Jagdzeit (2020)
| Film | |
| Titel | Jagdzeit |
|---|---|
| Produktionsland | Schweiz |
| Originalsprache | Schweizerdeutsch, Deutsch |
| Erscheinungsjahr | 2020 |
| Länge | 88 Minuten |
| Stab | |
| Regie | Sabine Boss |
| Drehbuch | Simone Schmid Norbert Maass Sabine Boss |
| Produktion | Anita Wasser Michael Steiger |
| Musik | Michael Künstle |
| Kamera | Michael Saxer |
| Schnitt | Stefan Kälin |
| Besetzung | |
| |
Jagdzeit ist ein Film von Sabine Boss aus dem Jahr 2020. Er behandelt den erbarmungslosen Machtkampf unter Topmanagern. Das Schweizer Traditionsunternehmen «Walser» und die Vorgänge sind fiktiv. Die Geschehnisse sind jedoch angelehnt an wahre Begebenheiten, ausgehend von den Suiziden von Topmanagern wie Swisscom-CEO Carsten Schloter oder Zurich-Finanzchef Pierre Wauthier. «Letzterer hinterliess einen Brief, in dem er den Verwaltungsratsvorsitzenden Joe Ackermann schwer anklagte.»[1]
Handlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Alexander Maier ist Finanzchef des Schweizer Traditionsunternehmens «Walser», das Katalysatoren für die Autoindustrie liefert. Er ist ein Workaholic, der alle Zeit diesem Unternehmen opfert. Darüber ist wohl auch seine Familie zerbrochen. Er lebt in Trennung. Seine Frau ist ausgezogen. Sein Sohn lebt bei ihr. Selten bleibt Zeit, seinen Sohn bei dem ihm so wichtigen Eishockey-Training zu besuchen. Einzige Zeit der Entspannung findet er nachts in seinem virtuellen Schiessstand im Keller. Die Präzision der Jagd, nicht das Töten der Tiere ist seine Passion.
Die Firma «Walser» schwächelt trotz des Engagements von Maier. Zur Sanierung wird von der Leitung um Marc Walser der deutsche Topmanager Hans-Werner Brockmann als CEO eingestellt. Der macht sofort durch Mitarbeiterentlassungen von sich reden. Zunächst sucht er Maier als Verbündeten, schenkt ihm zur Begrüssung das «Hagakure» – ein Verhaltenscodex der Samurai, dessen wichtigste Regel die absolute Unterordnung unter den Führer ist. In dieser Phase ist viel vom gemeinsamen Ringen um das gemeinsame Ziel die Rettung des Unternehmens die Rede. Unglücklicherweise verschärft sich die Lage durch einen Brand in einem deutschen Zweigwerk, wodurch die permanente Belieferung von Katalysatoren für die Autoindustrie gefährdet ist und damit riesige Vertragsstrafen drohen. Brockmann braucht Maier für das Auftreiben des Geldes. Seine Methode ist aber drastisches Sparen, wovon die Forschungs- und Entwicklungsabteilung zuerst betroffen wäre. Da zählt es für Brockmann nicht, dass es dort eine wichtige Entwicklung gibt – ein Generator, der Energie aus den heissen Abgasen zurückgewinnen kann und somit 12 % Kraftstoff einsparen hilft. Maier wirbt für dieses vielversprechende Vorhaben. Scheinbar geht Brockmann darauf ein. Er sucht Kontakt zu Maier, lädt ihn zu sich nach Hause und zu einem gemeinsamen Jagdausflug ein. Aber dabei geht es auch darum, Maiers Selbstbewusstsein zu beschädigen. So schiebt er Maier beim Jagdausflug Platzpatronen unter und schiesst ihm die Fasanen weg.
Brockmanns Unterstützung für das Entwicklungsprojekt ist mit dem Argument, dass die Zeit nicht reiche, schnell zu Ende. Jetzt soll Geld durch einen Börsengang eingespielt werden. Maier ist dagegen. Inzwischen liess er von seiner Mitarbeiterin über Brockmann recherchieren. Brockmann hat schon einmal durch falsche Sanierung ein Unternehmen in den Ruin getrieben. Maier spielt den Verwaltungsratsmitgliedern, die über den Börsengang abstimmen sollen, dieses Material zu. Mit der Mehrheit durch die Stimme des Eigners Marc Walser wird der Börsengang trotzdem durchgesetzt. Maier solle das vorbereiten und erklärt sich dazu bereit. Er schafft es nur unter grossem Zeitdruck und maximaler Anstrengung. Aber es kommt doch zu einem Skandal, als Maier bei einer Sitzung mit dem Hauptinvestor HKG in Frankfurt am Main in seinen Berechnungen einen Kommafehler feststellen muss. Später wird Maier in die Aufsichtsratssitzung bestellt, wo ihm Brockmann mitteilt, dass der Investor HKG und andere abgesprungen sind. Er macht den Kommafehler dafür verantwortlich und unterstellt Maier gar Vorsatz, weil er ohnehin gegen den Börsengang gewesen sei und gegen ihn opponiert habe. Jetzt stehen die Zeichen auf Verkauf des Unternehmens.
