Agatha Christie - Bertram's Hotel
- Originaltitel: At Bertram's Hotel
- erschienen: 1965 (UK), 2015 (D)
- Genre und Themen: Who's dunnit-Krimi in einem gemütlichen Hotel
- Relation: es gibt 2 Verfilmungen aus den Jahren 1987 (Film Nr. 7) und 2007 (Staffel 3, Episode 1): https://de.wikipedia.org/wiki/Agatha_Christie%E2%80%99s_Marple und https://de.wikipedia.org/wiki/Miss_Marple_(Fernsehserie)
- CN: Mord, Suizid, Demenz
Ich mag Geschichten, die in Hotels spielen, also habe ich mir diesen Band secondhand gekauft. Es ist eines jener Romane, die sehr gemütlich ablaufen und wo Miss Marple selbst kaum ermittelt. Die Auflösung des Falls selbst zeugt auch von keinem besonders komplexen Fall, aber das Buch lässt sich gut lesen, wenn man Freuden an den Feinheiten eines Hotels hat.
Plot
Miss Marple macht Urlaub in einem Hotel, das viktorianisch anmutet und doch über den Komfort der Neuzeit verfügt. Im Hotel tauchen jedoch Gäste auf, die man dort nicht erwarten würde, ein anderer Gast verschwindet, aber seine Koffer sind noch da. Und dann ist da noch ein junges Mädchen, dass reich ist, aber heimlich einen Juwelier bestiehlt.
Das interessanteste für mich war der Komfort des Hotels und die Gäste, die ein- und ausgingen. All die kleinen Dinge, die so aufmerksam und bedacht sind, sodass man sich wohlfühlt, leckerer Essen und Tees. Ich konnte es mir richtig gut vorstellen. Angeblich sind das Brown's Hotel oder Flemings Mayfair-Hotel, in die Christie selbst abgestiegen ist, Vorbild für das Hotel, aber ich stelle es mir noch viktorianischer vor, dunkler, mit mehr Holz.
Die mysteriösen Dinge, die passieren, werden wirklich lange nicht aufgelöst. Hinzukommt, dass über lange Zeit kein Verbrechen passiert. Es gibt zwar einen Diebstahl, aber der wird [Spoiler (click to open)]rückgängig gemacht und nicht geahndet.
Es gibt auch einen zweiten Handlungsstrang mit Verbrechen - Postraub - aber auch die finden im Hintergrund statt. Die Geschichte rund um dem dementen Pfarrer war ein bisschen hart. Er wird nie wirklich als dement bezeichnet, aber er ist es.
Miss Marple selbst beobachtet viel mehr oder bleibt mal heimlich zum Lauschen stehen, wenn sie unterwegs auf ihren Shoppingtouren und Wanderungen durch die Cafés auf Leute trifft - aber wir bekommen nur einen kleinen Einblick in ihre Gedanken. Es ist viel mehr Chief Inspektor Davy, der undercover ermittelt, Zeugen befragt und Dinge herausfindet - und dann ganz zum Schluss spielt Miss Marple als Zeuging eine Rolle. Das ist okay, aber die Bewerbung als "Miss Marple"-Roman ist dann doch ein bisschen überzogen. Bei Miss Marple stelle ich mir noch immer eine neugierige und mutige Schnüfflerin vor, die aktiv ist.
[Die Auflösung (mittlere Spoiler ohne Nennung der Täter)]Es war kein kompliziert durchdachter Fall wie zum Beispiel Tod auf dem Nil. Es wird auch nicht alles haarklein rekonstruiert oder breit dargelegt. Ich denke jedoch, es wäre zu langweilig gewesen, all die Details zu erklären, wenn es um einen groß angelegten Schieberring ging. Schließlich ist das kein Heist-Roman. Das Motiv war nachvollziehbar, aber nichts für Leute, die große Gefühle erwarten.
[große Spoiler]Die letzten Seiten fand ich ein wenig aberwitzig. Dass die Schauspielerin ihre letzte große Rolle spielt, das Fenster einschlägt und über die Dächer flieht wie "eine Spinne". Und das alles aus Sicht von Davy, der zu alt und behäbig ist, um ihr zu folgen, und Miss Marple, die natürlich auch nicht aus einem Hotelfenster springen würde. Dann noch der anschließende Suizid der Schauspielerin mit dem Auto - all das um die wahre Täterin zu schützen. Das war seltsam zu lesen. Denn das ganze Buch über lernen wir, dass die Schauspielerin ihre Tochter weder wirklich kannte noch etwas mit ihr zu tun haben wollte, weil ihr Lebenswandel nicht zu dem einer Mutter passe. Die Entscheidung ist zwar pragmatisch und in sich logisch. Aber wir erfahren auch dass sie das Risiko liebt und den Schieberring aufgemacht hat aus Spaß an der Freude. Da erscheint es mir plausibler, dass sie mit ihrem Auto aus dem Land flieht anstatt absichtlich gegen eine Wand zu fahren.
Der Titel der neuen Ausgabe zeigt übrigens einen typischen roten Bus, der mit der Geschichte so gar nichts zu tun hat, weil Miss Marple alles zu Fuß läuft oder mit dem Taxi abfährt. Auch kommt ein Zug in der Geschichte vor und ein Rennauto, aber kein Bus xD Vielleicht steht der Bus stellvertretend für die vielen Touristenträume.