,  S.  Ö8ff.;  Nr.  92. 

Hennlns»  Ernst  Mach.  7 


y 


98  Psychologischer  Teil. 

Dabei  ist  sich  Mach  sehr  wohl  bewußt,  daß  die  physio- 
logischen Elemente  Z  noch  zu  finden  sind. 

„Bei  der  Terzverbindung  treten  also  die  für  die  Terz 
charakteristischen  Zusatzempfindungen  Z«,  Z5  und  Zi/«,  Zi/,  hervor, 
auch  wenn  die  Klänge  gar  keine  Obertöne  enthalten,  und  erstere 
(Z4,  Z5)  werden  noch  verstärkt,  wenn  in  den  Klängen  entweder 
in  der  freien  Luft  oder  doch  im  Ohr  Obertöne  vorkommen. 
Diese  Zusatzfärbungen  werden  also,  obgleich  sie  bei  einzelnen 
Tönen  und  beim  Schleifen  der  Töne  fast  gar  nicht  bemerkt 
werden,  bei  Kombination  von  Tönen  mit  bestimmten  Schwingungs* 
Zahlenverhältnissen  hervortreten,  wie  die  Kontraste  schwach- 
gefärbter, fast  weißer  Lichter  bei  deren  Kombination  lebendig 
werden.  Und  zwar  entsprechen  denselben  Schwingungszahlen- 
verhältnissen bei  jeder  beliebigen  Tonhöhe  immer  dieselben 
Kontrastfärbungen.  So  wird  es  verständlich,  wie  die  Töne  durch 
melodische  und  harmonische  Verbindung  mit  anderen  die  mannig- 
faltigste Färbung  erhalten  können,  die  einzelnen  Tönen  fehlt*)." 

Mach  sagt  also,  daß  das  Gehör  nicht  die  Schwingungs- 
zahlenverhältnisse direkt  erkennt,  sondern  die  durch  sie  be- 
dingten Zusatzfärbungen.  Daraus  erklärt  sich  femer:  „auch 
die  Empfindung  der  Intervalle  muß  in  der  Nähe  der  beiden 
Hörgrenzen  verschwinden.  Zunächst  weil  der  Unterschied  der 
Tonempfindung  überhaupt  aufhört,  dann  aber  noch,  weil  an  der 
oberen  Grenze  die  Glieder  der  Reihe  fehlen,  welche  durch 
Untertöne  gereizt  werden  könnten,  an  der  unteren  Grenze  aber 
diejenigen,  welche  auf  Obertöne  reagieren*)." 

Absichtlich  bin  ich  in  diesen  Fragen  etwas  ausführlicher 
geworden,  nicht  ohne  bestimmte  Absicht  habe  ich  hier  auch 
Machs  Wortlaut  zur  Geltung  kommen  lassen,  nämlich  weil 
gerade  diese  Fragen  immer  noch  zur  Diskussion  stehen.  So 
gesichert  die  Grundlagen  der  Raumpspchologie  sind,  so  sehr 
schwankt  noch  die  Basis  der  Tonpsychologie.  Von  einer  be- 
stimmten Position  eine  kurze  kritische  Darlegung  zu  geben, 
läge  weder  im  Interesse  der  Wissenschaft  noch  im  Vorteile  des 
Lesers. 


*)  Nr.  91,  S.  241. 
•)  Nr.  91,  S.  242. 


1.  Die  Spezialarbeiten.  .    99 

b)  Bewegungsempfindungen. 

„Ein  Zufall  führte  mich",  so  erzählt  Mach^),  „auf  das^ 
Studium  der  Bewegungsempfindungen  zurück.  Ich  beobachtete 
die  Schiefstellung  der  Häuser  und  Bäume  beim  Durchfahren 
einer  Eisenbahnkurve.  Sie  ließ  sich  leicht  erklären,  wenn  man 
eine  direkte  Empfindung  der  resultierenden  Massenbeschleunigung 
annahm.  Obwohl  mir  die  physiologische  Seite  des  Gegenstandes, 
:  auch  als  ich  wieder  auf  denselben  verfiel^  noch  ganz  fremd  war 
und  ich  die  Arbeiten  von  Flourens  und  Goltz  kaum  dem 
Namen  nach  kannte,  so  war  diese  Spur  Ferment  doch  genügend, 
um  meine  Gedanken  in  der  Richtung  anzuregen,  welche  sie 
wirklich  eingeschlagen  haben."  _i 

Er  stellte  sich  zur  Aufgabe,  die  charakteristischen  Empfin- 
dungen, die  die  aktiven  und  passiven  Bewegungen  unseres 
Körpers  begleiten,  auf  ihre  Quellen  zu  untersuchen.  Zweitens 
prüfte  er  die  subjektiven  Bewegungserscheinungen,  die  sich  ein- 
stellen, wenn  man  sich  einigemal  rasch  umdreht  und  plötzlich 
stehen  bleibt,  die  der  ältere  Darwin  und  Purkyne  schon 
studierten,  endlich  die  von  Ritter  aufgefundenen  Schwindel- 
erscheinungen bei  Verwendung  des  galvanischen  Stromes. 

Dabei  gelangte  er  zu  dem  Ergebnis,  „daß  gewisse  Labprinth- 
nerven  vermöge  ihrer  spezifischen  Energie  jeden  Reiz  mit  einer 
Bewegungsempfindung  beantworten,  wodurch  sich  die  Flourens- 
schen  Erscheinungen  erklären.  Dieser  Reiz  wird  aber  in  der 
Regel  durch  den  Labprinthinhalt  selbst  gesetzt,  welcher  bei  Be- 
wegungen der  Tiere  das  Schwerpunkt-  und  Flächenprinzip  zu 
erfüllen  strebt.  Auf  diese  Weise  erhalten  die  Tiere  Bewegungs- 
empfindungen, gleichgültig,  ob  sie  sich  aktiv  bewegen  oder 
passiv  bewegt  werden*)."  Nachdem  Mach  diese  Ansicht  ver- 
öffentlicht hatte,  wurde  sie  in  ähnlicher  Form  noch  von  Breuer 
und  Brown  gefunden. 

Ausgehend  von  älteren  Arbeiten')  gibt  Mach  zunächst  die 
mechanischen  Ableitungen  für  diese  Verhältnisse^).  Zu  den 
Versuchen  am  passiv  bewegten  Menschen  konstruierte  er  sich 

*)  Nr.  72,  S.  2f. 
•)  Nr.  72,  S.  3. 
•)  Nr.  22,  S.  327. 
*)  Nr.  72,  S.  6—22. 


100  Psychologischer  Teil. 

einen  Drehstuhl  ^)  und  fand,  daß  wir  nicht  die  Winkelgeschwindig- 
keit empfinden,  sondern  die  Winkelbeschleunigung  und  die  Rich- 
tung von  Progressivmassenbeschleunigungen;  beide  vermitteln 
außerdem  eine  merkliche  Empfindung  der  Nachdauen  An  Tieren 
fand  Mach  das  gleiche. 

Die  FLOURENSschen  Versuche  *),  nacheinander  alle  Teile  des 
Gehörorgans  zu  zerstören,  wurden  in  Machs  Laboratorium  von 
Kessel  wiederholt  Bei  der  Durchschneidung  der  Bogengänge 
zeigen  die  Versuchstiere  bekanntlich  auffallende  Bewegungen, 
aus  denen  jedoch  Flourens  selbst  noch  nicht,  sondern  erst 
Goltz')  schloß,  daß  die  Bogengänge  der  Sitz  des  Gleich- 
gewichtssinnes seien. 

Bei  Verletzung  oder  pathologischer  Veränderung  der  Bogen- 
gänge tritt  Drehschwindel  auf;  diese  Erscheinungen  können 
jedoch  auch  zentral  erregt  werden.  Leitet  man  femer  den  elek- 
trischen Strom  von  Ohr  zu  Ohr,  so  glaubt  man  sich  vom  Zink- 
pol gegen  den  Kupferpol  zu  bewegen. 

Mach  dachte  hierbei  wie  Breuer  zunächst  an  eine  Labp- 
rinthreizung,  ließ  diese  Ansicht  aber  bald  fallen,  weil  eine  be- 
deutende Versetzung  der  Elektroden  nur  eine  geringe  Änderung 
der  Empfindung  zur  Folge  hat.  „Ich  habe  ohne  merklichen 
Erfolg  versucht,  beide  Elektroden  dem  einen  Labyrinth  so  nahe 
zu  bringen,  daß  die  durchs  Gehirn  gehenden  Stromschleifen  sehr 
abgeschwächt  werden.  Ich  bin  nicht  in  der  Lage  zu  sagen, 
daß  hierbei  das  Kleinhirn  nicht  mitspielt  oder  vielleicht  sogar 
allein  die  Erscheinungen  bedingt.  Der  Versuch  ist  überhaupt 
zu  kompliziert,  um  für  unsern  Zweck  verwertbar  zu  sein*)." 

Erfolgreich  operierte  er  mit  Fischen,  besonders  mit  Cobitis 
barbulata  L.^). 

Indem  er  die  Bewegungsempfindungen  mit  anderen  Empfin- 
dungsgebieten verglich,  kam  er  zu  folgenden  Ergebnissen:  „Be- 
wegungsempfindungen werden  durch  Beschleunigungsdifferenzen 


*)  Nr.  72,  S.  24  f. 

^  Flourens,  Recherches  exp^rimentales  sur  les  propri^t^s  et  les  fonc- 
tions  du  spst^me  nerveux.    2.  Aufl.    Paris  1842.    S.  438. 
•)  Goltz,  Pflügers  Arch.,  Bd.  3,  S.  172,  1870. 
*)  Nr.  72,  S.  53. 
•)  Nr.  72,  S.53f. 


1.  Die  Speziaiarbeiten.  101 

gewisser  Körperteile  erregt.  Die  Beschleunigung  wirkt  also, 
sofern  sie  Nervenarbeit  auslösen  kann,  als  Reiz  für  die  Be- 
wegungsempfindungen. Wie  aus  mehreren  vorher  angeführten 
Versuchen  (ich  erwähne  sie  an  anderer  Stelle)  hervorgeht,  dauert 
die  Bewegungsempfindung  noch  fort,  wenn  die  Beschleunigung 
schon  verschwunden  ist.  Femer  lehren  die  Versuche,  daß  bei 
fortdauernder  Beschleunigung  (also  fortdauerndem  Reize)  Er- 
schöpfung der  Bewegungsempfindung  eintritt . . .  Entgegen- 
gesetzte Beschleunigungen  erregen  demnach  einander  ganz  ähn- 
liche Empfindungsprozesse,  die  also  auch  durch  ähnliche  Organe 
vermittelt  sind.  Diese  Prozesse  stehen  aber  in  einem  derartigen 
Gegensatz,  dafi  beide  gleichzeitig  eintretend  einander  aufheben 
können ...  Es  ist  dies  kaum  anders  denkbar  als  dadurch,  daß 
es  verschiedene,  einander  ähnliche,  aber  entgegenwirkende  Organe 
sind,  welche  durch  entgegengesetzte  Beschleunigungen  gereizt 
werden  ^)." 

In  klassischen  Versuchsreihen,  denen  an  logischem  und 
ökonomischem  Aufbau  nur  Werke  Herings  an  die  Seite  gestellt 
werden  können,  zeigt  Mach,  daß  die  fraglichen  Empfindungen 
nicht  herrühren  von  dem  Bindegewebe  und  den  Knochen,  von 
der  Haut,  von  den  Muskeln,  vom  Blute,  von  den  Augen,  vom 
Hirn,  sondern  nur  von  einem  eigenen  Organ  im  Kopfe.  Für 
seine  beweisenden  Experimente  erdachte  er  neue  Apparate  und 
Methoden,  die  auch  für  eine  weitergehende  Verwendung  un- 
veräußerlicher Bestandteil  der  experimentellen  Psychologie  wurden. 
Als  dieses  Organ  stellt  sich  der  Vestibularapparat  des  Ohres 
heraus.    „Die  einfachen  Bewegungsempfindungen  sind  also: 

1.  die  Empfindungen  der  Winkelbeschleunigung,  und  zwar 
sechs  an  der  Zahl,  den  sechs  Ampullen  entsprechend,  wovon  je 
zwei  einander  entgegengesetzt  sind; 

2.  die  Empfindungen  der  Progressivbeschleunigung,  welche 
mindestens  auch  sechs  an  der  Zahl  sein  müssen,  ebenfalls  paarweise 
entgegengesetzt,  wenn  die  Erscheinungen  erklärbar  sein  sollen. 

An  diese  schließen  sich  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  noch 

3.  Empfindungen  der  Lage  oder  Gleichgewichtsempfin- 
dungen *)." 

»)  Nr.  72,  S.  64f. 
•)  Nr.  72,  S.  112. 


102  Psychologischer  Teil. 

Von  Breuer  und  Brown  unterscheidet  sich  die  MACHsche 
Theorie  dadurch,  daß  er  keine  Strömung  des  Bogeninhalts  wie 
Breuer  und  Brown  annimmt,  sondern  ,,daB  das  bloBe  Drehungs- 
moment (der  Druck)  des  Bogeninhahs  ohne  merkliche  Drehung 
auf  den  Nerven  wirke,  so  wie  etwa  der  Druck  die  Tastnerven 
der  Haut  erregt*)". 

Den  Drehschwindel  erklärt  Mach  folgendermaBen:  „Unter- 
brechen wir  nun  die  Drehung,  so  entsteht  ein  entgegengesetztes 
Drehungsmoment,  welches  mit  seiner  nachdauemden  Empfindung 
zur  vollen  Wirksamkeit  gelangt*)." 

Den  Augenschwindel  begreift  er  durch  Augenbewegungen,  die 
reflektorisch  durch  die  Bewegungsempfindungen  ausgelöst  wer- 
den'). Das  Ekelgefühl  erscheint  ihm  so,  „als  ob  ein  Teil  des 
vom  Labyrinth  ausgehenden  Reizes  gezwungen  worden  wäre, 
die  optischen  Bahnen,  die  ihm  durch  einen  anderen  Reiz  ver- 
schlossen waren,  zu  verlassen  und  ganz  andere  Bahnen  ein- 
zuschlagen". 

„Vor  Jahren  schon",  so  ergänzt  Mach  seine  Ansicht,  „bei 
Gelegenheit  optischer  Versuche,  bin  ich  zu  einer  ähnlichen,  aller- 
dings noch  sehr  unvollkommenen  Vorstellung  gedrängt  worden. 
Es  schien  mir  nämlich,  als  ob  vermöge  der  Unvereinbarkeit  beider 
Netzhautbilder  ein  Teil  des  optischen  Reizes  in  andere  Bahnen 
abfließen  würde,  welchen  wir  dann  als  ein  eigenes  Merkmal  des 
Gesehenen  betrachten  lernen  und  den  wir  mit  Hering  Tiefen- 
empfindung nennen  wollen.  Auch  beim  Versuch,  Stereoskop- 
bilder mit  starken  Differenzen  zu  kombinieren,  habe  ich  wieder- 
hoh  ein  Ekelgefühl  beobachtet*)." 

Erwähnen  wir  noch,  daß  MACH  die  Schwellenwerte  der 
Torsionsbestimmungen  bestimmte^),  und  daß  er  seine  Theorie 
in  den  Einzelheiten  mit  biologischen  und  genetischen  Darlegungen 
ergänzt,  so  können  wir  dieses  Kapitel  nun  verlassen. 

^)  Nr.  72,  S.  115rr.  Dort  bespricht  Mach  die  Erklärungsschwierigkeiten 
Breuers  und  Browns. 
•)  Nr.  72,  S.  115. 
•)  Nr.  72,  S.  90. 
*)  Nr.  72,  S.  123. 
»)  Nr.  72,  S.  126  f. 


1.  Die  Spezialarbeiten.  103 

c)  Die  Farbenempfindungen. 

Über  die  Farbenempfindung  hat  Mach  weniger  gearbeitet; 
er  suchte  nur  die  zugrunde  liegenden  Prozesse  klar  zu  machen: 
„Meine  nur'  gelegentlichen  Äußerungen  über  die  Theorie  der 
Farbenempfindungen  waren  vollkommen  deutlich.  Ich  nahm  die 
Grundempfindungen:  Weiß,  Schwarz,  Rot,  Gelb,  Grün,  Blau 
und  diesen  entsprechend  in  der  Netzhaut  sechs  verschiedene 
(chemische)  Prozesse  (nicht  Nervenfasern)  an.  Das  Verhältnis 
der  Komplementärfarben  war  natürlich,  wie  jedem  Physiker,  auch 
mir  bekannt  und  geläufig.  Ich  stellte  mir  aber  vor,  daß  die 
beiden  Komplementärprozesse  zusammen  einen  neuen,  den  Weiß- 
prozeß, anregen.  Die  großen  Vorzüge  der  HERiNGschen  Theorie 
erkenne  ich  freudig  an*)." 

d)  Die  RaumempfindungeiL 

Dem  Gebiete  der  Raumempfindungen  widmete  Mach  eine 
beträchtliche  Anzahl  von  experimentellen  Untersuchungen  und 
förderte  diesen  Zweig  der  Psychologie  von  seinen  jüngeren  Jahren 
an  bis  ins  Alter  in  weitgehendstem  Maße.    Er  begann  mit  der 

Gestaltauffassung. 

Mit  seiner  Frage,  warum  uns  geometrisch  ähnliche  Figuren 
auch  psychologisch  ähnlich  erscheinen,  warf  er  das  Problem  der 
Figur  überhaupt  erst  auf.  Zwei  Figuren  können  ja  geometrisch 
kongruent,  physiologisch  aber  durchaus  verschieden  sein;  am 
deutlichsten  zeigt  sich  das,  wenn  man  die  eine  Figur  schief  zu 
der  zweiten  stellt.  „Die  geometrische  Ähnlichkeit  zweier  Ge- 
bilde ist  bestimmt  dadurch,  daß  alle  homologen  Entfernungen 
proportioniert,  oder  dadurch,  daß  alle  homologen  Winkel  gleich 
sind.  Optisch  ähnlich  werden  die  Gebilde  erst,  wenn  sie  auch 
ähnlich  liegen,  wenn  also  alle  homologen  Richtungen 
parallel,  oder  wie  wir  vorziehen  wollen  zu  sagen,  gleich  sind  V* 
Die  Raumempfindungen  geben  uns  also  Aufschluß  über  Gleich- 
heit oder  Ungleichheit  der  Richtungen  und  über  Gleichheit  oder 
Ungleichheit  der  Abmessungen. 

»)  Nr.  91,  S.  55  f.  —  Nr.  19,  S.  633  ff.  —  Nr.  la 
•)  Nr.  91,  S.  90. 


104  Psychologischer  Teil. 

Rechts  und  links,  oben  und  unten ,  nah  und  fern  sind  ph}^ 
siologische,  aber  nicht  geometrische  Merkmale ,  die  organisch 
bedingt  sind.  Der  Eindruck  der  Symmetrie  und  der  Ähnlichkeit 
erklärt  sich  daraus,  daß  ,,gleiche  Abmessungen  und  gleiche  Rich- 
tungen gleiche  Raumempfindungen,  zur  Medianebene  des  Kopfes 
symmetrische  Richtungen  ähnliche  Raumempfindungen  auslösen^^  ^). 

Das  räumliche  Sehen. 

Den  Grundbau  der  Theorie  Herings  wie  Machs  selber  an- 
erkennend sei  zunächst  erwähnt,  wie  Mach  sich  den  Zusammen- 
hang der  Raumempfindungen  mit  den  motorischen  Prozessen  denkt. 

Liegen  drei  Punkte  ABC  senkrecht  übereinander,  und 
fixiere  ich  den  untersten  C,  so  erscheint  der  oberste  Punkt  A 
in  einer  gewissen  Höhe.  Erhebe  ich  nun  den  Blick  auf  den 
mittleren  Punkt  B,  so  behält  A  seine  frühere  Höhe.  Sollte  der 
Ort  auf  der  Netzhaut  allein  maBgeben,  so  müßte  A  nach  der 
Erhebung  des  Blickes  tiefer  erscheinen.  „Der  physiologische 
Prozeß  also,  der  die  willkürliche  Erhebung  des  Auges  be- 
dingt, vermag  die  Höhenempfindung  ganz  oder  teilweise  zu 
ersetzen,  ist  mit  ihr  gleichartig,  kurz  gesagt  algebraisch  mit 
derselben  summierbar.  Drehe  ich  den  Augapfel  durch  einen 
leichten  Ruck  mit  dem  Finger  aufwärts,  so  scheint  sich  hierbei 
das  Objekt  A . . .  in  der  Tat  zu  senken.  Dasselbe  geschieht,  wenn 
durch  irgend  einen  anderen  unbewußten  oder  unwillkürlichen 
Prozeß,  z.  B.  durch  einen  Krampf  der  Augenmuskel,  der  Aug- 
apfel sich  aufwärts  dreht.  Nach  einer  seit  mehreren  Dezennien 
bekannten  Erfahrung  der  Augenärzte  greifen  Patienten  mit  einer 
Lähmung  des  Rectus  extern us  zu  weit  nach  rechts,  wenn  sie 
ein  rechts  liegendes  Objekt  ergreifen  wollen.  Da  dieselben 
eines  stärkeren  Willensimpulses  bedürfen  als  Gesunde,  um  ein 
rechts  liegendes  Objekt  zu  fixieren,  so  liegt  der  Gedanke  nahe, 
daß  der  Wille,  rechts  zu  blicken,  die  optische  Raumempfindung 
„rechts"  bedingt.  Ich  habe  Vorjahren  (1875  f.)  diese  Erfahrung 
in  die  Fonm  eines  Versuches  gebracht,  den  jeder  sofort  anstellen 
kann.  Man  drehe  die  Augen  möglichst  nach  links  und  drücke  nun 
an  die  rechten  Seiten  der  Augäpfel  zwei  großeKlumpen  von  ziemlich 

')  Nr.  91,  S.  94.  —  Nr.  5.  —  Nr.  21,  S.  5.  —  Nr.  46. 


1.  Die  Spezialarbeiten.  105 

festem  Glaserkitt  gut  an.  Versucht  man  alsdann  rasch  nach  rechts 
zu  blicken,  so  gelingt  dies  wegen  der  ungenauen  Kugelform 
der  Augen  nur  sehr  unvollkommen,  und  die  Objekte  verschieben 
sich  hierbei  ausgiebig  nach  rechts.  Der  bloße  Wille,  rechts 
zu  blicken,  gibt  also  den  Netzhautbildem  an  bestimmten  Netz- 
hautstellen einen  größeren  Rechtswert,  wie  wir  kurz  sagen 
wollen.  Der  Versuch  wirkt  anfangs  überraschend.  Wie  man 
aber  bald  merkt,  lehren  die  beiden  einfachen  Erfahrungen,  daß 
durch  willkürliche  Rechtswendung  der  Augen  die  Objekte  nicht 
verschoben,  und  daß  durch  gewaltsame  unwillkürliche  Links- 
wendung die  Objekte  nach  rechts  verschoben  werden,  zusammen 
genau  dasselbe.  Mein  Auge,  welches  ich  nach  rechts  wenden 
will  und  nicht  kann,  läßt  sich  als  ein  willkürlich  rechts  ge- 
wendetes und  durch  eine  äußere  Kraft  gewaltsam  zurück- 
gedrehtes Auge  ansehen  V* 

In  diesem  Zusammenhang  sei  eine  eigentümliche  Erscheinung, 
die  Mach  fand,  nicht  übergangen:  „Wir  betrachten  in  einem 
recht  dunklen  Zimmer  ein  Licht  A  und  führen  dann  eine  rasche 
Blickbewegung  nach  dem  tieferen  Licht  B  aus.  Das  Licht  A 
scheint  hierbei  einen  (rasch  verschwindenden)  Schweif  nach  oben 
zu  ziehen.  Dasselbe  tut  natürlich  auch  das  Licht  B.  Der  Schweif 
ist  selbstverständlich  ein  Nachbild,  welches  erst  bei  Beendigung 
oder  kurz  vor  Beendigung  der  Blickbewegung  zum  Bewußtsein 
kommt,  jedoch,  was  eben  merkwürdig  ist,  mit  Ortswerten,  welche 
nicht  der  neuen  Augenstellung  und  Innervation,  sondern  noch 
der  früheren  Augenstellung  und  Innervation  entsprechen.  Ähn- 
liche Erscheinungen  bemerkt  man  oft  beim  Experimentieren  mit 
der  HOLTZschen  Elektrisiermaschine.  Wird  man  während  einer 
Blickbewegung  abwärts  von  einem  Funken  überrascht,  so  er- 
scheint derselbe  oft  hoch  über  den  Elektroden.  Liefert  er  ein 
dauerndes  Nachbild,  so  zeigt  sich  dieses  natüriich  unter  den 
Elektroden.  Diese  Vorgänge  entsprechen  der  sogenannten  per- 
sönlichen Differenz  der  Astronomen,  nur  daß  sie  auf  das  Gebiet 
des  Gesichtssinnes  beschränkt  sind*)." 

Machs  Bestreben  geht  darauf  aus,  „alle  Raum-  und  Be- 
wegungsempfindungen, welche  im  Gebiete  des  Gesichts-  und 

^)  Nr.  91,  S.  105  f. 
•)  Nr.  91,  S.  107  f. 


106  Psychologischer  Teil. 

Tastsinnes 9  bei  der  Ortsbewegung,  als  Schatten  selbst  bei  der 
Erinnerung  an  die  Lokomotion,  beim  Gedanken  an  einen  fernen 
Ort  usw.  auftreten,  auf  einerlei  Empfindungsqualität  zurückzu- 
führen. Die  Annahme,  daB  diese  Empfindungsqualität  der  Wille 
sei,  soweit  er  sich  auf  Raumlage  und  räumliche  Bewegung  be- 
zieht, oder  die  Innervation,  präjudiziert  der  weiteren  Forschung 
nicht  und  stellt  nur  die  Tatsachen  dar,  soweit  sie  bis  jetzt  be- 
kannt sind"  ^). 

Im  einzelnen  soll  hier  nicht  untersucht  werden,  was  Mach 
leistete,  was  hingegen  Herings  erfolgreiche  Arbeit  zutage 
förderte,  da  Mach  selbst  diese  Handhaben  nicht  bietet.  Zweifel- 
los ist  Hering  mit  dem  Druck  den  Gedanken  Machs  oft  zu- 
vorgekommen. Ein  hübsches  Argument  für  den  Nativismus  sei 
jedoch  nicht  übergangen.  Aus  dem  Bericht  des  Blindgeborenen 
und  Operierten,  den  Chesselden  bringt,  wollte  man,  wie  auch 
sonst  öfter,  schließen,  daß  die  Tiefeneindrücke  auf  Außeroptisches 
zurückzuführen  seien;  der  Betreffende  erzählte  nämlich,  daß  alles 
Gesehene  seine  Augen  berühre.  „Ein  Zufall",  so  lesen  wir  bei 
Mach*),  „vermittelte  mir  das  Verständnis  dieser  Erscheinung. 
Als  ich  einmal  in  fremder  Gegend  in  dunkler  Nacht  eine 
Strecke  zu  gehen  hatte,  fürchtete  ich  immer,  an  ein  großes, 
schwarzes  Objekt  anzustoßen.  Es  war  ein  mehrere  Kilometer 
femer  Berg,  der  bei  der  Unmöglichkeit  zu  fixieren  und  zu  akkom- 
modieren,  wie  sie  eben  bei  frisch  Operierten  auch  bestehen  wird, 
diese  Erscheinung  bedingte.  Wen  die  eigene  Stereoskopie  nicht 
überzeugt,  daß  auch  die  Tiefendimension  optisch  gegeben  ist, 
den  werden  auch  wohl  die  Erfahrungen  der  Rumpfmenschen 
(ohne  Arm  und  Bein)  Eva  Lauk  und  Kobelkoff ')  nicht  belehren."^ 

Den  Zpklostaten  hätte  ich  schon  bei  den  Bewegungs- 
empfindungen erwähnen  können.  Dieser  von  Mach  erfundene 
Apparat^)  dient  dazu,  die  in  einem  rotierenden  Zylinder  befind- 
lichen Tiere  beobachten  zu  können,  ohne  daß  das  Bild  durch 
die  Rotation  verwischt  wird. 


*)  Nr.  91,  S.  137. 

•)  Nr.  91,  S.  112. 

')  G.  HiRTH,  Energische  Epigenesis.    1898,  S.  165. 

*)  Nr.  73.  —  Nr.  91,  S.  122  ff. 


1.  Die  Spezialarbeitetu  107 

Optische  Täuschungen. 

Einige  zu  Schulexperimenten  gewordene  Versuche  Machs 
betreffen  Erscheinungen,  die  nicht  rein  optisch  sind,  sondern  von 
Bewegungsempfindungen  begleitet  werden.  Zuerst  ist  da  der 
Apparat  zu  nennen,  der  uns  im  Zimmer  die  Empfindung  ver- 
mittelt, die  wir  auf  einer  Brücke,  das  Wasser  betrachtend,  leicht 
erzeugen  können.  Gewöhnlich  empfinden  wir  uns  in  Ruhe,  das 
Wasser  aber  in  Bewegung.  „Längeres  Hinblicken  auf  das 
Wasser  hat  aber  bekanntlich  fast  regelmäßig  zur  Folge,  daß 
plötzlich  die  Brücke  mit  dem  Beobachter  und  der  ganzen  Um- 
gebung dem  Wasser  entgegen  in  Bewegung  zu  geraten  scheint, 
während  umgekehrt  das  Wasser  den  Anschein  der  Ruhe  ge- 
winnt." Ähnlich  kann  man  die  Erscheinung  bei  mehreren  Eisen- 
bahnzügen erhalten.  Machs  Apparat  besteht  aus  einem  Leder- 
tuchlaufteppich, der  in  gleichmäßiger  Bewegung  über  zwei 
Walzen  läuft  ^). 

Bei  seinen  Arbeiten  über  den  Kontrast*)  zeigte  Mach,  daß 
die  Abweichung  vom  Mittel  der  Umgebung  auf  die  Lichtemp- 
findung nicht  einflußlos  bleibt.  Darauf  beruht  folgende  optische 
Täuschung,  die  von  Mach  herrührt:  Malt  man  eine  Reihe  von 
schwarzen  und  weißen  Sektoren  auf  einen  Papierstreifen  und 
wickelt  diesen  nachher  als  Mantel  auf  einen  Zylinder,  so  erhäh 
man  durch  rasche  Rotation  des  Zylinders  ein  graues  Feld  mit 
wachsender  Helligkeit,  aus  der  den  Knickungen  der  Figur  ent- 
sprechend hellere  und  dunklere  Streifen  hervortreten.  Ordnet 
man  zwei  solcher  Streifen  nebeneinander  an,  so  kann  man  zwei 
gleichgefärbte  walzenförmige  Wülste  erhalten"). 

Recht  hübsch  ist  auch  der  folgende  Versuch  Machs:  „Wenn 
man  ein  Ei  oder  ein  EUipsoid  mit  matter,  gleichmäßiger  Ober- 
fläche über  den  Tisch  rollt,  jedoch  so,  daß  es  sich  nicht  um  die 
Achse  des  Rotationskörpers  dreht,  sondern  hüpfende  Bewegungen 
ausführt,  so  glaubt  man  bei  binokularer  Betrachtung  einen  flüssigen 
Körper,  einen  großen  schwingenden  Tropfen  vor  sich  zu  haben. 
Noch  auffallender  ist  die  Erscheinung,  wenn  ein  Ei,  dessen  Längs- 


>)  Nr.  72,  S.  85.  —  Nr.  91,  S.  117  ff. 

•)  Nr.  la    Nr.  29.    Nr.  30.    Nr.  33.    Nr.  34. 

•)  Nr.  91,  S.  177  ff. 


108  Psychologischer  TeiL 

achse  horizontal  liegt,  um  eine  vertikale  Achse  in  mäßig  rasche 
Rotation  versetzt  wird.  Dieser  Eindruck  verschwindet  sofort^ 
wenn  auf  der  Oberfläche  des  Eies  Flecken  angebracht  werden^ 
deren  Bewegung  man  verfolgen  kann*)." 

Bei  den  Versuchen  über  monokulare  Inversion  begann 
er  mit  dem  PLATEAUschen  Drahtnetz '),  das  ein  gedrehtes  Objekt 
vorspiegelt.  Namentlich  gab  er  sich  mit  Täuschungen  der  dritten 
Dimension  ab,  so  der  in  der  Mitte  geknickten  Visitenkarte  •)  und 
zahlreichen  gezeichneten  Figuren  *).  Dabei  zeigt  sich,  „daß  jeder 
monokular  gesehene  Punkt  nach  dem  Minimum  der  Abweichungen 
vom  Mittel  der  Tiefenempfindung,  und  das  ganze  gesehene 
Objekt  nach  dem  Minimum  der  Entfernung  von  der  Hering- 
schen  Kemfläche  strebt,  welches  unter  den  Versuchsbedingungen 
erreichbar  ist"*). 

Nachbilder. 

Einem  konstanten  Reizstrom  entspricht  kein  konstanter  Emp- 
findungsstrom, sondern  die  Sinnesorgane  wirken  nach  Art  eines 
Relais.  Deshalb  können  sich  intermittierende  Licht-,  Schall-  und 
Tastreize  zu  einem  kontinuierlichen  Empfindungsstrom  zusammen- 
setzen. Die  Erschöpfung  des  Organs  ist  beim  Licht-  und  Tast- 
sinn leicht  nachweisbar;  am  Gehörorgan  zeigte  erst  Mach  diese 
Erscheinung,  indem  er  einen  Harmoniumton  eine  halbe  Stunde 
erklingen  ließ.  Ein  Oberton  nach  dem  anderen  tritt  mit  voller 
Deutlichkeit  hervor,  was  nur  aus  der  Erschöpfung  für  die  Par- 
tialtöne  zu  erklären  ist,  denen  man  die  Aufmerksamkeit  früher 
zuwendete  •). 

Dasselbe  lehrt  ein  anderer  Versuch  Machs:  „Ein  Gehilfe 
schlägt  mit  dem  Hammer  auf  den  Tisch,  während  wir  mit  den 
Fingern  beide  Gehörgänge  zudrücken,  öffnen  wir  die  Gehör- 
gänge 0,5—1,0  Sekunden  nach  dem  Aufschlagen,  so  hören  wir 
den  Schall  neu  entstehen.  Wir  können  nach  dem  Aufschlagen 
einigemal  die  Gehörgänge  rasch  öffnen  und  schließen  und  hören 

')  Nr.  91,  S.  191. 

»)  Nr.  35. 

•)  Nr.  29. 

*)  Nr.  91,  S.  180—186. 

»)  Nr.  91,  S.  183f. 

•)  Nr.  72,  S.  58. 


1.  Die  Spezialarbeiten.  109 

"bei  jedem  Offnen  einen  neuen  Schlag,  der  natUrtich  desto 
schwächer  ausfällt,  je  später  das  Offnen  nach  dem  Aufschlagen 
erfolgt.  Dies  erklärt  sich  aus  dem  im  Zimmer  fortbestehenden, 
allmählich  abnehmenden  Schallvorgang,  der  nur  von  dem  nicht 
ermüdeten  Organ  bemerkt  wird,  oder  wenn  das  Organ  kurze 
Zeit  Gelegenheit  hatte,  sich  zu  erholen*)." 

Wenn  man  auf  eine  Scheibe  die  ÄRCHiMEDESsche  Spirale 
zeichnet  und  sie  rotieren  läßt,  dann  plötzlich  anhält,  so  scheint 
-die  Scheibe  oder  ein  angesehener  Gegenstand  zu  schrumpfen 
oder  sich  zu  dehnen,  je  nachdem  man  die  Scheibe  im  einen  oder 
anderen  Sinne  rotieren  läßt.  Gegen  Helmholtz  wies  Mach 
nach,  daß  hier  die  Augenbewegungen  nicht  im  Spiele  sind.  Zu 
diesem  Zwecke  änderte  er  die  PLATEAUsche  Versuchsanordnung 
folgendermaßen:  „Man  lege  auf  eine  große  weiße  Scheibe  mit 
einer  Spirale  eine  kleinere  konzentrische  mit  einer  entgegen- 
gesetzt laufenden  Spirale,  auf  diese  etwa  noch  eine  dritte,  noch 
Icleinere,  mit  einer  der  ersten  gleichlaufenden  Spirale,  und  auf 
das  gemeinschaftliche  Zentrum  aller  Spiralen  einen  kleinen 
schwarzen  Kreis.  Während  nun  die  Scheibe  gedreht  wird,  kann 
man  das  Zentrum  ganz  scharf  fixieren,  indem  sich  jede  Blick- 
schwankung sofort  durch  die  hellen  Nachbildränder  des  Zentrums 
und  der  schwarzen  Fäden  verrät.  Sieht  man  dann  nach  einem 
weißen  liniierten  Schirme,  so  erscheint  auf  demselben  das  dunkle 
Nachbild  der  Scheibe  in  drei  teils  schrumpfende,  teils  schwellende 
Ringe  geteilt,  und  in  diesem  Nachbilde  ganz  fest  und  ruhig 
die  hellen  Nachbilder  des  Zentrums  und  der  Fäden^^^).  Dieses 
Nachbild  einer  Reizveränderung  ist  also  eine  lokale  Erscheinung 
der  Netzhaut. 