Um Maier wird es einsam. Zudem bekommt er auch privat Probleme. Sein Sohn nimmt ihm übel, dass er, als er ihn dringend brauchte, nicht für ihn da war. Nun will er auch keinen Kontakt. Maier bekommt gesundheitliche Probleme und leidet an Tinnitus. Trotzdem errechnet er zu Hause einen Ausweg aus der Misere für das Unternehmen. Er springt auf und unterbringt den Vorschlag sofort dem Eigner Marc Walser in dessen Wohnung. Er bestätigt damit, dass Brockmanns Projekt für den Börsengang generell schlecht ist und das Scheitern verursachte. Aber Marc Walser will ihm nicht mehr zuhören. Er hat gerade Maiers Mitarbeiter und Brockmann bei sich zu Hause zu Gast. Er schickt Maier nach Hause. Maier hört dort im Radio, dass es bereits einen asiatischen Interessenten für die Firma Walser gibt und die Verkaufsoption wegen des Versagens des Finanzchefs Maiers der letzte Weg war. Gemäss dem Codex eines Samurai, wie im «Hagakure» beschrieben, wählt Maier den Tod, die Selbsttötung mit seinem Jagdgewehr in seinem virtuellen Jagdstand im Keller, um Brockmann zur Strecke zu bringen. Im Abschiedsbrief an Marc Walser macht er Brockmann für seinen Freitod verantwortlich. Dieser muss daraufhin von seinem Posten als CEO zurücktreten.
Produktion
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Film wurde 2019 von Turnus Film, dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) und Teleclub produziert. Er feierte im Januar 2020 an den Solothurner Filmtagen Premiere. Dabei sprach Sabine Boss über ihre Inspiration zu diesem Filmstoff. «Die oft (aus Sozialneid heraus) fehlende Empathie mit solchen Topmanagern. Lese man die Meldung über einen Suizid, käme als erstes der Gedanke: Warum ist denn der nicht ausgestiegen, der hat doch so viel Geld? ‹Jagdzeit› zeigt eindrücklich, warum: Weil es aussen vermeintlich nichts mehr gibt, was einen Ausstieg lohnt.»[1]
Der Kinostart in der Schweiz war der 20. Februar 2020. In Deutschland lief er erstmals am 3. Juni 2026 bei 3sat.
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sarah Stutte urteilt so: «Glaubhaft wird gezeigt, wie Erfolg zur Vereinsamung führen kann. Mit klugen japanischen Weisheiten spielt Boss auf eine Kultur an, die für den «Tod durch Überarbeitung» gar ein eigenes Wort kennt. Stefan Kurt und Ulrich Tukur liefern sich stellenweise ein packendes Duell, ihre Figuren lassen dennoch Tiefe und Mehrdimensionalität vermissen. Trotzdem ist die Geschichte erschütternd angesichts der gesellschaftlichen Relevanz in der heutigen Zeit, in der Profit unser aller Leben dirigiert.»[2]
Auf die gesellschaftliche Relevanz wird auch hier hingewiesen: «Moral, Ehrlichkeit bleiben auf der Strecke, Beschönigungen, Kaschierungen und Lügen sind an der Tagesordnung. Brockmann wäscht wie einst Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld. Kühl und sachlich distanziert zeichnet ‹Jagdzeit› ein verheerendes moralisches Bild aus der Manageretage. Es geht um Profil und Profit. Mit feinen Strichen und Sensibilität seziert der Spielfilm Geschäftsgebaren und Gegenwart. Menschlichkeit bleibt auf der Strecke.»[3]
Hannes Nüsseler weist noch auf einen anderen ethischen Aspekt hin. «Das düstere Drama von Sabine Boss (‹Der Goalie bin ig›) erzählt im Gegenteil, wie ein Leben aus der Bahn gerät, das mit sympathischer Dickköpfigkeit an ein paar Grundtugenden festhalten will. Dazu gehören für den Finanzchef eines Schweizer Katalysatorenherstellers nicht nur Bilanzen ohne Kommafehler. Maier will auch, dass Arbeitsplätze geschützt werden und nachhaltig gewirtschaftet wird: Wer sonst soll gegen den Klimawandel ankämpfen, wenn nicht die Autobranche? […] Er will sich auch nicht als nützlicher Idiot instrumentalisieren lassen, um das Unternehmen auf dem Altar des Shareholder Value zu opfern.»[4]
Das Lexikon des internationalen Films lobt die hervorragende Besetzung der Hauptrollen.[5]
Auszeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- SIFF Jury Award – Best Foreign Language Feature (2022)
- Rolf-Hans Müller Preis für Filmmusik (2021)
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Sabine Boss’ neuer Spielfilm – Die Verzweiflung der Topmanager. Abgerufen am 1. Juli 2026.
- ↑ Filmtipp: «Jagdzeit» : ref.ch. Archiviert vom am 7. Mai 2021; abgerufen am 1. Juli 2026 (Schweizer Hochdeutsch).
- ↑ Jagdzeit. 20. Februar 2020, abgerufen am 1. Juli 2026.
- ↑ Hannes Nüsseler: «Jagdzeit»: Aus der Bahn. 14. Januar 2020, abgerufen am 1. Juli 2026.
- ↑ Jagdzeit. In: Lexikon des internationalen Films. Filmdienst, abgerufen am 2. Juli 2026.