Künstlerclub St. Lucas
Der Künstlerclub St. Lucas, auch Künstler-Club Sankt Lucas geschrieben, war ein Künstlerverein von Radierern und Malern der Düsseldorfer Schule. 1891 gegründet[1] und am 15. Januar 1892 als Verein eingetragen, war er im Zuge des Etching Revival als Nachfolger des Düsseldorfer Radirclubs bis 1903 aktiv.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nachdem die Aktivitäten des Düsseldorfer Radirclubs nach 1886 erlahmt und eingestellt worden waren, kam es insbesondere unter jungen Düsseldorfer Landschaftsmalern, die sich weder durch den eher konservativen Lehrbetrieb der Kunstakademie Düsseldorf, wo Ernst Forberg die Reproduktionsgrafik lehrte, noch durch die Aktivitäten des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen ausreichend berücksichtigt ansahen, zu einer latenten Unzufriedenheit. Dies drückte sich wie andernorts auch in der Bildung von neuen künstlerischen Zusammenschlüssen abseits des etablierten Kunstbetriebs aus, die das Ziel verfolgten, moderne Strömungen und reformerische Ansätze stärker zur Geltung zu bringen. In diesem secessionistischen Klima entstand 1891 die Freie Vereinigung Düsseldorfer Künstler. Etwa zeitgleich, vielleicht auch als Ablösung von der vorgenannten Vereinigung,[2] taten sich die Brüder Arthur und Eugen Kampf mit dem Maler Olof Jernberg zusammen[3] und gründeten den Künstlerclub St. Lucas. Helmuth Liesegang, ein enger Freund von Arthur Kampf, der sich den Initiatoren bald angeschlossen hatte, ließ ihn am 15. Januar 1892 in das Düsseldorfer Vereinsregister eintragen.[4] Zu diesem Zeitpunkt waren Alexander Frenz, Gerhard Janssen, Heinrich Hermanns, Gustav Wendling, Aloys Fellmann und Emil Zimmermann schon hinzugestoßen. Sie wirkten an Versammlungen mit und schufen unter dem traditionsreichen Patronat St. Lukas ein Statut. Durch Qualitätsanspruch und durch Begrenzung der Mitgliederzahl sollte es auf das gemeinsame Arbeiten im historischen Format einer brüderlichen Lukasgilde, auf gemeinsam kuratierte Jahresausstellungen und auf gemeinsam herausgegebene Radiermappen hinwirken, ohne den Künstlern Spielraum für ihre Eigenarten zu nehmen. So hatte sich der Verein in den Tagen oder Wochen vor der Registrierung im Winter 1891/1892 konstituiert.
Die Radierung war im Zuge des Etching Revival ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts international ein im Aufschwung befindliches Medium, das gerade jungen, noch nicht etablierten Künstlern reizvolle und vielseitige, genreübergreifende Möglichkeiten der individuellen künstlerischen Profilierung und Erwerbsarbeit bot. Dementsprechend erläuterte eine im Kunstverlag Hartmann & Beck herausgegebene Radiermappe, mit der der Künstlerclub St. Lucas im November 1892 an die Öffentlichkeit trat, das Medium der Radierung einführend wie folgt:
„Nimmt die Radirung durch die reiche Abwechselung ihrer Technik, welche dem Künstler von der einfachen Linienmanier bis zur ausgeführtesten, minutiösesten Durcharbeitung eine schier endlose Skala der Vertheilung von Licht- und Schattenmassen zur Verfügung stellt, schon unter den reproduktiven Künsten, dem kälteren glatten Stahlstich und dem nicht so ergiebigen Holzschnitt gegenüber eine hervorragende Stellung ein, so tritt sie als ORIGINAL- oder MALER-RADIRUNG vollständig gleichberechtigt in die Reihe der selbstständigen Kunstwerke ein, ohne dabei den Vortheil der Vervielfältigung zu verlieren. Der weite Spielraum, den die Technik des Radirens von dem rasch hingeworfenen, geistreichen Capriccio bis zur saubersten Aus- und Durcharbeitung dem Sichausleben