Auch  die  Lichtintensitätsänderung  hinteriäßt  Nachbilder.  Läßt 
man  die  Lichtintensität  rasch  wachsen,  dann  fallen,  wieder  wachsen, 
fallen  usw.,  und  erhält  man  sie  zum  Schluß  konstant,  so  scheint 
sie  doch  fort  und  fort  kleiner  zu  werden.  Diese  Versuche  hat 
dann  Machs  Schüler  Dvorak«)  im  einzelnen  durchgeführt. 

>)  Nr.  72,  S.  60. 
•)  Nr.  72,  S.  60. 

')  Dvoil^AK,  über  die  Nachbilder  von  Reizverändeningen.  Sitzungsber. 
d.  Wiener  Akad.,  Bd.  61.  —  Nr.  72,  S.  61  ff. 


110  Pspchologischer  TeiL 

e)  Die  Zeitempfindting. 

Mach  vertritt  eine  spezifische  Zeitetnpfindung.  Der  gleiche 
Rhythmus  zweier  Takte  von  verschiedener  Tonfolge  wird  un- 
mittelbar erkannt;  das  ist  nicht  Sache  des  Verstandes,  sondern 
der  Empfindung.  Unter  gleichen  Glockenschlägen  unterscheidet 
man  den  ersten,  zweiten  usf.  Wodurch  werden  sie  unterschieden? 
Oder:  während  ich  über  irgend  etwas  nachdenke,  schlägt  die 
Uhr,  die  ich  nicht  beachte.  Wende  ich  aber  nachher  meine  Auf- 
merksamkeit darauf,  so  kann  ich  in  der  Erinnerung  die  Schläge 
zählen.  Mach  nimmt  an,  daß  jeder  Schlag  mit  einer  besonderen 
Zeitempfindung  verknüpft  ist. 

Die  Zeitempfindung  hängt  mit  der  organischen  Konsumtion 
zusammen;  wir  empfinden  die  Arbeit  der  Aufmerksamkeit  als 
Zeit.  „Bei  angestrengter  Aufmerksamkeit  wird  uns  die  Zeit  lang, 
bei  leichter  Beschäftigung  kurz.  In  stumpfem  Zustand,  wenn 
wir  unsere  Umgebung  kaum  beachten,  fliegen  die  Stunden  rasch 
dahin  ^).^^  „Da  die  Aufmerksamkeit  sich  nicht  zugleich  auf  zwei 
verschiedene  Sinnesorgane  erstrecken  kann,  so  können  deren 
Empfindungen  nicht  mit  einer  absolut  gleichen  Aufmerksamkeits- 
arbeit zusammentreffen.  Die  eine  erscheint  also  später  als  die 
andere  ^).^^  So  kann  der  Chirurg  beim  Aderlassen  zuerst  das 
Blut  austreten  sehen  und  dann  den  Schnepper  einschlagen. 
Mach  erschrak  zuerst,  und  dann  erst  ertönte  der  Knall  bei  Ex- 
plosionsversuchen. Das  mit  der  Aufmerksamkeit  fixierte  Objekt 
kann  früher  erscheinen,  trotz  einer  gewissen  Verspätung,  als  ein 
indirekt  gesehenes'). 

Ist  die  Zeit  an  die  wachsende  Arbeit  der  Aufmerksamkeit 
gebunden,  so  versteht  man,  warum  sie  analog  der  phpsikalischen 
nicht  umkehrbar  ist.  „Es  möchte  wohl  eine  naheliegende  und 
natürliche,  wenn  auch  noch  unvollkommene  Vorstellung  sein,  sich 
das  „BewuStseinsorgan^^  in  geringem  Grade  aller  spezifischer 
Energien  fähig  zu  denken,  von  welchen  jedes  Sinnesorgan  nur 
einige  aufzuweisen  vermag.  Daher  das  Schattenhafte  und  Ver- 
gängliche der  Vorstellung  gegenüber  der  Sinnesempfindung, 
durch  welche  letztere  die  erstere  stets  genährt  und  aufgefrischt 

*)  Nr.  91,  S.  204. 
«)  1.  c,  S.  205. 
•)  1.  c,  S.  205. 


1.  Die  Spezialarbeiten.  111 

werden  muB.  Daher  die  Fähigkeit  des  BewuStseinsorgans,  als 
Verbindungsbrücke  zwischen  allen  Empfindungen  und  Er- 
innerungen zu  dienen.  Mit  jeder  spezifischen  Energie  des  Be- 
wuStseinsorgans  hätten  wir  uns  dann  noch  eine  besondere  Ener- 
gie,  die  Zeitempfindung,  verbunden  zu  denken,  so  daß  keine  der 
ersteren  ohne  die  letztere  erregt  werden  kann.  Wie  wäre  es,  wenn 
diese  Energie  den  die  arbeitenden  Himteile  nährenden  Blutstrom 
unterhalten,  an  seinen  Bestimmungsort  leiten  und  regulieren  würde? 
Unsere  Vorstellung  von  der  Aufmerksamkeit  und  Zeitempfindung 
würde  dadurch  eine  sehr  materielle  Basis  erhalten  ^).^^ 

Existiert  eine  besondere  Zeitempfindung,  so  wird  die  Gleich- 
heit zweier  Rhpthmen  unmittelbar  erkannt.  Dabei  mu8  man  aber 
beachten,  daS  ein  physikalisch  gleicher  Rhpthmus  noch  nicht 
physiologisch  gleich  ist.    Dasselbe  gilt  von  ähnlichen  Rhpthmen. 

„Es  wird  hiermit  die  Vermutung  nahegelegt,  daS  die  Empfin- 
dung der  Zeit  mit  periodisch  oder  rhpthmisch  sich  wiederholenden 
Prozessen  in  nahem  Zusammenhang  steht.  Es  wird  sich  aber  kaum 
nachweisen  lassen,  wie  es  gelegentlich  versucht  worden  ist,  daß 
sich  das  allgemeine  Zeitmaß  auf  die  Atmung  oder  den  Puls  grün- 
det.   Diese  Fragen  sind  jedenfalls  nicht  so  einfacher  Natur*)." 

Das  Taktgefühl  führt  Mach  auf  eine  größere  psychische 
Empfindlichkeit  zurück,  „vermöge  welcher  ein  geringfügiger 
psychischer  Umstand  die  Aufmerksamkeit  bestimmt,  einen  sonst 
gleichgültigen  Vorgang  zu  beachten"'). 

Als  Methode  zur  Bestimmung  der  Genauigkeit  der  Zeit- 
schätzung benutzte  Mach  die  eben  merklichen  Unterschiede^). 

Damit  wären  die  wesentlichsten  Spezialarbeiten  Machs  be- 
sprochen. Es  sei  noch  erwähnt,  daß  ersieh  mit  den  Ge sieht s- 
phantasmen^)  beschäftigte,  daß  er  die  Ausfallserscheinungen 
bei  seiner  Lähmung^)  untersuchte  und  Klarheit  in  die  Erschei- 
nungen des  Traumes^)  brachte. 

»)  1.  c,  S.  209  f. 
^  1.  c,  S.  212. 
•)  1.  c,  S.  213. 
*)  Nr.  16. 

»)  Nr.  91,  S.  165-170. 
•)  Nr.  91,  S.  143f. 

0  Hans  Henning,  Der  Traum  als  assoziativer  Kurzschluß.  Wiesbaden 
1914.    S.52ff. 


112  Psychologischer  Teil. 

2.  Machs  genetische  Psychologie. 

Neben  diesen  Spezialarbeiten  trat  er  mit  größeren  psycho- 
logischen Darlegungen  hervor.  Ähnlich  wie  Herbert  Spencer 
war  er  der  Ansicht,  daß  sich  auch  die  seelischen  Erscheinungen 
genetisch  im  Sinne  von  Darwins  Anpassungsgedanken  ent- 
wickeln. Zweifellos  hat  er  mit  seiner  genetischen  Psychologie 
eine  große  Klärung  der  Ansichten  und  eine  Reform  der  Be- 
trachtungsweise erreicht.  Was  die  Psychologie  als  Fachwissen- 
schaft angeht,  ist  Machs  Auffassung  rein  phänomenalistisch;  den 
Dualismus  zwischen  Leib  und  Seele  sucht  er  durch  seine  funk- 
tionalen Elemente  zu  überbrücken.  In  unseren  großen  Zügen 
dürfen  wir  uns  an  die  Kapiteleinteilung  von  „Erkenntnis  und 
Irrtum^^  halten;  natürlich  wird  es  hier  nicht  auf  eine  lückenlose  Auf- 
zählung aller  kleinsten  Einzelheiten  ankommen,  sondern  es  soll  vor- 
nehmlich auf  die  strittigen  Gebiete  kritisch  eingegangen  werden. 

Genetisch-ökonomische  Darlegung  der  Psychologie. 
Unter  einfachen  Verhältnissen  paßt  sich  das  Tier  durch  an- 
geborene Reflexe  an,  das  genügt  zur  Erhaltung  der  Art;  kompli- 
ziertere Lebensumstände  bilden  die  vollkommneren  Sinnesorgane 
aus.  Daran  schließt  sich  die  Entwicklung  des  Vorstellungslebens. 
Beim  Zurechtfinden  im  Kampfe  ums  Dasein  entlastet  zunächst 
die  Erinnerung,  dann  die  Arbeitsteilung.  Sie  erst  ermöglicht  die 
Kultur.  Das  wissenschaftliche  Denken  geht  aus  dem  populären 
hervor:  wie  der  Jäger  die  Beute  erspäht,  so  jagt  der  Forscher 
dem  Problem  nach;  nur  hat  jener  praktische,  dieser  eigene 
Zwecke  im  Auge.  Dabei  handelt  es  sich  um  die  Anpassung  der 
Gedanken  an  die  Tatsachen;  diese  werden  in  Gedanken  ab- 
gebildet und  ergänzt.  Wegen  der  Roheit  vulgärer  Anpassung 
wurde  eine  Anpassung  der  Gedanken  aneinander  nötig, 
also  eine  logische  Läuterung  des  Denkens.  Es  ergeben  sich  nun 
zwei  Typen  des  Denkens:  das  des  Philosophen  und  das  des  Spezial- 
forschers;  beiden  ist  wohl  das  Ziel  gemein,  aber  der  Weg  ver- 
schieden. Jedes  Denken  geht  aus  von  der  populären  Weltansicht; 
diese  wird  in  ihre  letzten  Elemente  aufgelöst.  Zuerst  instinktiv, 
später  bewußt  entwickelte  sich  zum  Zwecke  der  Analyse  die 
Methode  der  Variation.    Diese  führt  zu  den  „Elementen". 

Mach  beginnt  mit  dem  natürlichen  Weltbild;  in  diesem  ist 


2.  Machs  genetische  Pspchologie.  1 13 

enthalten:  Ich,  die  fremden  Ich  und  die  AuBenwelt.  Alle  Trans- 
zendenzprobteme  werden  ausgemerzt.  Er  unterscheidet  dann  ein 
engeres  Ich  (=  meine  BewuStseinsinhalte)  und  ein  weiteres 
Ich  (=  solipsistisches  Ich)  und  beginnt  nun  alles  zu  analysieren, 
auch  das  Ich.  John  Stuart  Mill  ging  ähnlich  vor;  jedoch 
macht  er  das,  was  er  mit  der  Welt  vornimmt,  nicht  mit  dem 
Ich,  sondern  läSt  dieses  selbständig.  Mach  dagegen  sagt:  „Wir 
haben  hier  die  Elemente  der  realen  Welt  und  die  Elemente  des 
Ich  zugleich  vor  uns.  Was  uns  allein  weiter  noch  interessieren 
kann,  ist  die  funktionale  Abhängigkeit  (im  mathematischen  Sinne) 
dieser  Elemente  voneinander  *)."  Nicht  nur  Wahrnehmungen  und 
Vorstellungen  reduzieren  sich  auf  Elemente  oder  Empfindungen 
in  diesem  funktionalen  Sinne*),  sondern  auch  Gefühle,  Affekte 
und  Stimmungen.  Hierbei  vertritt  Mach  die  Affektauffassung 
von  Konrad  Lange  und  James,  gegen  die  allerdings  von 
WUNDT,  Meumann  und  Störring  gewichtige  Einwände  lautbar 
wurden.  Ein  isoliertes  Fühlen,  Wollen  und  Denken  gibt  es 
nicht.  Psychologen,  die  ein  selbständiges  Ich  anerkennen,  sind 
der  gegenteiligen  Ansicht,  daß  diese  Größen  sehr  wohl  isoliert 
vorkommen.  —  Das  Empfinden  bildet  die  Grundlage  alles 
psychischen  Lebens.  Willkürliche  und  unwillkürliche  Züge 
mischen  sich  dabei  stets,  jedoch  ist  der  Mensch  auch  in  den 
Willkürhandlungen  gerade  so  Automat,  wie  die  niederen  Tiere. 
Der  Begriff  „Automat"  ist  für  die  Psychologie  sehr  unbequem, 
weil  ein  Automat  sich  nicht  an  veränderte  Bedingungen  anpassen 
kann.  Warum  Mach  die  herkömmliche  Terminologie  verließ  und 
statt  „Determinismus"  „Automat"  sagt,  wurde  schon  im  philo- 
sophischen Teile  erörtert.  Mit  dem  Gegensatz  des  Phpsischen 
und  Psychischen  sich  zu  beschäftigen,  sagt  Mach,  liegt  kein 
Grund  vor:  „Was  uns  allein  interessieren  kann,  ist  die  Erkenntnis 
der  Abhängigkeit  der  Elemente  voneinander')." 

Gedächtnis,  Reproduktion  und  Assoziation. 

„Ein   sinnliches   Erlebnis   AB  CD...   bringt  ein   früheres 
AKLM  ...  in  Erinnerung,  d.  h.  es  wird  reproduziert.    KLM . . . 

*)  Nr.  133,  s.  10. 

^  Vgl.  diese  Schrift,  1.  Abschnitt. 

•)  Nr.  133,  S.  28. 
Heonloe,  Ernst  Maoti.  8  * 


114  Psychologischer  Teil. 

jedoch  vermag  BCD...  nicht  zu  reproduzieren,  so  nimmt  man 
an,  es  gehe  von  A  aus,  das  in  beiden  gleichzeitig  gegeben  war. 
Dies  ist  nach  MACH  das  einzige  Assoziationsgesetz.  Die  Asso- 
ziation aus  Ähnlichkeit  und  räumlicher  Kontiguität  übergeht  er 
denn  auch  daraufhin.  Auf  der  Assoziation  beruht  die  psychische 
Anpassung  an  die  Umgebung;  sie  wäre  unmöglich,  wenn  die 
Umgebung  nicht  annähernd  stabil  wäre.  Anders  wie  die  Psycho- 
logen, die  von  einer  Erkenntnistheorie  ausgehen,  redet  Mach 
in  seiner  phänomenalistischen  Erörterung  nur  von  der  Erwartung 
der  Stabilität,  nicht  von  dieser  selbst.  Wie  HUME,  so  erklärt 
auch  er,  daS  sich  auf  Grund  der  häufigen  Reproduktion  die 
Erwartung  entwickele.  Apriorische  Deduktionen  braucht  er  dabei 
nicht,  solange  er  nicht  sagt,  daS  die  Erwartung  apriorisch  gültig 
ist.  Kind  wie  Tier  besitzt  nur  Reflexbewegungen;  durch  Asso- 
ziationen werden  primitive  Erfahrungen  erworben.  Die  Asso- 
ziationen selbst  sind  nicht  angeboren,  sondern  werden  erworben. 
Auch  Vorstellungskomplexe  können  sich  assoziierend  und  repro- 
duzierend verhalten.  Der  Faden  der  Assoziation  ist  oft  schwer 
zu  verfolgen,  so  bei  der  Phantasie.  MACH  unterscheidet  hier 
nicht  scharf  genug  zwischen  wissenschaftlicher  und  künstlerischer 
Produktion;  der  Dichter  merzt  auch  nicht  das  Unbrauchbare  aus, 
sondern  er  steigert;  dabei  wirkt  hauptsächlich  eine  Stimmung 
und  ein  Gesichtspunkt.  Auch  ist  bei  wissenschaftlicher  und 
künstlerischer  Produktion  die  Frage  der  Gültigkeit  verschieden. 

Manchmal  nähert  Mach  sich  der  Auffassung  von  Herder,  so 
wenn  er  auf  die  Wahrnehmung  eines  blauen  Tuches  sich  die  Asso- 
ziation einer  Kornblume  einstellen  läßt.  Obwohl  Mach  dieses  Bei- 
spiel nur  auf  Kinder  bezieht,  teilt  er  doch  die  HERDERsche  Auf- 
fassung öfters  bei  Assoziationen  Erwachsener.  Mach  und  Herder 
berücksichtigen  dabei  nicht  das  Moment  der  Abstraktion.  Ohne 
Vergleichung  würde  sich  das  Identische  nicht  herausheben. 

Beim  wissenschaftlichen  Nachdenken  wird  die  Vorstellung 
zurückgeführt  auf  Vorstellung  und  erinnert  hier  in  der  Art  des 
Erklärens  an  HOBBES,  der  auch  immer  auf  eine  unantastbare 
Festung  zurückläuft.  Bei  der  Aufgabe  ein  Quadrat  einem  Drei- 
eck  einzuschreiben*),  wird  die  Lösung  auf  Grund  einer  Vor- 


*)  Nr.  133,  S.  39. 


2.  Machs  genetische  Pspchologie.  115 

Stellungsreproduktion  erfolgen,  MACH  hingegen  führt  sie  auf 
Erinnern  zurück.  Damit  löst  er  die  Schwierigkeit  nicht;  ferner 
ist  einzuwenden,  daß  er  beim  wissenschaftlichen  Denken  dem 
„unwillkürlichen  Interesse^^  eine  groSe  Bedeutung  zuschreibt, 
jedoch  gar  nicht  in  der  Erklärung  darauf  eingeht. 

Ähnlich  HOBBES,  Bain  und  den  Engländern  fällt  denn  bei 
Mach  auch  die  Definition  des  Bewußtseins  aus.  Nach  ihm  hat 
das  Bewußtsein  seine  Wurzel  in  Reproduktion  und  Assoziation; 
er  weist  also  auf  Akte  von  Empfindungen  hin,  das  Gemeinsame 
ist  das  Bewußtsein.  Reproduktion  und  Assoziation  braucht 
jedoch  gar  nicht  Bedingung  des  Bewußtseins  zu  sein:  vielmehr 
sind  physiologische  Vorgänge  Bedingung  für  das  Auftreten  von 
Empfindungen;  wenn  ein  Reiz  auftritt,  also  Reiz  plus  Reiznach- 
wirkung, so  erzeugt  das  erst  das  Bewußtsein.  Bei  MACH  ist 
das  Bewußtsein  keine  Qualität,  die  sich  von  anderen  Qualitäten 
(etwa  physischen)  unterschiede,  sondern  die  Empfindung  ist  etwas 
Einfaches  und  Fundamentales.  Die  qualitative  Differenz  läßt  sich 
nun  nicht  trennen  von  der  quantitativen,  und  so  muß  Mach  von 
gegnerischen  Psychologen  mit  anderen  Grundauffassungen 
folgende  Einwände  hinnehmen: 

1 .  In  der  Physik  und  beim  Messen  ist  das  Element  eindeutig 
gegeben,  in  der  Psychologie  nicht. 

2.  Mit  Empfindungen  und  Empfindungsreproduktionen  können 
wir  nicht  Messungen  machen. 

3.  Physische  und  psychische  Messung  ist  verschieden. 
Dabei  wird  femer  hinzugefügt,  daß  Zählen  keine  Empfindung 

ist,  sondern  ein  Zusammenfassen  ideeller  Einheiten;  dieses  Zu- 
sammennehmen ist  ein  Abstraktionsgebilde.  Denkakte  —  und 
der  Zählakt  ist  ein  solcher  —  lassen  sich  nicht  auf  Empfindungen 
reduzieren. 

Mach  geht  dann  auf  die  Lokalisation  im  Hirn  ein,  bringt 
anregende  Beispiele,  vermeidet  aber  eine  prinzipielle  Stellung- 
nahme. So  bleibt  auch  die  Frage  unbesprochen,  ob  die  Urteils- 
fähigkeit im  Gehirn  lokalisiert  ist. 

Das  Gedächtnis  betrachtet  Mach  wie  Hering^)  als  ali- 

*)  Ewald  Hering,  Über  das  Gedächtnis  als  eine  allgemeine  Funktion 
der  organisierten  Materie.  Sitzber.  d.  Wien.  Akad.  u.  Ostwalds  Klassiker, 
Nr.  148. 

8* 


1 16  Pspchologischer  Teil. 

gemeine  organische  Erscheinung.  Dabei  ist  der  Begriff  Ge- 
dächtnis aber  nicht  derselbe,  wie  ihn  die  experimentelle  Psycho- 
logie benutzt.  Vererbung  und  Instinkt  stellen  sich  dann  dar  als 
ein  Gedächtnis,  das  über  das  Individuum  hinausreicht.  Im  ein- 
zelnen war  es  Semon  %  der  die  Vererbung  auf  das  Gedächtnis 
zurückführte;  Pfeffer*)  ist  dem  jedoch  entgegengetreten.  Die 
Beobachtungen  von  Swoboda,  auf  die  Mach  sich  hier  wie 
andernorts  öfters  bezieht,  müssen  als  harmonisierende  Meta- 
physik allerschlimmster  Sorte  zurückgewiesen  werden^).  Dieser 
biologische  Gedächtnisbegriff  stört  den  psychologischen  Ge- 
dankengang etwas,  da  Mach  vorher  nur  von  Assoziationsfasem 
gesprochen  hatte,  nun  aber  alle  Zellen  es  sind,  die  für  das  Ge- 
dächtnis in  Frage  kommen  und  zwar  allgemein.  Wilhelm  Ost- 
wald ging  sogar  so  weit,  daS  er  der  Salpetersäure  Gedächtnis 
zuschreibt*). 

Reflex,  Instinkt,  Wille,  Ich.  Mit  Recht  beginnt  Mach 
die  Untersuchung  mit  einer  biologischen  vorläufigen  Lebens- 
definition. Dieses  Verfahren  bedingt  keine  Aprioritäten,  sondern 
er  besitzt  dadurch  eine  Hypothese,  um  die  Tatsachen  sichten  zu 

können;  sie  ist  auch  hinreichend  verifiziert.  Mit  Recht  ent- 
scheidet er  femer  die  Frage:  Mechanismus  oder  Vitalismus  zu- 
letzt. Bezüglich  des  Reflexes  geht  er  auf  die  Arbeiten  von 
Goltz  und  Loeb  ein;  in  der  Tierpsychologie  nimmt  er  mit 
Recht  einen  neutralen  Standpunkt  ein. 

Reflexbewegungen  nennt  er  solche  Bewegungen,  die  ohne 
Mitwirkung  des  GroShims  auf  Reize  hin  eintreten.  Instinkt- 
handlungen sieht  Mach  nach  dem  Beispiele  von  J.  Loeb  als 
eine  Kette  von  Reflexbewegungen  an,  von  denen  jedes  folgende 
Glied  vom  vorausgehenden  ausgelöst  wird.  Die  herkömmliche 
Psychologie  macht  einen  dreifachen  Unterschied:  I.  Reflexe; 
2.  automatische  Bewegungen;  3.  Willensvorgänge.  Mach  scheidet 
nun   zwischen   dem  ersten  und  zweiten  nicht;  darum  steht  bei 

^)  Richard  Semon,  Die  Mnetne  als  arterhaltendes  Prinzip  im  Wechsel 
des  organischen  Geschehens.    Leipzig  1909. 

*)  Pfeffer,  Sitzber.  d.  Kgl.  Sftchs.  Akd.,  Bd.  30,  Nr.  3,  1907. 

*)  Hans  Henning,  Neupythagorfter.  Ostwalds  Annalen  d.  Naturphilos., 
Bd.  9,  S.  217r.  —  Das  Prinzip  der  geometrischen  Harmonisierung  erläuterte 
ich:  Zeitschr.  f.  phpsikal.  Chemie,  Bd.  57,  2.  Heft,  S.  252,  1906. 

*)  Wilhelm  Ostwald,  Vorlesungen  über  Naturphilosophie.  1902,  S.  369r. 


2.  Machs  genetische  Psychologie.  117 

ihm  der  Instinkt  dem  Reflex  zu  nahe.  Gewöhnlich  stellt  man 
hingegen  Instinkte  zur  zweiten  Rubrik,  z.  B.  wenn  Unlust  das 
Kind  zum  Saugen  treibt  Mach  steht  auf  der  Seite  von  Lotze 
und  WUNDT,  wenn  er  annimmt,  im  Willen  trete  nichts  Neues 
hinzu.  Er  sagt:  ,,Ein  Kind  hat  reflektorisch  ein  Stück  Zucker 
ergriffen  und  in  den  Mund  geführt,  ein  anderes  Mal  aber  nach 
einer  Flamme  gegriffen  und  ebenso  reflektorisch  die  Hand  zurück- 
gezogen*)." In  späteren  Fällen  wird  die  Erinnerung  fördern 
oder  hemmen.  „Die  ^willkürliche^  Bewegung  ist  eine  durch  die 
Erinnerung  beeinf luSte  Reflexbewegung  *)."  Willensvorgänge  oder 
Reflexe,  bzw.  Vorgänge,  die  auf  Vorstellungen  und  Gefühle 
hin  geschehen,  sind  einzuteilen  in  einfache  und  in  komplexe 
Willensvorgänge.  Mach  redet  nur  von  den  einfachen.  Bei 
Wahlakten  aber  spielt  der  Urteilsprozeß  eine  ausschlaggebende 
Rolle,  die  sich  nicht  als  Reflex  darstellen  läSt.  Er  berücksichtigt 
femer  nicht  das  Willensgefühl;  dieses  ist  eine  Verschmelzung 
von  Gefühl  und  Bewegungs-  und  Spannungszuständen,  die  bei 
Innervationen  entstehen.  Die  Innervationen  werden  gehemmt, 
dann  tritt  die  Verschmelzung  ein.  Mach  nennt  den  Willen  einen 
Reflex,  ausgebildet  durch  Assoziation :  „Was  wir  Willen  nennen, 
ist  nur  eine  besondere  Form  des  Eingreifens  der  temporär 
erworbenen  Assoziationen  in  den  vorausgebildeten  festen 
Mechanismus  des  Leibes."  „Die  Modifikation  der  Reflexvor- 
gänge durch  auftretende  Erinnerungsspuren  nennen  wir  Willen  *)." 
Dem  ist  entgegenzuhalten,  daß  Uniustgefühle  sich  z.  B.  in  anta- 
gonistische Zentren  entladen.  Übrigens  ist  das  auch  kein  Re- 
flex mehr.  In  den  Reflex  greift  keine  Assoziation  ein,  sondern 
in  Reproduktionsvorgänge  greifen  die  Reproduktionen  ein,  die 
in  früheren  Prozessen  Reflexe  waren.  Der  frühere  Reflex  hat 
Assoziationen  bedingt,  diese  wirken  nun  bestimmend;  das  ist 
aber  ganz  etwas  anderes.  Außerdem  kann  die  Assoziation  nicht 
aus  Reflex  entstehen.  Ein  Reflex  ist  gar  nicht  vorhanden,  nur 
die  Beziehung  der  Vorstellung  von  früher;  diese  geht  als  Neues 
ein.  Femer  berücksichtigt  er  gar  nicht  das  Mitwirken  von  Ge- 
fühlen und  automatischen  Bewegungen  in  seinem  Bestreben,  alles 
auf  Empfindungen  zurückzuführen.  Im  Instinkt  z.  B.  ist  ein  Ge- 
fühlsteil enthalten. 

»)  Nr.  133,  S.  57. 


118  Psychologischer  Teil. 

Von  den  unmittelbar  zentralen  Prozessen  geht  Mach  zu 
den  peripheren  über,  den  Innervationsempfindungen,  gegen  die 
nichts  einzuwenden  ist. 

Über  das  Ich  gibt  Mach  deskriptive  und  genetische  Be- 
stimmungen. Ich  ist  die  Gesamtheit  der  zusammenhängenden 
Vorstellungen.  Das  ist,  es  besteht  aus  den  Erinnerungen  unserer 
Erlebnisse  mit  den  durch  diese  bedingten  Assoziationen.  Das 
weitere  Ich  enthält  noch  die  Empfindungen,  zunächst  die  Organ- 
empfindungen; es  hängt  also  mit  dem  ganzen  Leib  zusammen. 
Das  Ich  im  weitesten  Sinn  umfaßt  noch  die  von  der  gesamten 
phpsischen  Umgebung  ausgelösten  Sinnesempfindungen.  Gene- 
tisch bildet  das  Ich  die  Reihe  Organempfindungen,  später  ent- 
wickelt sich  das  Sinnesleben;  dann  tritt  der  Geschlechtstrieb 
hinzu  usw.  In  dritter  Hinsicht  schildert  Mach  das  Ich  in  pspcho- 
pathologischer  Betrachtungsweise. 

Im  einzelnen  ist  zu  bemerken:  DaS  beim  Ich  Gefühle  und 
Beziehungsgedanken  keine  Rolle  spielen  sollen,  ist  merkwürdig. 
In  niederen  Stufen  ist  sicher  das  Ich  der  fühlende  und  begehrende 
Leib  (vgl.  AVENARIUS).  Persönlichkeit,  da  hat  MACH  recht,  ist 
abhängig  von  Organempfindungsänderungen;  er  sagt  nicht,  daB 
diese  Organempfindungen  das  Wesentliche  sind,  sondern  die 
zusammenhängenden  Vorstellungen.  Die  meisten  Psychologen 
betonen  die  Vorstellung  vom  Leib  bedeutend  stärker.  Außerdem 
sind  folgende  Ergänzungen  bei  Mach  nicht  ausgesprochen:  die 
Beziehungen  der  Willensakte  und  Gefühlszustände  zum  Ich- 
bewuStsein;  sittliche  und  ästhetische  Gefühle;  emotionelle  Ele- 
mente; das  Bewußtsein  der  Fähigkeit  des  Vollzugs  von  psychi- 
schen Akten  und  das  Wichtigste:  das  Bewußtsein  von  pspchi-  * 
sehen  Dispositionen.  Femer  scheidet  Mach  das  Ich  nicht  vom 
Ichbewußtsein,  obwohl  das  Ich  different  aufgefaßt  wird.  Repro- 
duzierte Gefühle  und  Interessegefühle  schließen  sich  an,  sie 
werden  wichtiger,  dann  beachtet  der  Mensch  das  Verhältnis  von 
Körper  zu  Körper  u.  a.  So  fehlen  auch  in  der  genetischen  Be- 
trachtung Faktoren. 

Individuelle  Erfahrungen  sammeln  die  Tiere  wie  der  Mensch. 
In  der  genetischen  Erörterung  läse  man  noch  gern,  daß  Tiere 
keine  Überlegung  besitzen  (das  wäre  Reflexionspsychologie), 
wenn   auch  abstraktes  Denken  ohne  Sprache  möglich  ist    Die 


2.  Machs  genetische  Pspchologie.  119 

SiGWARTschen  Betrachtungen  *)  über  Begriffe  des  Kindes  weisen 
ferner  auf  Mängel  bei  Mach.  Mit  begrifflichen  Beziehungen 
zwischen  abstrakten  Größen  kann  das  Kind  nicht  operieren; 
Beziehungsgedanken  lassen  sich  auch  nicht  auf  Empfindungen 
zurückführen.  Zuletzt  ist  einzuwenden,  daS  wohl  identische 
Reize  identisch,  verschiedene  aber  verschieden  wirken;  dabei 
braucht  aber  nicht  das  Bewußtsein  vorhanden  zu  sein,  daß  sie 
identisch  bzw.  verschieden  sind. 

Die  Entwicklung  der  Sprache  ist  zu  sehr  aus  Assoziationen 
abgeleitet;  die  logischen  und  höheren  Faktoren  bleiben  un- 
berücksichtigt. 

Erkenntnis  und  Irrtum.  Die  Lebewesen,  sagt  Mach, 
sind  angeborener  und  erworbener  Massen  angepaßt.  Bei  ver- 
änderten Umständen  nun  kann  das  Angepaßtsein  vernichtend 
wirken.  Das  trifft  auch  zu  z.  B.  beim  Angelköder.  Die  Empfin- 
dung wird  erst  selbständig,  wenn  der  Reflex  wegen  der  kompli- 
zierteren Lebensbedingungen  vieldeutig  wird.  Das  biologische 
Interesse  fordert  Beachtung  wichtiger  und  richtiger  Assoziationen, 
die  dadurch  permanent  werden.  Eine  psychische  Entwicklung 
braucht  dabei  gar  nicht  im  Spiele  zu  sein.  Irreführende  Asso- 
ziationen mit  schädlichen  Folgen  wirken  als  Korrektiv;  so  bildet 
sich  die  bewußte  Vorstellungsanpassung,  welche  die  Über- 
einstimmungen und  Unterschiede  beachtet.  Sie  erstrebt  neben 
der  Permanenz  die  Differenzierung  der  Erlebnisse.  Der  Vor- 
stellungsverlauf wird  ein  getreues  Abbild  des  Naturverlaufes. 
Ein  Eriebnis,  z.  B.  Verwechslung  von  giftigen  und  eßbaren 
Pilzen  oder  Beeren,  wird  gesondert  betrachtet,  in  Teile  zerlegt. 
Ein  Urteil  ist  der  sprachliche  Ausdruck  dafür,  daß  wir  eine  Seite 
des  Eriebnisses  durch  eine  andere  als  näher  bestimmt  ansehen. 
Der  sprachliche  Ausdruck  nötigt  zum  Abstrahieren.  Nicht  jedes 
Urteil  ist  einfach  auf  sinnenfällige  Beobachtung  gegründet;  oft 
kommt  nicht  eine  anschauliche  Vorstellung  in  Betracht,  sondern 
ein  Begriff,  der  durch  seine  Definition  eine  Summe  von  Erfah- 
rungen konzentriert  enthält.  Im  Begriffe  liegt  ein  potentielles 
Wissen;  eine  anschauliche  Vorstellung  repräsentiert  den  Begriff. 
Jerusalem  nannte  solche  Vorstellungen  typische. 

Diese   Bestimmungen   sind  wichtig.    Es   fehlt  bei  Machs 

')  Chr.  Sigwart,  Logik.    Tübingen  1904.    Bd.  1,  S.  51ff. 


/ 


120  Psychologischer  Teil. 

Urteil  jeder  GUltigkeitscharakter,  das  Bewußtsein  der  Gültigkeit. 
Phantasieurteile  und  Frageprozesse  sind  den  logischen  Urteilen 
nicht  gleichwertig.  Es  kommt  auch  nicht  auf  das  Hervorheben 
der  einen  Seite  zur  anderen  in  Betracht,  sondern  diejenige  von 
Subjekt  zu  Prädikat.  Wie  WUNDTs  Zerlegung  von  Vorstellungs- 
prozessen in  begriffliche  Bestandteile,  so  trifft  auch  MACH  der 
Einwand  von  Sic  wart;  dererlei  führe  nur  zum  Präludium,  nicht 
aber  zum  Urteil.  Bei  Mach  vermißt  man  ferner  die  Repräsen- 
tation im  abgekürzten  Urteil  (Mathematik).  Ohne  weiteres  ist 
etwas  dunkel  bewußt,  ohne  daß  man  es  ganz  denkt;  es  klingt 
an  und  so  stellt  man  richtig  ein.  Dies  wird  nicht  etwa  durch 
das  potentielle  Wissen  bei  Mach  erschöpft.  Psychologische 
Untersuchungen  dieser  Art  liegen  von  der  KÜLPE-Schule  vor^. 

Mach  bestimmt:  Richtig  nennen  wir  ein  Urteil,  wenn  wir  es 
dem  Befund  angemessen  finden;  bewährt  es  sich  aber  nicht, 
dann  ist  es  ein  Irrtum.  Erkenntnis  und  Irrtum  fließen  aus  der- 
selben Quelle,  nur  der  Erfolg  scheidet  beide.  Irrtümer  rühren 
stets  von  unzureichender  Betrachtung  her.  Auf  diesem  Stand- 
punkt steht  der  moderne  Pragmatismus.  Dagegen  hat  KOlpe*) 
eingewendet:  Dazu,  ob  etwas  von  Erfolg  ist  oder  nicht,  gehört 
auch  ein  Urteilsprozeß,  den  wir  als  richtig  voraussetzen.  Im 
philosophischen  Teile  wurde  bereits  darauf  hingewiesen,  daß 
Mach  schon  bei  dieser  Fragestellung  seine  unterschiedliche 
Methodik  verwendet,  und  daß  es  ihm  gar  nicht  auf  eine  sofortige 
logische  Entscheidung  ankommt,  ob  etwas  von  Erfolg  ist 
oder  nicht. 

Mach  faßt  seine  Position  zusammen:  „daß  es  dieselben 
psychischen  Funktionen  nach  denselben  Regeln  ablaufend  sind, 
welche  einmal  zur  Erkenntnis,  das  andere  Mal  zum  Irrtum  führen^  ^). 
Trotzdem  beides  psychologisch  dasselbe  ist,  kann  man  von 
Wahrheit  und  Irrtum  reden,  weil  uns  die  Tatsachen  ohne  Urteils- 
prozesse gegeben  sind.  Die  einen  finde  ich  bestätigt,  die 
anderen  führen  zu  Widersprüchen.    Mach  würde  sagen:  Ich 

^)  Gelegentlich  (S.  113)  polemisiert  Mach  auch  gegen  die  HuMESche 
Auffassung,  das  Urteil  sei  ein  besonderer  Akt  des  Glaubens.  In  diesem 
exakt-pspchologischen  Sinn  meinte  es  aber  Hume  gar  nicht. 

