Miriam Hansen
Miriam Hansen (geboren am 28. April 1949 in Offenbach am Main als Dorothea Miriam Bratu;[1] gestorben am 5. Februar 2011 in Chicago) war eine deutsch-amerikanische Literatur- und Filmwissenschaftlerin.
Leben und Werk
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Tochter jüdischer Eltern, die den Zweiten Weltkrieg im Exil überlebt und sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wieder getroffen hatten, studierte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main unter anderem bei Jürgen Habermas und Theodor Adorno. In Frankfurt erwarb sie ihren Bachelor- und Masterabschluss und promovierte 1975 dort im Fach Amerikanische Literatur mit einer Arbeit zum Werk Ezra Pounds zur Dr. phil.[2][1] Später lehrte sie im Bereich Filmwissenschaft an der Yale University in Connecticut sowie von 1982 bis 1989 an der Rutgers University in New Jersey.[3]
1990 wurde sie als ordentliche Professorin an die University of Chicago berufen. Dort rief sie das Filmwissenschaftliche Zentrum als eine Lehr- und Forschungseinrichtung für Filmwissenschaftler ins Leben und übernahm 1991 dessen Leitung. 1995 gründete sie an der Universität Chicago den Fachbereich Film- und Medienwissenschaften. Sie engagierte sich aktiv in der Universitätsverwaltung und war Mitglied in Berufungs- und Auswahlkommissionen, im Publikationsausschuss sowie im Senatsrat. Daneben war sie Mitherausgeberin der Germanistik-Fachzeitschrift New German Critique (ISSN: 0094-033X).[2]
Hansen interpretierte Filme auf Basis von Theodor W. Adorno, Walter Benjamin und Siegfried Kracauer im Hinblick auf die Popkultur[3] und legte den theoretischen Grundstein für die Betrachtung eines Werks aus der Perspektive des Zuschauers zum historischen Zeitpunkt der Veröffentlichung. In ihrem 1991 bei Harvard University Press veröffentlichten Buch Babel and Babylon: Spectatorship in American Silent Film setzt sie die Geschichte des Publikums des frühen US-amerikanischen Kinos mit der Entstehung öffentlicher Räume im Sinne der Frankfurter Schule in Verbindung.[3] In den Miriam-Hansen-Papers bei der Universitätsbibliothek Chicago wird ihr Werk als „wegweisende Studie über das frühe Kino“ bezeichnet, die D. W. Griffiths Stummfilm Intolerance und den Stummfilmstar Rudolph Valentino anhand des Konzepts der Zuschauerschaft analysiert.
Miriam Hansen starb am 5. Februar 2011 im Alter von 61 Jahren infolge einer Krebserkrankung in Chicago. Sie hinterließ ihren Ehemann, den Historiker Michael Geyer, mit dem sie seit 1991 in zweiter Ehe verheiratet war. Ein Nachruf auf Hansen erschien unter anderem in der New York Times.[4]
Auszeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]An der Universität Chicago wurde Hansen mehrfach ausgezeichnet: Sie wurde 1993 zur Andrew-W.- Mellon-Professorin und 1995 zur Ferdinand-Schevill-Distinguished-Service-Professorin ernannt. Dreimal gewann sie den Katherine-Singer-Kovacs-Essaypreis für Film-, Fernseh- und Videowissenschaften. 1997/98 war sie Guggenheim-Stipendiatin[2] und 2007/08 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.[5]
Schriften (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Ezra Pound Frühe Poetik und Kulturkritik zwischen Aufklärung und Avantgarde. Inauguraldissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie im Fachbereich Neuere Philologien der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main. J.B. Metzler, Stuttgart 1979, ISBN 978-3-476-99568-1, doi:10.1007/978-3-476-99567-4.
- Babel and Babylon: Spectatorship in American Silent Film. Harvard University Press, Cambridge und London 1994, ISBN 978-0-674-05831-6.
- Cinema and Experience: Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, and Theodor W. Adorno. University of California Press, Berkeley und Los Angeles 2011, ISBN 978-0-520-26560-8.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Miriam Hansen (1949–2011). In: artforum.com. 14. Februar 2011, abgerufen am 11. Juli 2026 (englisch, Text entspricht weitgehend dem Nachruf in der New York Times).
- 1 2 3 Guide to the Miriam Hansen Papers 1902–2011. In: lib.uchicago.edu. Abgerufen am 11. Juli 2026 (englisch).
- 1 2 3 Miriam Hansen – Alexander Kluge Alexander Kluge — Kulturgeschichte im Dialog; Abgerufen am 6. April 2026.
- ↑ Margalit Fox: Miriam Hansen, a Scholar of Cinema, dies at 61. In: The New York Times. 12. Februar 2011 (englisch, Nachruf, mit Porträtfoto (hinter Bezahlschranke)).
- ↑ Wissenschaftskolleg zu Berlin: Miriam Hansen, Dr. phil. In: wiko-berlin.de. Abgerufen am 11. Juli 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Hansen, Miriam |
| ALTERNATIVNAMEN | Hansen, Dorothea Miriam Bratu (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-amerikanische Literatur- und Filmwissenschaftlerin |
| GEBURTSDATUM | 28. April 1949 |
| GEBURTSORT | Offenbach am Main |
| STERBEDATUM | 5. Februar 2011 |
| STERBEORT | Chicago |