der künstlerischen Individualität einräumt, sollte gerade in unserer Zeit, in der Alles, was nach ‚Schule‘ schmeckt, diskreditiert ist, während Alles, was von einer künstlerischen Eigenart zeugt, anregend wirkt, die Original-Radirung besonders werthvoll machen; ermöglicht sie uns doch den mit verhältnismässig geringen Opfern zu beschaffenden Genuss, in einem Originalwerk der Individualität des Schöpfers bis in die kleinsten Einzelheiten technischen Details nachzugehen, während bei den meist weitaus kostspieligeren Reproduktionen auf dem Wege, den das nachzubildende Werk durch die Individualität des Nachbildners nehmen muss, manches Bedeutungsvolle verloren geht und jedenfalls der Schmelz der Frische, Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit verwischt wird.“
Bis Ende 1892 veranstaltete der mittlerweile auf zwölf Genossen angewachsene Verein seine erste heimische Ausstellung.[5] Der Düsseldorfer Kunsthändler Eduard Schulte, der Werke von Arthur Kampf seit 1889 zeigte, präsentierte in einer ersten Sonderschau die Werke des Künstlerclubs in seiner Düsseldorfer Galerie. Mindestens bis 1901 richtete er fortan dessen Jahresausstellungen aus. Die Künstler beschränkten sich in diesen Ausstellungen nicht nur auf eine Kunstgattung, sondern zeigten Ölgemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Skizzen und Originalradierungen bisher unveröffentlichter Arbeiten.[6] In Schultes Berliner Dependance wurde die Künstlergruppe 1894 und 1902 gezeigt. 1893 stellte der Verein seine Grafikmappe auf der Großen Berliner Kunstausstellung aus. Weitere Ausstellungen der Künstlergruppe fanden 1894 in Bremen und danach häufig in Österreich statt, so 1895 im Salzburger Kunstverein[7] und auf der III. Internationalen Graphischen Ausstellung im Künstlerhaus Wien[8] sowie 1896 im Steiermärkischen Kunstverein in Graz.[9] Im März 1898 präsentierte Gustav Pisko, einer der wichtigsten Wiener Kunsthändler für moderne Kunst, Arbeiten des Clubs in seinem „Gemälde-Salon“.[10] In Düsseldorf zeigte die Hofkunsthandlung Bismeyer & Kraus 1899 grafische Arbeiten des Vereins.[11] Für das Jahr 1900 lässt sich eine Beteiligung an der Eröffnungsausstellung der Kaiser Wilhelm- und Friedrich-Ruhmeshalle in Barmen nachweisen,[12] 1902 war eine letzte geschlossene Teilnahme der Künstlergruppe an der Kunstausstellung zur Industrie- und Gewerbeausstellung Düsseldorf feststellbar.[13]
Spätestens 1897 war der Club über eine lokale Bedeutung hinausgewachsen. Dies manifestierte sich in der Teilnahme auswärtiger nationaler und internationaler Gäste an den Ausstellungen. So beschickten im Laufe der Zeit etwa Hugo König, Karl Köpping, Max Liebermann, Fritz Strobentz, Franz von Stuck, Fritz von Uhde, George Hendrik Breitner, Walter Crane, Alexandre Falguière, Henricus Jansen, Constantin Meunier und Giovanni Segantini Veranstaltungen des Künstlervereins;[14] unter den vertretenen Künstlern werden auch Lawrence Alma-Tadema, Albert Besnard, Arnold Böcklin, Jozef Israëls, Max Klinger, Gotthardt Kuehl und Adolph von Menzel erwähnt.[15]
Neben den Ausstellungen dokumentierte der Verein seine Arbeit durch die Herausgabe von Radiermappen. Bei diesen Publikationen handelte es sich um Pappsammelmappen in der Größe von 50 × 35 cm, in der sich jeweils zehn lose Drucke befanden. Die Mappen I–III erschienen 1892, 1893 und 1894. Ohne Nummerierung hat sich eine weitere Mappe aus dem Jahr 1900 erhalten. Möglich und sogar wahrscheinlich ist, dass in den Jahren nach 1894 weitere Radiermappen herausgegeben wurden, die heute nicht mehr bekannt sind.
