Brisanter YouTube-Kanal Lübcke-Video führt zu Verdächtigen und zur AfD

Eine Spende, Teilnahme auf Demos, Wahlaufruf für die Partei: Die mutmaßlichen Täter im Mordfall Walter Lübcke standen der AfD offenbar näher, als ihr lieb sein kann. Ein bekanntes Video liefert dafür neue Hinweise.
Recherchen von t-online.de zeigen, dass von den Hauptverdächtigen im Mordfall Lübcke mehr Spuren zur AfD führen als bisher bekannt. Mitglieder der Partei hatten ein Video verbreitet, um Stimmung gegen den Regierungspräsidenten Walter Lübcke und die Regierung zu machen. Es zeigt einen kurzen Ausschnitt einer Bürgerversammlung mit dem später ermordeten CDU-Politiker. Recherchen von t-online.de ergeben nun, dass Stephan E. und Markus H. das Video offenbar selbst ins Netz gestellt haben. Die Aufnahmen, um die es geht, und die Einordnung sehen Sie oben im Video.
Stephan E. wird vorgeworfen, Walter Lübcke erschossen zu haben. Markus H. wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen.
In der Informationsversammlung sagte Lübcke die Worte, die in rechten Kreisen so viel Empörung auslösen: "… es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen." Im Video war nicht zu erkennen, dass er damit die Störer aus den Reihen von Kagida meinte, der örtlichen Pegida. Verbreitet wurde es mit der Botschaft, Kritiker der Regierung sollten das Land verlassen.
E. berichtete vom Hochladen des Videos
Der Urheber des Videos spielte in der Öffentlichkeit bisher keine Rolle: Allenfalls war von "einem Nutzer" die Rede, der es im Kanal "Professor Moriatti" hochgeladen hat. Doch der Nutzer war offenbar der mutmaßliche Mordkomplize Markus H. Die Bundesanwaltschaft und H.s Anwalt wollen das nicht kommentieren.
Der unter Mordverdacht festgenommene Stephan E. berichtete Vernehmungsbeamten in seinem ersten ausführlichen Geständnis: Gemeinsam hätten sie beschlossen, ein Video ins Netz zu stellen, das H. von der Szene aufgenommen hatte. Er widerrief das Geständnis später. Die Ermittler halten seine ersten Angaben aber für glaubwürdig.
Sie saßen unter den Zuhörern der Bürgerversammlung, Stephan E. ist im Video zu hören. Der wütende Ausruf "Verschwinde!" soll von ihm stammen, während H. laut E.s Geständnis filmte. E. habe "beinahe völlig die Fassung verloren", fasste der Bundesgerichtshof in einer Entscheidung zusammen. Auch Markus H. sei sehr verärgert gewesen. Aufgewühlt hätten sie das Video bei YouTube hochgeladen, sagte E. in seinem ersten Geständnis laut BGH.
Keine Spuren für ein zweites Video vom Abend
Ab 23.39 Uhr war die kurze Aufzeichnung von "Professor Moriatti" abrufbar. Im Netz gibt es keine Hinweise, dass an dem Abend noch ein zweites Video der Szene bei YouTube hochgeladen worden sein könnte. Demnach ist es sehr wahrscheinlich, dass das Video im Kanal "Professor Moriatti" die Aufnahme der beiden Männer ist. Der Kanal ist demnach ihnen zuzurechnen. Den Namen "Professor Moriatti" nutzte auch jemand in H.s Alter für fast hundert Beiträge – meist zu Flüchtlingsthemen – im Forum der örtlichen Tageszeitung "HNA". Zahlreiche Details in Beiträgen des "Professor Moriatti" im Forum treffen auf H. zu, zudem hatte er dort der "Frankfurter Rundschau" zufolge schon vor 2007 unter dem Namen "Stadtreiniger" kommentiert.