«)  WuNDTs  Psych.  Stud.,  Bd.  19. 

•)  Nr.  133,  S.  123. 


2.  Machs  genetische  Psychologie.  121 

achte  darauf 9  was  biologisch  fördernd  ist;  das  hebt  sich  heraus 
aus  dem,  was  dies  nicht  ist.  Seine  Gegner  wenden  darauf  ein: 
1.  Urteile  kann  man  mit  Tatsachen  nicht  vergleichen.  2.  Veri- 
fikationen schließen  Deduktions-  und  Verifikationsurteile  in  sich. 
Auch  hierauf  muB  Mach  auf  seine  unterschiedliche  Methoden- 
lehre weisen  und  darauf,  daß  er  keine  sofortige  logische  Ent- 
scheidung verlangt. 

Der  Begriff.  Psychologisch  ist  der  Begriff  für  Mach  ein 
Bewußtsein  von  Reaktionen.  Er  ist  kein  Augenblicksgebilde, 
sondern  die  lange  psychologische  Bildungsgeschichte  wirkt  mit, 
indem  zu  der  typischen  Vorstellung  eine  Reihe  latenter  oder 
potentieller  Erinnerungen  an  eine  Menge  von  Erfahrungen  oder 
Reaktionen  hinzutritt.  Dies  spricht  Mach  mit  Recht  den  höheren 
Tieren  nicht  ab.  Wie  Begriffe  und  Worte  abzugrenzen  sind, 
entscheidet  das  praktische  und  wissenschaftliche  Bedürfnis;  so 
bringen  Stände  und  Spezialisten  neue  Einschränkungen.  Die 
biologisch  wichtigen  Elemente  (z.  B.  beim  Vogel,  der  sich  von 
roten  Beeren  nährt,  die  Merkmale  „rot"  und  „süß")  werden  im 
Organismus  betont.  In  der  Teilung  des  Interesses,  der  Auf- 
merksamkeit besteht  die  Abstraktion.  So  nähert  sich  das  Er- 
innerungsbild schon  der  Abstraktion.  Auf  der  höchsten  Stufe 
ist  der  Begriff  das  an  das  Wort  gebundene  Bewußtsein  von 
Reaktionen,  die  man  zu  erwarten  hat;  dabei  wird  das  Interessie- 
rende hervorgehoben,  das  Unabhängige  vernachlässigt. 

Mach  hat  keinen  Unterschied  zwischen  Allgemein-  und 
Einzelurteilen.  Seine  Auffassung  ist  insofern  einseitig,  als  er 
den  Begriff  nur  so  nimmt,  wie  ihn  der  Forscher  verwendet. 
Dort  fehlen  ihm  dann  die  in  Bereitschaft  liegenden  repräsenta- 
tiven Vorstellungen.  Der  Begriff  wird  behandelt  1.  in  der 
Logik,  2.  wie  er  sich  im  wissenschaftlichen  Arbeiten  und  im 
naiven  Denken  darstellt,  also  in  der  Psychologie.  Mach  trennt 
die  logische  Klasse  nicht  von  der  psychologischen.  Dann  ana- 
lysiert er  auch  nicht  das  potentielle  Wissen;  wenn  dieses  auch 
nicht  von  vornherein  abzulehnen  ist,  so  bleibt  immerhin  zu  er- 
örtern, was  für  eine  Sorte  von  Wissen  das  ist.  Begriff  ist  Be- 
wußtsein von  Reaktionen.  In  diese  gehen  nach  MACH  auch 
Urteile  ein,  z.  B.  da,  wo  man  Formeln  verwendet  oder  wo  man 
es  mit  physikalischen  Gesetzmäßigkeiten  zu  tun  hat.   Auf  Grund 


y 


122  Psychologischer  Teil. 

des  Gesetzes  ergeben  sich  Reaktionen;  auch  die  Zähloperation, 
die  Summe  der  Winkel,  der  Dreiecksbegriff  ist  für  Mach  eine 
Reaktion.  Die  Geruchsempfindung  des  Hasen  (S.  125)  ist  auch 
eine  Reaktion,  aber  das  ist  doch  gewiS  eine  andere  Sorte  von 
Reaktionen  als  diejenigen  bei  mathematischen  Überlegungen. 
Bei  Machs  Begriff  des  Einzelwissenschaftlers  fehlt  die  Betonung, 
daß  das  Wissen  um  Reaktionen  ein  UrteilsprozeB  ist,  der  mit 
Gültigkeit  verbunden  ist.  Richtig  ist  dabei,  daß  der  ganze 
Komplex  nicht  präsent  zu  sein  braucht.  Bei  menschlichen  Be- 
griffsbestimmungen ist  das  Bewußtsein  der  begrifflichen  Gültig- 
keit vorhanden,  beim  Tier  ist  das  einfacher.  Mach  beruhigt 
sich  beim  Einfacheren.  Er  betont  weiterhin,  daß  dem  Begriff 
die  unmittelbare  Anschaulichkeit  fehlt:  1.  weil  er  eine  Klasse 
von  Tatsachen  darstellt,  die  nicht  auf  einmal  vorgestellt  werden 
kann,  2.  weil  die  anschauliche  Vergegenwärtigung  der  gemein- 
samen Merkmale  der  Individuen  Zeit  beansprucht.  Gewiß,  damit 
ist  aber  noch  nicht  gesagt,  daß  ein  Teil  nur  potentiell  da  ist, 
es  kann  doch  alles  vollständig  vorhanden  sein,  wie  die  Arbeiten 
von  KüLPE,  DÜRR,  BÜHLER  und  Watt  zeigen. 

Dieses  Herausheben  der  Komponenten,  die  Abwesenheit  der 
Vorstellungen  als  Ganzes  im  Begriffe  findet  man  auch  bei 
Herbart  ;  es  sind  Begriffe  ohne  repräsentative  Vorstellungen. 
Die  Bedeutung  der  Abstraktion  bei  der  Begriffsbildung  braucht 
nicht  so  durchschlagend  zu  sein,  wie  MACH  sie  darstellt,  z.  B. 
im  Beispiel  des  Trägheitsgesetzes  (S.  137  ff.)  und  bei  Galileis 
Fallversuch  (ib.). 

Eigenartig  ist,  daß  das  Resultat  der  Reaktionen  immer  wieder 
sinnliche  Tätigkeit  ist.  Auch  wird  die  Empfindung  zu  stark 
hervorgehoben:  man  kann  Reaktionen  ohne  sinnliche  Empfin- 
dungen machen.  Dann  ist  der  naive  Begriff  zu  wenig  berück- 
sichtigt, darunter  leiden  viele  Probleme.  Es  kann  z.  B.  jemand 
richtige  Allgemeinbegriffe  machen,  ohne  definieren  zu  können. 

Empfindung,  Anschauung,  Phantasie.  Früher  war  bei 
Mach  auch  Gefühl,  Anschauung,  Phantasie  eine  Empfindung; 
nun  kommt  er  zur  Empfindung  im  engeren  Sinn,  wie  sie  im 
wissenschaftlichen  Betrieb  definiert  wird.  „Unsere  eigentlichen 
psychischen  Arbeiter  sind  die  sinnlichen  Vorstellungen,  die  Be- 
griffe aber  die  Ordner  und  Aufseher.^^    „Die  Sinnesempfindungen 


2.  Machs  genetische  Psychologie.  123 

sind  . .  ^  die  ursprünglichen  Motoren  ^)."  In  der  genetischen 
Entwicklung  schh'eßt  Mach  sich  Herbert  Spencer  an.  Die 
weiteren  Ausführungen  lehnen  sich  an  einen  Vortrag  des  Phy- 
sikers O.  Wiener*)  an:  Die  physikalischen  Hilfsmittel  stellen 
eine  Erweiterung  und  eine  Verfeinerung  unserer  Sinnesorgane 
dar.  Die  physikalischen  Theorien  werden  von  der  besonderen 
Qualität  unserer  Sinnesempfindungen  unabhängig.  ,,Wir  treiben 
Physik,  indem  wir  Variationen  des  beobachtenden  Subjekts  aus- 
schließen, durch  Korrektionen  entfernen,  oder  in  irgend  einer 
Weise  von  denselben  abstrahieren.  Wir  vergleichen  die  physi- 
kalischen Körper  oder  Vorgänge  untereinander,  so  daS  es  nur 
auf  Gleichheit  und  Ungleichheit  einer  Empfindungsreaktion  an- 
kommt, die  Besonderheit  der  Empfindung  aber  für  die  gefundene 
Beziehung,  die  in  Gleichungen  ihren  Ausdruck  findet,  nicht  mehr 
von  Belang  ist.  Hierdurch  gewinnt  das  Ergebnis  der  physika- 
lischen Forschung  Gültigkeit  nicht  nur  für  alle  Menschen,  sondern 
selbst  für  Wesen  mit  anderen  Sinnen,  sobald  sie  unsere  Empfin- 
dungen als  Anzeigen  einer  Art  physikalischer  Apparate  be- 
trachten. Dieselben  würden  nur  für  diese  Wesen  keine  direkte 
Anschaulichkeit  haben,  sondern  müßten  hierzu  in  ihre  Sinnes- 
empfindungen übersetzt  werden,  etwa  so,  wie  wir  uns  Unanschau- 
liches durch  graphische  Darstellung  veranschaulichen'). 

Das  ist  ein  großes  Zugeständnis,  aber  so  weit  geht  Mach 
nicht,  daß  er  zugäbe,  etwa  jene  Wesen  könnten  unseren  Thermo- 
meter auf  ihre  Art  ablesen,  sondern  er  zieht  sich  sofort  wieder 
in  eine  phänomenalistische  Reserve  zurück.  Immerhin  wird  die 
physikalische  Forschung  aber  doch  gültig  für  Wesen  mit  anderen 
Sinnen,  wir  kommen  also  doch  über  unsere  Sinne  hinaus  mit  der 
Gültigkeit  Weitere  Konsequenzen  zieht  MACH  jedoch  nicht 
daraus. 

Das  ganze  System  der  zeitlich  und  räumlich  geordneten 
Empfindungen  nennt  Mach  Anschauung.  Diese  sonst  nicht  übliche 
Einteilung  entspringt  seiner  phänomenalistischen  Betrachtungs- 
weise und  dient  als  Brücke  zwischen  Empfindung  und  Phantasie. 
Sie  besitzt  Charakteristika  der  Einstellung  und  der  Aufmerksam- 

*)  Nr.  133,  S.  I42f. 

•)  O.  Wiener,  Die  Erweiterung  der  Sinne.    Leipzig  1900. 

•)  Nr.  133,  S.  147. 


y 


124  Psychologischer  Teil. 

keit,  sowie  der  intuitiven  Erkenntnis.  Aus  der  Anschauung 
schöpft  die  Erinnerung,  sagt  Mach,  und  Erinnerungsmerkmale 
finden  wir  in  jeder  Phantasie.  Der  Unterschied  wird  hierdurch 
fast  zu  sehr  verwischt,  ebenso  stellt  Mach  die  Phantasie  zu 
nahe  an  die  Halluzination.  Die  Begriffsbestimmung  dieser  Phä- 
nomene wird  etwas  vag,  da  er  sich  auch  hier  an  Semon  und 
SwoBODA  wieder  anschließt,  welche  die  Termini  nicht  im  psycho- 
logischen Sinne  verwenden.  Die  wissenschaftliche  und  die  künstle- 
rische Phantasie  scheidet  Mach  dadurch,  daß  letztere  einen 
Einschlag  von  Halluzination  enthalte.  Es  wurde  bereits  vorher 
auf  diese  Frage  kritisch  eingegangen. 

Die  physiologische  Theorie  des  Raumes.  Wir  brauchen 
hier  nur  noch  nachzutragen,  was  im  philosophischen  Teile  nicht 
besprochen  wurde. 

Wie  Hering,  so  betont  auch  Mach,  daß  identische  (korre- 
spondierende) Netzhautstellen  identische  Höhen-  und  Breiten- 
werte, symmetrische  Netzhautstellen  dagegen  identische  Tiefen- 
werte haben.  Verschiedenfarbige  kongruente  Bilder,  die  auf  die- 
selben Netzhautstellen  fallen,  werden  als  gleiche  Gestalten 
erkannt.  Die  Raumempfindung  ist  aber  nicht  unabänderlich  an 
bestimmte  Netzhautstellen  gebunden;  das  sehen  wir  bei  Augen- 
bewegungen. Der  physiologische  Prozeß,  der  die  willkürliche 
Erhebung  der  Augen  bedingt,  vermag  die  Höhenempfindung  zu 
ersetzen.  Der  Wille,  Blickbewegungen  auszuführen,  sagt  Mach, 
ist  die  Raumempfindung  selbst.  Wenn  die  (12)  Augenmuskeln 
einzeln  innerviert  werden,  gelangt  man  nicht  zum  Verständnis 
der  Dreidimensionalität  des  Raumes.  Darum  tritt  Mach  der 
Ansicht  Herings  bei,  daß  nach  Höhe,  Breite  und  Tiefe  eine 
dreifache  Innervation  stattfinde.  Ob  man  die  Innervation  selbst 
für  die  Raumempfindung  hält,  oder  sich  vor  oder  hinter  der- 
selben erst  die  Raumempfindung  vorstellt,  ließ  MACH  zunächst 
als  belanglos  unentschieden.  Bain,  Helmholtz  und  Wundt 
nehmen  an,  die  Innervation  werde  empfunden;  James  und 
MONSTERBERG  halten  alle  kinästhetischen  Empfindungen,  welche 
die  Bewegung  begleiten,  für  peripherisch.  Die  Innervationen 
werden  nicht  empfunden,  sondern  deren  Folgen  setzen  neue 
peripherische  sensible  Reize,  die  an  die  Ausführung  der  Be- 
wegung gebunden   sind.    Deshalb   spricht  sich  Mach  später 


2.  Machs  genetische  Psychologie.  125 

gegen  das  Empfinden  der  Innervationen  aus;  die  Annahme  sei 
unökonomisch.  Bei  seiner  Lähmung  konnte  Mach  auch  den 
Willen  zur  Bewegung  nicht  aufbringen. 

Die  Raumwerte  gesehener  Gegenstände  zerlegt  Mach  in 
zwei  Komponenten^  ,,deren  eine  von  den  Koordinaten  des  Bild- 
punktes auf  der  Netzhaut,  deren  andere  von  den  Koordinaten  des 
Blickpunktes  abhängt,  und  welche  Komponenten  bei  willkürlichen 
Änderungen  des  Blickpunktes  sich  gegenseitig  kompensierende 
Änderungen  erfahren*)."  Da  die  Empfindung  der  Innervation 
entfällt,  bleibt  nur  übrig,  mit  Hering  „den  Ort  der  Aufmerksam- 
keit als  durch  einen  bestimmten  pspchophysischen  Prozeß  be- 
dingt anzusehen,  der  zugleich  das  physische  Moment  ist,  welches 
die  entsprechende  Innervation  der  Augenmuskel  auslöst^)." 

Es  handelt  sich  also  um  einen  zentralen  Prozeß,  so  daß  der 
Einwand  von  WuNDT'),  Machs  Wille  sei  ein  Vermögen,  hin- 
fällig wird;  ebenso  derjenige  von  Abb*),  der  Zusammenhang 
des  Willens  mit  der  Netzhautempfindung  widerspräche  dem  An- 
geborensein der  Raumanschauung  ^). 

Die  Zeit.  Wir  empfinden  die  Zeit  unmittelbar,  ohne  das 
gäbe  es  keine  Chronometrie.  Der  Zeitempfindung  liegen  physio- 
logische Prozesse  zugrunde,  denn  wir  erkennen  die  Gleichheit 
von  Rhythmen  und  Zeitgestalten  z.  B.  an  Melodien  verschie- 
denster Qualität  wieder. 

Die  Unterschiede  zwischen  physiologischer  und  metrischer 
Zeit  sind  analog  wie  die  Verhältnisse  beim  Raum.  Beide  Zeiten 
erscheinen  kontinuierlich,  allein  die  physikalische  Zeit  verfließt 
uns  bald  rascher,  bald  langsamer.  Die  Gegenwart  hat  eine 
endliche  variable  Zeitausdehnung.  Mach  tritt  also  mit  Recht 
der  Ansicht  von  James  entgegen,  der  die  Gegenwart  auffaßt 
als  den  mathematischen  Schnittpunkt  einer  Geraden  durch  eine 

»)  Nr.  91,  S.  145f. 

■)  Nr.  91,  S.  146. 

')  WuNDT,  Lehrbuch  der  phpsiologischen  Psychologie.  5.  Aufl.,  Bd.  II, 
S.  660. 

*)  Edmund  Abb,  Kritik  des  KANTschen  Apriorismus  vom  Standpunkt 
des  reinen  Empirismus  aus  unter  Berücksichtigung  von  J.  St.  Mill  und 
Mach.  Diss.  und  Preisschr.  Zürich,  und  Arch.  f.  d.  ges.  Psych.,  Bd.  7, 
Heft  3/4,  8.  28. 

»)  Vgl.  auch  Nr.  133,  S.  56—58. 


y 


126  Psychologischer  Teil. 

Ebene.  Mit  der  Gegenwart  ist  die  Zeitausdehnung  eigentlich 
erschöpft;  die  Vergangenheit  wird  erinnert,  die  Zukunft  mit  der 
Phantasie  ergänzt,  und  zwar  beide  in  verkürzter  Perspektive. 

Biologisch  entwickelt  sich  die  Zeitempfindung  und  Zeit- 
vorstellung in  der  Anpassung  an  die  zeitliche  und  räumliche 
Umgebung,    Hier  folgt  Mach  also  der  Auffassung  Spencers. 

Gehen  wir  nun  auf  Machs  physiologische  Theorie  der  Zeit 
ein.  In  der  Reproduktion  sind  uns  die  Empfindungselemente 
nicht  nur  der  Qualität  und  Anordnung  nach,  sondern  auch  dem 
räumlich-zeitlichen  Ausmaße  gemäß  gegeben.  Es  wird  also 
gewissermaßen  neben  den  Sinneselementen  ein  nicht  absolut, 
aber  doch  relativ  fester  Grund  (nach  Art  der  photographischen 
Platte  oder  der  Phonographenwalze)  mit  reproduziert.  Der 
zeitliche  Verlauf  der  Bewußtseinserlebnisse  schließt  kein  Bewußt- 
sein dieses  zeitlichen  Verlaufes  in  sich.  Das  Bewußtsein  faßt 
stets  einen  endlichen  Zeitabschnitt  (die  Gegenwart),  in  welchem 
zugleich  Empfindungen  und  Vorstellungen  auftauchen  und  ver- 
schwinden. Denkt  man  sich  hierzu  den  relativ  beständigen, 
durch  Gemeingefühle  usw.  charakterisierten  Ichkomplex,  so  stellt 
dieser  einen  Felsen  vor,  an  dem  der  zeitlich  geordnete  Strom 
der  Veränderung  vorbeizieht.  Allein  mit  dem  bloßen  Numme- 
rieren  und  Inventieren  ist  der  Prozeß  noch  nicht  erschöpft;  es 
fehlt  der  feste,  die  Verzerrung  hindernde  Hintergrund. 

Das  Leben  definiert  Mach  mit  Hering  als  einen  Gleich- 
gewichtszustand zwischen  Konsumtion  und  Restitution.  Dabei 
finden  wir  nun  eine  Menge  periodischer  Vorgänge:  Herzschläge, 
Puls,  Atmen  usw.  Auch  die  Aufmerksamkeit  zeigt  Schwan- 
kungen; die  Dauer  einer  solchen  beträgt  etwa  mehrere  Sekunden, 
und  das  bezeichnen  wir  physiologisch  als  Gegenwart.  Diese 
Phase  nun  ist  der  verzerrungshindemde  Hintergrund  der  Zeit- 
empfindungen. Für  die  Ordnung  der  Zeit  im  großen  genügt 
der  Faden  der  Assoziation. 

Diese  Phase  mag  man  als  Arbeit  der  Aufmerksamkeit  be- 
zeichnen. Bei  angestrengter  Aufmerksamkeit  wird  die  Zeit  über- 
schätzt, bei  leichter  Beschäftigung  unterschätzt^).  Aus  dieser 
Arbeit  der  Aufmerksamkeit  geht  die  Eindeutigkeit  der  Zeit  her- 

^)  Dieser  Satz  ist  von  Abb,  I.  c,  im  umgekehrten  Sinne  verstanden 
worden. 


2.  Machs  genetische  Psychologie.  127 

vor.  Diese  „Arbeit"  will  nur  Anregung  zu  physiologischen 
Untersuchungen  sein,  keine  fertige  Theorie,  die  bei  dem  un- 
entwickelten Stand  der  Forschung  ja  sowieso  noch  Arbeitshppo- 
these  sein  muß. 

Nun  lernt  man  die  Zeitempfindung  als  unabhängig  von  dem 
übrigen  Inhalt  der  Erlebnisse  kennen,  so  wird  deren  Folge  ein 
Register  für  die  übrigen  Qualitäten.  An  physikalischen  Daten, 
etwa  den  Pendelschwingungen,  bildet  sich  die  Vorstellung  der 
gleichmäßig  fließenden  Zeit.  Dann  werden  physikalische  Vor- 
gänge als  Zeitmaßstab  benutzt.  Dabei  enthält  das  chrono- 
metrische Maß  aber  keine  zeitliche  Substanzialität;  denn  die 
Messung  gibt  nur  das  Verhältnis  zum  Maßstab  an,  der  Maßstab 
selbst  wird  nicht  berührt.  Zwischen  der  unmittelbaren  Empfin- 
dung der  Dauer  und  der  Maßzahl  ist  so  scharf  zu  unterscheiden, 
wie  zwischen  Wärmeempfindung  und  Temperatur. 


128 


Mach  und  die  Biologie. 

Mach  schreibt  von  seinem  Vater,  er  sei  ein  leidenschaft- 
licher Darwinianer  gewesen.  Dasselbe  kann  man  auch  von  ihm 
selber  behaupten:  er  ist  nicht  der  einzige,  der  Darwins  Lehre 
seine  ganze  Entwicklung  verdankt,  und  der  auf  diesen  Gedanken 
eher  als  auf  einer  Erkenntnistheorie  sein  Gebäude  aufrichtete. 
Vor  Darwin  hat  Herbert  Spencer  (1855)  die  Psychologie  auf 
die  Entwicklungslehre  gegründet.  Mach  nimmt  1866  dieselbe 
Stellung  ein.  Von  ganz  besonderem  Einfluß  auf  ihn  war  femer 
Herings  Vortrag  über  das  Gedächtnis  als  allgemeine  Funktion 
der  Materie. 

Die  DARWiNsche  Selektionstheorie  stellt  im  Grunde  genommen 
lediglich  eine  negative  Seite,  eine  Ausmerzung  und  eine  Auslese 
auf.  Diese  Matrize  bedarf  einer  Büste.  Darwin  gibt  sie  in  der 
Variation,  die  eine  Eigenschaft  der  organisierten  Materie  ist; 
eben  darin  besitzt  auch  die  Vererbung  erworbener  Eigenschaften 
ihren  Träger. 

Machs  grundlegende  Auffassung  der  Biologie  charakteri- 
siert sich  folgendermaßen:  1.  leugnet  er  die  Vererbung  erwor- 
bener Eigenschaften  (LAMARCKsches  Prinzip)  mit  A.  WEISMANN, 
dessen  Keimplasmatheorie  (Germinalselektion)  er  sich  anschließt. 
Die  Ansichten  desselben  Autors  über  die  Kontinuität,  den  Tod 
als  Vererbungserscheinung,  sowie  über  die  Unsterblichkeit  der 
Einzelligen,  die  allerdings  die  übliche  Terminologie  sehr  ver- 
flüchtigen, kommen  Mach  sehr  gelegen. 

2.  tritt  er  der  Stellungnahme  bei,  die  G.  Th.  Fechner  be- 
gann, die  E.  Hering  fortführte  und  als  klassisches  Programm 
aufstellte,  und  die  R.  Semon  ins  einzelne  ausarbeitete.  Sie  will 
die  Vererbung  gewissermaßen  ins  Psychische  übersetzen,  ver- 
flüchtigt jedenfalls  die  materiellen  Prinzipien  stark,  die  auch 
Mach  in  seiner  Philosophie  der  Materie  nur  behindern  können. 


Mach  und  die  Biologie.  129 

3.  nimmt  Mach  den  weiteren  Entwicklungsbegriff  von  Carl 
Ernst  v.  Baer  auf.  Damit  rückt  er  namentlich  von  Herbert 
Spencer  ab.  Daß  Mach  gerade  Spencer  so  überaus  selten 
zitiert»  wo  er  sonst  im  Heranziehen  von  Autoren  eine  unglaub- 
liche Reichhaltigkeit  besitzt,  mufi  bei  den  gleichlaufenden  Inter- 
essen sehr  erstaunen.  Nun,  Spencers  Philosophie  kann  dem 
Naturforscher  wenig  Freude  bereiten ") ;  dann  aber  lag  Spencer 
in  jahrelanger  Fehde  mit  Weismann. 

Wenn  Weismann  die  Unsterblichkeit  der  Einzelligen  lehrt, 
so  wird  die  Abgrenzung  des  Individuums  dadurch  verwischt, 
wo  nicht  gar  zerstört,  und  die  Individualität  der  Kontinuität  ge- 
opfert. Denselben  Charakter  zeigt  auch  die  ganze  Keimplasma«- 
theorie  im  Gegensatz  zu  Lamarcks  Ansicht.  Weismann  macht 
also  mit  der  Individualität  der  Einzelligen  dasselbe,  was  Mach 
mit  der  Individualität  schlechthin  vornimmt  Denn  in  den  wesent- 
lichsten Worten   über  das  Ich  sagt  Mach:  „Das  Ich  ist  keine 

unveränderliche,  bestimmte,  scharf  begrenzte  Einheit Wichtig 

ist  nur  die  Kontinuität.  Diese  Ansicht  stimmt  mit  derjenigen, 
zu  welcher  Weismann  durch  biologische  Untersuchungen  ge- 
langt"»). 

Von  medizinischerSeitewendetebesonders  Rudolf  ViRCHOW*) 
ein,  dafi  Weismann  die  Terminologie  unrichtig  verändere,  ebenso 
wurden  von  biologischer  Seite  gewichtige  Einwände  laut*). 

Der  zweite  Punkt,  das  Hering -SEMONsche  Gedächtnis, 
wurde  bereits  im  psychologischen  Teile  besprochen;  es  sei  je- 


*)  Hans  Henning,  Irrgarten  der  Erkenntnistheorie,  S.  73—79. 

•)  Nr.  91,  S.  19. 

•)  Rudolf  Virchow,  Ober  die  Akklimatisation.  Naturforscher -Ver- 
sammlung, Straßburg  1885,  S.  540  f.  (Weismanns  Entgegnung  ebenda 
S.  550  ff.)  —  Virchows  Archiv,  Bd.  103,  S.  7ff.  —  Rassenbildung  und  Erblich- 
keit. BASTiAN-Pestschrift,  Berlin  1896.  —  Anlage  und  Variation.  Sitzungsber. 
d.  kgl.  Akad.  d.  Wiss.  zu  Berlin,  1896,  Bd.  23.  —  Transformismus  und  Des- 
zendenz. Berl.  klin.  Wochenschr.  1893,  Nr.  1  und  Preuß.  Jahrb.,  71,  Heft  2. 
—  Deszendenz  und  Pathologie.  Virchows  Arch.  1887,  103.  —  Die  Trug- 
schlüsse, die  Haeckel  und  Schwalbe  auf  Grund  skalpierter  ViRCHOW-Zitate 
über  Virchows  Stellung  zur  Entwicklungslehre  verbreitet  haben,  bespreche 
Ich  in  einer  besonderen  ViRCHOw-Monographie. 

*)  Oskar   Hertwig,  Allgemeine   Biologie.   Jena   1906,   S.  359-361; 

452—461;  566-568;  570 f.;  577;  616;  620 f.;  630-635. 

Henning,  Ernst  Mach.  9 


130  Mach  und  die  Biologie. 

doch  nicht  übergangen^  daß  auch  die  Biologie  Weiterungen  er- 
heben mußte  ^). 

Weit  glücklicher  ist  der  dritte  Faktor,  die  Annahme  des  Ent- 
wicklungsbegriffes, wie  ihn  Carl  Ernst  v.  Baer  aufstellte*). 
Es  ist  eine  Beschränktheit,  wenn  man  „das  Tier  in  seinem  mo- 
mentanen Zustand  als  ein  abgeschlossenes,  fertiges  Objekt  auf- 
faßt, anstatt  es  als  eine  Phase  in  der  Reihe  seiner  Entwicklungs- 
formen, und  die  Art  selbst  als  eine  Phase  der  Entwicklung  der 
Tierwelt  überhaupt  zu  betrachten"*).  Man  entgeht  dadurch 
vielen  ergebnislosen  Fragestellungen,  z.  B.  wo  fängt  in  der  Ent- 
wicklung der  Flügel  des  Vogels  an,  wo  hört  das  Bein  des 
Reptils  auf?  Die  Darstellung  wird  dadurch  zusammenhängend 
und  einheitlich.  Daß  diese  Kontinuität  des  Werdens  im  all- 
gemeinen sich  Machs  philosophischen  Anschauungen, vornehmlich 
aber  seinem  Prinzip  der  Kontinuität,  aufs  innigste  anschmiegt, 
braucht  des  näheren  nicht  ausgeführt  zu  werden. 

Ins  einzelne  oder  gar  in  biologische  Spezialarbeiten  verliert 
sich  Mach  natüriich  nicht,  denn  er  ist  kein  Zoologe.  Daß  er 
aber  die  biologischen  Grundgedanken  auf  die  Erkenntnislehre 
und  Methodik  übertrug,  daß  er  schlechthin  alles,  also  die  Natur 
wie  den  Menschen  mit  seinem  Eigentum  dem  Entwicklungs- 
gedanken unterstellte,  bleibt  für  alle  Zeit  ein  großer  Schritt  über 
Darwin  hinaus. 


')  Pfeffer,  Untersuchungen  fiber  die  Entstehung  der  Schlafbewegungen 
der  Blattorgane.  Abh.  d.  math.-phys.  Klasse  d.  kgl.  sächs.  Ges.  d.  Wiss^ 
1907,  Bd.  30,  Nr.  3. 

*)  C.  E.  V.  Baer,  Reden  und  Aufsätze.    3  Bde.    Petersburg  1886. 

•)  Nr.  120,  S.  262. 


131 


Machs  Methodenlehre. 

Aus  den  Anomalien  der  Bahnen  kleiner  Planeten  beginnt 
man  eben  Aufschlfisse  über  die  Integralgleichungen  des  Drei- 
körperspstems  zu  erwarten,  deren  allgemeine  Integration  der  reine 
Verstand  nicht  zuwege  brachte,  obwohl  die  klügsten  Köpfe  (unter 
ihnen  DiRiCHLET  und  PoiNCARfi)  einen  beträchtlichen  Aufwand 
von  Arbeit  daransetzten.  Der  reine  Verstand  sitzt  also  wieder 
einmal  in  der  Sackgasse,  und  die  empirische  Erfahrung  mu8  ins 
Vordertreffen. 

Der  Kantianer  weist  dem  philosophierenden  Naturforscher 
immer  wieder  nach,  daß  seine  Methodenlehre,  die  sich  der  abso- 
luten Wahrheit  begibt,  gänzlich  falsch  sei.  Und  dennoch  zeitigt 
diese  „unrichtige^^  Methodenlehre  Schlag  auf  Schlag  neue  geniale 
Theorien  und  Ergebnisse,  während  die  Sterilität  des  Apriori 
immer  offensichtlicher  wird. 

Solange  die  apriorische  Methode  uns  noch  nicht  einen  ein- 
zigen Satz  der  höheren  Mathematik,  noch  keine  einzige  Verifi- 
kation schenkte,  wird  der  philosophierende  Naturforscher  die 
verpönte  „falsche^^  Methodik,  die  das  ganze  bestehende  Wissen 
zeitigte,  weiter  pflegen,  zumal  es  ihm  mehr  auf  das  Produktive 
als  auf  das  Reproduktive  ankommt.  Man  prüfe  einmal  ehriich, 
was  denn  seither  die  Erkenntnistheorie  den  exakten  Wissenschaften 
positiv  genützt  hat. 

Einiges  ist  über  die  Methodenlehre  Machs  schon  gesagt  im 
Abschnitt  vom  Kontinuum  und  über  Erkenntnis  und  Irrtum,  was 
hier  nicht  wiederholt  sei. 

1.  Das  Prinzip  der  Ökonomie. 

Eigentlich  ist  das  Prinzip  der  Ökonomie  in  der  Wissenschaft 

selbstverständlich,  schon  aus  der  Natur  des  Menschen  heraus, 

auf  die  das  Ungeordnete,  der  Umweg,  das  unnötig  Komplizierte 

9* 


132  Machs  Methodenlehre. 

und  Verzwickte,  das  Verklausulierte  und  Weitschweifige  instinktiv 
als  unpraktisch  und  unklar  wirkt  im  Gegensatz  zum  Einfachen, 
Geordneten  und  Kürzesten.  Auch  die  Psychologie  lehrt,  dafi  wir 
auf  dem  ökonomischen  Wege  besser  fortkommen:  unsere  Auf- 
merksamkeit, ja  unsere  ganze  geistige  Energie  braucht  dabei 
den  geringstmöglichen  Aufwand  zu  leisten.  Besonders  lehrreich 
zeigt  sich  das  in  der  Mathematik,  wo  jAKOB  Steiner  *)  der  Ein- 
fachheit und  der  mathematischen  Eleganz,  der  Beanspruchung 
der  geringstmöglichen  Hilfsmittel  der  Konstruktion  und  der  At)- 
straktion  ein  prägnantes  Denkmal  setzte.  Mach  sagt:  „Die  An- 
sicht, daß  es  bei  der  Wissenschaft  hauptsächlich  auf  Bequem- 
lichkeit und  Ersparnis  im  Denken  ankommt,  vertrete  ich  seit 
Beginn  meiner  Lehrtätigkeit.  Die  Phpsik  mit  ihren  Formeln,  mit 
ihrer  Potentialfunktion,  ist  besonders  geeignet,  diese  Ansicht  klar- 
zustellen. Das  Trägheitsmoment,  das  Zentralellipsoid  usw.  sind 
z.  B.  nichts  wie  Surrogate,  durch  die  man  mit  Bequemlichkeit 
die  Betrachtung  der  einzelnen  Massenpunkte  erspart.  Besonders 
klar  fand  ich  diese  Ansicht  auch  bei  meinem  Freunde,  dem  Na- 
tionalökonomen E.  Herrmann.  Von  ihm  habe  ich  den  mir  sehr 
passend  scheinenden  Ausdruck  angenommen:  „Die  Wissenschaft 
hat  eine  ökonomische  oder  wirtschaftliche  Aufgabe."*)' 

Man  kann  wohl  sagen,  dafi  das  Leitmotiv  der  Simplizität 
und  Schönheit  bei  KOPERNIKUS  und  GALILEI,  ebenso  bei 
Newtons  regulae  philosophandi  dem  ökonomischen  Gesichts- 
punkte entsprechen.  „Schön"  und  „elegant"  sind  gewisse  mathe- 
matische Ableitungen,  eben  weil  sie  die  kürzesten  sind;  die 
psychologische  Ästhetik  kann  das  nur  bestätigen.  Ebenso  lag 
Adam  Smith  *),  dem  Begründer  der  Nationalökonomie,  der  Ge- 
danke der  Ökonomie  recht  nahe;  W.  K.  Clifford*)  spricht  sich 
im  gleichen  Sinne  aus. 

Gustav  Kirchhoff  redet  von  der  „vollständigen  einfachen 


^)  Jakob  Steiner,  Die  geometrischen  Konstruktionen,  ausgeführt  mittels 
der  geraden  Linie  und  eines  festen  Kreises.  Ostwalds  Klassiker  der  exakten 
Wissenschaften,  Nr.  82  und  S3. 

«)  Nr.  173,  S.  55  f. 

«)  Adam  Smith,  Posthumous  essays.    1795. 

*)  W.  K.  Clifford,  Ober  die  Ziele  und  Werkzeuge  des  wissenschaft- 
lichen Denkens.    München  1896. 


1.  Das  Prinzip  der  Ökonomie.  133 

Beschreibung^'  als  Grundaufgabe  der  Phpsik,  und  Machs  Ge- 
sinnungsgenosse AVENARIUS^)  baut  darauf  seine  Philosophie 
auf.  Das  Prinzip  des  kleinsten  Zwanges  von  Gauss,  das  Prin- 
zip der  kleinsten  Wirkung  von  Maupertuis,  der  HAMiLTONsche 
Satz»  endlich  der  Satz  von  Hertz,  daß  Massen  sich  in  der 
geradesten  Bahn  bewegen,  zeigen,  daß  die  Ökonomie  nicht  nur 
eine  philosophische  Zutat  zur  Naturbetrachtung  ist.  Die  Priorität 
des  philosophischen  Prinzips  gebührt  jedoch  Mach  allein. 

