An diesem Wochenende wird in Venedig die große Architekturbiennale eröffnet, und im deutschen Pavillon herrscht gähnende Leere. Oder anders: Es gibt viel Raum für offenes Denken. Und für die Idee einer Zukunft, die hoffnungsfroh stimmt, ein derzeit ziemlich ungewohntes Gefühl.
Im Jahr 2038, das ist die Prämisse des Pavillons, werden sämtliche Krisen überwunden sein. Und nun schaut man dank digitaler Technik zurück, wie die große Kehrtwende gelingen konnte. Wie die Technik aus der kapitalistischen Versklavung befreit, wie künstliche Intelligenz dezentralisiert wurde und die Architektinnen und Architekten zu einem Teil der Lösung wurden. Das hört sich reichlich naiv an, aber je mehr man sich darauf einlässt und sich mit den Theorien über zirkuläre Wirtschaftskreisläufe, biotechnologisch programmierte Bäume, die Demokratisierung von Unternehmen oder die faire Verteilung von Datenrechten beschäftigt, desto mehr gerät man ins Staunen.
Eigentlich sollte die Biennale schon im vorigen Frühjahr stattfinden, die Ausstellungen waren längst vorbereitet, dann kam die Pandemie. Jetzt endlich soll sie eröffnen, egal was kommt. Und geht es nach dem Oberkurator Hashim Sarkis – einem 1964 in Beirut geborenen, am MIT lehrenden Architekten –, wird in Venedig vor allem über die Zukunft diskutiert, sein Motto: "How will we live together?" Die Kuratoren des deutschen Pavillons, ein großes Team um die Architekten Olaf Grawert, Arno Brandlhuber, Nikolaus Hirsch und den Filmkünstler Christopher Roth, antworten darauf mit der denkbar größten Vision, einer gerechten Weltgesellschaft, "The New Serenity". Doch statt luftig Futurismen auszumalen, haben sie zahlreiche Expertinnen eingebunden und wollen ihre Ideen einem globalen Publikum öffnen, ohne dass dafür irgendjemand erst die klimaschädliche Reise nach Venedig antreten müsste. An den weißen Wänden des Pavillons sind große, schwarze QR-Codes angebracht, die man scannen kann, um sich Filme anzuschauen, in denen die Expertinnen aus der Zukunft berichten. Ebenso gut können sich Menschen in Quito, Shenzhen oder Nürnberg die Filme auf der Internetseite des Pavillons ansehen und sich mit anderen Besuchern real und virtuell austauschen. Die Pandemie hat nicht nur die Idee des digitalen Treffpunkts aus dem Prä-Corona-Jahr noch sinnvoller erscheinen lassen. Sie macht auch die Grunderzählung des Projekts 2038 glaubhafter: Eine Krise, die globale Lösungen erfordert und deren Auswirkungen – anders als noch beim Klima – weltweit bereits jetzt alle dringend fühlen, musste man nicht mehr erfinden.
Eingestimmt wird man auf die neue Gelassenheit der Zukunft in einem fantastischen Kurzfilm des Regisseurs Christopher Roth, zu dem der Schriftsteller Leif Randt das Drehbuch geschrieben hat: Billie und Vincent, beide 18 Jahre alt, haben sich in das menschenleere Venedig des Jahres 2021 zurückgebeamt, laufen durch die Giardini zum deutschen Pavillon und unterhalten sich über diese sonderbare Vergangenheit. Die Menschen nutzten damals Smartphones statt der eigenen KI-Drohnen, die wie kleine Kolibris um Billie und Vincent herumschwirren und sie mit Informationen und Kommentaren versorgen. Die Reichen waren noch superreich, und man trennte die virtuelle stark von der realen Welt.
Die Expertinnen und Experten setzen diese Erzählung in vielen einzelnen Filmen aus der Zukunft fort: Die Wirtschaftswissenschaftlerin Francesca Bria, die als Digitalisierungsexpertin auch für die UN und Städte wie Barcelona arbeitet, berichtet von dem geglückten Versuch, die digitale Infrastruktur der Städte zu dezentralisieren und den Bürgerinnen und Bürgern so zu einer neuen Form von demokratischer Souveränität zu verhelfen. Ihnen wurden ihre Daten von den großen Monopolisten zurückgegeben, so konnten neue, kooperative Plattformen entstehen.
Und die Rolle der Architektur? Architektur ist hier nicht nur eine Frage des endgültigen Objekts, sondern der Prozesse und Systeme, die man gestaltet, die man "architektiert". Die Landschaftsarchitektin Sandra Bartoli berichtet aus der zukünftigen Wildnis des Anhalter Bahnhofs in Berlin, wie man irgendwann gelernt habe, bestimmte Stadträume mit wenigen Eingriffen vor allem der spontanen Selbstbegrünung durch Pappeln, Robinien oder Buchen zu überlassen und so die Versiegelung des Bodens zurückzudrängen. Auch der Architekt Thomas Rau ist dabei, der mit der Ökonomin Sabine Oberhuber einen neuen Umgang mit endlichen Materialien beim Bau eingeführt hat. Bereits 2017 haben die beiden im Internet eine Art Material-Kataster, ein Madaster, gegründet, um alles wiederverwendbar machen zu können. Und so muss man sich in der Gegenwart von 2038, das ist eine der Thesen der hart am real Möglichen entlangerzählenden Architektinnen und Architekten, auch keine Sorgen mehr über den Abfall machen. Der Müll ist abgeschafft. Auch der Müll, der regelmäßig am Ende noch jeder Architekturbiennale die Schuten füllte.
Weitere Informationen unter 2038.xyz.