Robert Pagès
Robert Pagès (* 25. August 1919 in Belmontet; † 25. Juli 2007 in Paris) war ein französischer Sozialpsychologe und Professor an der Sorbonne Université.[1]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Er war ein Schüler von Georges Canguilhem und bereits um 1935 als anarchistischer Aktivist politisch tätig, während des Zweiten Weltkrieges war er als Mitglied der Résistance im Untergrund. 1946 absolvierte er eine Ausbildung im Bereich Dokumentation am Conservatoire national des arts et métiers in Paris; aus diesem Ausbildungsprogramm ging das heutige „Institut National de Techniques de Documentation“ (dt. „Nationales Institut für Dokumentationstechniken Conservatoire National des Arts et Métiers“) hervor. Hier verfasste er eine Dissertation mit dem Titel „Transformations documentaires et milieu culturel“ (dt. „Dokumentarische Transformationen und kulturelles Umfeld“). Seine zweite Dissertation (Thèse d’État), die 1948 eingereicht wurde, wurde zu einem Buch mit dem Titel „Problèmes de classification culturelle et documentaire“ (dt. „Probleme der kulturellen und dokumentarischen Klassifikation“), das 1955 veröffentlicht wurde. Obwohl er seine berufliche Laufbahn in der Sozialpsychologie-Forschung verbrachte, bewahrte er sich ein starkes Interesse an Dokumentation und leitete die Entwicklung einer Indexierungssprache namens CODOC (ein Akronym gebildet aus „cooperative documents“) zur Organisation sozialpsychologischer Materialien in dem von ihm geleiteten Labor. Er wurde Leiter des sozialpsychologischen Forschungslabors, „Laboratoire de Psychologie Sociale“, das der Universität Sorbonne angegliedert war und später Teil des French National Center for Scientific Research (CNRS) wurde. Er gehörte auch zu den sechs Personen, welche 1963 das Planungskomitee für die Gründung der European Association of Experimental Social Psychology bildeten.
Werk
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In seinen frühen Arbeiten nahm er den durch moderne Medien ausgelösten psychologischen Wandel vorweg. Er analysierte, wie wachsende Medienökosysteme unmittelbare, gelebte Erfahrungen durch vorgeplante, koordinierte gesellschaftliche Narrative verdrängen. Er führte das psychologische Konzept des „Autodokuments“ ein. Er vertrat die Ansicht, dass physische Objekte oder biologische Entitäten als soziale Dokumente fungieren – nicht aufgrund dessen, was über sie geschrieben steht, sondern weil sie als anschauliche Exemplare ihrer übergeordneten sozialen oder natürlichen Kategorie dienen und innerhalb einer Kultur „für sich selbst sprechen“ (Objekte als soziale Zeugnisse).[2]
Er leistete Beiträge zum Informationsmanagement. In einer seiner Arbeiten beschrieb er einen phänomenologischen Ansatz zur Dokumentation, der über die Vorstellung von Dokumenten als bloße grafische Objekte hinausging. Er argumentierte, dass jedes Objekt, dem eine Bedeutung zugeschrieben wird, als Dokument gelten könne – einschließlich eines Gorillas in einem Zookäfig. Er und andere entwickelten eine Indexierungssprache, die als „Analyse codée“ (kodierte Analyse) oder CODOC bekannt wurde; sie zeichnete sich durch ein begrenztes Vokabular, eine komplexe syntaktische Struktur und eine sehr prägnante Notation aus.[3]
Ehrungen/Positionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1988: Mitgründer der “International Review of Social Psychology” (“Revue Internationale de Psychologie Sociale”)
Publikationen (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Monografien
- L’Exigence. Robert Laffont, Paris 1992.
- L’homme frontière. Editions du Rocher, Monaco 1989, ISBN 978-2-268-00119-7.
- L’ordre du silence. Éditions du Rocher, Monaco 1980, ISBN 978-2-268-00066-4.
- La Méditation sauvage, Robert Laffont, Paris 1977.
- Problemes de classification culturelle et documentaire. Ed. documentaires industrielles et techniques, Paris 1955.
- Itinéraire du seul. Robert Laffont, Paris 1948.
- Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
- Qu’est-ce que la psychologie? Article by Georges Canguilhem from volume 2 of The Cahiers pour l’Analyse. 1966.
- L’analyze codeée (dt. „Kodierte Analyse“). In: Chiffres, 1959, 2 (2), S. 103–122.
- Transformations documentaires et milieu culturel (Essai de documentologie). (dt. „Dokumentarische Transformationen und kultureller Kontext (Versuch einer Dokumentologie)“). In: Review of documentation, 1948, 15 (3), S. 53–64.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Michael Buckland: Robert Pagès – Bibliography. 2022 auf University of Berkeley, abgerufen am 1. Oktober 2026.
- Pagès, Robert (1919–2007) auf persee, abgerufen am 1. Oktober 206.
- J.-P. Deconchy: Hommage à Robert Pagès (1919–2007): Un libertaire législateur, abgerufen am 1. Oktober 2026.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- M. Buckland: Revisiting Robert Pagès: Documents and culture. In: Proceedings from the Document Academy, 2023, 10 (2), Article 9.
- O. Le Deuff: Robert Pagès, une nécessaire redécouverte par les sciences de l’information. In: Savoirs cdi, 2018.
- M. Buckland: Before the antelope. In: Proceedings from the Document, Academy, 2017, 4 (2), Article 6.
- André Demailly: Robert Pagès et l'analyse codée. In: Documentaliste – Sciences de l’information, 1992, 29 (2), 59–72.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Michael Buckland: Introduction to Robert Pagès’ “Documentary Transformations and Cultural Context”. In: Proceedings from the Document Academy. Band 8, Nr. 1, 14. Juni 2021, ISSN 2473-215X, doi:10.35492/docam/8/1/1 (uakron.edu [abgerufen am 3. Oktober 2026]).
- ↑ Ronald E. Day: Robert Pagès’ concept of the “auto-document” as a forerunner to neo-documentation’s philosophy of documentality. In: Journal of Documentation. Band 80, Nr. 4, 8. Februar 2024, ISSN 0022-0418, S. 813–823, doi:10.1108/JD-07-2023-0123.
- ↑ Robert Pagès. Abgerufen am 3. Oktober 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Pagès, Robert |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Sozialpsychologe und Hochschullehrer |
| GEBURTSDATUM | 25. August 1919 |
| GEBURTSORT | Belmontet |
| STERBEDATUM | 25. Juli 2007 |
| STERBEORT | Paris |