Im Zuge abebbender Vereinszusammenarbeit und zunehmender organisatorischer Zersplitterung der Düsseldorfer Künstlerschaft sowie mit dem Wegzug von Mitgliedern (Arthur Kampf 1899, Theodor Rocholl 1900, Olof Jernberg 1901, Otto Heichert 1902) löste sich der Künstlerclub bis 1903 auf.[16]
Mitglieder
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- August Deusser (1870–1942)
- Andreas Dirks (1865–1922)
- Aloys Fellmann (1855–1892)
- Alexander Frenz (1861–1941)
- Otto Heichert (1868–1946)
- Anton Henke (1854–1918)[17]
- Heinrich Hermanns (1862–1942)
- Lewis Edward Herzog (1868–1943)
- Gerhard Janssen (1863–1931)
- Olof Jernberg (1855–1935)
- Arthur Kampf (1864–1950)
- Eugen Kampf (1861–1933)
- Helmuth Liesegang (1858–1945)
- Peter Philippi (1866–1945)
- Theodor Rocholl (1854–1933)
- Willy Spatz (1861–1931)
- Gustav Wendling (1862–1932)
- Frank Willis (1865–1932)
- Emil Zimmermann (1858–1898)
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Andreas Schroyen: Arthur Kampf und Eugen Kampf im Künstlerclub Sankt Lucas. In: Ekkehard Mai (Hrsg.): Wege in die Moderne. Die Künstler des Sankt Lucas-Clubs in Düsseldorf. Ausstellungskatalog, Michael Imhof Verlag, S. 12–27.
- Anna Vössing: Künstler-Club Sankt Lucas. Eine Künstlervereinigung im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in Düsseldorf. In: Ekkehard Mai (Hrsg.): Wege in die Moderne. Die Künstler des Sankt Lucas-Clubs in Düsseldorf. Ausstellungskatalog, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2018, S. 160–176.
- Künstlerclub St. Lucas. In: Anna Vössing: Düsseldorfer Künstlergraphik im ausgehenden 19. Jahrhundert. Eine Bestandsaufnahme. Dissertation Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, Bonn 2021, S. 46–66.
- Der „Künstler-Club Sankt Lucas“. In: Andreas Schoyen: Arthur Kampf (1864–1950). Eine deutsche Künstlerkarriere zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus. Mit einem Werkkatalog. Teil 1: Textteil. Dissertation Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorf 2022, S. 187–199 (PDF).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Königliche Museen zu Berlin (Hrsg.): Kunsthandbuch für Deutschland. 6., neubearbeitete Auflage, Verlag von Georg Reimer, Berlin 1904, S. 604 (Google Books)
- ↑ Theater und Kunst. In: Illustrirte Reise- und Verkehrszeitung. Internationaler Hotel-, Bäder- & Geschäftsanzeiger. Ausgabe Nr. 42 vom 13. Januar 1894, S. 14 (Google Books)
- ↑ Arthur Kampf: Aus meinem Leben. Aachen 1950, S. 24
- ↑ Der Künstlerclub „Sankt Lucas“ (Polizeiliche Vereinsakte), Stadtarchiv Düsseldorf, 0-1-3-6546.0000
- ↑ Kunst für Alle. 9. Jahrgang (1893/1894), S. 172
- ↑ Düsseldorfer Volksblatt, Ausgabe Nr. 345 vom 18. Dezember 1892
- ↑ Kunstchronik, N. F. 6. Jahrgang (1895), S. 504
- ↑ Kunst für Alle, 11. Jahrgang (1895/1896), S. 102
- ↑ Grazer Tageblatt, Ausgabe Nr. 35 vom 5. Februar 1896
- ↑ Neue Freie Presse, Wien, Ausgabe Nr. 12056 vom 17. März 1898, S. 13
- ↑ Kunstchronik, N. F. 11. Jahrgang (1900), S. 154
- ↑ Kunst für Alle, 16. Jahrgang (1900/1901), S. 32
- ↑ Gottfried Stoffers (Hrsg.): Die Industrie- und Gewerbeausstellung für Rheinland, Westfalen und benachbarte Bezirke verbunden mit einer Deutsch-Nationalen Kunstausstellung. Düsseldorf 1902. Bagel, Düsseldorf 1903, S. 346 f.
- ↑ Kunstchronik, N. F. 8. Jahrgang (1897), S. 165; Kunstchronik, N.F. 9. Jahrgang (1898), S. 186
- ↑ Sabine Meister: Die Vereinigung der XI. Die Künstlergruppe als Keimzelle der organisierten Moderne in Berlin. Dissertation Universität Freiburg i. Br., Freiburg i. Br. 2005, S. 172
- ↑ Die Rheinlande. 6. Band (April–September 1903), S. 284
- ↑ Magdalena M. Moeller: Der Sonderbund. Seine Voraussetzungen und Anfänge in Düsseldorf. Rheinland-Verlag, Köln 1984, ISBN 978-3-79270-798-2, S. 26