Die  Tatsachen,  die  die  DARWiNschen  Grundgedanken  illu- 
strieren, erhellen  zugleich  das  Okonomieprinzip;  doch  darf  man 
„ökonomisch"  deshalb  nicht  mit  „praktisch"  in  irgend  einem 
materiellen  Sinne  auffassen:  „Die  Methoden,  durch  welche  das 
Wissen  beschafft  wird,  sind  ökonomischer  Natur.  Welcher  Ge- 
brauch, von  dem  erworbenen  Wissen  gemacht  wird,  ob  dasselbe 
lediglich  zur  Beseitigung  des  intellektuellen  Unbehagens,  zur 
ästhetischen  Befriedigung  dient,  ob  dasselbe  wissenschaftlich 
oder  technisch  weiter  verwendet,  ob  es  etwa  mißbraucht  wird, 
hat  mit  der  Natur  der  wissenschaftlichen  Methoden  nichts  zu 
schaffen.  Ausdrücklich  in  bezug  auf  diese  letzteren 
habe  ich  meine  Behauptungen  aufgestellt  und  halte  sie  auch 
aufrecht."  *) 

Das  ökonomische  Prinzip  beruht  im  Ersparen  von  Erfah- 
rungen jeder  Art,  von  der  Bibliothek  bis  zum  Unterricht  *).  „Die 
wunderbarste  Ökonomie  der  Mitteilung  liegt  in  der  Sprache. 
Dem  großen  Lettemsatz  vergleichbar,  welcher,  die  Wiederho- 
lungen der  Schriftzüge  ersparend,  den  verschiedensten  Zwecken 
dient,  den  ewigen  Lauten  ähnlich,  aus  denen  die  verschiedensten 
Worte  sich  bilden,  sind  die  Worte  selbst.  Mosaikartig  setzt  die 
Sprache  und  das  mit  ihr  in  Wechselbeziehung  stehende  begriff- 
liche Denken,  das  Wichtigste  fixierend,  das  Gleichgültige  über- 
sehend, die  starren  Bilder  der  flüssigen  Welt  zusammen,  mit 
einem  Opfer  an  Genauigkeit  und  Treue  zwar,  dafür  aber  mit 


^)  R.  AvENARius,  Philosophie  als  Denken  der  Welt  gemäß  dem  Prinzip 
des  kleinsten  Kraftmaßes.  Berlin  1903.  —  Der  menschliche  WeltbegrifF. 
Leipzig  1905.  —  Kritik  der  reinen  Erfahrung.  Leipzig  1880—1890.  —  Zeit- 
schrift f.  positivist.  Phil.,  Bd.  1,  Heft  4,  1913. 

«)  Nr.  121,  S.  391. 

•)  Nr.  220,  S.  210.  —  Nr.  87,  S.  522. 


134  Machs  Methodenlehre. 

Ersparnis  an  Mitteln  und  Arbeit.  Wie  der  Klavierspieler  mit 
einmal  vorbereiteten  Tönen,  erregt  der  Redner  im  Hörer  ein- 
mal für  viele  Fälle  vorbereitete  Gedanken,  die  mit  großer  Ge- 
läufigkeit und  geringer  Mühe  dem  Rufe  folgen.^  ^) 

Die  Lautsprache  verwendet  noch  durchgängig  nationale 
Symbole,  während  die  Schriftsprache  sich  bereits  der  internatio- 
nalen Universalschrift  nähert;  deshalb  ist  eine  Weltsprache  auch 
ein  Lieblingsgedanke  Machs'). 

„Auf  vielen  Gebieten  forderte  das  ökonomische  Prinzip  be- 
reits internationale  Vereinfachungen:  in  der  musikalischen  Noten- 
schrift, der  BROCKEschen  phonetischen  Schrift,  bei  den  che- 
mischen Spmbolen,  den  Zahlen  wie  überhaupt  den  algebraischen 
und  mathematischen  Zeichen').  Möglich  sind  sie  femer  bei  der 
Bezeichnung  von  physikalischen  Farben  und  Farbenempfindungen, 
bei  vielen  wissenschaftlichen  Terminologien  und  Begriffen. 

Am  meisten  ausgebildet  ist  die  Gedankenökonomie  in  der 
Mathematik.  So  sonderbar  es  klingen  mag,  die  Stärke  der 
Mathematik  beruht  auf  der  Vermeidung  aller  unnötigen  Gedanken, 
auf  der  größten  Sparsamkeit  der  Denkoperationen.  Schon  die 
Ordnungszeichen,  welche  wir  Zahlen  nennen,  bilden  ein  System 
von  wunderbarer  Einfachheit  und  Sparsamkeit.  Wenn  wir  beim 
Multiplizieren  einer  mehrstelligen  Zahl  durch  Benutzung  des 
Einmaleins  die  Resultate  schon  ausgeführter  Zähloperationen 
verwenden,  statt  sie  jedesmal  zu  wiederholen,  wenn  wir  beim 
Gebrauch  von  Logarithmentafeln  neu  auszuführende  Zählopera- 
tionen durch  längst  ausgeführte  ersetzen  und  ersparen,  wenn 
wir  Determinanten  verwenden,  statt  die  Lösung  eines  Gleichungs- 
spstems  immer  von  neuem  zu  beginnen,  wenn  wir  neue  Integral- 
ausdrücke in  altbekannte  zerlegen,  so  sehen  wir  hierin  nur  ein 
schwaches  Abbild  der  geistigen  Tätigkeit  eines  Lagrange  oder 
Cauchy,  der  mit  dem  Scharfblick  eines  Feldherm  für  neu  aus- 
zuführende Operationen  ganze  Scharen  schon  ausgeführter  ein- 
treten läßt  Man  wird  keinen  Widerspruch  erheben,  wenn  wir 
sagen,  die  elementarste  wie  die  höchste  Mathematik  sei  öko- 
nomisch geordnete,   für  den  Gebrauch  bereitliegende  Zähl- 

*)  Nr.  120,  S.  220  f. 

•)  Nr.  87,  S.  522. 

•)  Nr.  120,  S.  221.  —  Nr.  87,  S.  522. 


1.  Das  Prinzip  der  Ökonomie.  135 

erfahrung^^).  Wenn  Barbage  die  Rechenmaschine  erfand, 
wenn  der  Schreibstift  klüger  erscheint  als  der  Rechnende:  es  ist 
nur  eine  Konsequenz  daraus. 

Ebenso  ist  die  Phpsik  ökonomisch  geordnete  Erfahrung: 
„Die  Phpsik  teilt  mit  der  Mathematik  die  zusammenfassende 
Beschreibung,  die  kurze  kompendiöse,  doch  jede  Verwechslung 
ausschließende  Bezeichnung  der  Begriffe,  deren  mancher  wieder 
viele  andere  enthält,  ohne  daß  unser  Kopf  dadurch  belästigt 
erscheint.  Jeden  Augenblick  aber  kann  der  reiche  Inhalt  hervor- 
geholt, und  bis  zu  voller  sinnlicher  Klarheit  entwickelt  werden  ^).^ 
„Die  verschiedenen  Fälle  der  Lichtbrechung  könnte  kein  Ge- 
dächtnis fassen.  Merken  wir  uns  aber  die  Brechungsexponenten 
für  die  vorkommenden  Paare  von  Medien  und  das  bekannte 
Sinusgesetz,  so  können  wir  jeden  beliebigen  Fall  der  Brechung 
ohne  Schwierigkeit  in  Gedanken  nachbilden  oder  ergänzen.  Der 
Vorteil  besteht  in  der  Entlastung  des  Gedächtnisses,  welche 
noch  durch  schriftliche  Aufbewahrung  der  Konstanten  unterstfitzt 
wird')."    Ähnlich  verhält  es  sich  auch  in  anderen  Fächern. 

Daher  kann  die  Wissenschaft  „selbst  als  eine  Minimum- 
aufgabe angesehen  werden,  welche  darin  besteht,  möglichst 
vollständig  die  Tatsachen  mit  dem  geringsten  Gedankenauf- 
wand darzustellen"^).  „Den  sparsamsten,  einfachsten  be- 
grifflichen Ausdruck  der  Tatsachen  erkennt  sie  als  ihr 
Ziel*).« 

Da  zwischen  dem  tatsächlichen  Geschehen  und  einem  anderen 
keine  Wahl  ist,  weist  Mach  auf  dem  php si sehen  Gebiete  den 
Okonomiebegriff  Qberall  ab;  er  hat  nur  auf  dem  geistigen  Ge- 
biete Geltung. 

Wer  Machs  Ökonomieprinzip  verwirft,  für  den  hat  eigent- 
lich Darwin  nicht  gelebt,  zumal  die  Denkökonomie  selbst  nach 
vollendeter  logischer  Analyse  ihren  Wert  behält  •). 

»)  Nr.  120,  S.224f. 
•)  Nr.  120,  S.  226. 
•)  Nr.  120,  S.  222. 
*)  Nr.  87,  S.  530. 
•)  Nr.  120,  S.  236. 
•)  Nr.  87,  S.  53a 


136  Machs  Methodenlehre. 


2.  Die  Anpassung. 

Kants  Ausgangsgedanke  ist  folgender:  „Bisher  nahm  man 
an,  alle  unsere  Erkenntnis  müsse  sich  nach  den  Gegenständen 
richten  ^.^  Niemals  hat  er  behauptet,  daß  das  falsch  sei.  Auch 
Mach  betont,  unsere  Erkenntnis  richte  sich  nach  den  Gegen- 
ständen; deshalb  streift  jede  kantianische  Kritik  an  ihm  vorbei. 
Kant  selbst  versucht  ja  nicht  deshalb  auf  einem  anderen  Weg 
weiterzukommen,  weil  der  genannte  alte  Weg  falsch  sei, 
sondern  weil  er  da  nicht  zu  den  absoluten  Wahrheiten  a  priori 
gelangt.  Ob  er  sie  anderswie  erreicht,  ist  eine  Frage  für  sich. 
Jedenfalls  ist  noch  nie  bewiesen  worden,  daß  die  Erkenntnis 
sich  nicht  nach  den  Gegenständen  richtet,  vielmehr  hat  die 
DARWiNsche  Gedankenwelt  diese  Auffassung  sehr  gefestigt. 
Mit  Kants  Lehre  vermag  man  Mach  deshalb  nicht  totzuschlagen. 
Will  man  etwas  ausrichten,  so  ist  die  unbewiesene  Annahme 
Kants  ')  zunächst  an  der  geläufigen  alten  Auffassung,  die  auch 
Mach  teilt,  logisch  zu  messen. 

Das  Neue,  das  Mach  einführt,  ist:  die  Gedanken  richten 
sich  nicht  irgendwie  nach  den  Tatsachen,  vielmehr  im  Sinne  der 
DARWiNschen  Lehre  von  der  Anpassung.  Im  Kapitel  „Machs 
Vorläufer"  zeige  ich,  wie  nahe  besonders  GOETHE  an  diese 
Fassung  herankam.  Außerdem  ist  H.  Grassmann  zu  erwähnen, 
der  folgendes  schrieb:  „Die  oberste  Teilung  aller  Wissenschaften 
ist  die  in  reale  und  formale,  von  denen  die  ersteren  das  Sein, 
als  das  dem  Denken  selbständig  Gegenübertretende,  im  Denken 
abbilden,  und  ihre  Wahrheit  haben  in  der  Übereinstimmung  des 
Denkens  mit  jenem  Sein;  die  letzteren  hingegen  das  durch  das 
Denken  selbst  Gesetzte  zum  Gegenstand  haben,  und  ihre  Wahr- 
heit haben  in  der  Übereinstimmung  der  Denkprozesse  unter 
sich »)." 

Die  Anpassung  geht  nun  folgendermaßen  vor  sich:  „Wenn 
wir  in  einem  bestimmten  Kreise  von  Tatsachen  uns  bewegen, 
welche  mit  Gleichförmigkeit  wiederkehren,  so  passen  sich  unsere 
Gedanken  alsbald  der  Umgebung  so  an,  daß  sie  dieselbe  un- 

^)  Kant,  Kritik  der  reinen  Vernunft.    2.  AuH.,  S.  XVI. 
*)  Hans  Henning,  Goethe  und  die  Pachphilosophie.    Strafiburg  1912. 
S.  32  f. 

•)  H.  Grassmann,  Ausdehnungslehre,  1884.    S.  XIX. 


2.  Die  Anpassung.  137 

willkürlich  abbilden.  Der  auf  die  Hand  drückende  Stein  fällt 
losgelassen  nicht  nur  wirklich»  sondern  auch  in  Gedanken  zu 
Boden  . . .  Die  Macht»  welche  zur  Vervollständigung  der  halb 
beobachteten  Tatsache  in  Gedanken  treibt,  ist  die  Assoziation. 
Dieselbe  wird  kräftig  verstärkt  durch  die  Wiederholung.  Sie 
erscheint  uns  dann  als  eine  fremde,  von  unserem  Willen  und  der 
einzelnen  Tatsache  unabhängige  Gewalt,  welche  Gedanken  und 
Tatsachen  treibt,  beide  in  Übereinstimmung  hält,  als  ein  beide 
beherrschendes  Gesetz*)."  Auf  dieses  Gesetz  hin  getrauen 
wir  uns  zu  prophezeien,  doch  braucht  das  Vorausgesagte  nicht 
stets  einzutreffen.  Je  geläufiger  uns  ein  Tatsachengebiet  wird, 
desto  stärker  drängt  sich  der  Glaube  an  die  Kausalität  auf;  in 
neuen  Gebieten  jedoch  fühlen  wir  uns  von  unserer  Propheten- 
gabe verlassen. 

Was  geht  nun  vor,  wenn  der  Beobachtungskreis,  dem  unsere 
Gedanken  angepaßt  sind,  sich  erweitert?  „Die  neue  Tatsache 
fordert  ebenfalls  ihr  Recht.  In  diesem  Widerstreit  von  Ge- 
danken und  Tatsachen  liegt  das  Problem.  Um  das  Problem 
zu  lösen,  muß  die  Denkgewohnheit  so  umgewandelt  werden, 
daß  sie  den  alten  und  den  neuen  Fällen  angepaßt  ist  . . .  Ge- 
schieht die  Gedankenumwandlung  mit  Absicht  und  willkürlich, 
so  nennen  wir  den  Vorgang  Forschung*)." 

„Dieser  Umwandlungsprozeß  besteht  darin,  daß  einerseits 
bald  neue  übereinstimmende  Merkmale  anscheinend  ver- 
schiedener Tatsachen  gefunden  werden,  und  daß  andererseits 
wieder  unterscheidende  Merkmale  bisher  nicht  unterschiedener 
Tatsachen  bemerkt  werden.  Hierdurch  wird  es  möglich,  einerseits 
ein  stets  wachsendes  Tatsachengebiet  mit  einer  homogenen  Denk- 
gewohnheit zu  umfassen,  und  andererseits  den  Unterschieden  der 
Tatsachen  des  Gebietes  durch  Variationen  der  Denkgewohnheit  zu 
entsprechen ')."  Solche  Anpassungsprozesse  haben  weder  einen 
nachweisbaren  Anfang  noch  ein  absehbares  Ende,  denn  die 
Wissenschaft  steht  mitten  im  natürlichen  Entwicklungsprozeß 
drin.  Der  genannte  Umwandlungsprozeß  nun  ist  nur  ein  be- 
sonderer Fall  eines  allgemein  verbreiteten  biologischen  Ge- 

»)  Nr.  121,  S.  383. 
«)  Nr.  121,  S.  384. 
•)  Nr.  121,  S.  386. 


138  Machs  Methodenlehre. 

setz  es,  für  das  Mach  zahlreiche  Beispiele  gibt.  Die  Anpassung 
wird  zunächst  so  weit  vollzogen,  als  das  biologische  Interesse 
es  erfordert,  wie  das  beim  Tier  und  Kind  offensichtlich  wird. 
In  der  Forschung  halten  wir  einerseits  bestimmte  Faktoren  fest 
(Prinzip  der  Permanenz),  andere  werden  so  verändert,  daß 
die  Anpassungsergebnisse  verschiedener  Fälle  zueinander  stimmen 
(Prinzip  der  zureichenden  Differenzierung)*). 

Die  Anpassung  der  Gedanken  an  die  Tatsachen  nennt  man 
Beobachtung,  die  Anpassung  der  Gedanken  aneinander 
aber  Theorie.  Die  Ergebnisse  dieser  Prozesse  müssen  einen 
sprachlichen  Ausdruck  in  Begriffen  und  Urteilen  finden.  Sie 
gehen  weit  über  die  Forderung  der  logischen  Widerspruchs- 
losigkeit  hinaus:  „das  Ideal  der  ökonomischen  und  organischen 
Zusammenpassung  der  einem  Gebiet  angehörigen  verträglichen 
Urteile  ist  erreicht,  wenn  es  gelungen  ist,  die  geringste  Zahl 
einfachster  und  unabhängiger  Urteile  zu  finden,  aus  welchen 
sich  alle  übrigen  als  logische  Folgen  ergeben,  das  heißt  ableiten 
lassen.  Ein  Beispiel  eines  solchen  geordneten  Systems  von 
Urteilen  ist  die  euklidische  Geometrie  *).**  Die  logischen  Formen 
selbst  können  bekannte  Gedankengänge  nachprüfen,  nicht  aber 
neue  finden:  „die  leeren  logischen  Formen  können  die  Sach- 
kenntnis nicht  ersetzen"'). 


3.  Die  Methode  der  Variation. 

Diejenigen  Beobachtungen  und  Erfahrungen,  in  die  der 
Mensch  willkürlich  eingreifen,  die  er  verändern  kann,  sind  ihm 
die  wichtigsten,  und  darin  liegt  der  Wert  des  Experimentes. 
Die  Grundmethode  des  Experimentierens:  die  Methode  der 
Variation,  ist  dem  Menschen  wie  dem  höheren  Tiere  angeboren. 

Durch  die  Variation  wollen  wir  die  Abhängigkeit  oder  Un- 
abhängigkeit der  Elemente  voneinander  feststellen.  „Indem  wir 
eine  gewisse  Gruppe  oder  auch  ein  Element  willkürlich  variieren, 
ändern  sich  hiermit  auch  andere  Elemente  oder  bleiben  unter 
Umständen  unverändert*)."    Leider  wird  es  uns  nicht  so  einfach 

')  Nr.  133,  S.  162. 

«)  Nr.  133,  S.  176. 

•)  Nr.  133,  S.  179. 

*)  Nr.  133,  S.  199. 


^ m 


3.  Die  Methode  der  Variation.  139 

gemacht,  daß  jedes  Element  allein  sich  verändern  liefie,  vielmehr 
hängen  die  Elemente  meist  gruppenweise  zusammen,  so  daß 
eine  Kombination  von  Variationen  nötig  wird.  Dann  hat  man 
einflußlose  Elemente  auszuschalten,  sowie  solche  Elemente  zu 
beseitigen,  welche  die  Unabhängigkeit  verdecken  oder  stören. 
Bald  ist  die  Versuchsanordnung  zu  vereinfachen,  bald  sind  die 
Effekte  —  wenn  sie  zu  klein  sind  —  zu  verstärken. 

Welche  Umstände  bei  einem  Erfolg  maßgebend  sind,  was 
zusammenhängt,  welche  Elemente  voneinander  abhängig  sind, 
stellen  wir  durch  eine  Umschau  fest;  in  der  Erinnerung  werden 
die  alten  Erfahrungen  festgehalten,  die  wissenschaftliche  Phan- 
tasie kombiniert  neue  Umstände,  kurz  wir  variieren  die  Tat- 
sachen in  Gedanken:  „Umstände,  die  man  in  bezug  auf  einen 
gewissen  Erfolg  als  einflußlos  erkannt  hat,  kann  man  in  Ge- 
danken beliebig  variieren,  ohne  diesen  Erfolg  zu  ändern.  Man 
gelangt  aber  durch  geschickte  Handhabung  dieses  Verfahrens 
zu  Fällen,  welche  auf  den  ersten  Blick  von  dem  Ausgangsfall 
wesentlich  verschieden  scheinen,  also  zur  Verallgemeinerung  der 
Auffassung.  Auch  die  fUr  einen  Erfolg  maßgebenden  Um- 
stände in  Gedanken  zu  variieren,  ist  nützlich,  und  am  ergiebigsten 
ist  die  kontinuierliche  Variation,  welche  uns  eine  vollständige 
Übersicht  der  möglichen  Fälle  verschafft  *)."  Einer  oder  mehrere 
Umstände  werden  in  Gedanken  quantitativ  vermindert  und  endlich 
zum  Verschwinden  gebracht,  so  daß  nur  die  übrigen  Umstände 
maßgebend  bleiben.  Das  ist  die  Idealisierung  oder  Ab- 
straktion. 

„Zur  indirekten  Bestimmung  dient  auch  die  Methode  der 
Kompensation.  Durch  irgend  einen  Umstand  wird  ein  schwer 
bestimmbares  Element  B  hervorgerufen.  Man  fügt  das  bestimm- 
bare Element  —  B  hinzu,  wodurch  B  wieder  verschwindet,  kom- 
pensiert, zugleich  aber  bestimmt  ist*)."  Es  wird  also  ein  be- 
kanntes gleichwertiges  Element  substituiert. 

„Vorgänge,  welche  für  unsere  direkte  Beobachtung  zu 
rapid  sind,  müssen  natürlich  indirekt  ermittelt  werden.  Man  be- 
nutzt hierzu  die  Methode  der  Zusammensetzung.  Der  un- 
bekannte,  zu  untersuchende  Vorgang  liefert  die  eine  Kompo- 

»)  Nr.  133,  S.  185f. 
«)  Nr.  133,  S.  207. 


140  Machs  Methodenlehre. 

nente,  welche  mit  einer  anderen  bekannten  Komponente  eine 
beobachtbare  Resultante  gibt*).**  Wo  Erscheinungen  in  ver- 
schiedenen Graden  auftreten,  wird  man  an  die  Möglichkeit  eines 
Gegensatzes  zu  denken  haben.  Ein  bekanntes  Ergebnis  wird 
femer  kollektiv  ausgedehnt,  auf  analoge  Fälle  übertragen: 
das  führt  dazu,  eine  Übersicht,  ein  Spstem  zu  gewinnen.  Vor 
allem  interessieren  endlich  die  extremen  Werte. 

Instinkt  und  Gewohnheit  spielen  dabei  eine  wichtige  Rolle, 
denn  auf  vertrauten  Gebieten  experimentiert  man  geläufiger  als 
auf  ungewohnten. 

4.  Das  Prinzip  der  Vergleichuag. 

Die  neue  Vorstellung  tritt  der  älteren  gegenüber,  das  führt 
zur  Vergleichung.  Diese  ist  „das  mächtigste  innere  Lebens- 
element der  Wissenschaft.  Denn  aller  Zusammenhang,  alle  be- 
griffliche Einheit  kommt  durch  die  Vergleichung  in  die  Wissen- 
schaft"*). Jede  einzelne  Tatsache  zu  beschreiben,  ist  recht 
mühsam,  daher  ist  es  eine  groBe  Erleichterung,  wenn  die  neue 
Tatsache  in  vielen  Merkmalen  mit  einer  alten  verglichen  werden 
kann. 

Dabei  leiten  uns  die  Ähnlichkeit  und  die  Analogie.  Die 
Analogie  ist  jedoch  nur  ein  besonderer  Fall  der  Ähnlichkeit.  Im 
historischen  Teile  zeige  ich,  daB  Maxwell  die  Analogie  zu 
einer  klaren  physikalischen  Methode  entwickelte,  worauf  Mach 
sich  ausdrücklich  bezieht^). 

Die  Analogie  definiert  Mach  als  „eine  Beziehung  von  Be- 
griffssystemen, in  welcher  sowohl  die  Verschiedenheit  zweier 
homologer  Begriffe  als  auch  die  Übereinstimmung  in  den  logi- 
schen Verhältnissen  je  zweier  homologer  Begriffspaare  zum 
klaren  Bewußtsein  kommt^^^). 

Hat  ein  Objekt  M  die  Merkmale  abcde,  ein  anderes  Ob- 
jekt N  die  Merkmale  abc,  so  suchen  wir  hier  die  Merkmale  de. 
Logisch  ist  das  nicht  berechtigt,  wie  ja  Schlüsse  nach  Ähnlich- 

>)  Nr.  133,  S.  208. 

«)  Nr.  121,  S.  358. 

»)  Nr.  133,  S.  217,  226f. 

*)  Nr.  120,  S.  277;  Nr.  133,  S.  218. 


5.  Die  Hypothese.  —  6.  Problem.  141 

keit  und  Analogie  kein  Gegenstand  der  strengen  formalen  Logik, 
sondern  der  Psychologie  sind.  ^Wenn  in  dem  obigen  Falle 
abcde  unmittelbar  wahrnehmbare  Merkmale  sind,  so  sprechen 
wir  von  Ähnlichkeit;  bedeuten  aber  abcde  begriffliche  Be- 
ziehungen der  Objektmerkmale  von  M  zueinander,  und  ebenso 
in  bezug  auf  das  Objekt  N,  so  entspricht  die  Bezeichnung 
Analogie  besser  dem  Sprachgebrauch.  Ist  uns  das  Objekt 
mit  der  Kombination  seiner  Merkmale  abcde  geläufig,  so  wird 
die  Betrachtung  von  N  neben  den  Merkmalen  abc  auch  de 
durch  Assoziation  in  Erinnerung  gebracht,  womit  bei  Gleich- 
gültigkeit der  Merkmale  de  der  Prozeß  abgeschlossen  ist*)." 
Ob  nun  de  als  tatsächlich  vorhanden  oder  als  abwesend  nach- 
gewiesen wird,  jedenfalls  hat  sich  unsere  Erkenntnis  erweitert. 


5.  Die  Hypothese. 

Instinktiv  und  unwillkürlich  spinnen  unsere  Gedanken  die 
Beobachtungen  aus  und  erweitem  so  die  Erfahrung  rascher. 
„Eine  vorläufige  versuchsweise  Annahme  zum  Zwecke  des 
leichteren  Verständnisses  von  Tatsachen,  welche  aber  dem  tat- 
sächlichen Nachweis  sich  noch  entzieht,  nennen  wir  eine  Hypo- 
these ^)."  Ihre  wesentliche  Aufgabe  besteht  darin,  zu  neuen  Be- 
obachtungen Anlaß  zu  geben.  In  der  Hypothese  liegen  ge- 
wöhnlich Bestandteile,  die  zur  Darstellung  der  Tatsachen  nicht 
notwendig  sind.  Die  haltbaren  Elemente  werden  dann  gestärkt, 
die  unhaltbaren  abgeändert  oder  verworfen,  und  so  führt  die 
Hj^othese  in  ihrer  selbstzerstörenden  Funktion  endlich  zum  be- 
grifflichen Ausdruck  der  Tatsachen.  Schädlich  wird  die  Hypo- 
these nur,  wenn  man  ihr  mehr  traut  als  den  Tatsachen  selbst. 

6.  Das  Problem. 

Sind  die  psychologischen  Teilanpassungen  in  Widerstreit 
geraten,  so  ist  ein  Problem  entstanden.  Zur  Problemlösung  führen 
drei  Wege:  erstens  die  progressive  oder  synthetische  Methode, 
die  von  der  Bedingung  zu  dem  Bedingten,  zweitens  die  regressive 

*)  Nr.  133,  S.  222f. 
«)  Nr.  133,  S.  232. 


142  Machs  Methodenlehre. 

oder  analytische  Methode,  die  von  dem  Bedingten  zu  dem  Be- 
dingenden fortschreitet,  endlich  die  apagogische  oder  indirekte 
Methode,  die  den  Beweis  „per  absurdum"  führt.  Mach  zeigt 
an  zahlreichen  Beispielen,  daS  die  größten  und  wichtigsten  Ent- 
deckungen auf  dem  Wege  der  Analyse  gefunden  wurden. 

Bei  der  Lösung  erdichten  wir  vorläufig  anschauliche  Be- 
dingungen von  bekannter  Art,  und  diese  Annahmen  werden  so  lange 
modifiziert,  bis  der  Weg  genau  zur  Tatsache  führt  (oder  um- 
gekehrt von  der  Tatsache  zu  ihren  Bedingungen). 

„Ein  naturwissenschaftlicher  Satz  ist  wie  jeder  geometrische 
stets  von  der  Form  „wenn  M  ist,  so  ist  N",  wobei  sowohl  M 
wie  N  ein  mehr  oder  minder  komplizierter  Komplex  von  Er- 
scheinungsmerkmalen sein  kann,  wovon  also  einer  den  anderen 
bestimmt.  Ein  solcher  Satz  kann  sich  sowohl  unmittelbar  durch 
Beobachtungen,  als  auch  mittelbar  durch  Überlegung,  durch  Ver- 
gleichung  schon  bekannter  Beobachtungen  in  Gedanken  ergeben. 
Scheint  derselbe  mit  anderen  Beobachtungen,  oder  mit  den  sich 
diesen  Beobachtungen  anschliefienden  Gedanken  nicht  in  Einklang 
zu  stehen,  so  stellt  er  ein  Problem  vor.  Dieses  Problem  kann 
in  zweierlei  Weise  gelöst  werden.  Der  Satz  „wenn  M  ist,  so 
ist  N"  kann  aus  Sätzen,  welche  bereits  bekannten  Tatsachen 
entsprechen,  durch  eine  Reihe  von  Zwischensätzen  abgeleitet 
oder  erklärt  werden.  In  diesem  Falle  waren  unsere  den  Tat- 
sachen und  einander  schon  weiter  angepaßt,  als  wir  es  an- 
nahmen und  wußten.  Sie  entsprachen  auch  dem  neuen  Satz, 
nur  daß  dies  nicht  unmittelbar  ersichtlich  war.  Diese  Problem- 
lösung entspricht  einer  deduktiven  synthetischen  geometri- 
schen Ableitung  eines  neuen  Satzes  aus  schon  bekannten  Grund- 
sätzen." 

Finden  wir  jedoch  keine  Grundsätze,  mit  denen  die  Beob- 
achtung übereinstimmt,  „dann  haben  wir  eben  durch  neuerliche 
Gedankenanpassung  neue  Grundsätze  zu  suchen.  Die  neue 
Auffassung  kann  sich  entweder  unmittelbar  auf  die  fragliche  Tat- 
sache beziehen,  oder  wir  gehen  analytisch  vor.  Wir  suchen 
die  nächste  Bedingung  der  Tatsache,  dann  die  Bedingung  dieser 
Bedingung  usf.^^  Wir  können  also  dabei  auf  fundamental 
neue  Grundsätze  stoßen.  Die  neue  Anpassung  besteht  in  der 
Beachtung  vorher  unbeachteter  Umstände. 


7.  Sinn  und  Wert  der  Naturgesetze.  143 

7.  Sinn  und  Wert  der  Naturgesetze. 

Naturgesetze  sind  nicht  Regeln,  nach  denen  sich  die  Natur- 
vorgänge richten  müssen  wie  die  Bürger  nach  den  Gesetzes- 
paragraphen; auch  nicht  in  dem  Sinne,  daß  im  zweiten  Falle  eine 
Übertretung  des  Gesetzes  mißlich  ist,  im  ersten  aber  nicht,  denn 
wir  tun  ja  nichts  anderes,  als  daß  wir  die  Naturgesetze  mehr 
oder  weniger  richtig  aus  den  Naturvorgängen  abstrahieren  und 
ablesen.  „Ihrem  Ursprünge  nach  sind  die  Naturgesetze  Ein- 
schränkungen, die  wir  unter  Leitung  der  Erfahrung  unserer  Er- 
wartung vorschreiben*)."  Sie  entspringen  dem  biologischen  Be- 
dürfnis, sich  in  der  Natur  zurechtzufinden.  „Die  Tatsachen  sind 
nicht  genötigt,  sich  nach  unseren  Gedanken  zu  richten.  Aber 
unsere  Gedanken,  unsere  Erwartungen  richten  sich  nach  anderen 
Gedanken,  nach  den  Begriffen  nämlich,  welche  wir  uns  von  den 
Tatsachen  gebildet  haben*)." 

„Ein  naturwissenschaftlicher  Satz  hat  immer  den  hypothe- 
tischen Sinn:  Wenn  die  Tatsache  A  genau  den  Begriffen  M 
entspricht,  so  entspricht  die  Folge  B  genau  den  Begriffen  N; 
so  genau  als  A  den  M,  so  genau  entspricht  B  den  N.  Die 
absolute  Exaktheit,  die  vollkommen  genaue  eindeutige  Bestimmung 
der  Folgen  einer  Voraussetzung  besteht  in  der  Naturwissenschaft 
(et>enso  wie  in  der  Geometrie)  nicht  in  der  sinnlichen  Wirklich- 
keit, sondern  nur  in  der  Theorie.  Aller  Fortschritt  zielt  darauf  ab, 
die  Theorie  mehr  und  mehr  der  Wirklichkeit  anzuschmiegen*)." 
Dem  Ideal  der  eindeutigen  Bestimmung  genügt  nur  diejenige 
Theorie,  welche  die  komplizierten  Tatsachen  der  Beobachtung 
einfacher  und  genauer  darstellt,  als  die  Beobachtung  selbst  sie 
verbürgt. 

„Sind  nun  die  Naturgesetze  als  bloße  subjektive  Vorschriften 
für  die  Erwartung  des  Beobachters,  an  welche  die  Wirklichkeit 
nicht  gebunden  ist,  wertlos?"  Keineswegs!  Denn  wenn  auch 
der  Erwartung  nur  innerhalb  gewisser  Grenzen  von  der  sinnlichen 
Wirklichkeit  entsprochen  wird,  so  hat  sich  erstere  doch  vielfach 
als  richtig  bewährt  und  bewährt  sich  täglich  mehr.    Wir  haben 

*)  Nr.  133,  S.  441. 
•)  Nr.  133,  S.447f. 
»)  Nr.  133,  S.  448. 


144  Machs  Methodenlehre. 

also  mit  dem  Postulat  der  Gleichförmigkeit  der  Natur  keinen 
Fehlgriff  getan,  wenn  auch  bei  der  Unerschöpflichkeit  der  Er- 
fahrung die  absolute  Anwendbarkeit  des  Postulates  nach  Schärfe, 
zeitlicher  und  räumlicher  Unbeschränktheit  sich  nie  wird  dar- 
tun lassen  und  wie  jedes  wissenschaftliche  Hilfsmittel  immer 
ein  Ideal  bleiben  wird.  Außerdem  bezieht  sich  das  Postulat 
überhaupt  nur  auf  Gleichförmigkeiten,  sagt  aber  über  die  Art 
derselben  nichts  aus.  Im  Falle  einer  Enttäuschung  der  Erwartung 
hat  man  also  stets  die  Freiheit,  statt  der  erwarteten  Gleich- 
förmigkeiten neue  zu  suchen^).** 

8.  Wahrheit  und  Fruchtbarkeit 

Um  festzustellen,  was  fruchtbar  sei,  muB  man  ein  Wahrheits- 
urteil besitzen,  welches  über  die  Fruchtbarkeit  oder  Unfrucht- 
barkeit entscheidet,  so  lautet  der  kantianische  Einwand.  Läßt 
sich  aber  alles  vom  Schreibtisch  aus  bloß  mit  dem  Kriterium  der 
absoluten  Wahrheit  entscheiden?  Hegel  wähnte  noch,  dazu 
imstande  zu  sein.  Erwiderte  man  ihm:  „Aber  das  stimmt  ja  nicht 
mit  den  Tatsachen",  so  antwortete  er:  „Um  so  schlimmer  für  die 
Tatsachen!"  Würde  sich  der  Hausarzt  aber  nach  diesen  Prin- 
zipien richten,  so  hätte  HEGEL  ihn  verklagt. 

Es  wäre  sehr  bequem,  wenn  man  alles  sofort  entscheiden 
und  sich  dabei  die  Mühseligkeiten  der  experimentellen  Unter- 
suchungen ersparen  könnte.  Leider  ist  das  nicht  der  Fall.  Was 
wahr  ist,  ebenso  was  fruchtbar  ist,  das  zeigt  sich  erst  mit  der 
Zeit  an  den  Folgen  und  Konsequenzen. 

Oft  bleibt  auch  gar  nichts  anderes  übrig,  als  vorläufig  mit 
falschen  Hypothesen  zu  forschen.  Trotzdem  man  wußte,  daß 
der  Materialismus  unrichtig  ist,  war  man  anfangs  bei  der  Er- 
forschung des  Radiums  auf  materialistische  rohe  Methoden  an- 
gewiesen. 

Es  zeigt  sich  also,  daß  man  erstens  mit  dem  Wahrheitsurteil 
auch  nichts  sofort  entscheiden  kann,  und  daß  zweitens  gar  nicht 
das  Wahrheitsurteil  ausschlaggebend  ist. 

Darum  will  MACH  den  Erfolg  in  den  nächstliegenden  Pro- 
blemen, kein  stolzes,  aber  vergebliches  Bemühen  um  die  aller- 

»)  Nr.  133,  S.  448. 


