Lyrikfestival
Das (erste bundesdeutsche) Lyrikfestival wurde auf die Initiative von Natias Neutert hin 1977 in Hamburg ins Leben gerufen.[1] Obwohl ausdrücklich auf Fortsetzung angelegt und mit großem Publikumsanklang bedacht, fand es aus Finanzierungsgründen jedoch nur dieses einzige Mal statt.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im März 1977 bot Natias Neutert der Geschäftsleitung des Winterhuder Fährhauses im Anschluss an einen eigenen erfolgreichen Auftritt an, ein überregionales Lyrikfestival[2] in dem beliebten Ausflugslokal der Hafenstadt mit seinem geradezu an München erinnernden, weitläufigem Biergarten zu etablieren. Sein Aufruf hierzu über Radio[3] machte das Vorhaben weit über die Grenzen des Stadtstaates hinaus derart rasch bekannt, dass viele der bekannten Schriftsteller ihm schon bald ihre persönliche Zusage gaben.[4] Mit den vor Ort lebenden Autoren Jan Hans, Uwe Herms, Ralf Thenior und Uwe Wandrey beteiligten vier Mitorganisatoren, durch die weitere wertvolle kulturpolitische Kontakte in das Projekt einfließen konnten. Das Festival wurde vom damaligen Senator Dieter Biallas mit 15.000 DM gefördert.[5]
Festivalereignis
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein ganzes Wochenende hindurch, nämlich vom 24., 25. bis einschließlich 26. Juni 1977 fanden jeweils von 21 Uhr bis zum open end Dichterlesungen statt. Eine Eintrittskarte kostete DM 5,00 und die Dauerkarte DM 10,00. Am Sonntagnachmittag gab es vor dem eigentlichen Lesemarathon noch eine offene Podiumsdiskussion zwischen Autoren, Lektoren, Kritikern und Verlegern zum Thema Lyrik – zurück in die Gartenlaube?[6] Die Diskussion war in ihrer kritischen Fragestellung durch einen einschlägigen Essay von Peter Rühmkorf inspiriert.
Festivalteilnehmer
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]An dem Festival nahmen folgende Personen teil[7]:
Insgesamt hatten 82 Personen an dem Lyrikfestival teilgenommen. Elf Personen zählten zum Kreis der Lyrikerinnen.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Gedichtbände
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zum Thema Gedichte befindet sich im Lyrik-Katalog ein Auswahlverzeichnis von 641 Einzeltiteln und von 88 Anthologien[Anm. 2] der Jahre von 1970 bis 1977. Die Zusammenstellung des Verzeichnisses besorgte Hansjürgen Bulkowski.[8]
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zur Rezeption des Lyrikfestivals hat Jan Hans ein Presseecho zusammengestellt. In der Zusammenfassung formuliert der Autor, es „haben reichlich einhundert bundesdeutsche Zeitungen, außerdem mehrere Rundfunkanstalten berichtet.“[9]
Als Teilnehmer mittendrin gewesen, schreibt Helmut Heißenbüttel in der Zeit:
„Rund dreißig Lyriker verschiedener Produktionsweise, verschiedenen Alters, überwiegend allerdings die Generation der heute Dreißig- bis Fünfunddreißigjährigen, drei große Lesungen an drei aufeinanderfolgenden Abenden, je zehn Einzellesungen also pro Abend, von je etwa 15 Minuten Dauer, mal mehr, mal weniger; Lesungen von je zwei Autoren mit Diskussion in der Kneipe des Fährhauses; zwei sogenannte Lyrik-Workshops Sonnabend- und Sonntagvormittag; eine öffentliche Diskussion am Sonntagnachmittag. Als Moderatoren lösten sich die Veranstalter ab, bei verschiedenem Temperament doch gleich freundlich, geduldig und aufmerksam, angenehm lässig, aber nie nachlässig. Die Beteiligung gleichbleibend sehr gut. Bei einer Fülle anderer Veranstaltungen an diesem Wochenende in Hamburg eine erstaunlich hohe Zahl von Interessenten.“
Ein paar Monate nach dem Ereignis kommt Steve P. Peinemann im Stadtmagazin Szene Hamburg unterm Titel Der Elfenbeinturm explodiert zu einem ebenfalls positiven Fazit über das stattgefundene Lyrikfestival:
„Am Buchhändlerstand kaufte mancher sich den allerersten Gedichtband seines Lebens. Rund 30 Lyriker lasen und diskutierten drei Tage lang, und der Laden war immer voll. Das war kein distinguiertes ‘Guldurpublikum’, das waren… Leute. Und die stiegen ungeheuer auf Lyrik ein.“[10]
Bibliografie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Das erste bundesdeutsche Lyrikfestival ’77. Textheft und Programm. Quer Verlag, Hamburg 1977.[11]
- Erste Auflage: Jan Hans, Uwe Herms, Ralf Thenior (Herausgeber): Mit gemischten Gefühlen. Gedichte, Biographien, Statements. Goldmann, München 1978, ISBN 3-442-07017-1.
- Zweite Auflage: Jan Hans, Uwe Herms, Ralf Thenior (Herausgeber): Lyrik-Katalog Bundesrepublik. Gedichte, Biographien, Statements. Goldmann, München 1979, ISBN 3-442-07017-1.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Chronologisch geordnet:
- Cleanth Brooks: The Well Wrought Urn. Studies in the Structure of Poetry. (= Harvest Books Nr. 11). Harcourt, Brace & World, New York 1947.
- Deutsche Teilausgabe[12], Cleanth Brooks: Paradoxie im Gedicht. Zur Struktur der Lyrik. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Rolf Dornbacher. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1965.
- Hans Bender (Hrsg.): Widerspiel. Deutsche Lyrik seit 1945. Hanser, München 1961.
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Vgl. Begegnung in der Hansestadt. Natias Neutert: Wort und Zauberkünste, in: Weser Kurier, 23. Januar 1977.
- ↑ Vgl. Boa Vista 5, Zeitschrift für Neue Literatur. Hamburg 1977, S. 95.
- ↑ Radio 107 vom 8. März 1977
- ↑ Vgl. Aktivitätenliste. in: Natias-Neutert-Nachlass-zu-Lebzeiten-Archiv, Einsicht vom 1. November 2013.
- ↑ Vgl. Spiegel Nr. 28 vom 4. Juli 1977, S. 116.
- ↑ Vgl. Programmheft Lyrik Festival ’77.
- ↑ Jan Hans, Uwe Herms, Ralf Thenior (Herausgeber): Lyrik-Katalog Bundesrepublik. Gedichte, Biographien, Statements. Zweite Auflage. Goldmann, München 1979, S. 5–19.
- ↑ Jan Hans, Uwe Herms, Ralf Thenior (Herausgeber): Lyrik-Katalog Bundesrepublik. Gedichte, Biographien, Statements. Zweite Auflage. Goldmann, München 1979, ISBN 3-442-07017-1, S. 567–606.
- ↑ Jan Hans, Uwe Herms, Ralf Thenior (Herausgeber): Mit gemischten Gefühlen. Gedichte, Biographien, Statements. Goldmann, München 1978, S. 514.
- ↑ Steve B. Peinemann: Der Elfenbeinturm explodiert - Literatur lernt Leute kennen. In: Szene Hamburg Nr. 12, Dez. 1977.
- ↑ Ralf Thenior: Publikationen. Aufgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Die Teilausgabe beschränkt sich auf vier Studien –, die Originalausgabe umfasst jedoch zehn Studien. Vgl. Cleanth Brooks: Paradoxie im Gedicht. Zur Struktur der Lyrik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1965, S. 100, Fußnote 1.