8.  Wahrheit  und  Fruchtbarkeit.  145 

letzten  Fragen  oder  gar  deren  Hintergrund.  Er  wünscht  tat- 
sächliche praktische  Ergebnisse,  kein  Wolkenkuckucksheim.  Er 
verlangt  eine  Fruchtbarkeit  der  Wissenschaft,  keine  leeren  Sche- 
mata und  Schemen.  Deshalb  wird  ihm  die  Theorie  zum  Werk- 
zeug, ja  zum  darwinistischen  Werkzeug.  Darum  faßt  er 
auch  die  Wissenschaft,  Staat,  Kultur  und  Leben  als  einen  Or^ 
ganismus  auf,  der  den  DARWiNschen  Bedingungen  unterliegt.  So 
ist,  wie  James  sagt  *),  „die  Alternative  zwischen  Pragmatismus 
und  Rationalismus  in  der  Form,  in  der  wir  sie  jetzt  vor  uns 
haben,  nicht  mehr  eine  Frage  der  Erkenntnistheorie,  sie 
bezieht  sich  vielmehr  auf  die  Struktur  der  Welt  selbst". 

Statt  über  die  Ergebnisse  zu  streiten,  hätte  man  sich  also 
oft  über  die  Individualität  der  Forschenden  auseinandersetzen 
sollen,  wie  dies  zuerst  die  Astronomen  taten,  die  beim  Meridian- 
ablesen den  „persönlichen  Fehler"  berücksichtigen.  Jeder  For- 
scher sollte  seinen  „persönlichen  Fehler"  kennen.  Da  wir  nun 
Fehler  im  weitesten  Sinn  nicht  immer  auffassen  als  eine  intellek- 
tualistische  Falschheit,  so  dürfen  die  verschiedenen  Subjektivitäten 
unter  Umständen  nebeneinander  bestehen,  sofern  sie  fruchtbar 
sind.  BOLTZMANN  vertrat  die  Realität  der  Atomkügelchen, 
Ostwald  glaubt  nur  an  die  Energie,  van't  Hoff  hat  ein  Te- 
raederatom,  Werner  energiestrahlende  Kugeln,  Wald  leugnet 
die  Atome,  und  doch  haben  alle  der  Welt  nur  richtige  Tatsachen 
geschenkt. 

Mach  schrieb  mir:  „Ich  halte  es  nicht  für  ein  Unglück,  wenn, 
die  an  Tatsachen  sich  anknüpfenden  Gedanken  ungleich  in  ver- 
schiedenen Köpfen  abspielen,  im  Gegenteil." 

Und  Windelband,  der  Absolutesten  einer,  sagt  •) :  „Vielleicht 
erklärt  sich  die  Verschiedenheit  der  Standpunkte  in  der  Erkenntnis- 
theorie aus  der  wechselnden  Abhängigkeit  derPhilosophen  von  den 
besonderen  Wissenschaften,  in  denen  sie  forschend  und  wissend 
besonders  heimisch  waren,  und  aus  denen  sie  nicht  nur  die  Denk- 
gewohnheiten, sondern  auch  die  prinzipiellen  Auffassungen  und 
Grundvorstellungen  vom  Wesen  der  Wahrheit  auf  die  Gesamtheit 
menschlicher  Erkenntnisse  zu  übertragen  versuchten.  Ähnlich 
kann  man  ja  auch  z.  B.  in  den  verschiedenen  Standpunkten  der 

^)  W.  James,  Der  Pragmatismus.    Leipzig  1908.  S.  165. 

•)  W.  Windelband,  Der  Wille  zur  Wahrheit.    Heidelberg  1909.   S.  14. 

Henning,  Ernst  Mach.  10 


146  Machs  Methodenlehre. 

Ästhetik  wiedererkennen,  welcher  Art  der  Kunst  ihre  Schöpfer  vor- 
wiegendes Interesse  entgegenbrachten.  Für  den  Freund  der 
Dichtung  erscheint  das  Wesen  des  Schönen  anders  als  für  den 
Musiker,  oder  den  Liebhaber  der  Skulptur".  Windelband  glaubt 
der  Individualität  durch  Dezentralisation  der  wissenschaftlichen 
Arbeit  entgehen  zu  können.  Wie  wir  aber  aus  unserer  Haut 
herauskriechen  und  uns  objektiv  daneben  setzen  können,  das 
verrät  er  nicht  Die  Massenpsychologie  wie  die  Psychologie  der 
Parlamente  u.  a.  ermutigt  auch  gerade  nicht  dazu,  einen  Aus- 
gleich auf  diesem  Wege  zu  suchen. 

Die  Individualität  ist  auch  nicht,  wie  man  nach  Windelband 
annehmen  müßte,  eine  Größe,  die  man  vernachlässigen  darf;  ja 
man  kann  sie  nicht  einmal  immer  ausschalten.  Unsere  Indivi- 
dualität ist  nicht  etwas,  das  man  mit  Wahlfreiheit  zu  ändern  ver- 
möchte, etwa  so,  wie  man  das  eine  Mal  eine  Gemäldegalerie, 
das  andere  Mal  ein  Konzert  oder  eine  naturwissenschaftliche 
Sammlung  besucht.  Wir  sind  auch  nicht  imstande,  uns  mit  ab- 
soluter Wahlfreiheit  für  jeden  Lebensberuf  zu  entscheiden:  der 
Unreligiöse  nicht  für  Theologie,  der  Unmusikalische  nicht  für 
Musik,  der  Mathematiker  nicht  für  Chirurgie  usf.  Die  Veran- 
lagung ist  vielmehr  ein  festes  Gegebenes,  ein  psychologisches 
Apriori. 

Dem  gab  auch  die  Psychologie  einen  gesetzmäßigen  Aus- 
druck, indem  sie  feste  Typen  unter  den  Menschen  nachwies. 
Das  t>etrifft  zunächst  das  Gedächtnis,  die  äußeren  Vorstellungen, 
den  Gedankenverlauf,  die  malerische  Phantasie,  das  Musikhören  ^), 
es  erstreckt  sich  auch  auf  die  Geographie  und  auf  das  Denken. 
Dazu  treten  dann  die  Unterschiede  der  Völker,  wie  denn  die 
Naturvölker  uns  in  vielem  gewaltig  überlegen  sind. 

Der  forschende  Intellekt  ist  noch  nicht  in  feste  Typen 
gepreßt  worden.  Immerhin  wurden  Denkergruppen  seit  jeher 
beachtet  und  hier  nationale  Unterschiede  bis  in  die  an- 
scheinend so  unpersönliche  Mathematik  hinein  festgestellt.  Schon 
Lichtenberg  redet  von  Unterschieden  zwischen  deutschen  und 
englischen    Denkern,    die   er   von    der   Erziehung    ableitete*). 

*)  Hans  Hennnig,  Straßburger  Post,  Nr.  493,  vom  2.  Mal  1911.—  Ko- 
blenzer Zeitung,  Nr.  33,  vom  20.  August  1911. 

*)  Lichtenberg,  Vermischte  Schriften,  Reclam,  S.  123f. 


8.  Wahrheit  und  Fruchtbarkeit.  147 

Ausführliche  Bestimmungen    finden   wir  vor  ihm  bei   Blaise 

Pascal*). 

Er  scheidet  zwei  Klassen:  ,,Les  uns  tirent  bien  les  con- 
söquences  de  peu  de  principes  ...  et  ceux-lä  ne  seraient  peu- 
tStre  pas  grands  gdom^tres,  parce  que  la  Gäomötrie  comprend 
un  grand  nombre  de  principes  . .  .^^ 

„. .  les  autres  tirent  bien  les  consäquences  des  choses  oü  il 
p  a  beaucoup  de  principes." 

Die  erste  Art  ist  charakterisiert  als  ,,esprit  de  finesse  ou  de 
justesse",  die  zweite  als  „esprit  de  G6om6trie". 

Für  den  „esprit  de  Göomötrie"  gilt:  „. .  les  principes  sont 
palpables,  mais  dloignds  de  Tusage  commun,  de  sorte  qu'on  a 
peinCy  ä  toumer  la  t6te  de  ce  cotö-lä,  manque  d'habitude,  mais 
pour  peu  qu'on  s'y  toume,  on  voit  les  principes  ä  plein;  et  il 
faudrait  avoir  tout  ä  fait  l'esprit  faux  pour  mal  raisonner 
sur  des  principes  si  gros,  qu'il  est  presque  impossible  qu'ils 
öchappent". 

Anders  verhält  es  sich  mit  dem  „esprit  de  finesse":  „..  les 
principes  sont  dans  l'usage  commun  et  devant  les  peux  de  tout 
ie  monde.  On  a  que  faire  de  tourner  la  t6te  ni  de  se  faire 
violence.  II  n'est  question  que  d'avoir  bonne  vue;  mais  il  faut 
l'avoir  bonne,  car  les  principes  en  sont  si  deliös  et  en  si  grand 
nombre,  qu'il  est  presque  impossible  qu'il  n'en  öchappe." 

Diese  Scheidung  greift  Duhem*)  auf,  wobei  er  ausdrück- 
lich auf  Pascal  Bezug  nimmt.  Er  trennt  die  umfassenden, 
aber  flachen  Denker  —  das  sind  die  Engländer,  die  in  der 
theoretischen  Physik  Modelle  und  Bilder  verwenden  —  von  den 
engen  aber  tiefen  Denkern,  die  logisch  vorgehen  —  das  sind 
die  Franzosen  und  Deutschen. 

In  feinsinniger  Weise  spricht  sich  Boltzmann  über  diese 
Frage  aus:  „Wie  der  Musiker  bei  den  ersten  Takten  Mozart, 
Beethoven,  Schubert  erkennt,  so  würde  der  Mathematiker 
nach  wenigen  Seiten  seinen  Cauchy,  Gauss,  Jakobi,  Helm- 
HOLTZ  unterscheiden.    Höchste  äußere  Eleganz,  mitunter  etwas 

^)  Blaise  Pascal,  Pens^es.  Abschnitt  Pens^es  diverses.  Vgl.  auch: 
De  Tesprit  g^om^trique. 

')  P.  DuHEM,  La  th^rie  phpsique.  Son  objet  et  sa  structure.  Paris, 
Bibl.  de  Philos.  exp^r.,  IL    Deutsch,  Leipzig  190S. 

10* 


148  Machs  Methodenlehre. 

schwache  Knochengerüste  charakterisiert  den  Franzosen,  die  größte 
dramatische  Wucht  die  Engländer,  vor  allem  MAXWELL*)." 

Gegen  Duhem  stellte  Volkmann  eine  andere  Scheidung 
auf  *).  Er  teilt  einfach  nach  Nationen,  wobei  natürlich  die  Unter- 
schiede der  Landsleute  einfach  unter  den  Tisch  fallen  und  die 
geistige  Strukturverwandtschaft  mit  Ausländem  unbeachtet  bleibt. 

Femer  fällt  hier  jedem  ein,  daß  ja  jAMES  den  Pragmatismus 
aufbaut  auf  der  Unterscheidung  der  beiden  Typen  „tender- 
minded"  und  „though-minded". 

Sehr  schön  sagt  er  da:  „Was  für  ein  Temperament  immer 
ein  Philosoph  von  Fach  besitzt,  immer  versucht  er,  wenn  er 
philosophiert,  sein  Temperament  zu  unterdrücken.  Temperament 
ist  keine  konventionell  anerkannte  Begründung,  und  deshalb  will 
er  für  seine  Schlüsse  nur  unpersönliche  Begründungen  ins 
Treffen  führen.  Tatsächlich  aber  wird  seine  Geistesrichtung 
durch  sein  Temperament  weit  stärker  beeinflußt  als  durch  seine 
streng  objektiven  Prämissen.  Sein  Temperament  gibt  den  Argu- 
menten ein  verschiedenes  Gewicht  nach  der  einen  oder  anderen 
Richtung,  indem  es  entweder  für  eine  mehr  sentimentale  oder 
mehr  für  eine  hartherzige  Weltanschauung  Partei  ergreift.  Er 
vertraut  seinem  Temperament.  Er  wünscht  eine  Welt,  die  dazu 
paßt,  und  glaubt  deshalb  an  jedes  Weltbild,  das  dazu  paßt.  Er 
fühlt,  daß  Männer  von  entgegengesetztem  Temperament  mit  dem 
wahren  Charakter  der  Welt  nicht  im  Einklang  sind,  und  be- 
trachtet diese  Männer  in  seinem  Herzen  als  nicht  maßgebend; 
er  meint,  sie  dringen  in  philosophische  Sachen  nicht  tief  genug, 
obwohl  sie  ihn  an  dialektischer  Geschicklichkeit  weit  übertreffen 
mögen. 

„Aber  in  der  Öffentlichkeit  kann  er  durch  bloße  Berufung 
auf  sein  Temperament  keinen  Anspmch  auf  höhere  Einsicht  oder 
größere  Autorität  erheben.  So  kommt  in  unsere  philosophischen 
Diskussionen  eine  „gewisse  Unaufrichtigkeit**  hinein*)." 

James  scheidet  die  Temperamente  der  Philosophen  in 
Rationalisten  und  Empiristen.  „Dabei  bedeutet  ,Empirist^ 
den  Freund  der  Tatsachen  in  ihrer  lebendigen  Mannigfaltigkeit 

*)  L.  Boltzmann,  Populäre  Schriften.    Leipzig  1905.    S.  73. 

*)  P.  Volkmann,  Ostwalds  Annalen,  VIL 

»)  W.  James,  Der  Pragmatismus.    Leipzig  1906.    S.  3 ff. 


8.  Wahrheit  und  Fruchtbarkeit.  149 

und  ^Rationalist^  den  Anhänger  abstrakter  und  ewiger  Prinzipien/^ 
Diese  Temperamente  charakterisiert  er  näher: 

Zartfühlend  (tender-minded),  Grobkörnig  (though-minded)) 

Rationalist  (Prinzipienmensch),  Empirist  (Tatsachenmensch), 

Intellektualist,  Sensualist, 

Idealist,  Materialist, 

Optimist,  Pessimist, 

Religiös,  Irreligiös, 

Anhänger  der  Willensfreiheit,  Fatalist, 

Monist,  Plural  ist, 

Dognwitiker,  Skeptiker. 

Ost  WALD*)  hält  den  Gegensatz  von  klassisch  und  roman- 
tisch für  die  Temperamente  der  Naturforscher  für  das  Richtige. 

Auch  Mach  hat  sich  zu  dieser  Frage  geäußert  und  zwar  im 
Vorworte  des  DUHEMschen  Werkes.  Er  betont  den  grofien  Einfluß 
der  Individualität  des  Forschers,  möchte  sie  aber  doch  nicht  in 
nationale  Klassen  zusammengefaßt  wissen.  In  der  Tat  ist  ja  auch 
gerade  das  am  schwierigsten,  wie  man  Mach  selber  einordnen  soll. 

Daß  diese  Momente  ausschlaggebend  wirken,  ist  offensichtiich. 
Daß  wir  diese  Faktoren  aber  heute  noch  nicht  mit  klaren  Worten 
benennen  können,  das  ist  ebenso  gewiß.  Jedenfalls  weist  auch 
dieser  Umstand  darauf,  daß  es  eine  absolute  Wahrheit  an  sich  nicht 
gibt,  sondern  daß  an  dem  Bilde  zu  Sais  täglich  gemeißelt  wird. 

Andererseits  möchten  wir  aber  einmal  hören,  wie  die  Be- 
rechtigung begründet  wird,  einen  philosophischen  Denker  mit 
seiner  Variation  und  Vererbung,  mit  seiner  Anpassung  und  Indi- 
vidualität einfach  außerhalb  der  DARWiNschen  Bedingungen  zu 
stellen.  Alle  lebende  Natur  ist  den  von  Darwin  aufgezeigten 
Faktoren  unterworfen,  wie  bringt  es  der  Erkenntnistheoretiker 
fertig,  der  doch  auch  ein  gewordenes  Naturprodukt  ist,  sich 
davon  zu  emanzipieren  und  sich  zu  isolieren? 

9.  Schluß. 

Alle  seine  Kapitel  füllt  Mach  mit  scharf  herausziselierten 
Beispielen,  mit  reichen  Schilderungen  über  das  Wesen  und 
Werden    der    Naturwissenschaft,    so   daß    der   trockene   Stoff 

*)  W.  Ostwald,  Große  Männer.    Leipzig  1909.    S.  371  ff. 


/ 


150  Machs  Methodenlehre. 

lebendig  wird  und  die  weitreichendsten  Anregungen  ausströmt. 
Die  pastose  Linienführung  der  individuellen  Wege,  die  die 
Klassiker  der  Naturwissenschaft  einschlugen,  fiberwuchert  sogar 
oft  den  eigenen  Faden. 

Dem  erkenntnistheoretischen  Gegner  sind  die  historischen 
Beispiele  ein  fiberflüssiges  Rankwerk,  für  Mach  sind  sie  die 
Hauptsache. 

Mit  leeren  logischen  und  erkenntnistheoretischen  Formen 
wird  nichts  Neues  entdeckt;  die  Psychologie  des  Forschers  zeigt 
vielmehr,  daß  dabei  die  wissenschaftliche  Phantasie,  die  Intuition 
und  die  Idealisierung  das  wichtigste  Moment  sind.  Machs 
ganze  Philosophie,  auch  seine  Methodenlehre,  sind  hauptsächlich 
daran  orientiert:  wie  findet  man  Neues?  Die  Erkenntnistheorie 
hingegen  zeigt  sich  an  neuen  Entdeckungen  wenig  interessiert, 
und  sie  hat  in  den  hundert  Jahren  der  Naturwissenschaft  keine 
nennenswerten  Dienste  geleistet.  Es  wird  sich  auch  schwerlich 
jemand  finden,  der  den  Satz  2mal2ist4  nun  besser  glaubt,  weil 
ihn  die  Erkenntnistheorie  post  festum  überflüssigerweise  ihrer- 
seits bestätigt. 

Die  Kontroverse  der  Erkenntnistheorie  gegen  Mach  ist 
andererseits  ein  ungleiches  Spiel:  Mach  wird  mit  der  Zukunfts- 
musik, mit  dem  Ideale  einer  Erkenntnistheorie  widerlegt,  das 
in  seinen  logischen  Einzelheiten  noch  gar  nicht  existiert.  Denn 
tatsächlich  hat  die  Erkenntnistheorie  die  einfachsten  Probleme 
noch  nicht  gelöst:  die  Realität  ist  ihr  zum  mindesten  hypo- 
thetisch. Wenn  Mach  gegen  seine  Kritiker  den  Spieß  umdreht 
und  fragt:  was  kannst  du  denn  über  die  Welt  und  die  Realität 
aussagen,  so  müssen  sie  verstummen.  Ja,  ob  die  Erkenntnis- 
theorie je  zur  Realität  gelangt,  das  ist  zweifelhaft,  und  ob  eine 
Erkenntnistheorie  überhaupt  möglich  ist,  das  wurde  noch  nie 
bewiesen  *). 

Das  letzte  erkenntnistheoretische  Argument  bleibt  immer: 
wie  etwas  genetisch,  darwinistisch  oder  psychologisch  entsteht, 
beweist  nichts  über  die  logische  Gültigkeit  dieses  Entstandenen. 
Zunächst  ist  die  Psychologie  noch  nicht  so  weit,  daß  sie  weiß, 
worin  die  logische  Gültigkeit  besteht  und  was  ein  Urteil  psycho- 

^)  Hans  Henning,  Irrgarten  der  Erkenntnistheorie.    Strasburg   1912. 

S.  noff. 


9.  Schluß.  151 

logisch  ist.  Jedenfalls  gibt  es  überhaupt  kein  Urteil  im  psycho- 
logischen Sinn,  sondern  nur  anschauliche  Begriffe.  Ist  das  erst 
festgestellt,  dann  wird  sich  der  Sachverhalt  schon  klären. 

Zweitens  bleibt  es  der  Erkenntnistheorie  ja  unbenommen, 
diese  logische  Prüfung  vorzunehmen;  bisher  hielt  sie  sich  meist 
nur  an  triviale  Sätze,  die  jeder  kennt.  Hat  sie  aber  ihr  Programm 
erst  erfüllt,  dann  ist  es  eine  zweite  Frage,  ob  diese  Ergebnisse 
für  die  Naturwissenschaft  auch  brauchbar  und  ob  sie  frucht- 
bar sind  oder  nicht.    Das  wird  sich  dann  ja  herausstellen. 


152 


Machs  Vorläufen 

Die  Geschichte  der  Philosophie  hat  ein  Interesse  daran, 
Extreme  festzunageln.  Gegensätze  verdeutlichen  eben,  sie  be- 
rühren sich  auch  wohl,  und  ohne  das  ließe  sich  ein  Rubrizieren 
schwerlich  durchführen. 

Natürlich  auf  Kosten  der  Autoren.  Erinnern  wir  uns  etwa, 
daß  Moleschott  sagte:  „Ohne  ein  Verhältnis  zum  Auge,  in 
das  er  seine  Strahlen  sendet,  ist  der  Baum  nicht  da.^  Und  an 
BÜCHNERS  Worte:  daß  „alle  Dinge  nur  füreinander  da  sind 
und  ohne  gegenseitige  Beziehung  nichts  bedeuten"*).  Diese 
Sätze  könnten  auch  einem  Buche  von  Mach  entnommen  sein. 
Aber  das  hilft  den  beiden  Autoren  nichts,  sie  sind  nun  mal  beim 
Materialismus  einregistriert. 

Die  hervorragende  Berücksichtigung  der  Extreme  durch  die 
Geschichte  der  Philosophie  zeitigt  einen  weiteren  Nachteil:  die 
Stillen  im  Lande,  die  auf  vernünftiger  Mittellinie  wandeln,  bleiben 
ungenannt.  So  erwähnt  die  Geschichte  der  Philosophie  keinen 
der  Vorläufer  Machs,  wenn  überhaupt  anders  als  kursorisch. 
Um  so  eher  haben  wir  Anlaß,  sie  Revue  passieren  zu  lassen. 

1.  Blaise  Pascal. 

Dieser  bedeutende  Physiker  und  Mathematiker  (1623— 1662) 
hinterließ  auch  eine  Menge  von  philosophischen  Aufzeichnungen 
auf  Zetteln,  die  sein  Freundeskreis  unter  dem  Titel  „Pens6es** 
herausgab.  Mit  der  Zeit  entstand  eine  beispiellose  Zahl  von 
Lesarten,  nach  dem  Original  richtet  sich  erst  wieder  die  Ausgabe 
von  Faugere  1844.  Alle  deutschen  Übersetzungen  wirken  etwas 
dunkel  wegen  des  ängstlichen  Klebens  am  französischen  Text^). 

^)  Büchner,  Die  Stellung  des  Menschen  in  der  Natur.  Leipzig  1870.  S.  1 17. 

<)  Bei  der  Kernfrage  Pascals,  der  Betonung  der  Subjektivität  des 
Denkens,  teilen  z.  B.  die  deutschen  Obersetzungen  die  „Arten  des  geraden 
Sinnes*^  ein  in  ,,Geradheit  des  Sinnes*^  und  „geometrischen  Geist^.  Da- 
durch erhält  gewiß  niemand  Klarheit. 


K 


1.  Blaise  Pascal.  153 

Wie  bei  Lichtenberg,  so  findet  man  auch  bei  Pascal 
wichtige  Bestimmungen,  die  zwar  noch  nicht  in  alle  Konse- 
quenzen verfolgt,  aber  doch  immerhin  betont  werden.  Da  wäre 
denn  zu  nennen  die  Relativität  %  das  Werden  %  die  Notwendig- 
keit des  natürlichen  Weltbildes  ^),  die  Unhaltbarkeit  von  Solipsis- 
mus und  Dogmatismus^). 

Pascal  steht  am  Beginne  der  Zeit,  welche  die  Bilder  und 
Gleichnisse  abschaffte  und  im  schlichtesten  Ausdruck  den  besten 
sah^).  Früher,  so  erwähnte  man,  habe  sich  die  Subjektivität  des 
Denkers  in  die  Beispiele  entladen.  Hört  nun  die  Subjektivität 
durch  das  Ausmerzen  allen  Illustrierens  auf?  Pascal  ist  nicht 
dieser  Meinung:  „II  arrive  souvent  qu'on  prend  pour  prouver 
certaines  choses  des  exemples  qui  sont  tels,  qu'on  pourrait 
prendre  ces  choses  pour  prouver  ces  exemples;  ce  qui  ne  laisse 
pas  de  faire  son  effet;  car,  comme  on  croit  toujours  que  la 
difficult^  est  ä  ce  qu'on  veut  prouver,  on  trouve  les  exemples 
plus  clairs*)." 

Heinrich  Hertz  spricht  in  seiner  Mechanik  von  Symbolen 
„solcher  Art,  daß  die  den  knotwendigen  Folgen  der  Bilder  stets 
wieder  die  Bilder  seien  von  den  naturnotwendigen  Folgen  der 
abgebildeten  Gegenstände".  W.  Thomson  hat  das  Modell  wie 
zahlreiche  Anhänger  Machs.  Hier  wie  dort  wird  das  Kriterium 
der  absoluten  Wahrheit  ausgeschaltet  und  statt  dessen  das  Bei- 
spiel, das  Modell  als  das  Entscheidende  gewählt. 

2.  Qeorq  Christoph  Lichtenberg. 

Mit  Recht  sagt  LiEBMANN  einmal,  die  Essayisten  könnten 
auch    allmählich   zu   einer   geschlossenen    Philosophie   führen. 

Montaigne,  Montesquieu,  Pascal,  La  Rochefoucauld, 

*)  Pens^es  ed.  Flammarion  Paris  (mit  Lesarten),  S.  273,  276,  302. 
«)  1.  c,  S.  275. 
»)  1.  c.,  S.  265. 
*)  I.  c,  S.  177  ff. 
'    *)  R.  EucKEN,  Über  Bilder  und  Gleichnisse  in  der  Philosophie.  Leipzig 

•)  FAUGäRE  schreibt:  „Les  exemples  qu*on  prend  pour  prouver  d*autres 
choses,  si  on  voulait  prouver  les  exemples,  on  prendrait  les  autres  choses 
pour  en  6tre  les  exemples**  und  fügt  hinzu:  „et  aidant  ä  les  montrer.** 


154  Machs  Vorläufer. 

Lichtenberg,  Goethe,  Emerson,  Hebbel  und  andere  sind 
der  Born,  aus  dem  mancher  systematische  Philosoph  schöpfte. 

Lichtenberg,  der  Physiker,  Literat  und  Philosoph  (1742 
bis  1799)  rangiert  in  der  Nähe  HUMEs,  der  seinerseits  in  der 
prinzipiellen  Auffassung  nicht  unschwer  mit  MACH  zu  verbinden 
wäre.  „Wenn  man  über  Idealismus^^,  so  sagt  Lichtenberg,  „in 
verschiedenen  Stadiis  des  Lebens  nachdenkt,  so  geht  es  ge- 
meiniglich so:  zuerst  als  Knabe  lächelt  man  über  die  Albernheit 
desselben;  etwas  weiter  findet  man  die  Vorstellung  artig,  witzig 
und  verzeihlich,  diskutiert  gern  darüber  mit  Leuten,  die  sich 
ihrem  Stand  oder  Alter  nach  noch  im  ersten  Stadio  befinden. 
Bei  reifen  Jahren  findet  man  ihn  zwar  ganz  sinnreich,  sich  und 
andere  damit  zu  necken,  aber  im  ganzen  kaum  einer  Wider- 
legung wert  und  der  Natur  widersprechend.  Man  hält  es  nicht 
der  Mühe  wert  weiter  daran  zu  denken,  weil  man  glaubt,  oft 
genug  daran  gedacht  zu  haben.  Aber  weiterhin  bekommt  er, 
bei  ernstlichem  Nachdenken  und  nicht  ganz  geringer  Bekannt- 
schaft mit  menschlichen  Dingen,  eine  ganz  unüberwindliche 
Stärke.  Denn  man  darf  nur  bedenken,  wenn  es  auch  Gegen- 
stände außer  uns  gibt,  so  können  wir  ja  von  ihrer  objektiven 
Realität  schlechterdings  nichts  wissen.  Es  verhalte  sich  alles 
wie  es  wolle,  so  sind  und  bleiben  wir  ja  doch  nur  Idealisten, 
ja,  wir  können  schlechterdings  nichts  anderes  sein.  Denn  alles 
kann  uns  ja  nur  durch  unsere  Vorstellung  gegeben  werden^)." 

Diese  Worte  zeigen  uns,  wie  man  in  den  verschiedenen 
Entwicklungsstadien  den  idealistischen  Überzeugungen  stets  eine 
Folie  entgegenhält;  relativ  zu  ihr  hat  man  immer  recht,  und  es 
ist  auch  eine  positive  Arbeit  getan,  wenn  man  manches,  was  der 
Naive  als  real  anspricht,  ins  Subjekt  verlegt.  Man  gelangt  also, 
ohne  sich  irgendwie  auf  Absurditäten  zu  ertappen,  ganz  natur- 
gemäß in  den  erkenntnistheoretischen  Kreis,  daß  alles  Existie- 
rende Vorstellung  sei.  Damit  läßt  man  jede  Folie  fallen;  ohne 
Kontrast  stellt  sich  unsere  Überzeugung  nun  als  absurd  dar, 
aber  wir  kommen  logisch  aus  dem  Zirkel  nicht  mehr  heraus. 
Die  Konsequenz  treibt  uns  dazu  zu  sagen,  daß  wir  von  den 
fremden   Ich   auch  nichts   wüßten  außer  unseren  Vorstellungen 


*)  G.  Chr.  Lichtenberg,  Vermischte  Schriften.    Reclam.    S.63. 


2.  Georg  Christoph  Lichtenberg.  155 

von  ihnen:  wir  landen  beim  Solipsismus.  Mit  erkenntnistheore- 
tischen Waffen  ist  da  nichts  auszurichten^). 

Den  allerletzten  Schritt  zum  Solipsismus  ist  Lichtenberg 
nie  gegangen,  jedoch  hat  er  sich  im  idealistischen  Zirkel  sehr 
abgeplagt:  „Äußere  Gegenstände  zu  erkennen  ist  ein  Wider- 
spruch; es  ist  dem  Menschen  unmöglich,  aus  sich  heraus- 
zugehen *)."  Zufrieden  ist  er  aber  damit  nicht:  „Nichta  schmerzt 
mich  mehr  bei  allem  meinem  Tun  und  Lassen,  als  daß  ich  die 
Welt  so  ansehen  muß,  wie  der  gemeine  Mann,  da  ich  doch 
szientifisch  weiß,  daß  er  sie  falsch  ansieht  ^).^* 

Doch  unternahm  er  zahlreiche  Versuche,  dem  verhaßten 
Ringe  zu  entfliehen.  Sie  sind  es,  die  ihn  zum  Vorläufer  modemer 
Ideen  machen. 

Der  erste  Weg  ist  skeptisch :  „Ich  glaube  doch  nun  wirklich, 
daß  die  Frage,  ob  die  Gegenstände  außer  uns  objektive  Realität 
haben,  keinen  vernünftigen  Sinn  hat . . .  Die  Frage  ist  fast  so 
töricht  als  die:  ob  die  blaue  Farbe  wirklich  blau  sei^V^  Er  will 
also  das  Problem  als  ein  Scheinproblem  hinstellen:  „Mir  kommt 
es  immer  so  vor,  als  wenn  der  Begriff  Sein  etwas  von  unserem 
Denken  Erborgtes  wäre^).^^  Doch  er  kommt  noch  näher  an  die 
Erkenntniskritik  (Empiriokritizismus)  heran:  „Ist  es  nicht  sonder- 
bar, daß  der  Mensch  etwas  zweimal  haben  will,  wo  er  an  einem 
genug  hätte  und  notwendig  genug  haben  muß,  weil  es  von 
unseren  Vorstellungen  zu  den  Ursachen  keine  Brücke  gibt^)." 
Diese  Verdoppelung  des  Seins  kennen  Mach  und  Avenarius 
ebenfalls  und  suchen  sie  zu  beseitigen.  Will  man  die  Dinge 
noch  mal  haben  —  als  Ding  an  sich,  das  mit  den  Eigenschaften 
nicht  erschöpft  ist  —  so  ist  das  eine  unberechtigte  Extra- 
jektion').  Avenarius  hingegen  wählt  den  umgekehrten  Weg 
und  verdammt  die  Introjektion®). 

Wie  bei  Pascal,  so  finden  wir  auch  bei  ihm  einen  Ansatz 

*)  Henning,  Irrgarten  der  Erkenntnistheorie.    S.  97  ff. 
*)  Lichtenberg,  1.  c,  S.  64. 

f   I.  C,  o*  OU. 

*)  I.  c,  S.  74. 
^       »)  l.  c,  S.  29. 
•)  l.  c,  S.  75. 
*)  Mach,  Nr.  91,  S.  46. 
^)  R.  Avenarius,  Der  menschliche  Weltbegriff.  Leipzig  1905.  S.  25ff. 


156  Machs  Vorläufer. 

zur  Abbildtheorie:  „Die  Vorstellung,  die  wir  uns  von  einer 
Seele  machen,  hat  viel  Ähnliches  mit  der  von  einem  Magneten 
in  der  Erde.  Es  ist  bloß  Bild.  Es  ist  ein  dem  Menschen  an- 
geborenes Erfindungsmittel,  sich  alles  unter  dieser  Form  zu 
denken  ^)." 

Weiterhin  versucht  er  Definitionen  zugrunde  zu  legen  und 
mit  Annäherungen  sein  Auskommen  zu  finden:  „Sätze,  worüber 
alle  Menschen  übereinkommen,  sind  wahr,  sind  sie  nicht  wahr, 
so  haben  wir  gar  keine  Wahrheit*)."  Hier  käme  er  also  an 
Tetens  heran,  den  Kant  bei  der  Arbeit  an  der  Kritik  stets 
aufgeschlagen  liegen  hatte,  der  aber  in  vielem  weiter  reicht  als 
Kant.  Außerdem  vertritt  Lichtenberg  damit  schon  die  Grund- 
linien der  modernen  Annäherungstheoretiker,  die  ich  andern- 
orts behandelte'). 

Die  Scheidung  in  „praeter  nos"  und  „extra  nos"  führt  auf 
VOLKELTs  Theorie  vom  transzendenten  Minimum. 

Die  Berührung  mit  MACH  und  AVENARILJS  ist  aber  noch 
weiter  ausgebaut:  „Wenn  ich  etwas  als  Körper  und  dann  als 
Geist  betrachte,  das  gibt  eine  entsetzliche  Parallaxe.  Man  könnte 
jenes  den  somatozentrischen  und  dieses  den  pspchozentrischen 
Ort  eines  Dinges  nennen  *)."  Gemeinsam  mit  ihnen  hat  Lichten- 
berg ferner  die  Wahl  des  natürtichen  Weltbildes  als  Ausgangs- 
punkt, sowie  zahlreiche  genetische  Erörterungen.  „Man  bedenkt 
nicht,  daß  Sprechen,  ohne  Rücksicht  von  was,  eine  Philosophie 
ist.  Jeder,  der  Deutsch  spricht,  ist  ein  Volksphilosoph,  und 
unsere  Universitätsphilosophie  besteht  in  Einschränkungen  von 
jener.  Unsere  ganze  Philosophie  ist  Berichtigung  des  Sprach- 
gebrauches, also  die  Berichtigung  einer  Philosophie  und  zwar 
der  allgemeinsten  *)." 

Wie  Mach  nimmt  auch  Lichtenberg  eine  Auflösung  des 
Ich  in  Elemente  vor:  „Wir  werden  uns  gewisser  Vorstellungen 
bewußt,   die   nicht   von    uns    abhängen;   andere,   glauben  wir 


*)  1.  c,  s.  55. 

•)  I.  c,  S.  45. 

*)  Hans  Henning,  Goethe  und  die  Fachphilosophie.    Straßburg,  Bon- 
gard 1912. 

*)  1.  c,  S.  47. 
*)  1.  c,  S.  61. 


2.  Georg  Christoph  Lichtenberg.  157 

wenigstens,  hingen  von  uns  ab;  wo  ist  die  Grenze?  Wir  kennen 
nur  allein  die  Existenz  unserer  Empfindungen,  Vorstellungen 
und  Gedanken.  Es  denkt,  sollte  man  sagen,  wie  man  sagt: 
es  blitzt.  Zu  sagen  cogito,  ist  schon  zu  viel,  sobald  man  es 
durch  Ich  denke  übersetzt.  Das  Ich  anzunehmen,  zu  postulieren, 
ist  praktisches  Bedürfnis  ^).^^  Mach  selbst  erzählt  uns^),  einen 
wie  tiefen  und  entscheidenden  Einfluß  diese  Worte  auf  ihn  aus- 
übten. 

Unser  Zitat  wurde  dadurch  besonders  in  den  Vordergrund 
geschoben,  daß  die  Kantianer  mit  seiner  Hilfe  versuchten  Mach 
zum  Metaphpsiker  zu  stempeln.  Da  möchte  ich  nicht  unterlassen 
darauf  hinzuweisen  —  was  schon  Fr.  A.  Lange  tat')  — ,  daß 
Kant  sogar  selbst  auf  dieser  Behauptung  fußt^). 

Und  so  landet  Lichtenberg  bei  der  anthropomorphen  Po- 
sition, über  die  auch  Mach  nicht  hinaus  ins  Reich  des  Trans- 
zendenten hinüberschielen  will:  alles  was  wir  als  Menschen  für 
reell  erkennen  müssen,  ist  es  auch  wirklich  für  Menschen  ^).  „Mit 
eben  dem  Grade  von  Gewißheit,  mit  dem  wir  überzeugt  sind, 
daß  etwas  ins  uns  vorgeht,  sind  wir  auch  überzeugt,  daß  etwas 
außer  uns  vorgeht.  Wir  verstehen  die  Worte  innerhalb  und 
außerhalb  sehr  wohl.  Es  wird  wohl  niemand  in  der  Welt  sein, 
auch  wohl  schwerlich  geboren  werden,  der  nicht  diesen  Unterschied 
empfände;  und  das  ist  für  die  Philosophie  hinreichend;  hierüber 
sollte  sie  nicht  hinausgehen;  es  ist  doch  alles  unnütze  Mühe  und 
verlorene  Zeit*).** 

3.  Michael  Faraday. 

Mit  Faraday  (1791—1867)  beginnt  in  der  Phpsik  eine  Be- 
trachtungsweise, die  nur  aus  seiner  Persönlichkeit  und  Genialität 
entsprang.  Er  besaß  eine  ungewöhnliche  induktive  Kraft,  sah 
außerordentlich  viel  mehr  als  andere  und  konnte  das  dann  auch 
mit  schlagenden  Worten  bezeichnen. 

»)  I.  c,  S.  74  f. 

»)  Nr.9I,  S.23. 

*)  P.A. Lange,  Geschichte  des  Materialismus.  Leipzig,  1902,  Bd.  1,S. 279. 

*)  Kant,  Kritik  der  reinen  Vernunft    2.  Aufl.,  S.  404. 

»)  Lichtenberg,  1.  c,  S.  70. 

•)  1.  c,  S.  75. 


158  Machs  Vorläufer. 

Der  elektrische  Strom  ist  für  ihn  eine  „Achse  von  Kraft^*. 
Faradays  Begriffe  sind  nicht  logische  Worte  oder  mathematische 
Spmbole,  sondern  räumliche  Anschauungen.  Mit  seinen  Kr^- 
linien  wird  eine  neue  Art  von  Begriffsbildung,  ein  räumliches 
Schema,  in  die  Naturwissenschaft  eingeführt.  Die  Kraftlinien 
sind  Kurven,  die  die  Richtung  der  im  Räume  wirkenden  Kräfte 
abbilden,  sie  stehen  senkrecht  auf  den  Niveauflächen.  Alle  Punkte 
mit  gleichem  elektrischen  Potential  werden  dargestellt  als  eine 
den  Körper  umschließende  Fläche,  die  Niveaufläche.  Potential- 
differenz besteht  zwischen  Punkten  verschiedener  Niveauflächen. 

Eine  Folge  hiervon  war,  daß  die  NEWTONschen  Femkräfte, 
die  längst  als  Stein  des  Anstoßes  empfunden  wurden,  ersetzt 
werden  durch  Zustandsänderungen,  die  sich  durch  alle  Volum- 
elemente (mit  Lichtgeschwindigkeit)  fortpflanzen.  Damit  war  die 
elektrische  Fluiditätstheorie  gestürzt*).  Jedoch  schlössen  Faraday 
und  Maxwell  diese  Auffassungen  noch  nicht  ab,  das  blieb  Hein- 
rich Hertz  vorbehalten.  Die  Mechanik,  die  bis  dahin  die  Grund- 
lage aller  naturwissenschaftlicher  Untersuchungen  war,  wurde 
dadurch  entthront'),  an  ihre  Stelle  trat  die  Elektrodynamik,  aus 
der  nun  die  einfachsten  Gesetze  der  Mechanik  abgeleitet  werden 
sollen.  Faraday  hat  heftigen  Widerspruch  erfahren  müssen,  weil 
seine  Auffassung  nicht  mit  der  klassischen  Theorie  von  COULOMB 
stimmte;  heute  hat  er  längst  gesiegt.  Gerade  die  Technik  ver- 
wendet die  FARADAYschen  Kraftlinien,  die  auch  das  einzige 
Mittel  sind,  Effekte  vorherzubestimmen. 

Besonders  interessant  ist  Faradays  Philosophie  der  Materie. 
Vor  ihm  war  das  Kraftzentrum  das  Reale,  die  Kräfte  hingegen 
ein  mathematischer  Ausdruck.  Für  FARADAY  hingegen  ist  das 
Potential,  das  Wirken  der  Kräfte  zwischen  den  Zentren  von  Punkt 

^)  Sätze,  die  die  moderne  Auffassung  charakterisieren,  wie  der  nach- 
folgende vonDüHEM,  wären  früher  unmöglich  gewesen:  „Man  muß  am  gal- 
vanischen Leiter  eine  neue  primäre  Qualität  erkennen,  deren  Existenz 
Ausdruck  gegeben  wird,  indem  man  sagt,  der  Draht  ist  von  einem  Strom 
durchflössen.^ 

')  Die  klassische  Mechanik  ist  abgeschlossen,  insofern  man  nicht  an 
der  1.  NEWTONschen  Lex  rüttelt,  was  allerdings  bei  dem  Relativitätsprinzip 
erforderlich  ist.  Die  zweite  Mechanik  ist  diejenige  von  Hertz.  Eine  dritte 
ist  noch  möglich:  eine  rein  energetische;  sie  ist  begründet  von  Helm  (Zeit- 
schrift f.  Math.  u.  Phys.,  35). 


3.  Michael  Farad ay.  159 

zu  Punkt  eine  Realität,  die  er  durch  Anschauung  erfaßt  und  die 
ihm  als  Ursache  der  Kraftwirkung  erscheint.  Seine  Kraftlinien 
lassen  sich  fiberall  anwenden  und  zeigen  die  größte  Frucht- 
barkeit. 

Zunächst  geht  er  auch  vom  Zentrum,  vom  Atom  aus,  allein 
dieses  wird  entmaterialisiert,  wie  das  vor  ihm  schon  BoscowiCH*) 
getan  hatte.  Faraday  sagt:  „Das  Wort  Atom,  welches  niemals 
gebraucht  werden  kann,  ohne  daß  es  vieles  einbegreift,  was  rein 
hypothetisch  ist,  wird  oft  in  der  Absicht  gebraucht,  um  eine  Tat- 
sache auszudrücken,  aber  so  lobenswert  diese  Absicht  auch  sein 
mag,  ich  habe  noch  niemals  einen  Menschen  gefunden,  dessen 
Verstand  sich  daran  gewöhnt  hätte,  jenes  Wort  von  den  es  be- 
gleitenden verführerischen  Vorstellungen  frei  zu  halten*)." 

„Der  Unterschied  zwischen  einem  als  hart  vorausgesetzten 
kleinen  Partikelchen  und  den  dasselbe  umgebenden  Kräften  ver- 
mag ich  mir  nicht  vorzustellen.  Für  meinen  Verstand  verschwindet 
daher  der  Kern  a  und  die  Substanz  besteht  aus  den  Kräften  m . . . 
Denn  in  allen  Erscheinungen  der  Schöpfung  kennen  und  erkennen 
wir  nur  die  Kräfte  —  abstrakte  Materie  nicht  in  einem  einzigen 
Falle,  warum  sollen  wir  also  die  Existenz  von  demjenigen  an- 
nehmen, was  wir  nicht  kennen,  was  wir  nicht  begreifen  und  für 
dessen  Annahme  keine  Nötigung  des  Denkens  vorhanden  ist?*)" 

Dem  Äther  geht  es  nicht  besser:  „Man  nimmt  an,  daß  der 
Äther  alle  Körper  ebensogut  wie  den  Raum  durchdringe;  nach 
der  gegenwärtig  von  mir  ausgesprochenen  Ansicht  sind  es  die 
Kräfte  der  Atomzentra,  die  alle  Körper  durchdringen  (und  bilden) 
und  ebenso  den  Raum^)." 

Gewiß  haben  Aristoteles  %  Locke  «),  auch  G.  Th.  Fech- 
NER  u.  a.  sich  philosophisch  ähnlich  augesprochen ;  allein  zwischen 
ihnen  und  Faraday  besteht  doch  ein  wesentlicher  Unterschied: 
wohl  ist  ihnen  das  Objekt  mit  den  Eigenschaften  erschöpft,  aber 

^)  BoscowiCH,  Werke.    5  Bde.,  Bassano,  1785. 

*)  Faraday,  A  speculation  touching  Electric-Conduction  and  the  Nature 
of  Matter.    Phil.  Mag.«  24,  S.  136,  1844,  Ser.  3. 

•)  1.  c,  S.  141. 

*)  Faraday,  Phil.  Mag.,  28,  1846,  S.  349. 

»)  Aristoteles,  De  Gen.  et  Comipt.,  2;  1,3,4,6.  —  Metaph.,  3,5; 
4,  2;  6, 1. 

*)  Locke,  Versuch  über  den  menschlichen  Verstand.  2.  Bd.,  Kap.  23  u.  24. 


160  Machs  Vorläufer. 

die  Existenz  der  Kraftlinie  ist  logisch  der  Realität  von  Eigen- 
schaften nicht  äquivalent. 

Die  Philosophie  der  Materie  bei  MACH  und  Faraday  ist 
wie  die  ganze  naturphilosophische  Grundauffassung  so  über- 
einstimmend, daß  ich  nicht  besonders  darauf  hinweisen  brauche. 
Zunächst  sei  geschildert,  wie  die  FARADAYschen  Ergebnisse  von 
Maxwell  weitergeführt  wurden. 

4.  James  Clerk  Maxwell 

Maxwell  (1831—1879)  war  der  erste,  der  Farad ays  Ex- 
perimental  Researches  richtig  zu  lesen  verstand;  ihm  kongenial 
übersetzte  er  sie  in  die  Sprache  der  Mathematik.  Hertz  cha- 
rakterisiert ihn  sehr  schön :  „Auf  die  Frage,  was  ist  die  Maxwell- 
sche  Theorie?  wüßte  ich  also  keine  kürzere  und  bestimmtere 
Antwort  als  diese:  die  MAXWELLsche  Theorie  ist  das  Spstem 
der  MAXWELLschen  Gleichungen^)"  und  treffend  illustriert  BOLTZ- 
MANN  die  dynamische  Gastheorie  Maxwells:  „Zuerst  entwickeln 
sich  majestätisch  die  Variationen  der  Geschwindigkeiten,  dann 
setzen  von  der  einen  Seite  die  Zustandsgieichungen,  von  der 
anderen  die  Gleichungen  der  Zentralbewegung  ein,  immer  höher 
wogt  das  Chaos  der  Formeln;  plötzlich  ertönen  die  vier  Worte: 
„Put  n  =  5".  Der  böse  Dämon  V  verschwindet,  wie  in  der 
Musik  eine  wilde,  bisher  alles  unterwühlende  Figur  der  Bässe 
plötzlich  verstummt;  wie  mit  einem  Zauberschlage  ordnet  sich, 
was  früher  unbezwingbar  schien.  Da  ist  keine  Zeit,  zu  sagen, 
warum  diese  oder  jene  Substitution  gemacht  wird;  wer  das  nicht 
fühlt,  lege  das  Buch  weg;  Maxwell  ist  kein  Programmusiker, 
der  über  die  Noten  deren  Erklärung  setzen  muß.  Gefügig  speien 
nun  die  Formeln  Resultat  auf  Resultat  aus,  bis  überraschend  als 
Schlußeffekt  noch  das  Wärmegleichgewicht  eines  schweren  Gases 
gewonnen  wird,  und  der  Vorhang  sinkt*)." 

HöFFDiNG»)  behandelte  Maxwells  Philosophie  in  einem 
kürzeren  Abschnitte   und  kommt  zu  dem  Ergebnis,  Maxwell 

')  Heinrich  Hertz,  Untersuchungen  über  die  Ausbreitung  der  elektri- 
schen Kraft    Leipzig  1892.  S.  23. 

•)  Ludwig  Boltzmann,  Gustav  Robert  Kirchhoff.  Festrede  in  Graz. 
15.  Nov.  1887. 

")  Harald  Höpfding,  Moderne  Philosophen.  Leipzig  1905.  S.  99— 104. 


4.  James  Clerk  Maxwell.  161 

sei  inkonsequent  und  widerspreche  sich.  Theologische  Vor- 
stellungen lägen  auf  der  Lauer,  die  ihn  zu  dogmatischen  Äuße- 
rungen über  die  materiellen  Atome  und  das  Verhältnis  von  Leib 
und  Seele  führten.  Nun,  so  gar  theologisch  ist  das  gerade  nicht; 
auch  stehen  diese  Fragen  gewiß  nicht  im  Mittelpunkte  des  Max- 
WELLschen  Denkens.  Dann  aber  hat  HÖFFDING  übersehen  — 
was  längst  erwiesen  ist,  auch  Boltzmann  betont  das  — ,  weil 
seine  Anschauungen  wenig  Verständnis  und  viel  Mißverständnis 
fanden,  und  weil  er  für  junge  Studierende  schreiben  wollte, 
,,glaubte  Maxwell  später  die  alten  Vorstellungen  mit  den 
seinigen  mischen  zu  sollen,  wodurch  aber  Leser,  die  mit  dem 
Treatise  beginnen,  gerade  irregeführt  werden".  Und  dem  ist 
HÖFFDING  zum  Opfer  gefallen. 

Maxwell  baute  die  mechanische  Wärmethorie  aus  und  ist 
der  Begründer  der  elektromagnetischen  Lichttheorie.  Nach  dieser 
sind  die  Lichtschwingungen  nur  elektrische  und  magnetische 
Schwingungen;  mit  diesen  ahmte  Hertz  später  das  Licht  nach. 
Maxwell  benutzt  in  seiner  Elektrizitätstheorie  Wirbelbewegungen 
des  Äthers,  die  denen  in  Flüssigkeiten  analog  sind.  Das  Trägheits- 
gesetz kann  kein  Fundamentalgesetz  sein,  da  aus  den  Maxwell- 
schen  Gleichungen  für  den  Elektromagnetismus  folgt,  daß  ein 
bewegtes  elektrisches  Teilchen  ohne  Masse  und  Trägheit  durch 
die  Wirkung  des  umgebenden  Äthers  sich  bewegt,  als  ob  es 
träge  Masse  besäße^).  Daraus  ergibt  sich  die  Hypothese: 
Körper  besitzen  keine  träge  Masse,  sondern  sie  bestehen  aus 
Elektronen;  ihre  Bewegung  ist  also  scheinbar  und  durch  die 
Wirkung  des  Äthers  bei  ihrer  Bewegung  hervorgerufen.  Stefan 
und  Helmholtz  bildeten  die  MAXWELLsche  Theorie  weiter,  und 
sie  erreichten  den  Anschluß  an  die  alten  Formeln,  so  daß  die 
neue  Theorie  verständlicher  wurde. 

Philosophisch  wichtig  ist  bei  allem,  daß  nun  nicht  mehr  die 
Mechanik  die  Grundlage  der  Naturwissenschaft  ist,  sondern  die 
Elektrodynamik.  Die  Ruhe  wird  als  Grenzfall  der  Bewegung 
begriffen  und  nicht  mehr  die  Bewegung  aus  der  Ruhe,  die  Dy- 
namik aus  der  Statik.  Die  Bewegungslehre,  die  Kinematik  scheidet 

*)  In  der  stereochemischen  Tetraedertheorie  van't  Hopfs  kann  eine 
elektrische  Ladung  dem  Körper  bezüglich  der  optischen  Aktivität  Antipoden- 
charakter geben,  also  Materie  ersetzen,  Analogien  ließen  sich  häufen. 

Henning,  Ernst  Mach.  ]1 


162  Machs  Vorläufer. 

sich  nur  insofern  von  der  Geometrie,  daß  hier  die  Zeit  als  meß- 
bare Größe  fehlt.  Trotzdem  ist  die  Geometrie  aus  der  Kinematik 
abgeleitet,  da  die  Vorstellung  der  Bewegung  der  geometrischen 
Vorstellung  der  Form  zugrunde  liegt. 

Maxwells  Bestimmungen  zur  Erkenntnislehre  sind  von  sehr 
großer  Schärfe;  sie  befinden  sich  hauptsächlich  in  der  Arbeit 
„Über  Faradays  Kraftlinien"*),  Er  sagt  da:  „Wir  müssen  vor 
allem  die  Ergebnisse  der  früheren  Untersuchungen  vereinfachen 
und  auf  eine  dem  Verstände  möglichst  leicht  zugängliche  Form 
bringen."  Damit  deutet  er  schon  Machs  Prinzip  der  Ökonomie 
an.  „Die  Resultate  dieser  Vereinfachung  können  entweder  die 
Gestalt  einer  rein  mathematischen  Formel  oder  die  einer  physi- 
kalischen Hypothese  annehmen.  Im  ersten  Falle  verlieren  wir 
die  zu  erklärenden  Erscheinungen  ganz  aus  dem  Auge  und 
können  niemals  eine  umfassendere  Übersicht  über  die  inneren 
Beziehungen  des  Gegenstandes  gewinnen,  wenn  wir  auch  die 
Folgerungen  aus  gegebenen  Gesetzen  zu  berechnen  vermögen  •)• 
Wenn  wir  andererseits  eine  physikalische  Hypothese  wählen,  so 
sehen  wir  die  Erscheinungen  wie  durch  eine  gefärbte  Brille  und 
sind  zu  jener  Blindheit  gegen  Tatsachen  und  Voreiligkeit  in  den 
Annahmen  geneigt,  welche  eine  auf  einem  einseitigen  Standpunkte 
stehende  Erklärung  begünstigt.  Wir  müssen  daher  eine  Unter- 
suchungsmethode ausfindig  machen,  welche  uns  bei  jedem  Schritte 
zu  einer  klaren  physikalischen  Anschauung  befähigt,  ohne  uns 
an  eine  spezielle  Theorie  zu  binden,  von  welcher  diese  An- 
schauung entlehnt  ist,  damit  wir  weder  durch  die  Verfolgung 
analytischer  Subtilitäten  vom  Gegenstand  abgezogen,  noch  durch 
eine  Lieblingshypothese  von  der  Wahrheit  entfernt  werden. 

„Um  physikalische  Vorstellungen  zu  erhalten,  ohne  eine  spe- 
zielle physikalische  Theorie  aufzustellen,  müssen  wir  uns  mit  der 
Existenz  physikalischer  Analogien  vertraut  machen.  Unter 
einer  physikalischen  Analogie  verstehe  ich  jene  teilweise  Ähn- 
lichkeit zwischen  den  Gesetzen  eines  Erscheinungsgebietes  mit 
denen   eines  anderen,  welche  bewirkt,  daß  jedes  das   andere 

*)  Maxwell,  Transact.  of  the  Cambridge  phil.  soc  Bd.  10,  S.  27  und 
Ostwalds  Klassiker,  Nr.  69. 

*)  Das  ist  auch  die  Ansicht  von  Kirchhopp  und  Hertz,  wie  Boltzmann 
kommentiert. 


4.  James  Clerk  Maxwell.  163 

illustriert."  Das  ist  Maxwells  „dynamical  illustration"  *).  Das 
von  Pascal  angedeutete  Abbild  als  Kriterium  finden  wir  hier 
klar  ausgesprochen.  Der  Zusammenhang  mit  Mach  wird  be- 
sonders durch  das  Nachfolgende  offensichtlich: 

Maxwell  betont  oft,  daß  die  Verifikation  nicht  ausreicht. 
Bilder,  die  in  vielen  Fällen  angepaßt  waren,  genügen  automatisch 
noch  in  anderen.  Manchmal  leisten  verschiedene  Erklärungsarten 
denselben  Dienst;  ein  Vorzug  stellt  sich  aber  erst  bei  neuen  un- 
bekannten Phänomenen  für  die  eine  oder  andere  heraus,  so  daß 
man  vorsichtig  sein  muß.  In  seinen  Werken  gibt  Maxwell 
zahlreiche  Beispiele  dafür. 

Auch  den  Begriff  der  Arbeitshypothese  deutet  Maxwell 
an:  „Noch  hat  niemand  ein  Atom  erblickt  oder  befühlt,  und  un- 
sere Atomhypothese  wird  vielleicht  durch  eine  neue  Theorie  von 
der  Konstitution  der  Materie  verdrängt  werden.  Jedoch  ist  die 
Vorstellung  von  ungezählten  einzelnen  Dingen,  die  gleichartig 
und  unveränderlich  sind,  nicht  im  menschlichen  Bewußtsein 
entstanden,  ohne  Frucht  zu  tragen.^^  Dieselbe  Denkart  spiegeln 
auch  seine  Grundgleichungen  auf,  die  er  ohne  Ableitung  kraft 
ihrer  inneren  Wahrheit  und  Fruchtbarkeit  aufstellte. 

Damit  verlassen  wir  vorläufig  diese  Entwicklungslinien,  um 
zunächst  die  physiologischen  und  psychologischen  Fäden  auf- 
zunehmen, die  in  die  gemeinsame  Weltanschauung  hinleiten. 

5.  Johannes  MüaER. 

Johannes  Müller  (1801—1858)  begründete  die  experimen- 
tellen Methoden  in  der  Physiologie,  die  sich  dadurch  von  der 
Anatomie  als  selbständige  Wissenschaft  abzweigte;  dem  Namen 
nach  geschah  das  allerdings  erst  nach  Müllers  Tode.  Er  trieb 
als  erster  Planktonstudien  und  war  bahnbrechend  in  der  patho- 
logischen Histologie.  Besonders  trat  er  dann  in  der  Sinnes- 
physiologie hervor  durch  seine  Lehre  von  der  spezifischen  Sinnes- 
energie *).   In  der  physiologischen  Optik  findet  man  bei  ihm  die 

^)  Maxwell,  Scientific  papers.  Bd.  1,S.537.  Ropal  soc.  tr.,  Bd.  55, 1865. 

^  Zur  vergleichenden  Physiologie  des  Gesichtssinnes  des  Menschen 
und  der  Tiere.  Leipzig  1826.  —  Handbuch  der  Physiologie  des  Menschen. 
2  Bde.    Koblenz  1837—44. 

11» 


/ 


164  Machs  Vorläufer. 

bis  auf  Ptolomäljs  zurück  verfolgbare  Lehre  von  den  identischen 
Netzhautstellen;  er  gelangt  von  hier  aus  bis  zum  HERiNGschen 
Sehraum  ^  der  vom  geometrischen  Raum  verschieden  ist;  in  ihn 
ordnet  er  auch  den  eignen  Leib  ein,  fällt  aber  in  metaphysische 
Fragen  zurück.  Die  Entfemungsschätzungen  (MüLLERscher  Ho- 
ropterkreis)  faßt  er  als  Verstandessache  auf;  hierin  unterscheidet 
er  sich  von  den  späteren  Nativisten.  Die  Innervationen  hält  er 
für  empfindbar;  hierin  stand  MACH  anfangs  auf  Müllers  Seite, 
machte  sich  später  aber  davon  frei*). 

Die  Prozesse  der  Sehsinnsubstanz  können  nach  Müllers 
Forschungen  auch  ohne  Netzhauterregung  spontan  verlaufen. 
Darauf  baute  er  seine  grundlegende  Arbeit  „Die  phantastischen 
Gesichtserscheinungen.    Koblenz  1826.^^ 

Mach  verwendet  diese  Ergebnisse  als  Stütze  für  seine  Phi- 
losophie; er  ändert  daran,  daß  die  Erscheinungen  nicht,  wie 
MÜLLER  annahm,  den  Assoziationsgesetzen  widersprechen. 
MÜLLER  lieferte  weiter  eine  große  Anzahl  bedeutender  Spezial- 
arbeiten.  Der  Wert  seiner  Persönlichkeit  wird  noch  lange  zu 
spüren  sein,  dieser  Persönlichkeit,  die  alle  seine  Schüler  ihre 
Wege  selbständig  nach  ihrer  Art  gehen  ließ  und  die  sie  trotz- 
dem in  beispielloser  Weise  anregte  und  förderte*). 

Mach  und  Hering  gehen  von  Müller  aus.  Mach  betont 
des  öfteren,  daß  jener  der  erste  gewesen  sei,  der  wie  er  die 
„Empfindung  an  sich"  untersuchte.  Auch  Goethe  und  Schopen- 
hauer werden  als  Vorläufer  genannt. 

MÜLLERS  Standpunkt  lautet:  „Das  was  durch  die  Sinne  zum 
Bewußtsein  kommt,  sind  zunächst  nur  Eigenschaften  und  Zustände 
unserer  Nerven,  aber  die  Vorstellung  und  das  Urteil  sind  bereit, 
die  durch  äußere  Ursachen  hervorgebrachten  Vorgänge  in  unseren 
Nerven  als  Eigenschaften  und  Veränderungen  des  Körpers  außer 
uns  selbst  auszulegen  ^).^'  Dabei  ist  festzustellen,  „daß  wir  durch 
äußere  Ursachen  keine  Arten  des  Empfindens  haben  können,  die 
wir  nicht  auch  ohne  äußeren  Ursachen  durch  Empfindungen  der 
Zustände  unserer  Nerven  haben *)^*. 

»)  Nr.  133,  S.  60. 

*)  Rudolf  ViRCHOW,  Johannes  Müller.  Eine  Gedächtnisrede.  Berlin  1858. 
")  Handbuch  der  Physiologie  des  Menschen.    1840,  Bd.  2,  S.  249. 
*)  1.  c,  S.  250. 


5.  Johannes  Müller.  165 

Von  hier  aus  liegt  es  nahe,  die  Empfindungen  an  sich 
zu  untersuchen:  ,,Über  die  Empfindung  des  Blauen  läßt  sich 
nicht  weiter  räsonieren;  sie  ist  eine  Tatsache,  wie  viele  andere, 
die  die  Grenze  unseres  Witzes  bezeichnet*)."  Die  Natur  und 
das  Wesen  der  transzendenten  Welt  bleibt  uns  demgemäß  ver- 
schlossen'). Außerdem  sind  die  Sinnestäuschungen  deshalb 
„unter  einem  falschen  Gesichtspunkte  mißachtet  worden,  dagegen 
sie  als  eigentliche  Sinneswahrheiten  und  Grundphänomene  bei 
der  Zergliederung  studiert  werden  müssen')", 

Dieser  Wahrheitsbegriff  deckt  sich  mit  dem  von  Goethe 
und  Mach.  Mit  Goethe  kam  Johannes  Müller  persönlich 
zusammen^),  er  stand  auch  in  Briefwechsel  mit  ihm.  Goethes 
Farbentheorie  hat  er  stets  anerkannt,  soweit  sie  sich  auf  die 
physiologische  und  psychologische  Optik  erstreckt. 

„Der  speziellen  Physiologie  sechstes  Buch"  ist  ein  Lehr- 
buch der  Psychologie.  Im  wesentlichen  geht  Müller  da  von 
Herbart  aus.  Weiterhin  wird  wörtlich  das  ganze  Kapitel 
Spinozas  „Über  die  Statik  der  Gemütsbewegungen"  (Ethik, 
3.  Teil)  abgedruckt,  da  es  unmöglich  sei,  etwas  Besseres  zu 
liefern  als  Spinoza.  Hiermit  haben  wir  eine  weitere  Brücke, 
die  zu  Goethe  hinführt. 

Nach  MÜLLER  liegen  dem  Organismus  Monaden  zugrunde; 
unter  ihnen  versteht  er  organisierte  vergängliche  Urteilchen,  nicht 
aber  etwa  Atome*).  Das  ist  ein  Unterschied  von  Herbart. 
Dagegen  ist  zu  bemerken,  daß  Mach  von  einer  eigenen  (physi- 
kalisch-psychologischen) Monadenlehre  ausging  ^). 

Erkenntnistheoretisch  wendet  sich  MÜLLER  sowohl  gegen 
HUME  wie  gegen  Kant,  dessen  Apriori  er  als  psychologisches 
Charakteristikum  auffaßt.  Meines  Wissens  hat  er  in  seinen 
Werken  zu  Berkeley  nie  Stellung  genommen.  Dieser  Schritt 
und  auch  der  über  Berkeley  hinaus,  blieb  Hering  und  Mach 
vorbehalten. 


»)  I.  c,  S.  256. 

•)  1.  c,  S.  258. 

«)  l  c,  S.  255. 

*)  Vgl  Goethes  Gespräche.  Edit.  Biedermann,  Leipzig  1910,  Bd.  4,  S.58r. 

*)  l.  c.,  S.  555. 

•)  Nr.  6. 


166  Machs  Vorläufer. 


6.  Goethe. 

Goethe  paßt  in  unseren  historischen  Umriß,  da  seine  Er- 
kenntnislehre, soweit  man  davon  reden  darf,  sich  zwanglos  in 
die  Entwicklungslinien  eingliedert,  die  von  Faraday  und  JOH. 
MÜLLER  zu  Hering,  Kirchhoff  und  Mach  führen,  der  ihn  als 
Vorläufer  auch  ausdrücklich  in  Anspruch  nimmt.  Dann  habe  ich 
Goethe  hierhergestellt,  weil  unlängst  in  Frankreich  einige 
Phj^siker  —  und  zwar  Pierre  Duhem,  Gaston  Milhaud, 
Abel  Rey  —  zu  Goethes  philosophischen  Ergebnissen  ge- 
langten, allerdings  ohne  auf  diese  Übereinstimmung  aufmerksam 
geworden  zu  sein,  dasselbe  gilt  von  einigen  deutschen  Physikern. 
Sie  alle  glauben  damit  sowohl  über  Mach  als  über  die  Abbild- 
theorie hinausgelangen  zu  können. 

Goethes  Philosophie  ist  freilich  kein  neues  Thema,  denn 
alle  Parteien  haben  aus  seinen  Lebensäußerungen  Kleingeld  ge- 
münzt. Welche  Ansichten  jedoch  seinen  naturwissenschaftlichen 
Arbeiten  zugrunde  liegen,  das  ist  noch  nie  so  recht  eindringlich 
zum  Ausdruck  gebracht  worden.  Gar  manches  ist  da  ja  auch 
lautbar  geworden,  allein  man  maß  ihn  fälschlich  nur  an  Newton 
und  Helmholtz.  Newton  ist  kein  Maßstab,  da  wir  heute  gar 
nicht  mehr  seine  Emissionstheorie  des  Lichtes  vertreten,  sondern 
die  Undulationstheorie  von  YOUNG  und  Fresnel.  Das  stoff- 
liche Lichtteilchen,  das  Goethen  auch  die  guten  Seiten  an 
Newton  verbitterte,  hat  seine  Geltung  verloren. 

Den  kantianischen  GOETHE-Biographen  ist  es  auch  ent- 
gangen, daß  Goethe  nicht  an  der  physiologischen  Optik  des 
jungen  Helmholtz  gemessen  werden  darf,  also  an  dessen 
Vortrag  aus  dem  Jahre  1853.  Denn  HELMHOLTZ  hat  sich  nach- 
her von  Kant  abgekehrt  und  zum  Empirismus,  also  zu  Goethe- 
schen  Gedankengängen  entwickelt,  so  daß  nur  der  Goethe- 
vortrag  von  1892  maßgebend  wäre.  Der  Leser  weiß  aber,  daß 
Helmholtz  überhaupt  nicht  in  Frage  kommt,  sondern  dessen 
Antipode  in  der  psychologischen  Optik  Ewald  Hering,  der 
die  GOETHE-MüLLERschen  Ideen  ausbaute. 

Goethes  Ausdrücke  über  das  „Dämonische"  u.  a.  haben 
manchen   religiösen   Knopfgießer   veranlaßt,   den   Dichter   zum 


6.  Goethe.  167 

Christen  umzuprägen,  der  gegen  diese  Religion  mehr  und 
schärfer  äuBerte,  als  uns  heute  der  Staatsanwalt  eriaubt,  als  dem 
^Märchen  von  Christus"  usw.  Die  getreuen  Hirten  übersahen, 
daß  Goethe  diese  „religiösen"  dämonischen  Weltkräfte  vor- 
nehmlich im  Tier  sah.  „Napoleon",  sagte  der  Dichter  bei 
einem  Gespräch  über  das  Dämonische,  „war  es  durchaus  im 
höchsten  Grade,  so  daß  kaum  ein  anderer  ihm  zu  vergleichen 
ist*)."  Der  Herr  Superintendent  betrachtet  aber  doch  schwer- 
lich Napoleon  als  den  frömmsten  Menschen,  und  er  wird  die 
Tiere  in  seinem  Jenseits  wohl  kaum  erwarten. 

Dann  hat  Vorländer  zugunsten  Kants  eine  Patrouille  ge- 
ritten, da  er  aber  Goethes  Äußerungen  über  die  ästhetische 
Kritik  der  praktischen  Vernunft  irrtümlich  als  solche  über  die 
logische  Kritik  der  reinen  Vernunft  auffaßte,  dürfte  auf  seine 
lobenden  Meldungen  hin  niemand  eine  Schlacht  zu  wagen  ge- 
sonnen sein. 

Der  Dichter  selbst  meint,  er  könne  KANT  nicht  folgen, 
dessen  Philosophie  läge  außerhalb  seines  Kreises,  er  fühle 
sich  durch  sie  nicht  gebessert,  der  gesunde  Menschenverstand 
halte  ihn  zurück.  Die  Freunde  belächelten  seine  Kant- 
Auffassung  und  rieten  ihm  vom  Studium  ab,  da  er  Kant  nicht 
brauche,  dieser  ihm  auch  nicht  gemäß  sei  usf.  Und  am 
Lebensabend  hören  wir  von  Goethe,  er  habe  sich:  „mit  seiner 
Kritik  der  Vernunft  nie  tief  eingelassen".  Diese  Selbst- 
bekenntnis im  Alter  ist  schließlich  doch  das  Maßgebendste. 

Nicht  viel  mehr  ist  logisch  bei  SPINOZA  zu  holen,  da  der 
Dichter  seine  Distanz  stark  unterstrich'). 

Diese  Fragen  lassen  sich  natüriich  nicht  in  gedrängter  Form 
ausfechten,  deshalb  widmete  ich  ihnen  eine  besondere  Schrift*), 
auf  die  ich  Interessenten  verweisen  muß,  während  ich  mich  hier 
kürzer  wiederholen  darf. 

Doch  lassen  wir  Goethe  selbst  zu  Worte  kommen*):  „Es 


')  Gespräche  mit  Eckermann.    2.  3»  1831. 

»)  Dichtung  und  Wahrheit.    Dritter  Teil.    14.  Buch.    (1813/14  verfaßt) 

*)  Hans|  Henning,  Goethe  und  die  Pachphilosophie.  Bongard,  Straft- 
bürg  1912. 

^)  Nichtbelegte  Zitate  sind  den  „Maximen  und  Reflexionen^'  ent- 
nommen. 


168  Machs  Vorläufer. 

ist  nun  schon  bald  zwanzig  Jahre,  daß  die  Deutschen  sämtlich 
transzendieren.  Wenn  sie  es  einmal  gewahr  werden,  müssen 
sie  sich  wunderbar  vorkommen." 

^^Skeptizismus,  Kantischer  oder  Kritizismus,  konnte  nur  aus 
den  Religionssekten  entstehen,  aus  dem  Protestantismus,  wo 
jeder  sich  recht  gab  und  dem  andern  nicht,  ohne  zu  wissen, 
daß  sie  alle  bloß  subjektiv  urteilten^)." 

Besonders  interessant  und  aufklärend  ist  Schopenhauers 
Debatte  mit  dem  Dichter*):  „Dieser  GOETHE  war  so  ganz 
Realist,  daß  es  ihm  durchaus  nicht  in  den  Sinn  wollte,  daß  die 
Objekte  als  solche  nur  da  seien,  insofern  sie  von  dem  erkennen- 
den Subjekt  vorgestellt  werden.  Was!  sagte  er  mir  einst,  mit 
seinen  Jupiteraugen  mich  anblickend,  das  Licht  sollte  nur  da 
sein,  insofern  Sie  es  sehen?  Neinl  Sie  wären  nicht  da,  wenn 
das  Licht  Sie  nicht  sähe»)." 

Goethes  Wahrheitsbegriff  deckt  sich  mit  der  Auffassung 
von  Johannes  Müller  und  Ernst  Mach.  Mach  sagt  resü- 
mierend^): „Erkenntnis  und  Irrtum  fließen  aus  denselben  psychi- 
schen Quellen;  nur  der  Erfolg  vermag  beide  zu  scheiden.  Der  klar 
erkannte  Irrtum  ist  als  Korrektiv  ebenso  erkenntnisfördemd  wie 
die  positive  Erkenntnis."  Goethe  wendet  sich  in  derselben 
Weise  wie  MACH  gegen  irreführende  Scheidungen  zwischen 
Schein  und  Wirklichkeit:  „Gesichtstäuschungen  sind  Gesichts- 
wahrheiten." „Es  ist  eine  Gotteslästerung  zu  sagen,  daß  es 
einen  optischen  Betrug  gibt."  „Die  Sinne  trügen  nicht,  aber 
das  Urteil  trügt."  „Wir  begreifen,  daß  ein  Irrtum  so  gut  als 
ein  Wahres  zur  Tätigkeit  bewegen  und  antreiben  kann.  Weil 
nun  die  Tat  überall  entscheidend  ist,  so  kann  aus  einem  tätigen 
Irrtum  etwas  Treffliches  entstehen,  weil  die  Wirkung  des  Ge- 
tanen ins  Unendliche  reicht."  Das  ist  deutlich  der  Standpunkt 
der  Arbeitshypothese,  welchen  Goethe  überdies  klar  aus- 
spricht:   „Des   Wahren    bedient   man    sich,    solange  es 


>)  Goethes  Gespräche.    Bd.  2,  S.  46. 

«)  Goethes  Gespräche.    Bd.  2,  S.  245. 

')  Dem  Adelsberger  Grottenmolch  verkümmerten  die  Augen,  weil  er 
im  Finstem  sitzt;  die  Binsenweisheit,  daß  er  aus  dem  Grunde  nichts  sieht, 
weil  er  keine  Augen  hat,  führt  auf  Irrwege. 

*)  Nr.  133,  8.114. 


Goethe.  169 

brauchbar  ist*)."  „Eine  falsche  Hypothese  ist  besser  als  gar 
keine;  denn  daß  sie  falsch  ist,  ist  gar  kein  Schade')." 

Zu  absoluten  Wahrheiten  wie  Kant  kann  Goethe  auf  dieser 
Basis  natürlich  nicht  gelangen,  allein  das  ist  auch  keineswegs 
seine  Absicht:  „Ich  mag  mich  stellen  wie  ich  will,  so  sehe  ich 
in  vielen  berühmten  Axiomen  nur  die  Aussprüche  einer  Indivi- 
dualität, und  gerade  das,  was  im  allgemeinsten  als  wahr  an- 
erkannt wird,  ist  gewöhnlich  nur  ein  Vorurteil  der  Masse  . . ."  *), 
„. . .  alles  was  wir  gegen  sie  (seil,  die  Natur)  theoretisch  vor- 
nehmen, sind  Approximationen,  bei  denen  Bescheidenheit  nicht 
genug  zu  empfehlen  ist  *)."  „Der  Mensch  begreift  niemals,  wie 
anthropomorphisch  er  ist." 

Die  synthetischen  Urteile  a  priori  lehnt  der  Dichter 
natürlich  dann  auch  ab:  „Man  spricht  ja  immer  nur  die  Erfah- 
rung identisch  aus.  Was  man  erfährt,  ist  ja  eben  die  Erfahrung 
und  nichts  weiter  dahinter*)."  Damit  fällt  selbstredend  die  „reine" 
Mathemathik  dahin.  Beachtenswert  ist  seine  Charakteristik 
gegenüber  Kanzler  MOLLER:  „Ihre  (seil,  der  Mathematik)  ganze 
Sicherheit  ist  weiter  nichts  als  Identität.  Zweimal  zwei  ist  nicht 
vier,  sondern  ist  eben  zweimal  zwei,  und  das  nennen  wir  ab- 
kürzend vier.  Vier  ist  aber  durchaus  nichts  Neues.  Und  so 
geht  es  immerfort  bei  ihren  Folgerungen,  nur  daß  man  in  den 
höheren  Formeln  die  Identität  aus  den  Augen  verliert  •)."  Schärfer 
konnte  die  Absage  an  Kant  nicht  sein. 

„Die  Zahlen  sind  wie  unsere  armen  Worte  nur  Versuche, 
die  Erscheinungen  zu  fassen  und  auszudrücken,  ewig  unzu- 
reichende Annäherungen  ^)."  Diese  Auffassung  vertritt  Goethe 
auch  in  der  Geometrie:  „Die  Lehre  von  dem  Gebrauch  der 
korrespondierenden  Winkel  ist,  genau  besehen,  darin  enthalten." 

*)  Goethe  fährt  fort:  „Dieses  zu  erfahren,  war  mir  erst  ein  Ärgernis, 
dann  betrübte  ich  mich  darüber,  und  nun  macht  es  mir  Schadenfreude.'* 

')  Goethe,  Analyse  und  Synthese. 

')  Goethe-Schiller.    5.  5.  1798. 

*)  Goethe-Schiller.    25.  2.  1798. 

*)  Goethes  Gespräche.    Bd.  2,  S.  136. 

•)  Vgl.  Briefe  an  Charlotte  Stein.  21.  und  23.5. 1786.—  An  Voigt. 
29.  12.  1798.  —  Wanderjahre.  I.  Buch,  Kap.  10.  —  „Verhältnis  zur  Mathe- 
matik."*  Farbenlehre,  didaktischer  Teil. 

0  Goethes  Gespräche.    Bd.  2,  S.  223. 


170  Machs  Vorläufer. 

Vom  Entwicklungsgedanken  und  vom  Weltbilde  des  Werdens 
gelangt  Goethe  dann  auch  zur  genetischen  Methode.  Wie 
Lichtenberg  und  Mach  betont  er  bei  diesem  Anlasse  den 
Wert  des  gesunden  Menschenverstandes,  den  er  genetisch  in 
zahlreichen  Beispielen  analysierte).  Wie  jene  zieht  er  daraus 
dieselben  Konsequenzen  für  die  Pädagogik. 

Goethe  erreicht  den  Ausgleich  zwischen  Realem  und 
Idealem  auf  folgendem  Wege:  ^^Es  gibt  eine  zarte  Empirie, 
die  sieh  mit  dem  Gegenstand  innigst  identisch  macht  und  da- 
durch zur  eigentlichen  Theorie  wird."  Mit  anderen  Worten:  die 
vollkommenste  Anpassung  der  Gedanken  an  die  Tatsachen  er- 
gibt die  Theorie.    Heute  nennen  wir  dieselbe  Abbildtheorie. 

Schiller  charakterisiert  die  Art  des  Freundes  als  Fähigkeit 
,,seine  Anschauung  zu  generalisieren  und  seine  Empfin- 
dung gesetzgebend  zu  machen*)."  Er  ist  nicht  eher  zu- 
frieden, als  bis  seine  Ideen  Existenz  bekommen  haben ^). 
„Schon  in  die  erste  Anschauung  der  Dinge  hätten  Sie  dann  die 
Form  des  Notwendigen  aufgenommen*)."  Er  suche  „in  dem 
Empirischen  den  Charakter  der  Notwendigkeit  auf".*)] 

Schiller  redet  hier  immer  um  die  „Anpassung  der  Ge- 
danken an  die  Tatsache"  herum.  Die  klare  Fixierung,  der 
Freund  wende  auf  das  Psychische  das  DARWiNsche  Prinzip,  die 
Abbildtheorie,  an,  wird  man  billigerweise  von  ihm  nicht  ver- 
langen wollen. 

Goethes  Auffassung  kommt  zunächst  näher  an  Mach 
heran  als  an  die  Abbildtheorie  von  Heinrich  Hertz  mit  der 
Naturnotwendigkeit.  Auch  Helmholtz  spricht  sich  dahin  aus,  des 
Dichters  Art  neige  mehr  zu  KIRCHHOFF  —  auf  dem  ja  MACH 
fußt  —  überhaupt  zur  deskriptiven  Anordnung.  In  diesem  Punkte 
liegt  Goethes  Wesensverwandtschaft  mit  dem  beschreibenden 
LiNN^.  Das  deskriptive  Moment  läßt  dem  Dichter  größeren 
Spielraum  für  seinen  Hang  zum  Wunderbaren*),  zur  Dichtung, 

^)  Maximen  und  Reflexionen. 
«)  Brief  an  Goehte.    31.  8.  1794. 
•)  Brief  an  Goethe.    5.  3.  1799. 
*)  Brief  an  Goethe.    23.  8.  1794. 
»)  Brief  an  Goethe.    23.  8.  1794;  vgl.  20.  2.  1802. 
*)  Auch  Mach  schrieb  ein  Kapitel  über  das  Wunderbare.    Nr.  121, 
S.  367ff. 


Goethe.  171 

zur  ästhetischen  Naturbetrachtung.  Die  rein  kausale  Auffassung 
,,an  die  nächsten  Ursachen  denkt  man  meist  doch  nicht^^  — 
hätte  sein  Wesen  vergewahigt.  Deshalb  mußte  der  Konflikt 
mit  Newton  ihn  im  innersten  Wesen  berühren. 

Dabei  vertritt  GOETHE,  „da  ich  denn  doch  zur  Identitätsschule 
gehöre,  ja  zu  ihr  geboren  bin^^  den  Standpunkt:  „die  Materie 
kann  nie  ohne  Geist,  der  Geist  nie  ohne  Materie  existieren*)." 

Eine  genaue  Auseinandersetzung,  was  er  eigentlich  mit 
dieser  höheren  Empirie  meine,  gibt  er  in  „Der  Versuch  als 
Vermittler  von  Objekt  und  Subjekt"  aus  dem  Jahre  1792.  Er 
sagt  da:  Der  Mensch  betrachtet  die  Gegenstände  in  bezug  auf 
sich  selbst,  sein  Schicksal  hängt  davon  ab,  ob  sie  ihm  nutzen 
oder  schaden.  Das  ist  eine  durchaus  biologisch-philosophische 
Bestimmung  im  Sinne  von  Darwin  und  Spencer;  Mach  be- 
ginnt sein  Buch  ebenfalls  mit  dieser  Idee.  Goethe  fährt  fort: 
dabei  ist  der  Mensch  tausend  Irrtümern  ausgesetzt.  Betrachten 
wir  aber  die  Gegenstände  der  Natur  an  sich  und  in  ihren  Ver- 
hältnissen untereinander,  so  fehlt  dieser  biologische  Maßstab  des 
Gefallens  und  Mißfallens,  des  Nutzens  und  Schadens. 

Wiederholen  wir  frühere  Erfahrungen  und  Phänomene,  so 
nennen  wir  dieses  einen  Versuch.  Diesen  faßt  GOETHE  so  weit, 
daß  er  auch  die  Gedankenexperimente  in  ihn  einordnen  kann. 
Dessen  Vorzug,  fährt  er  fort,  besteht  darin,  daß  er  jederzeit  neu 
unternommen  werden  kann;  einen  Wert  erhält  er  jedoch  erst  in 
Verbindung  mit  anderen  Versuchen.  Denn  der  Einzelversuch 
ist  etwas  Isoliertes,  das  nicht  unmittelbar  zu  einem  Beweis  oder 
einer  Hypothese  verwendet  werden  darf.  Es  mögen  nämlich  die 
Erfahrungen  wohl  isoliert  erscheinen,  sie  sind  es  aber  nicht; 
denn  in  der  Natur  steht  alles  in  Verbindung  mit  dem  Ganzen. 
Wir  müssen  also  den  Zusammenhang,  eine  mittelbare  Verbindung 
der  Phänomene  aufsuchen.  „Die  Vermannigfaltigung  *)  eines  jeden 
einzelnen  Versuches  ist  also  die  eigentliche  Pflicht  eines  Natur- 
forschers." „Eine  solche  Erfahrung,  die  aus  mehreren  anderen 
besteht,  ist  offenbar  von   einer  höheren  Art.    Sie  stellt  die 

*)  Goethe-Zelter.    15.  1.  1813. 

*)  Vermannigfaltigung  ist  nicht  zu  verstehen  als  ledigliche  Multiplizie- 
mng  und  Wiederholung,  sondern  als  Aufsuchen  der  mannigfaltigen  Zu- 
sammenhange. 


172  Machs  Vorläufer. 

Formel  vor,  unter  welcher  unzählige  einzelne  Rechnungsexempel 
ausgedrückt  werden."  Wir  erinnern  uns,  daß  dieses  auch  die 
Definition  des  Gesetzes  durch  Kirchhoff,  Mach  und  Ost- 
wald ist. 

Dabei,  fährt  GOETHE  fort,  muß  man  mit  der  mathematischen 
Methode  vorgehen.  Zwar  sind  deren  Demonstrationen  immer 
mehr  Darlegungen  und  Rekapitulationen  als  Argumente,  allein 
das  verschlägt  nichts;  die  Methode  der  Argumente  erschleicht 
ja  doch  mit  ihren  isolierten  Versuchen  das  Urteil,  so  daß  sie 
wertlos  ist. 

Aber  „die  Elemente  dieser  Erfahrungen  der  höheren  Art, 
welches  viele  einzelne  Versuche  sind,  können  alsdann  von 
jedem  untersucht  und  geprüft  werden,  und  es  ist  nicht  schwer 
zu  beurteilen,  ob  die  vielen  einzelnen  Teile  durch  einen  all- 
gemeinen Satz  ausgesprochen  werden  können;  denn  hier  findet 
keine  Willkür  statt." 

Die  Stoffe  der  höheren  Erfahrung  müssen  in  Reihen  ge- 
ordnet sein,  auf  diese  Weise  übersieht  und  vermehrt  man  die 
Kenntnisse  schneller  und  reiner^).  Damit  wendet  GOETHE  das 
Prinzip  der  Ökonomie  von  Mach  an. 

Weiter  legte  Goethe  seine  Stellung  nieder  in  „Erfahrung 
und  Wissenschaft"  im  Jahre  1798;  wir  folgen  seinem  Gedanken- 
gange. „Während  des  Arbeitens  bildet  sich  dem  Naturforscher 
schließlich  ein  Ideal  aus."  „Wenn  ich  die  Konstanz  und  Konse- 
quenz der  Phänomene  bis  auf  einen  gewissen  Grad  erfahren 
habe,  so  ziehe  ich  daraus  ein  empirisches  Gesetz  und  schreibe 
es  den  künftigen  Erscheinungen  vor*).  Passen')  Gesetz  und 
Erscheinung  in  der  Folge  völlig,  so  habe  ich  gewonnen; 
passen')  sie  nicht  ganz,  so  werde  ich  auf  die  Umstände  der 
einzelnen  Fälle  aufmerksam  gemacht  und  genötigt,  neue  Bedin- 
gungen zu  suchen,  unter  denen  ich  die  widersprechenden  Ver- 
suche reiner  darstellen  kann;  zeigt  sich  aber  manchmal,  unter 
gleichen  Umständen,  ein  Fall,  der  meinem  Gesetze  widerspricht, 
so  sehe  ich,  daß  ich  mit  der  ganzen  Arbeit  vorrücken  und  mir 

*)  Bis  hierher  folgen  wir  dem  Gange  des  „Versuch  als  Vermittler**. 
')  Das    ist    auch    die   Definition    der  Wissenschaft  bei   Mach  und 
Ostwald, 

')  Hier  spricht  Goethe  deutlich  die  Anpassung  aus. 


Goethe.  1 73 

einen  höheren  Standpunkt  suchen  muß.^  ,,Dieses  wäre  also 
nach  meiner  Erfahrung  derjenige  Punkt,  wo  der  menschliche 
Geist  sich  den  Gegenständen  in  ihrer  Allgemeinheit  am  meisten 
nähern,  sie  zu  sich  heranbringen,  sich  mit  ihnen  (wie  wir  es 
sonst  in  der  gemeinen  Empirie  tun^))  auf  eine  rationelle  Weise 
gleichsam  amalgamieren  kann/^  Damit  spricht  der  Dichter 
ganz  eindeutig  die  Anpassung  der  Gedanken  an  die  Tat- 
sachen aus.  Er  fährt  fort:  das  empirische  Phänomen  wird 
also  zum  wissenschaftlichen  und  dieses  zum  reinen. 

Im  Jahre  1823  hören  wir^),  das  Amalgamieren,  das  An- 
passen und  Annähern  sei  Goethes  Wesen:  er  habe  es  die 
letzten  50  Jahre  nur  nicht  klar  ausdrücken  können.  Jetzt  aber 
sei  ihm  alles  deutlich  durch  Heinroths  Worte:  „daß  nämlich 
mein  Denkvermögen  gegenständlich  tätig  sei;  womit  er  aus- 
sprechen will:  daß  mein  Denken  sich  von  den  Gegenständen 
nicht  sondere,  daß  die  Elemente  der  Gegenstände,  die  An- 
schauungen in  dasselbe  eingehen  und  von  ihm  auf  das  innigste 
durchdrungen  werden,  daß  mein  Anschauen  selbst  ein  Denken, 
mein  Denken  ein  Anschauen  sei . .  /^ 

Da  der  Dichter  früher  die  Anpassung  der  Gedanken  an  die 
Tatsachen  und  aneinander  nicht  klar  auszudrücken  vermochte 
vor  diesem  erlösenden  Worte  Heinroths,  dem  er  freudig  einen 
ganzen  Aufsatz  widmet,  hat  er  ab  und  zu  oberflächlich  andere 
Positionen  vertreten,  z.  B.  den  Kants:  „Zwar  vermag  ich",  sagt 
Goethe,  „für  kurze  Zeit  mich  auf  jenen  Standpunkt  zu  ver- 
setzen, aber  ich  muß  doch  immer,  wenn  es  mir  einigermaßen 
behaglich  werden  soll,  zu  meiner  alten  Denkweise  zurück- 
kehren.'* 

In  diesem  Sinne  deutet  der  Dichter  auch  Kant  um:  Mit  dem 
Intellectus  archetppus  scheint  der  Alte  vom  Königsberge  zwar 
„auf  einen  göttlichen  Verstand  zu  deuten,  allein  wenn  wir  ja 
im  Sittlichen  durch  Glauben  an  Gott,  Tugend  und  Unsterblich- 
keit uns  in  eine  obere  Region  erheben  und  an  das  erste  Wesen 
annähern  sollen,  so  dürft  es  wohl  im  Intellektuellen  derselbe  Fall 

^)  Der  Klammerausdruck  ist  ein  Beleg,  daß  Goethe  hier  allgemein- 
philosophische,  nicht  aber  spezialwissenschaftliche  Bestimmungen  macht. 

*)  Goethe,  Bedeutende  Fordernis  durch  ein  einziges  geistreiches 
Wort   1823. 


174  Machs  Vorläufer. 

sein,  daß  wir  uns  durch  das  Anschauen  einer  immer  schaffenden 
Natur  zur  geistigen  Teilnahme  an  ihren  Produktionen  würdig 
machen . . .,  so  konnte  mich  nunmehr  nichts  weiter  verhindern, 
das  Abenteuer  der  Vernunft,  wie  es  der  Alte  vom  Königsberge 
selbst  nennt,  mutig  zu  bestehen*)."  Auf  die  höchsten  Kultur- 
werte  dehnt  Goethe  hier  das  darwinistische  Prinzip,  die  An- 
passung der  Gedanken  aneinander  aus. 

7.  Friedrich  Nietzsches  Erkeantaislehre. 

An  dieser  Stelle  wäre  mancher  zu  nennen,  nicht  zuletzt 
Friedrich  Hebbel,  der  durch  seine  Freundschaft  mit  Brücke, 
Ludwig  und  anderen  Physiologen  starkes  Interesse  für  die 
Psychologie  gewann.  Er  hat  sich  in  vielem  an  den  von  ihm 
hochgeschätzten  Lichtenberg  angeschlossen,  in  vielem  ging 
er  bis  zur  Abbildtheorie.  Auch  im  einzelnen  sagt  er  manches 
kluge  Wort,  das  heute  noch  nicht  ausgemünzt  ist*).  Wie  stark 
Nietzsche  in  Hebbel  fußt,  wird  an  dem  Übermenschen  Holo 
PERNES  klar,  doch  sind  die  historischen  Fäden  noch  nicht 
kritisch  bis  in  die  verborgenen  Winkel  der  „Tagebücher"  ver- 
folgt worden. 

Nietzsche  jedoch  möchte  ich  hier  nicht  ganz  übergehen, 
nicht  weil  Mach  ihn  für  sich  beansprucht,  im  Gegenteil:  nur 
einmal  redet  er  vom  „frechen  Übermenschen"').  Der  Geist 
Nietzsches  war  eben  Machs  Natur  ganz  und  gar  nicht  kon- 
form. Ich  rede  hier  vielmehr  deshalb  von  Nietzsche,  weil  er 
der  erste  Pragmatiker  ist,  und  weil  seine  Erkenntnislehre 
gänzlich  vergessen  wurde  über  der  dichterischen  Wucht  seines 
Entwicklungsgedankens. 

Schon  1873  gibt  NIETZSCHE  in  einer  kleinen  Schrift,  betitelt: 
„Über  Wahrheit  und  Lüge  im  außermoralischen  Sinn" 
den  ganzen  Pragmatismus.  Er  betont  da  den  biologischen 
Wert  des  Intellekts,  zeigt,  wie  weit  er  reichen  kann,  und  beweist 
den  relativen  Anthropomorphismus.  Auch  wird  genetisch  ge- 
zeigt, wie  der  Irrtum  einer  absoluten  Wahrheit  entstehen  konnte. 

^)  Goethe,  Anschauende  Urteilskraft   1820. 

*)  Hans  Henning,  Der  Traum  ein  assoziativer  Kurzschluß.    Bergnuuin, 
Wiesbaden  1914.  S.54. 
»)  Nr.  91,  S.  20. 


Friedrich  Nietzsches  Erkenntnislehre.  175 

• 

Der  Abschnitt:  „Vom  Nutzen  und  Nachteil  der  Historie 
für  das  Leben"  in  den  „Unzeitgemäßen  Betrachtungen"  von 
1873/74  ist  vielleicht  das  Gewaltigste,  was  NIETZSCHE  ge- 
schrieben hat.  Hier  wird  die  lebendige  Tat,  das  aktive  Erleben, 
das  pragmatische  Denken  in  den  schärfsten  Gegensatz  zur  ab- 
solutistischen Theorie  gebracht;  und  zwar  ist  das  Kampffeld 
hier  nicht  die  hohle  Logik,  sondern  der  volle  Inhalt  der  gesamten 
Kultur.  Als  Ergänzung  tritt  das  Nachlaßwerk  „Wir  Philologen" 
hinzu. 

Das  erste  Hauptstfick  von  „Menschliches,  Allzumensch- 
liches" handelt  von  den  ersten  und  letzten  Dingen.  Hier  hören 
wir,  daß  es  in  der  Welt  kein  Innen  und  Außen  gibt,  wie 
Nietzsche  überhaupt  der  GoETHEschen  Weltauffassung  einen 
größeren  Tribut  zollte,  als  mancher  ahnt.  Weiter  vernehmen  wir: 
„es  gibt  keine  ewigen  Tatsachen,  so  wie  es  auch  keine  abso- 
luten Wahrheiten  gibt."  Man  findet  die  schärfsten  Absagen  an 
Kant  und  die  Metaphysik  überhaupt,  aber  auch  die  engsten 
Berührungspunkte  mit  Mach  :  von  der  Notwendigkeit  des  Irrtums 
an  bis  in  kleinste  Einzelheiten  der  genetischen  Analyse. 

Auch  „Jenseits  von  Gut  und  Böse"  beginnt  wieder  mit 
der  Kernfrage  der  Erkenntnislehre  im  ersten  Kapitel:  „Von  den 
Vorurteilen  der  Philosophen",  wo  wir  wieder  einem  lebens- 
kräftigen Pragmatismus  begegnen. 

Endlich  im  „Willen  zur  Macht"  ringt  sich  diese  Stellung 
ausführlich  durch,  als  deren  Motto  die  Worte  gelten  dürfen: 
„Gegen  die  erkenntnistheoretischen  Dogmen  tief  mißtrauisch, 
liebte  ich  es,  bald  aus  diesem,  bald  aus  jenem  Fenster  zu 
blicken,  hütete  mich,  mich  darin  festzusetzen,  hielt  sie  für  schäd- 
lich —  und  zuletzt  ist  es  wahrscheinlich,  daß  ein  Werkzeug 
seine  eigene  Tauglichkeit  kritisieren  kann??  —  Worauf  ich  acht 
gab,  war  vielmehr,  daß  niemals  eine  erkenntnistheoretische 
Skepsis  oder  Dogmatik  ohne  Hintergedanken  entstanden  ist  — 
daß  sie  einen  Wert  zweiten  Ranges  hat,  sobald  man  erwägt, 
was  im  Grunde  zu  dieser  Stellung  zwang." 

Überall,  wo  im  Zarathustra  die  Rede  auf  das  Erkennen 
kommt,  drängt  sich  die  pragmatische  Philosophie  vor:  „Für 
mich  —  wie  gäbe  es  ein  Außermir?  Es  gibt  kein  Außen!  Aber 
das  vergessen  wir  bei  allen  Tönen ..." 


176    Machs  Vorläufer.  ~  7.  Friedrich  Nietzsches  Erkenntnislehre. 

,,In  Mumien  verliebt  die  einen,  die  andern  in  Gespenster; 
und  beide  gleich  feind  allem  Fleisch  und  Blute  —  oh,  wie  gehen 
beide  mir  wider  den  Geschmack! . . ." 

„Wollen  befreit:  denn  Wollen  ist  Schaffen:  so  lehre  ich. 
Und  nur  zum  Schaffen  sollt  ihr  lernen." 

„. . .  aber  ich  will,  daß  euer  Mutmaßen  begrenzt  sei  in  der 
Denkbarkeit." 

...  —  aber  dies  bedeute  euch  Wille  zur  Wahrheit,  daß 
alles  verwandelt  werde  in  Menschen-Denkbares,  Menschen-Sicht- 
bares, Menschen-Fühlbares!  Eure  eigenen  Sinne  sollt  ihr  zu 
Ende  denken! 

„Auch  im  Erkennen  fühle  ich  nur  meines  Willens  Zeuge- 
und  Werde-Lust ..." 

„. . .  Niemals  noch  hängte  sich  die  Wahrheit  an  den  Arm 
eines  Unbedingten." 

,Wille  zur  Wahrheit*  heißt  ihr's,  ihr  Weisesten,  was  euch 
treibt  und  brünstig  macht? 

Wille  zur  Denkbarkeit  alles  Seienden:  also  heiße  ich  euem 
Willen. 

Alles  Seiende  wollt  ihr  erst  denkbar  machen:  denn  ihr 
zweifelt  mit  gutem  Mißtrauen,  ob  es  schon  denkbar  ist. 

Aber  es  soll  sich  euch  fügen  und  biegen!  So  will's  euer 
Wille.  Glatt  soll  es  werden  und  dem  Geiste  Untertan,  als  sein 
Spiegel  und  Widerbild  . . . 

Schaffen  wollt  ihr  noch  die  Welt,  vor  der  ihr  knien  könnt: 
so  ist  es  eure  letzte  Hoffnung  und  Trunkenheit." 

Wenn  auch  mancher  dieser  Sprüche  auf  Gott  und  ethische 
Werte  gemünzt  sein  mag,  so  gilt  er  auch  ebenso  für  das  bloße 
Erkennen,  was  ja  der  „Nutzen  und  Nachteil"  einwandfrei  erweist. 


177 


Machs  Kritiker. 

Die  Kantianer  nehmen  irrtümlicherweise  an,  Mach  lehre 
einen  absoluten  Fluß  im  Sinne  von  Heraklits  xavTa  §&l.  Wenn 
nun  alles  fließe,  wie  könne  der  Fluß  das  Fließen  beobachten,  das 
sei  doch  unmöglich*).  Vielmehr  müsse  man  mit  Kant  dem 
Flusse  ein  beharrliches  Subjekt  entgegenstellen. 

Nun,  Kant  sagt  genau  das  Gegenteil,"^  was  diesen  seinen 
Jüngern  wohl  entging.  Denn  wir  lesen:  „Wenngleich  der  Satz 
einiger  alten  Schulen,  daß  alles  fließend  und  nichts  in  der 
Welt  beharrlich  und  bleibend  sei,  nicht  stattfinden  kann,  sobald 
man  Substanzen  annimmt,  so  ist  er  doch  nicht  durch  die  Einheit 
des  Selbstbewußtseins  widerlegt."  Nehmen  wir  aber  ohne  Be- 
weis eine  Substanz  im  Widerspruch  zu  der  metaphpsikfreien 
Naturwissenschaft  an,  dann  behaupten  wir  einfach  naiv,  daß 
eine  Beharrlichkeit  existiere.  MACH  setzt  aber  weder  eine  Sub- 
stanzialität  der  Seele  im  Sinne  Kants,  noch  die  der  Materie 
voraus  wie  Kant.  Dieser  mochte  noch  annehmen,  daß  man  ein 
gut  Teil  seines  Gehirns  verlieren  könne,  ohne  an  seiner  Seele 
irgend  eine  Einbuße  zu  erleiden,  heute  geht  das  nach  der  Lokali- 
sationslehre  nicht  mehr  an.  Kant  hat  auch  die  objektive  Exi- 
stenz eines  den  Weltraum  erfüllenden  „Wärmestoffes**  gemäß 
den  primitiven  damaligen  physikalischen  Kenntnissen  behauptet'); 
die  Folge  davon  ist  das  Ding  an  sich,  das  nur  der  philosophische 
Ausdruck  für  den  physikalischen  Wärmestoff  ist.  Heute  ist  nicht 
dnmal  mehr  die  Erfüllung  des  Weltalls  mit  Äther  haltbar. 

Kant  fährt  fort:  „Denn  wir  selbst  können  aus  unserem  Be- 
wußtsein darüber  nicht  urteilen,  ob  wir  als  Seele  beharrlich  sind 

*)  Seitdem  bekannt  ist,  daß  die  Sonne  nicht  ruht,  sowie  daß  alle  Fix- 
sterne Eigenbewegung  haben,  und  seit  der  Glaube  an  die  Zentralsonne,  den 
noch  Argelander  hegte,  hinfiel,  sollten  solche  Einwände  allmählich  ver- 
stummen. 

*)  Hans  Henning,  Kants  Nachlaßwerk.  Straßburg  1912. 

Henning,  Ernst  Mach.  |2 


178  Machs  Kritiker. 

oder  nicht,  weil  wir  zu  unserem  identischen  Selbst  nur  dasjenige 
zählen,  dessen  wir  uns  bewußt  sind,  und  so  allerdings  notwendig 
urteilen  müssen,  daß  wir  in  der  ganzen  Zeit,  deren  wir  uns 
bewußt  sind,  eben  dieselben  sind.  In  dem  Standpunkte  eines 
Fremden  aber  können  wir  dieses  noch  nicht  für  gültig  erklären, 
weil,  da  wir  an  der  Seele  keine  beharrliche  Erscheinung  an- 
treffen als  nur  die  Vorstellung  Ich,  welche  sie  alle  begleitet 
und  verknüpft,  so  können  wir  niemals  ausmachen,  ob  dieses  Ich 
(ein  bloßer  Gedanke)  nicht  ebensowohl  fließe  als  die  übrigen 
Gedanken,  die  dadurch  aneinander  gekettet  werden  ^).^^ 

Die  Beharrlichkeit,  „mithin  die  Substanzialität  der  Seele^ 
muß  nach  Kant  vielmehr  erst  bewiesen  werden*).  Es  folgt 
keineswegs  die  „Identität  der  Person  aus  der  Identität  des  Ich 
in  dem  Bewußtsein  aller  Zeit,  darin  ich  mich  erkenne  *).^^  Es 
mag  der  Begriff  der  Persönlichkeit  zwar  als  „zum  praktischen 
Gebrauch  nötig  und  hinreichend**  beibehalten  werden,  in  der 
Vernunft  jedoch  „können  wir  nimmermehr  Staat  machen,  da  dieser 
Begriff  sich  immer  um  sich  selbst  herumdreht  und  uns  in  An- 
sehung keiner  einzigen  Frage  . . .  weiter  bringt*)."  „Da 
ich  aber,  wenn  Ich  das  bloße  Ich  bei  dem  Wechsel  aller  Vor- 
stellungen beobachten  will,  kein  anderes  Korrelatum  meiner 
Vergleichungen  habe,  als  wiederum  mich  selbst  mit  den  all- 
gemeinen Bedingungen  meines  Bewußtseins,  so  kann  ich  keine 
anderen  als  tautologische  Beantwortungen  auf  alle  Fragen 
geben,  indem  ich  nämlich  meinen  Begriff  und  dessen  Einheit 
den  Eigenschaften,  die  mir  selbst  als  Objekt  zukommen,  unter- 
schiebe und  das  voraussetze,  was  man  zu  wissen  ver- 
langte"*). 

Mach  nimmt  aber  weder  die  Substanzialität  der  Seele  noch 
die  Ansicht  an,  man  könne  ein  gut  Teil  der  Seele  verlieren, 
ohne  an  der  Seele  eine  Einbuße  zu  erleiden,  und  beides  aus 
demselben  Grunde.  Damit  hat  er  freie  Bahn.  Außerdem  hat 
er  in  ermüdenden  Wiederholungen   betont,  daß  er  weder  den 


^)  Kritik  der  reinen  Vernunft.   1.  Aufl.,  Beilage  2,  S.  364.    (Kirchmann» 
S.  740.) 

«)  1.  c,  S.  365.  (Kirchmann,  S.  741  f.) 
»)  I.  c.,  S.  365.  (Kirchmann,  S.  741  f.) 
*)  1.  c,  S.  366. 


Machs  Kritiker.  179 

absoluten  Fluß  im  Sinne  Heraklits  noch  irgend  eine  andere 
erkenntnistheoretische  Behauptung  vertrete.  Die  kantia- 
nischen  Kritiker  können  Mach  also  nicht  einmal  berühren,  wenn 
sie  nicht  den  Boden  Kants  verlassen  und  auf  Machs  Boden 
hinfibertreten,  um  dort  Mach  mit  dessen  eigener  Methodik  zu 
widerlegen.  Für  Mach  stellen  sich  nämlich  Kants  Beweise  — 
auch  das  Apriori  muß  nach  Kant  erst  bewiesen  werden*)  — 
dar  als  mit  rückwirkender  Beweiskraft  gezogen  aus  Tatbeständen, 
die  Mach  nicht  anerkennt  und  die  Kant  selber  offen  läßt. 

Kant  und  Mach  haben  eigentlich  gar  keine  Berührungs- 
punkte. Sie  sind  Antipoden.  KANTS  Welt  ist  ein  begriffliches 
Reich  ferne  vom  realen  Leben  mit  seinen  Aufgaben.  Er  will 
ewige  Wahrheiten  oder  gar  keine.  Den  goldenen  Mittelweg  der 
Erfahrung,  mit  der  doch  jeder,  auch  der  Kantianer,  sein  Leben 
lebt,  auf  dem  Kultur  und  Zivilisation  ihren  Siegeszug  gingen, 
auf  dem  allein  auch  der  Kantianer  naturwissenschaftlich  neue 
Tatsachen  finden  kann,  —  er  verschmäht  ihn.  A  priori,  d.  h.  eben 
ohne  Erfahrung,  bloß  mit  dem  reinen  Verstand  am  Schreibtisch 
zu  forschen  gilt  ihm  als  Vornehmstes.  Das  ist  sein  Wunsch,  das 
ist  sein  Ziel;  darauf  stimmt  er  sein  System  schon  in  der  Einleitung. 

Da  sagt  Kant:  „Bisher  nahm  man  an,  alle  unsere  Erkenntnis 
müsse  sich  nach  den  Gegenständen  richten;  aber  alle  Versuche 
über  sie  a  priori  etwas  durch  Begriffe  auszumachen,  wodurch 
unsere  Erkenntnis  erweitert  würde,  gingen  unter  dieser  Voraus- 
setzung zunichte." 

Nun,  zunächst  ist  diese  Auffassung  gerade  keine  bloße  An- 
nahme. Gibt  es  keinen  Gegenstand,  etwa  einen  violetten  Sperling 
mit  fünf  Flügeln,  sechs  Beinen  und  drei  Schwimmflossen,  so  muß 
sich  meine  Erkenntnis  danach  richten.  Die  Naturwissenschaft 
wird  durch  die  jahrhundertlange  Entmutigung  zu  der  etwas  späten 
Einsicht  gedrängt,  daß  es  ohne  Erfahrung  eben  kein  Fortschreiten 
gebe.  Weil  man  noch  niemals  apriorisch  etwas  Neues  zu  finden 
vermochte,  verzichtete  die  Natflrwissenschaft  gerne  auf  das  un- 
taugliche Werkzeug.  Und  das  um  so  leichter,  als  noch  kein 
Philosoph  auch  nur  einen  Satz  fand,  den  die  Nachfahren  nicht 
hätten  umstoßen  müssen. 

Nun  gut,  Kant  sieht  also  ein,  daß  es  keine  apriorische  Er- 

*)  Kant,  Kritik  der  reinen  Vernunft.    2.  Aufl.,  S.  188. 

12* 


180  Machs  Kritiker, 

fahrung  gibt  in  dem  Falle,  daß  sich  unsere  Erkenntnis  nach  den 
Gegenständen  richten  müsse.  Demnach  hat  man  zwei  Möglich- 
keiten. Entweder  man  verzichtet  auf  die  apriorische  Erkenntnis, 
oder  man  sucht  sich  eine  neue.  Den  ersten  Weg  geht  Mach, 
den  zweiten  jedoch  Kant.  Niemals  aber  hat  Kant  dargetan, 
daß  der  erste  Weg  falsch  sei;  er  hat  nur  behauptet,  daß  man  auf 
ihm  nicht  zu  apriorischen  Ergebnissen  gelange.  Das  ist  denn 
auch  gar  nicht  Machs  Absicht,  und  so  ist  nicht  abzusehen,  was 
man  vom  KANTischen  Boden  gegen  ihn  einwenden  könnte.  Ehe 
Kant  beginnt,  trennt  er  sich  von  ihm  auf  unbestrittenem  Wege. 
Der  ganze  logische  Apparat  Kants  darf  ihm  also  nichts  anhaben. 

Betrachten  wir  nun  den  Weg,  wo  Kant  abbog.  Die  Erkenntnis 
richtet  sich  nach  Gegenständen,  hieß  es;  gewiß.  Wenn  keine 
Sterne  da  wären,  so  wäre  die  Astronomie  ein  Spuk.  Fehlten  die 
Pflanzen,  so  gehörten  alle  Botaniker  ins  Tollhaus. 

Kant  weist  uns  aber  darauf,  daß  Kopernikus  ja  auch  ein- 
mal die  Welt  auf  den  Kopf  stellte,  und  mit  diesem  recht  arg  hin- 
kenden Vergleich  rät  er  uns:  „Man  versuche  es  daher  einmal, 
ob  wir  nicht  in  den  Aufgaben  der  Metaphysik  damit  besser  fort- 
kommen, daß  wir  annehmen,  die  Gegenstände  müssen  sich  nach 
unserer  Erkenntnis  richten  . . ." 

Wer  den  Versuch  gutwillig  nicht  auf  sich  nehmen  will,  den 
kann  man  nicht  dazu  bringen,  selbst  wenn  man  ihm  Aprioritäten 
dafür  verspricht.  Mach  nun  unternimmt  diesen  Versuch  nicht, 
daß  er  die  genannten  Annahmen  macht.  Das  Ergebnis  ist  nur 
das:  mit  kantianischen  Ergebnissen  kann  man  ihn  überhaupt  nicht 
in  Beziehung  bringen.  Mach  hat  also  recht:  alle  kantianischen 
Kritiken  müssen  an  ihm  vorbeistreifen. 

Demnach  erübrigt  es  sich.  Kanten  weiter  zu  folgen.  Eine 
Strecke  wollen  wir  das  aber  doch  tun.  Sagen  wir:  halt!  die 
Gegenstände  richten  sich  doch  nicht  nach  uns,  die  Sonne  dreht 
sich  doch  nicht  aus  ihrem  Gleis,  wenn  ich  sie  wo  anders  sehen 
möchte,  etwa  im  dunklen  Kerkei*  —  dann  lächelt  der  alte  Phi- 
losoph und  sagt:  so  war  es  nicht  gemeint!  Er  erzählt  uns  dann, 
daß  er  wohl  anfangs  von  den  Gegenständen,  von  der  Welt 
ebenso  redete  wie  wir;  nun  wolle  er  aber  unter  den  Gegenständen 
und  der  Welt  nicht  mehr  die  Gegenstände  und  die  Welt  ver- 
standen wissen,  sondern  etwas  anderes. 


Machs  Kritiker.  181 

Er  hat  uns  jedoch  nicht  bewiesen,  daß  wir  diese  Umdeutung 
logischerweise  mitmachen  müssen.  Mach  geht  hier  nicht  mit 
ihm,  folglich  ist  alles,  was  auf  dieser  Umdeutung  fußt,  für  Mach 
unverbindlich.  Es  ist  eine  interne  Angelegenheit  derer,  die  diesen 
Weg  gehen.  Eine  neue  Sprache  wurde  verabredet,  man  versteht 
sich  nicht  mehr.  Kants  Worte  verhallen  für  Machs  Lehre  un- 
verstanden, und  umgekehrt  berührt  nichts  das  KANTische  System 
fürder,  was  Mach  weiter  sagt.  Zur  Diskussion  steht  nur  diese 
Annahme  und  diese  Umdeutung.  Kant  hat  Mach  frei  gestellt, 
ob  er  mittue.  Richtig  sei  beides,  wenn  zwar  man  nur  auf  dem 
zweiten  Weg  beim  Apriori  lande.  MACH  hingegen  tut  nicht  mit, 
denn  er  hält  den  zweiten  Weg  für  einen  Irrweg.  Sie  sind  sich 
also  nur  darin  einig,  daß  der  erste  Weg  richtig  sei,  aber  daß  er 
nichts  apriorisch  ausmachen  könne.  Da  dies  gar  nicht  Machs 
Absicht  ist,  Aprioritäten  zu  finden,  so  ist  die  Erkenntnistheorie 
Kants  ohne  jedes  Mittel  an  Machs  Lehren  irgend  einen  Aus- 
stand anbringen  zu  können. 

Kants  Umdeutung  geht  nun  so  vor  sich:  die  Gegenstände 
faßt  er  fürder  als  Gegenstände  der  Erkenntnis.  Warum  er  aber 
diese  Umdeutung  vornimmt,  das  begründet  er  nur  mit  Worten 
der  schon  umgedeuteten  Sprache;  die  Beweiskraft  ist  rückwirkend. 
Wollen  wir  aber  diese  neue  Methode  anwenden,  so  zeigt  sich, 
daß  sie  nur  „Traumellen",  nicht  aber  richtige  Ellen  zum  Messen 
in  die  Hand  gibt.    Sie  redet  ja  nur  von  gedachten  Größen. 

Seit  der  Erfindung  der  Rechenmaschine  hält  es  auch  schwer, 
an  die  synthetischen  Urteile  a  priori  des  reinen  Verstandes  in 
der  Mathematik  zu  glauben,  wenn  ihnen  sonst  nichts  im  Wege 
stünde.  Allein  Benno  Erdmann  wies  schon  darauf,  warum  es 
keine  erweiternden  reinen  Urteile  geben  könne  ^).  Trotz  aller  Ver- 
sprechungen hat  die  Erkenntnistheorie  die  Realität  der  Außenwelt 
und  der  fremden  Ich  noch  nicht  erweisen  können,  so  daß  der 
von  Kant  unbestrittene  Weg  Machs  sich  doch  wohl  empfiehlt. 
Im  einzelnen  habe  ich  die  modernen  Erkenntnistheorien  auf  ihren 
logischen  Gehalt  und  ihre  Beziehung  zu  Mach  schon  an  an- 
derem Orte ')  ganz  eingehend  untersucht,  so  daß  ich  darauf  hin- 
weisen kann. 

»)  Benno  Erdmann,  Logik.  2.  Aufl.  Halle  1907,  Bd.  1,  S.  291— 296. 
')  Hans  Henning,  Irrgarten  der  Erkenntnistheorie.  Bongard,  Straßburg. 


182  Machs  Kritiker, 

Der  erkenntnistheoretische  Sensuah'smus,  der  die  Welt  auf 
Empfindungen  grUndet,  lautet:  ,,Das  Sein  ist  nie  etwas,  über  das 
man  Empfindungen  hat,  sondern  es  ist  immer  nur  das,  was 
empfunden  wird,  und  es  ist  daher  nichts,  wenn  es  nicht  Bestand- 
teil einer  Empfindung  ist."  (J.  St.  Mill.) 

Wir  übersetzen  das  Wort  „Empfindung"  mit  dem  Worte 
„Urteil"  und  erhalten  den  Nominalismus  von  Rickert:  „Das 
Sein  ist . .  nie  etwas,  über  das  geurteilt  wird,  sondern  es  ist  nur 
das,  was  ausgesagt  wird,  und  es  ist  daher  nichts,  wenn  es  nicht 
Bestandteil  eines  Urteils  ist."  Das  Objekt  verwandelt  sich  in  die 
Objektivität.  Ähnlich  ergeht  es  den  anderen  Erkenntnistheorien. 
Wenn  Machs  Gegner  damit  naturwissenschaftliche  Spezialunter- 
suchungen durchführen  können  —  bislang  ist  alles  noch  Pro- 
gramm —  so  wird  man  ja  sehen.  Die  letzten  hundert  Jahre 
ging  es  auf  dem  anderen  Wege,  den  Kant  meidet,  indessen  auch 
recht  gut. 

Die  Hauptirrtümer  der  kantianischen  MACH-Kritiker  sind  damit 
gekennzeichnet.  Da  Mach  selbst  betonte,  daß  die  Parallelen  mit 
Kant  an  seiner  Lehre  vorbeistreifen  müssen,  wundert  man  sich 
allerdings,  daß  immer  neue  Doktordissertationen  geschrieben 
werden,  von  denen  dasselbe  gelten  muß.  Einen  Blick  wollen  wir 
auf  sie  werfen: 

1.  Richard  Hönigswald^  identifiziert  Heraklit  und 
Mach.  Dann  schiebt  er  Mach  falsche  Behauptungen  unter,  z.  B. 
sagt  er:  Machs  Empfindungen  seien  reale  Größen  mit  objektiver 
starrer  Existenz.  Mach  denkt  natürlich  gar  nicht  daran.  HÖNIGS- 
WALD  übersah,  daß  Mach  die  Empfindung,  wie  sie  als  Begriff 
des  psychologischen  Spezialbetriebes  üblich  ist,  sehr  genau  von 
der  philosophischen  Empfindung  als  funktionalem  Element  in 
unerkenntnistheoretischem  Sinne  unterscheidet.  Das  heißt  aber 
an  Mach  vorbeilesen.  Man  weiß  nicht,  ob  Mach  ergänzend  oder 
befehdend,  zieht  er  dann  Konsequenzen,  die  Mach  diametral 
widersprechen.  Das  hält  ihn  aber  nicht  ab,  nachher  zu  behaupten. 
Mach  habe  den  Boden  von  Kant  nie  verfassen.  Wir  stimmen 
Machs  Replik  bei:  irgend  einen  Nutzen  haben  diese  Unter- 
suchungen nicht*). 

^)  R.  Hönigswald,  Zur  Kritik  der  Machschen  Philosophie.  Berlin  1903. 
*)  Nr.  91,  S.  299f.  —  Nr.  133,  S.  7. 


Machs  Kritiker.  183 

2.  Reinhold  Hell  ^)  Heß  sich  davon  nicht  abschrecken  und 
maß  Machs  Lehren  an  der  Philosophie  Rickerts,  der  jedes 
Objekt  leugnet.  Die  Irrtümer  der  Auffassung  teilt  er  mit  HÖNIGS- 
WALD.  Die  Elemente  faßt  er  mit  Ewald  *)  als  hart  an  Materia- 
lismus streifend  (!).  Er  hat  also  das  Gegenteil  aus  Mach  heraus- 
gelesen und  etwas  kritisiert,  was  Mach  nie  im  Leben  behauptet 
hat.  Seine  Bestimmungen  über  Naturwissenschaft  betreffen  eine 
Archetypuswissenschaft,  aber  nicht  die  heutige  Naturwissenschaft. 

3.  Ferdinand  Reinhold  »)  oder  wie  er  als  Doktorand  noch 
hieß:  Reinhold  Schultz  verkennt  von  einer  zu  Wundt  neigenden 
Stellungnahme  die  MACHschen  Bestimmungen  durchaus.  Er  unter- 
schiebt Mach:  die  Elemente  seien  identische  und  reale  Bausteine, 
die  nicht  isoliert  bestehen  könnten.  Er  geht  so  weit  in  seinem 
Mißverständnis,  daß  er  fragt:  „wie  können  Elemente  oder  deren 
Beziehungen  „Meinungen"  über  sich  haben  . .?  Existieren  dann 
noch  Elemente*)?"  Füglich  dürfte  man  Reinhold  fragen:  wie 
können  Begriffe  oder  das  Apriori  „Meinungen"  über  sich  haben? 
Kann  man  mit  Begriffen  die  zerstörten  Städte  Siziliens  wieder 
aufbauen? 

4.  Robert  Musil*),  wie  die  anderen  MACH-Kritiker  Hönigs- 
WALD  und  HiCKSON  ein  Schüler  RiEHLs,  setzt  die  Arbeit  HÖNIGS- 
WALDS  mit  dessen  Mißverständnissen  fort,  obgleich  Mach  diese 
inzwischen  richtiggestellt  hatte,  indem  er  Machs  Methodenlehre 
in  Angriff  nimmt.  Soweit  MusiL  auf  die  Physik  eingeht,  hören 
wir  viel  von  Newton,  ohne  daß  er  Machs  Ausstände  an  Newton 
entkräftete.  Dann  werden  Machs  „letzte  metaphysische  und 
erkenntnistheoretische  Resultate",  die  jedoch  nicht  von  Mach, 
sondern  nur  von  MusiL  stammen,  widerlegt.  Nur  ein  von  MusiL 

^)  Bernhard  Hell,  Ernst  Machs  Philosophie.  Eine  erkenntnistheore- 
tische Studie  über  Wirlclichlceit  und  Wert.    Stuttgart  1907. 

*)  Oskar  Ewald  (Friedländer),  Richard  Avenarius  als  Begründer 
des  Empiriokritizismus.  Berlin  1905,  S.  75.  Avenarius  ist  hier  ebenso  miß- 
verstanden. 

')  Ferdinand  Reinhold,  Machs  Erkenntnistheorie.  Leipzig  1908.  — 
Die  sonst  gleichlautende  Doktordissertation  nennt  als  Verfasser  Reinhold 
Schultz. 

*)  1.  c,  S.  152. 

^)  R.  Musil,  Beitrag  zur  Beurteilung  der  Lehren  Machs.  Dissertation. 
Berlin,  1906. 


184  Machs  Kritiker. 

konstruiertes  Schreckgespenst^  nicht  die  MACHsche  Lehre  ist 
damit  zu  Fall  gebracht. 

5)  Herbert  Buzello  *)  stellt  sich  in  seiner  Hallenser  Doktor- 
dissertation auf  Kriegsfuß  mit  der  Psychologie.  Ich  zitiere  einige 
Sätze  grundlegender  Art:  ^^In  der  physiologischen  Zeit  gibt  es 
keine  ,Dauer'.*'  (S.  30.)  MACH  hatte  mit  Recht  behauptet,  daß 
die  Gegenwart  entsprechend  den  Versuchen  von  Hillebrand 
u.  a.  eine  meßbare  Dauer  besäße.  Nicht  aus  der  widerlegten 
Ansicht  von  James  heraus,  sondern  vom  Boden  der  KANTschen 
Philosophie  erschließt  Buzello,  daß  die  physiologische  Zeit 
keine  Dauer  habe  und  deshalb  Machs  Lehre  von  der  Zeit  falsch 
sei.  „Wenn  Lokalzeichen  die  räumliche  Anschauung  hervor- 
brächten, wären  sie  nicht  aufweisbar."  (S.  25.)  Wenn  Mach  die 
Geräusche  in  Tonempfindungen  zerlegt,  wenn  er  die  Licht- 
empfindungen in  Grundfarbenempfindungen  auflöst,  so  glaubt 
Buzello  (S.  8),  Mach  rede  von  Schwingungen  und  physikali- 
schen Grundfarben. 

„Mach  übernimmt  aus  der  Sinnesphysiologie  den  Begriff 
der  „Empfindung"  und  setzt  die  Empfindung  als  das  Element, 
aus  dem  alles  Wirkliche  zusammengesetzt  ist."  MACH  denkt 
natürlich  gar  nicht  daran,  sondern  er  scheidet  den  spezial- 
wissenschaftlichen Empfindungsbegriff  sehr  wohl  von  dem  funk- 
tionalen Element.  Mach  könne  nie  beweisen,  so  fährt  Buzello 
fort,  ob  er  auf  letzte  Elemente  gekommen  sei.  Buzello  über- 
sah, daß  Mach  dies  selbst  sagte.  Wie  hier  vom  Schreibtisch 
aus,  den  gesicherten  Tatsachen  der  experimentellen  Psychologie 
zum  Trotz,  einfach  aus  der  Erkenntnistheorie  heraus  entschieden 
wird,  macht  den  KANTschen  Weg  gerade  nicht  annehmbar.  Die 
Tatsachen  der  Psychologie  wird  Buzello  dadurch  nicht  ändern. 
Auch  kann  Mach  ruhig  schweigen,  wenn  ein  Monstrum  von 
Mißverständnissen  als  MACHsche  Lehre  ausgegeben  und  tot- 
geschlagen wird. 

5.  Weitere  Kritiken,  die  MACH  irrtümlicherweise  als  Erkenntnis- 
theoretiker auffassen,  die  seinen  funktionalen  Empfindungsbegriff 
mißverstehen  und  die  Lehren  Heraklits  aus  ihm  herauslesen, 
um  ihn  dann  mit  Kant  zu  widerlegen,  natürlich  ohne  Machs 

^)  Herbert  Buzello,  Kritische  Untersuchung  von  Ernst  Machs  Er- 
kenntnistheorie.   Ergänzungsheft  23  zu  Kantstudien,  16,  1911  und  Diss. 


Machs  Kritiker.  185 

wirkliche  Behauptungen  zu  berühren,  stammen  von:  Julius  Bau- 
mann 0,  Harald  Höffding*),  Husserl«),  Heinrich  Grün- 
baum*), Emil  Lucka*),  J.  W.  A.  Hickson«)  u.  a.  Einige  wie 
DÜRR  (unter  den  besprochenen  Buzello  u.  a.)  verwechseln  irr- 
tümlicherweise das  Ökonomieprinzip  mit  der  mittelalterlichen  Lex 
parsimoniae,  wovor  Mach  ausdrücklich  warnte. 

Den  russischen  Machisten,  die  wie  Bogdanow  den  Plan 
haben.  Mach  und  Marx  zu  vereinigen,  trat  Plechanow^)  in 
recht  naiver  Weise  entgegen.  Dieser  Begründer  der  Sozial- 
demokratie in  Rußland  hat  die  Ehre,  Mach  am  allermeisten  miß- 
verstanden zu  haben.  Seine  Argumente  —  er  operiert  mit  Hegel 

—  sind  aber  denen  der  Kantianer  ebenbürtig. 

Die  Kritiker  sagen:  „Kant",  aber  welchen  Kant  sie  meinen, 
das  hören  wir  nicht.  Hat  doch  jede  erkenntnistheoretische  Schule 
an  Kant  Verbesserungen  angebracht,  ohne  daß  dabei  jedoch  die 
Realität  erkenntnistheoretisch  erreicht  wäre,  wogegen  der  Wider- 
spruch der  einzelnen  Erkenntnistheorien  untereinander  heute 
stärker  ist  als  je.  Was  ist  „die"  Erkenntnistheorie?  Es  gibt 
keine  sanktionierte  Erkenntnistheorie.  Gemäß  Kants  eigener 
Aussage  genügt  einer  der  Punkte,  wenn  er  hinfällt,  um  die 
ganze  im  Rundbau  aufgeführte  Kritik  hinfällig  zu  machen.  Man 
kann  nicht  die  Raumlehre  etwas  ändern  und  dann  die  synthetischen 
Urteile  a  priori  noch  festhalten. 

Mit  den  einzelnen  Erkenntnistheorien  habe  ich  mich  andern- 
orts auseinandergesetzt  und  Mach  verteidigt,  ich  darf  hier  darauf 
hinweisen.  Zugleich  sei  die  Aufmerksamkeit  auf  die  Arbeit  von 
Ziehen  gerichtet »). 

*)  J.  Baumann,  Arch.  f.  syst.  Philos.  7,S.260ff.,1901;  ebenda:  4,  S.44ff. 

—  5,  S.  376ff.  —  7,  S.  260 ff.  —  Abdruck  in:  Deutsche  und  außerdeutsche 
Philosophie  der  letzten  Jahrhunderte.    Gotha  1903. 

")  H.  Höffding,  Moderne  Philosophen.    Leipzig  1905,  S.  104  ff. 

')  E.  HussERL,  Logische  Untersuchungen.    1900. 

*)  H.  GrOnbaum,  Arch.  f.  syst.  Phil.    5,    1899. 

^)  E.  LucKA,  Kantstudien.    8,  S.  3%  ff. 

•)  HiCKSON,  Arch.  f.  syst.  Philos.    24. 

')  Plechanow,  Materialismus  militans.  La  voix  du  socialdemocrate. 
Paris  1908,  Nr.  8/9.    (Text  russisch.) 

^)  Th.  Ziehen,  Zum  gegenwärtigen  Stand  der  Erkenntnistheorie.  (Zu- 
gleich Versuch  einer  Einteilung  der  Erkenntnistheorien.)    Wiesbaden   1914 


Verlag  von  Johann  Ambrosius  Barth  in  Leipzig. 


Erkenntnis  und  Irrtum 

Skizzen  zur  Psychologie  der  Forschung 


von 


Ernst  Mach 

Emer.  Professor  an  der  Universitftt  Wien 

Zweite  durchgesehene  Auflage 

XII,  474  Seiten  mit  35  Abbildungen.    1906. 
Preis  M.  10.—,  gebunden  M.  1 1.—. 

Jahrbuch  ober  die  Fortschritte  der  Mathematik:  Das  Buch  ist  aus  einer 
Vorlesung  über  Psychologie  und  Logik  der  Forschung  hervorgegangen 
(1895/96),  in  welcher  die  Psychologie  der  Forschung  auf  autochthone  Ge- 
danken der  Naturwissenschaft  zurückgeführt  wurde.  Mach  behält  stets  festen 
Boden  unter  den  Füßen,  weil  er  sich  nie  von  dem  Tatsächlichen  loslöst.  So 
wird  auch  das  vorliegende  neue  Buch  des  geschätzten  Forschers  allen  seinen 
treuen  Anhängern  vielfache  Belehrung  und  einen  hohen  ästhetischen  Genuß 
verschaffen. 

Monatsschrift  für  Krimlnalpsycholofle :  Für  die  steigende  Teilnahme,  die 
unsere  Zeit  den  theoretischen  Grundlagen  der  Forschung  entgegenbringt, 
spricht  die  bloße  Tatsache,  daß  ein  so  umfangreiches  und  schwieriges  Werk, 
wie  das  von  Mach,  in  ganz  kurzer  Zeit  die  zweite  Auflage  erlebt  hat  In 
erster  Linie  freilich  dankt  es  diesen  Erfolg  seinen  „persönlichen**  Vorzügen, 
ja,  es  ist  nicht  zu  viel  gesagt,  wenn  man  es  zu  jenen  seltenen  Büchern 
rechnet,  die  bei  aller  Wissenschaftlichkeit  so  anregend  und  fesselnd  ge- 
schrieben sind,  daß  man  sie  ohne  Unterbrechung  bis  zur  letzten  Seite  durch- 
liest. Ich  habe  nur  gelesen  und  bewundert,  bald  die  ungemeine  Belesen- 
heit des  Verfassers,  bald  die  außerordentlich  lichtvolle  Darstellung.  Ich 
kann  lediglich  bitten,  diesen  Satz  durch  eigene  Lektüre  nachzuprüfen.  Gewiß 
erfordert  das  Studium  des  Buches  Arbeit,  aber  sie  wird  überreichlich  gelohnt. 

Die  Zeit:  Was  das  Buch  dem  gebildeten  Leser  wertvoll  und  unentbehr- 
lich macht,  ist  vor  allem  die  Tatsache,  daß  es  der  tppische  Repräsentant 
des  modernen  naturwissenschaftlichen  Denkens  ist,  das  sich  nicht  innerhalb 
der  Grenzen  einer  Spezialforschung  einnistet,  sondern  einen  Teil  jener  Do- 
mäne übernimmt,  die  früher  ausschließlich  von  den  Philosophen  bearbeitet 
wurde,  wie  Erkenntnispsychologie,  Ethik,  Ästhetik,  Soziologie.  Machs  Werke 
sind  weder  in  Schnörkeln  gedacht,  noch  in  Hieroglyphen  geschrieben.  Es 
gibt  überall  nur  große  Gesichtspunkte  und  gerade  Wege.  Nirgends  begegnen 
wir  dem  kleinlichen  Mönchsgezänke  der  Zunft,  der  Schadenfreude  am  Ent- 
decken nebensächlicher  Fehler,  der  übermütigen  Tendenz  des  Besserwiss^ 
oder  niedriger  Rachsucht  wegen  ungünstiger  Kritik.  Selbst  wo  gegenteilige 
Meinungen  bekämpft  werden,  geschieht  dies  mit  Ruhe  und  Noblesse  der 
Gesinnung. 


Verlag  von  Johann  Ambrosius  Barth  in  Leipzig» 

Populär-wissenschaftliche 

Vorlesungen 

von 

Dr.  E.  Mach 

Emer.  Professor  an  der  Universitftt  Wien. 

Vierte  vermehrte  und  durchgesehene  Auflage 

XII,  508  Seiten  mit  73  Abbildungen.    1910. 
Preis  M.  6.—,  gebunden  M.  6.80. 

Naturwissenschaftliche  Wochenschrift:  Nach  dem  Urteil  der  Kritik  ge- 
hören die  geistreichen  Vorträge  des  vortrefflichen  Gelehrten  zu  dem  Ge- 
diegendsten,  was  die  Literatur  in  dieser  Richtung  besitzt  Sie  stehen  auf 
derselben  Stufe,  wie  etwa  Helmholtz'  Vorträge.  Der  greise  Verfasser  kann 
jetzt  zwar  keine  Vorlesungen  mehr  halten,  doch  ist  ihm  die  Neigung,  sich 
fiber  allgemein  interessierende  Fragen  mit  dem  Publikum  auseinanderzusetzen, 
nicht  abhanden  gekommen.  Die  vorliegende  vierte  Auflage  ist  daher  um 
sieben  Vorlesungen  vermehrt  worden. 

Zeitschrift  für  physikalische  Chemie :  Die  populären  Voriesungen  Machs 
sind  unserer  aufstrebenden  wissenschaftlichen  Jugend  längst  als  eines  der 
besten  Hilfsmittel  bekannt,  um  wissenschaftliches  Denken  in  eindringlicher 
und  festhaftender  Form  zu  lernen  und  dabei  gleichzeitig  den  Gesichtskreis 
in  höchst  überraschender  und  folgenreicher  Weise  zu  erweitem.  In  der 
vorliegenden  4.  Auflage  sind  folgende  neue  Aufsätze  zu  finden:  Beschrei- 
bung und  Erklärung;  ein  kinematisches  Kuriosum,  der  physische  und  psj^chische 
Anblick  des  Lebens  zum  physiologischen  Verständnis  der  Begriffe;  werden 
Vorstellung,  Gedanken  vererbt?  Leben  und  Erkennen;  eine  Betrachtung 
über  Zeit  und  Raum.  So  werden  auch  die  Besitzer  der  ersten  Auflage  dem 
Werke  nicht  widerstehen  können,  das  kennen  zu  lernen,  was  der  in  voller 
Geistesfrische  sein  Alter  ertragende  und  fruchtbar  machende  Meister  über 
diese  hochinteressanten  Fragen  zu  sagen  weiß. 

Hessische  Schnlzeitnnj;:  Jeder,  der  sich  näher  mit  Physik  befafit,  kommt 
zuletzt  auf  erkenntnistheoretische  bzw.  philosophische  Probleme:  man  greife 
nach  Mach!  Das  rufe  ich  allen  Lehrern  mit  naturwissenschaftlichen  Inter- 
essen zu:  in  deren  Hände  gehört  das  Buch.  Für  Kreislehrerbibliotheken 
und  öffentliche  Bibliotheken  beantrage  man  unbedingt  das  vorzügliche  Werk. 


Von  demselben  Verfasser  erschien: 

Die  Geschichte  und  die  Wurzel  des  Satzes  von  der 

Erhaltung  der  Arbeit 

Vortrag,  gehalten  in  der  K.  Böhm.  Gesellschaft  der  Wissenschaften 

am  15.  November  1871 

2.  unveränderter  Abdruck  nach  der  in  Prag  erschienenen  1.  Auflage 

60  Seiten  mit  8  Figuren.    1909.    M.  2.—. 


Verlag  von  Johann  Ambrosius  Barth  in  Leipzig, 

Die  Prinzipien  der  Wärmelehre 

Historisch-kritisch  entwickelt 

von 

Dr.  Ernst  Mach 

Emer.  Professor  an  der  Universitftt  Wien 

Zweite  Auflage 

XII,  484  Seiten  mit  105  Figuren  und  6  Porträts.    1900. 

Preis  M.  10.—,  gebunden  M.  11.—. 

Zeitschrift  ffir  physikaUsche  Chemie:  Mit  dem  vorliegenden  Werke  hat 
der  Verfasser  auch  denen,  die  in  irgendeiner  Weise  an  der  heutigen  Ent- 
wicklung der  Wärmeenergetik  interessiert  sind  —  und  welcher  Chemiker, 
Physiker  und  Techniker  wäre  es  nicht  — ,  einen  ungemein  dankenswerten 
Dienst  erwiesen.  Ober  den  Geist,  in  welchem  das  Werk  abgefaßt  ist, 
braucht  bei  der  bekannten  Eigenart  des  Verfassers  nichts  weiter  gesagt  zu 
werden;  das  Buch  wird  sicher  viel  zur  Verbreitung  klarer  Ansichten  in  dem 
behandelten  Gebiete  und  in  der  Phj^sik  Oberhaupt  beitragen.  Die  Darstellung 
ist  vielleicht  noch  anregender  und  lebendiger  als  in  semer  „Mechanik^. 

Mfiflchener  Allj^emeliie  Zeitniiff:  Wir  begrüßen  die  zweite,  einigermaßen 
erweiterte  Auflage  von  Machs  werk  und  wollen  hiermit  dasselbe  als  die 
Geistesarbeit  eines  im  wahrsten  Sinne  des  Wortes  hervorragenden  Natur- 
philosophen einem  möglichst  großen  Kreise  von  denkenden  Lesern  empfehlen. 

Natarwisseaschaftliche  Wocheaschrift:  Eine  zweite  Auflage  des  trefflichen 
Machschen  Werkes,  das  erst  1896  zum  erstenmal  erschienen  war.  Besonders 
ans  Herz  derjenigen  Naturforscher  legen,  die  ihren  Beruf  aus  philosophischen 
Neigungen  ergriffen  haben,  möchten  wir  die  Schlußkapitel  des  Buchesi,  welche 
allgemeineren  und  abstrakt  erkenntnistheoretischen  Inhaltes  sind. 


Von  demselben  Verfasser  erschienen  früher: 

Optisch-akustische  Versuche 

Die  spektrale  und  stroboskopische  Untersuchung  tönender  Körper 

IV,  111  Seiten  mit  39  Figuren.    1873.    M.  4.—. 


Zur  Theorie  des  Gehörorgans 


2.  unveränderter  Abdruck 
23  Seiten.    1872.    M.  1.— . 


Beiträge  zur  Theorie  der  Ton-  und 
Farbenänderung  durch  Bewegung 

Gesammelte  Abhandlungen 

34  Seiten.    1874.  M.  1.60. 


Verlag  von  Johann  Ambrosius  Barth  in  Leipzig, 

DUHBM,  PIERRB,  Ziel  ufld  Straktor  der  physikalischefl  Theorien.  Autorisierte 
Übersetzung  von  Dr.  Friedrich  Adler.  Mit  einem  Vorwort  von  Hofrat 
Prof.  Dr.  Ernst  Mach.   XII,  368  S.    1908.  M.  8.—,  geb.  M.  9.—. 

BerUaer  TmebUtt :  Eine  langjlbrige  Erfahrung  und  eine  umfassende  Kenntnis  des 
ganzen  physikalischen  Gebietes  zeichnen  das  rorUegende  Werk  aus,  das  durch  die  kritische 
Erfassung  des  behandelnden  Problems  zu  den  Wegweisem  im  Irrgarten  der  physikalischen 
Theorien  gehört.  In  .der  vorliegenden  Schrift  werden  die  Methoden,  auf  Grund  deren 
die  physikalische  Wissenschaft  sich  entwickelt,  einer  logischen  Analyse  unterzogen.  Es 
werden  nicht  nur  Behauptungen  aufgestellt  und  logisch  begrttndet,  auch  ffescmchtUohe 
Beweise  werden  herangezogen,  um  die  fiehauptungen  zu  stützen.  —  Das  Werk  Duhems  bietet 
nicht  nur  dem  Theoretiker,  sondern  auch  dem  Praktiker  eine  Fülle  von  Anregungen,  und  seine 
üntersuchungsmethode  dürfte  auch  Jedem  anderen  Wissensgebiete  wertroue  Inenste  leisten. 

Monatshefte  flr  ■athematlk  und  Fhjvik:  Das  Buch  gehört  Jedenfalls  zu  dem  Besten,  was 
über  die  Materie  geschrieben  wurde,  und  wenngleich  gerade  die  Jüngste  Zeit  mit  den 
Triumphen,  die  die  Atomistik,  verjüngt  durch  die  Elektronik,  feiert,  den  Wert  guter 
Bilder  und  Hypothesen  drastisch  vor  Aueen  führt,  wird  man  doch  gerade  diejenigen 
Kapitel  Duhems,  in  welchem  er  gegen  Modelle  und  Bilder  als  gegen  parasitäre  Gebude 
sich  wendet,  mit  größtem  Interesse  lesen. 

HUBBBR,  VIKTOR,  Die  Orjfanisienmr  der  latellifenz.  Mit  einer  Einführung 
von  Prof.  Dr.  Ernst  Mach.   VIlT,  234  S.   3.  erweiterte  Auflage.    1910. 

Kart  M.  3.60. 

CIraser  Tagespost:  Das  Buch  regt  einen  Zusammenschluß  aUer  Geistesarbeiter  und  der 
Gebildeten  aller  Berufe  überhaupt  Im  Zeichen  ihrer  Bildung  an,  um  gegen  andere  Gruopen, 
die  sich  gegen  andere  Zeichen  der  Macht  zusammentun,  Einfluß  zu  erlangen.  Daß  das 
Buch  keine  Magie  ist,  beweist,  daß  ein  Mann,  wie  Professor  Dr.  Ernst  Mach  eine  be- 
geisterte Einführung  dazu  geschrieben  hat. 

Latomla:  Die  erzieherischen  Gedanken  des  Verfassers,  seine  von  einem  fortreißenden 
Idealismus  getragenen  Ausführungen  wecken  einen  derartigen  Widerhall  in  der  Seele, 
daß  wir  sie  als  echt  maurerische  ansprechen  möchten,  und  Jedenfalls  wird  ein  rechter 
Freimaurer  soviel  des  Goldes  für  sich  finden,  daß  er  das  Buch  nur  mit  großem  Nutzen 
für  seine  Sache  lesen  wird. 

HOLZAPFEL,  RUDOLF,  Panideal.  Psychologie  der  sozialen  Gefühle.  Mit 
einem  Vorwort  von  E.  Mach.   X,  233  S.    1901.  M.  7.— . 

STALLO,  J.  B.,  Die  Begriffe  und  Theorien  der  modemen  Physik.  Aus  dem 
Englischen  übersetzt  und  herausgegeben  von  Dr.  Hans  Kleinpeter. 
Mit  einem  Vorwort  von  Prof.  Dr.  Ernst  Mach.  2.  Aufl.  XXIV,  328  S. 
mit  Porträt  des  Verfassers.    1911.  M.  7.—,  geb.  M.  a— . 

NatnrwIsienschsftUche  Wochensehrift:  Das  vorliegende  Buch  hat  eine  philosophische 
Tendenz,  es  beschlftigt  sich  mit  der  erkenntnistheoretischen  Seite  der  modernen  rhvsik. 
Die  Kenntnis  des  interessanten  Buches  verdanken  wir  Madi,  der  durch  ein  Zitat  auf  das 
Buch  aufmerksam  geworden,  sich  „lebhaft  für  den  Mann  interessierte,  dessen  wirtschaft- 
liche Ziele  mit  den  seinigen<<  sich  so  nahe  berührten. . . .  Wer  über  das  hinaus  will,  waa  man 
auf  dem  Gebiete  der  Physik  schulmäßig  lernt,  dem  sei  die  Lektüre  des  vorliegenden  Buches 
angelegentlichst  empfohlen  in  gleicher  Weise  wie  die  schönen  Bücher  von  Mach. 

ZettACkrlft  flr  den  phrsIkaUseken  aad  ehemlsehen  Unterricht:  Das  Erscheinen  einer  zweiten 
Auflage  des  Buches  spricht  für  das  wachsende  Interesse,  das  man  in  Deutschland  der- 
artigen  kritischen,  in  das  Grenzgebiet  zwischen  Physik  und  Philosophie  hineinreichenden 
Untersuchungen  entgegenbringt.  Das  Schwergewicht  liegt  in  den  Kapiteln,  die  vom 
Verhältnis  der  Gedanken  zu  den  Dingen  und  vom  Charal^er  und  Ursprung  der  mecha- 
nischen Theorie  handeln.  Die  kosmologischen  und  kosmogonischen  Betrachtungen  im 
letzten  Teil  des  Buches  sind  vorwiegend  durch  den  kritischen  Standpunkt  gegenüber  der 
Nebularhypothese  interessant.  Welche  Stellung  man  auch  zu  den  erörterten  Fragen  ein- 
nehmen mag,  man  wird  in  dem  Buch  vielfältige  Anregung  finden. 

Monatshefte  flr  Mathematik  and  Phrdk;  Der  erfreulich  frische  Ton  dieses  Buches,  die 
naive  Unbefangenheit  gegenüber  den  Vorurteilen  der  mechanistischen  Physik  fesseln  uns 
selbst  heute  noch,  wo  die  alt-mechanistische  Auffassung,  alles  in  der  Welt  lasse  sich  durch 
den  Stoß  der  Atome  erklären,  nicht  mehr  die  herrschende  ist. 

Monatsschrift  flr  höhere  Schalen:  Wie  Hume  den  Kausalbegriff  und  d'Alembert  den 
Kraftbegriff  einer  kritischen  Prüfung  unterzog,  so  nimmt  der  Verfasser  der  vorliegenden 
Schrift  den  Atombegriff  unter  die  sondierende  Lupe  der  Philosophie.  Mit  gründliehem 
historischen  Wissen  ausgerüstet  und  mit  scharfem  pmlosophischen  BUck  begabt,  weiß  er 
die  Mängel  des  atomistischen  Weltbildes  freimütig  und  mit  vielfach  zwingender  Klarheit 
bloßzulegen.  Gerade  die  Klarheit  und  Folgerichtigkeit,  mit  der  diese  Aufgabe  gestellt 
und  durcngeführt  ist,  haben  dem  Werke  des  leider  schon  verstorbenen  Deutsch-Amerikanen 
in  seinem  Adoptiv- Vaterlande  den  großen  Erfolg  verschafft,  der  ihm  auch  in  seiner  wirk- 
lichen Heimat  in  Deutschland  gewiß  nicht  fehlen  wird. 


7  3  WS.  •  JUL  "50 


/ 


A'1Q'125M3S30 


b89092543230« 


T)ate  Loaned 


— I